Kapitel 28
Nur wenige Schritte durch gleißendes Licht sind nötig, um das Portal zu verlassen. Auf der anderen Seite erwartet Skyla eine freudige Atmosphäre. Begrüßt von lauten Stimmengewirr und fröhlichem Gelächter. Skyla stolpert auf einen weichen, lehmigen Boden und ist dankbar für den Halt, den Milan ihr gibt. Ein Blick hinab lässt sie auf plattgetretene Grashalme blicken. Die Stimmen klingen ganz nah, daher blickt Skyla verwundert auf und findet sich in einer gewaltigen Menschenmenge wieder. Leute, aus allerlei Kulturen. Durch die fehlenden Sprachkenntnisse sind viele Gespräche kaum zu verfolgen. Aus der Ferne erfassen die Portalreisenden einige Zeltplanen, wo Papierlaternen verkauft werden, die Skyla bereits auf Fotos zu sehen bekommen hat. Sie ähneln kleinen Papiertüten und werden durch eine Flamme wie ein Heißluftballon von den Winden hoch in den Himmel getragen. Der Andrang ist gewaltig. Menschen aus aller Welt versammeln sich und fiebern auf das Startsignal hin. Die Laternen sind größer als angenommen. Ausgebreitet reicht das Highlight des Abends vom Boden bis zur Hüfte.
Wann, wenn nicht heute, bietet sich die Gelegenheit, Teil des Ganzen zu sein? Frech zwinkert Milan ihr zu und verankert seine Hand in ihre.
„Damit keiner von uns verloren geht“, behauptet der freche Kerl.
Bei all dem Ansturm lässt Skyla die Ausrede gelten. Wenn er fort wäre, dann auch ihr Express-Ticket für nach Hause. Der Geisterjäger steuert tänzelnd die Zelte an. Er wirkt wie ein aufgeregter Nerd auf einer Comicmesse und seine gute Laune geht auf seine Begleitperson über. Milan zeigt sich vorbereitet. Er ist mit der entsprechenden Währung – dem Baht – ausgestattet und schnell ist die riesige Tüte organisiert. Skyla brennen so viele Fragen auf der Zunge, aber wie damals auf der Kirmes will sie ihn nicht bremsen. Seine Augen strahlen wie die eines Kindes zur Weihnachtszeit.
„Hast du schon mal so etwas gemacht?“, spricht die Neugier aus ihm.
Skyla schüttelt den Kopf. In der Menge rückt sie unausweichlich nah an ihn heran. Etwas, das ihr unangenehm ist. Ihn hingegen scheint es eher weniger zu stören. Milan beugt sich sogar ganz nah zu ihr und hält ihr die gewaltige Laterne vor der Nase. Schließlich beginnt seine Erklärung zum Ablauf und es überrascht ihn, wie gut sie ihm folgen kann. Dabei fühlt sie sich von ihm auf dem Arm genommen, denn er spricht mit ihr, als sei sie ein kleines Kind. Etwas Zeit bis zum Startsignal bleibt ihnen noch. Diese nutzen die beiden, um ein Erinnerungsfoto zu schießen. Milan schafft es, Skyla mit seiner lustigen und frechen Art aufzulockern. Er ist anders als sein Mitbewohner. Viel einfühlsamer, entgegenkommender und locker. Seine Art, ihr von seinen Erlebnissen in Thailand zu berichten, hat etwas Humorvolles. Milan bringt sie sogar zum Lachen. Je mehr Zeit sie mit ihm verbringt, desto netter findet sie ihn. Sein unverschämter Charme wickelt Skyla um den Finger. Eine Tatsache, die ihr schnell bewusst wird und die sie nicht gutheißt, denn er ist ihr fremd. Abgesehen davon, dass er als Geisterjäger arbeitet und seine Partnerin eine eingebildete Fee ist, passend zu seinem mies gelaunten Mitbewohner, weiß Skyla so gut wie nichts über ihn. Wer garantiert ihr, dass dieser junge Mann mit offenen Karten spielt? Milan ist ein geheimnisvoller Kerl. Wachsam und vorsichtig, wenn es darum geht mit Informationen über sich selbst rauszurücken. Und doch ist er so unwiderstehlich.
Pünktlich um zwanzig Uhr zur Ortszeit beginnt das große Spektakel. Die Mönche beten im Chor und kurz darauf brennen die ersten Zündschnüre einiger Laternen. Milan zündet die Laterne mit der Hilfe von Skyla an einem der Feuerständer an. Dabei handelt es sich um einen langen Stab, der im Erdreich steckt und oben einen Behälter bildet. Es erinnert an einem Aschenbecher. Während Skyla die Laterne hochhält, beobachtet sie aufmerksam, wie das Feuer den in Öl getauchten Ring in Flammen setzt. Es dauert nur wenige Sekunden, bis die Flammen ihre Wirkung zeigen und die Papiertüte sich aufbläst. Bereit, in die Luft abzuheben. Milan Zündtechnik ist gekonnt, als mache er dies nicht zum ersten Mal. Sie treten gemeinsam vom Feuerständer weg und geben diesen damit frei. Dabei kommt es zwischen den beiden zu Augenkontakt. Der Tanz der wilden Flammen findet sie auf seinem Seelenspiegel wieder. Als wären seine Augen nicht bereits ein wahrer Hingucker, kann sie kaum den Blick von ihm nehmen. Es fühlt sich magisch an. Die Luft zwischen ihnen knistert. Es entsteht eine Anziehungskraft, wogegen sie sich niemals wappnen könnte. Ein Verlangen nach seiner Nähe und Liebe. Sie sehnt ich nach dem Geschmack seines Atems und der Berührung seiner Lippen. Für einen Moment schmachten sie so sehr in ihren Gedanken, dass ihr entgeht, wie Milan sie anspricht und ihr das Okay gibt, die Laterne loszulassen. Erst als seine Mundwinkel erheitert zucken, weiten sich ihre Augen und das Blut schießt ihr ins Gesicht.
Der Geisterjäger flüstert Skyla leise zu: „Wünsche dir was und lass die Laterne los!“
Eine Ansage auf sämtlichen verschiedenen Sprachen fordert alle Anwesenden ebenfalls dazu auf. So steigen um sie herum die Ersten in die Lüfte. Mit einem Nicken gleiten ihre Finger hinab.
Ihr Wunsch: Milan besser kennenzulernen.
Damit erhofft sich Skyla vor allem, dass der Geisterjäger ihr davon berichten wird, wie es zu seiner Jobwahl kam. Der Aufstieg und das Spektakel bekommen zu wenig von ihrer Aufmerksamkeit ab. Noch immer fesselt Milans Blick sie. Der Charmeur tritt näher an sie heran, woraufhin Skyla laut schlucken muss. Nun nimmt er sich die Frechheit und legt seine Arme von hinten um sie, dabei spürt sie seinen warmen Atem an ihrem Ohr. Verlegen wendet sie den Blick ab und schaut in den Nachthimmel voller warmleuchtender Laternen. Ein atemberaubender Anblick – viel zu schön und fast unbegreiflich. Als wäre der erleuchtete Horizont nicht bereits ansehnlich genug, drängt sich ein Feuerwerksknaller nach dem anderen zwischen den Laternen hindurch und sorgt für ein buntes Farbenspiel hoch über ihren Köpfen. Es stört sie überhaupt nicht, in Milans Armen zu liegen. Stattdessen genießt sie diesen wundervollen Moment. Seine Kleidung riecht stark nach Waschmittel und der herbe Duft seines Parfüms ist verboten sinnlich.
Der Tag hat sich zu einem unvergesslichen Moment entwickelt. Nie wäre Skyla der Gedanke beim Aufstehen gekommen, heute nach Thailand zu reisen und an einem Fest teilzunehmen, was sie nur von Bildern her kennt. Sie mag sich hieran immer erinnern wollen. Als wird ihr Wunsch von der kleinen Fee erhört, überrascht ein Fotoblitz sie von der Seite. Mia fliegt mit einer Kamera ächzend zu ihrem Partner und legt diese in seine Hand.
Stolz hebt er den Daumen. „Danke dir, Mia. Aber verstecke dich besser, bevor man dich erblickt.“
Bevor Mia in seine Jackentasche fliegt, versichert sie ihm: „Keine Sorge, die sind doch alle viel zu sehr von den Laternen fasziniert.“
Mit einem Nicken stimmt ihr Partner zu und bedient die Kamera. Er ruft gezielt das kürzlich geschossene Bild auf und winkt Skyla an sich heran. „Ein kleines Erinnerungsfoto. Ich schicke es dir später zu. Versprochen.“
Mia wählte eine ungewöhnliche Perspektive. Sie muss die Kamera schräg zum Horizont gehalten haben. Das Foto entstand vom Boden aus und hat genügend Platz für den riesigen Himmel. Schnell wird klar, dass die Hauptattraktion die Laternen sind. Doch Skyla war gar nicht bewusst, wie glücklich sie in Milans Nähe blicken kann.
Mit einem strahlenden Ausdruck löst sich Skyla aus seinen Armen. „Danke, dass du mich hierher gebracht hast.“
Er lässt die Kamera in seiner Jackentasche verschwinden und fängt ihre Hand schnell ein, bevor sie zu großen Abstand nehmen kann.
„Es gefällt dir also?“
„Es ist traumhaft.“
Damit zaubert sie ihm ein Lächeln auf die Lippen und seine Augen funkeln verdächtig, als plane er Dummes.
„Noch haben wir etwas Zeit, bevor sich alle zum Ausgang drängen. Also komm.“
Ohne auf ihr Einverständnis zu warten greift er schon nach ihrer Hand und führt sie durch die Menge hindurch. Verwirrt lässt sich Skyla vorbei an den Verkaufsständen zu einem bunten Tunnel aus unzähligen Windlichtern führen. Bestehend aus Bambusseide. Die vielen Blumen- und Vogelmuster in allerlei Farben und Formen wirken handgefertigt und detailtreu. Ähnlich wie der Rosentunnel am Eingang des Kräutergartens hat sie diesen Durchgang ebenso schnell ins Herz geschlossen. Auf dem gesamten Gelände erhellen die Laternen, Kerzen und Scheinwerfer die Dunkelheit. Artisten führen ihre Kunststücke vor, es wird getanzt und gefeiert.
Nach einem langen Rundgang halten die beiden zwischen dem bunten Blumenschmuck und dem Kerzenmeer inne. Skyla strahlt über beide Ohren. Berauscht von all den wundervollen Eindrücken genießt sie die Atmosphäre in vollen Zügen. Ihr Herz macht einen Aussetzer, als Milan plötzlich vor ihr steht. Verdächtig nah. Der Kopf ist leer, als sein Gesicht das letzte bisschen Abstand zwischen ihnen reduziert. Ehe sie sich versieht, treffen seine Lippen auf ihre. Eine flüchtige Berührung, die an die erfrischende Brausemischung aus dem kürzlich entdeckten Laden erinnert. Ein aufregendes Kribbeln, das sich selbst im Magen noch bemerkbar macht. Wie das Getränk schmeckt der Kuss nach mehr.
Sein Mut ist bewundernswert. Milan lebt ohne Reue und zögert nicht, auf Risiko zu spielen. Anders als sie. Nie käme ihr in den Sinn, einfach alles aufs Spiel zu setzen für eine ungewisse Zukunft. Denn so wie es ausschaut, trennen sich ihre Wege vorerst nicht. Eine gescheiterte Beziehung könnte die gemeinsame Zeit ungemein anstrengend machen. Zumal Skyla keinerlei Erfahrungen aufweisen kann, wenn es um die Liebe geht. Ihr Titel als unnahbare Workaholiker kommt nicht von ungefähr. Nur die wenigsten Leute kennen ihre spaßige Seite. Meist spielt sie die Rolle der eher verklemmten Person oder die Spielverderberin und das war bisher auch immer okay. Daher wundert es Skyla, was ein so süßer Kerl sich dabei denkt, jemanden wie sie zu küssen.
Einerseits verflucht Skyla diese freche und aufdringliche Art, andererseits stimmt es sie traurig, dass diese Zärtlichkeit mit einem Schlag endet und sie nun in einem Sturm aus Gefühlen zurückgelassen wird. Sie kann es nicht leugnen, denn sie ist glücklich. Glücklich, dass dieser süße Geisterjäger nicht von ihrer Seite weicht und sich solche Mühe gibt.
Die Überraschung ist groß, als Milan sie mit einem kräftigen Ruck auf Augenhöhe hebt. Nie hätte Skyla ihm zugetraut, dass er sie getragen bekommt. Sie sucht vergebens nach Anstrengung in seinem Gesicht. Kaum ist der Schrecken überwunden legt sie zögernd ihre Arme um seinen Hals. Für Plaudereien gibt der Geisterjäger ihr keine Möglichkeit, denn seine Zunge dringt fordernd in ihren Mund. Skyla lässt sich darauf ein und erwidert seine Küsse. Als der magische Moment zwischen ihnen endet, setzt er sie vorsichtig ab. Zu diesem Zeitpunkt kann sie die Freude an der Aktion nicht leugnen.
„Ist alles in Ordnung, Skyla?“
Milan klingt besorgt. Vermutlich, weil sie still geworden ist. Ihr Zögern und die Zeit, die sie mit ihren Gedanken verstreicht, beschäftigen ihn sicherlich. Aber Skyla ist kein Mädchen, das ihren Kopf ausschaltet und sich ins Abenteuer stürzt. Zumal Milans Persönlichkeit eher gegen eine ernstgemeinte Beziehung spricht. Die Art, wie er mit Mädchen vor ihr umging und sich damit rühmt widert sich noch immer an. Die Angst, ebenfalls getäuscht und verletzt zu werden, hält sie daher zurück.
„Meinst du das hier ernst? Oder spielst du einfach nur mit mir?“
Kaum ist es ausgesprochen, meldet sich die Furcht vor der Antwort.
Ihre Frage scheint ihn ganz verlegen zu machen. Seine Selbstsicherheit ist plötzlich wie fortgeblasen und sein Blick weicht ihrem aus. „Du gehst mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Irgendwie habe ich dich doch sehr lieb gewonnen.“
Lieb gewonnen – das reicht ihr nicht. Das klingt nicht ernst genug und ruft Enttäuschung in ihr hervor.
„Wir sollten es vielleicht hierbei belassen und nicht überstürzen.“
Milan reagiert erschrocken, denn kaum zuckt er zusammen blickt er ruckartig auf. „Das sehe ich anders. Es gefällt dir doch oder? Dann lass uns dieses Glück genießen. Jetzt und nicht irgendwann. In meinem Beruf soll man jeden Tag so leben, als wäre es der Letze.“
Es klingt typisch nach ihm. Kopflos voran. Aber das ist leichter als gesagt für Skyla, denn für Skyla zählt nicht das Hier und Jetzt, sondern wohin entwickelt sich das Ganze. Der Gedanke, eine Nummer von vielen zu sein, widerstrebt ihr. Skyla zögert daher, denn die Entscheidung fällt ihr unheimlich schwer. Milan verschweigt ihr bewusst wichtige Lebensabschnitte. Seine verletzliche Seite. Noch. Vielleicht aber bringt die Beziehung zu ihm mehr als nur den Genuss auf die erste richtige Romanze. Vielleicht erfüllt Milan ihren Alltag mit mehr Leben und Sonnenschein durch seine Unbekümmertheit. Und vielleicht bringt sie ihm Akzeptanz und Heilung vor dem, was ihn quält. Sie könnte zu seiner Vertrauensperson werden, die ihn so akzeptiert wie er ist. Jemand, der keine Seite vor ihr verstecken muss. Kopflos und doch voller Mut. Skyla kann den winzigen Teil von ihr nicht leugnen, der für ihn schmachtet. Aber noch immer hallt ihr Lukas Warnung durch ihren Kopf. Ein Echo aus der Vergangenheit.
Mich plagt ein schlechtes Gefühl. Ich kenne ihn zwar nicht, aber ich habe das Gefühl, dass er viele Geheimnisse vor uns hat. Milan ist bestimmt so ein Typ, der dir das Herz brechen wird. Jemand, der nur wenig Verständnis in eine Beziehung einbringen würde.

























































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