Kapitel 28
Mit Unbehagen kommt Skyla vor dem Baum zum Halt, wo vorher ihr Beobachter stand. So wie Justin es ihr beigebracht hat, hält sie Ausschau nach Spuren. Nicht einmal Fußabdrücke lassen sich ausmachen. Skyla dreht sich im Kreis, ihre Augen suchen hektisch umher. Ein Blick zum Unterschlupf lässt sie zuerst zweifeln, ob sie sich nicht um ein paar Schritte vertan hat. Doch den großen Beerenstrauch und den auffällig hellen Baumstumpf erkennt sie wieder. Alles passt ins Bild.
Oder irre ich mich?
„Wirklich, ich bin mir sicher, hier stand jemand“, stammelt sie, während sie ihren Suchradius erweitert.
Statt Skyla wie gedacht anzuzweifeln, beugt sich Justin hinab und deutet auf schwarzen Ruß und gelbes Pulver. Nicht viel. Nicht großflächig. Eine kleine Ansammlung von Körnern, die kleine Inselgruppen für Ameisen bilden könnten. Eine Spur, die sie nicht wahrgenommen hat, weil sie nach Fußabdrücken Ausschau hielt und vielleicht das gelbe Zeug mit Butterblümchen verwechselte. Vorsichtig tritt sie näher heran, um einen genaueren Blick auf den Fund zu werfen.
„Was ist das?“
„Schwefel.“ Er klingt alles andere als erfreut. „Wir können uns auf einen Dämon freuen.“
„Also so etwas wie Kai.“
„Nicht so etwas, sondern genauso etwas.“
Skyla betrachtet den kleinen Bären und lächelt amüsiert. „Dann müssen wir uns keine Sorgen machen.“
Justins Brillengläser blitzen auf, als er aufschaut. Im kühlen Ton versucht er ihr den Kopf zu waschen: „Du bist ein Narr, wenn du die Bedrohung nicht ernst nimmst. Die Hülle blendet dich.“
„Das klingt, als wäre Kai ein nützlicher Verbündeter, was er aber …“
Warnend räuspert sich ihr Schutzgeist und erinnert sie daran: „Ich höre jedes Wort!“
„Du sagtest, unser Beschatter habe in unsere Richtung geblickt? Bist du dir sicher?“, erkundigt sich Justin.
„Ja, das bin ich.“ Es macht Skyla wütend, dass er dieses Detail hinterfragt. Schließlich verunsichert er sie mit solchen Fragen. „Nein, ich habe es mir nur eingebildet! Natürlich hat dieser Dämon zu uns rüber geschaut!“
Daraufhin blicken das Medium und der Geisterjäger tiefer in den Wald. Alles wirkt friedlich. Keine Spur von einem Dämon.
„Kai, kannst deine Artgenossen ausmachen?“, interessiert es Justin.
Der Bär öffnet den Mund, da meldet sich Agnar schon zu Wort: „Ich habe eine Spur.“
„Gut.“
Ein Griff in die Hosentasche und Skyla beugt sich zu Justin vor, als sie bearbeitete Pistolenmunition zu Gesicht bekommt. Auf den Patronen befindet sich eingeritzte Symbole – Pentagramme. Justin atmet auffällig aus, da Skyla ihm auf die Pelle rückt und jeden seiner Griffe im Auge behält.
„Weißt du, deine Neugier ist in meinen Augen ein gutes Zeichen. Nur starre nicht so, sondern frag, wenn sich die Möglichkeit bietet.“ Er klingt vorwurfsvoll. „Dämonen sind immun gegen einfache Waffen. Sie reagieren aber auf Zauber und Zeichen. Es gibt kleine Tricks, die ich dir beibringen werde.“
Skyla nickt zufrieden und blickt auf, als sie plötzlich ein Knarzen wahrnimmt. Langsame Bewegungen aus dem Dickicht wecken ihre Neugier. Wie Schlangen zieht etwas in einem geschwungenen Bewegungsmuster voran.
„Justin! Da kommt etwas auf uns zu!“
Der Geisterjäger blickt auf und erhebt sich in dem Moment, als das am Boden kriechende sich ruckartig aufrichtet und kerzengerade Richtung Himmel wächst. Schwarze Wurzeln, die sich zu starken Dornentrieben verwandeln und eine dunkle Hecke erschaffen. Zwischen dem widerspenstigen Gestrüpp erblühen rote Rosen, von deren Blättern Flüssigkeit hinab tropft. Skyla schlägt sich die Hände vor dem Mund, als sie Tierkadaver in sämtlichen Stadien der Verwesung zwischen den Dornenranken ausmacht. Zudem ist die Pflanze ständig in Bewegung, denn die Triebe drehen und wenden sich unruhig. Die Hecke wandert oder breitet sich aufgrund des Wachstums längst aus, sodass ihnen der Weg tiefer in den Wald versperrt wird.
„Der Dämon will uns nicht passieren lassen, als habe er etwas vor uns zu verstecken“, erkennt Justin und holt eine Streichholzverpackung hervor.
Skyla betrachtet ihn erschrocken. „Bist du verrückt? Du könntest einen Waldbrand verursachen!“
Damit stößt sie bei ihm auf taube Ohren und so entzündet Justin ein Streichelholz. Ein Windzug zieht an ihnen vorbei und löscht das Feuer. Nichts, was Justin beeindruckt und das nächste Stäbchen dran glauben muss. Verdächtigerweise erlischt dieses einen Augenblick später. Beim dritten Streichholz zweifelt Skyla den Zufall an. Zwei Versuche weiter und Justin steckt seine Utensilien verärgert weg.
„Hmmm …eine Axt habe ich nicht bei mir“, grübelt der Geisterjäger, „ich schlage vor, wir kehren um und ich setze mich später damit auseinander.“
„Besser, bevor die Sonne untergeht“, rät Skyla ihm und folgt ihm Richtung Unterschlupf.
Angekommen im Hotel begrüßt sie der starke Geruch von Putzmittel. Nur kurz verzeichnet Justin die Begegnung auf einer großen Karte über das Waldgebiet, die sich im großen Foyer befindet. Es mag sich um einen Lost Place handeln, wie allein der Staub auf den höheren Ebenen zeigt und doch wirkt der Eingangsbereich heimisch. Die Decken sind hoch, die Räumlichkeit lichtdurchflutet. Es hat etwas Alpenländisches. Wie eine alte Bauernhütte in Bayern mit vielen Holzelementen und doch mit vielen modernen Elementen aufgepeppt. Ein Ort, der gewissenhaft gepflegt wurde. Nicht überladen und doch eindrucksvoll. So wie die eingerahmte Landkarte mit all die vielen farbigen Klebezettel und Randnotizen. Entdeckungen von bestimmten Tierarten, Nahrungsquellen und ungewöhnlichen Vorkommnissen. Ein Journal liegt auf der dunklen Kommode unter der Landkarte und dort wird von den beiden Geisterjägern Tagebuch geführt, wo Justin einen Eintrag verfasst. Zeit, die Skyla nutzt, um mit der Karte vertraut zu werden. Es zeigt sich, dass die beiden fleißig das Gebiet erkundet haben und weit gekommen sind.
Freiwillig lässt sich Skyla zur Küche führen, um den frischen Fang zu verarbeiten. Es ist Milans schlechte Laune, der sie ein Ende bereiten möchte. Da er sich über selbstgekochte Mahlzeiten freut, erhofft sich Skyla sein ehrliches, strahlendes Lächeln als Lohn. Als Justin seine Ärmel hochkrempelt und ankündigt, ihr zu helfen, weiß Skyla noch nicht so recht, was sie davon halten soll. Niemals in ihrem ganzen Leben hätte sie damit gerechnet, dass es Justin sein wird, mit dem sie gemeinsam kocht. Er stellt viele Fragen und hinterfragt jeden Schritt, sodass sie am Anfang nicht zum Kochen kommt. Justins stechender Blick und die Art, wie er ihr über die Schulter blickt, sind die beste Vorbereitung auf ihre Prüfung. Dieser Mann macht sie ganz nervös und lässt sie fast ihr Handwerk vergessen. Noch nie kam es dazu, dass Skyla ihre Arbeit in Frage stellt und all das Gelernte im Kopf sorgsam durchgeht, um Fehler zu vermeiden. Die mageren Vorräte verleihen dem Fisch wenig Eleganz. Ein Jammer, dabei könnten so tolle Gerichte aus den Fischen gezaubert werden. Schön mit Rosmarin – und Thymianzweigen, Räucherspeck, Zitrone und Muskatnuss. Obwohl die beiden hier im Wald leben, wo Pilze vor der Tür wachsen, Kräuter sprießen und sie sogar eine Fee haben, die sich um einen prächtigen Garten kümmern kann, sind die Vorräte beklagenswert. Sie findet gerade mal einen kleinen Sack Kartoffeln und sogar zwei Möhren, die dringend verbraucht werden müssen. Würden sie nicht von einem Dämon beschattet werden, dann hätte Skyla bereits die Gegend nach Zutaten erkundet.
Mitten im Kochprozess erstattet Milan ihnen einen Besuch. Kaum tritt er in die Küche ein, hat Skyla Hoffnung mehr über seinen Kummer zu erfahren. Nicht mit einem Mann wie Justin, denn der lässt den professionellen Geisterjäger raushängen. Eine kurze Schilderung über den neuen Beschatter und Milan darf sich dem Problem annehmen. Es fallen nicht viele Worte. Genug, damit Milan die Gefahr erkennt und sich auf den Weg macht. Seine schnelle Rückkehr macht Justin stutzig und als Milan dann erzählt, dass es keinerlei Spuren gefunden hat, endet die gemeinsame Kochstunde und Skyla wird allein mit ihren Dämonen zurückgelassen. Zuerst glaubt Skyla, Milan hätte sich verlaufen, aber dann kehren die beiden pünktlich zum Essen zurück. Der verwirrte Ausdruck in Justins Gesicht macht das Medium stutzig. Und so überzeugt Skyla später selbst davon. Laut Justin ist der Dämon weitergezogen und hat alle Spuren vernichtet. Somit ist ihr Beschatter noch gefährlicher als angenommen. Äußerste Vorsicht ist angesagt. Dennoch sind die beiden Geisterjäger nicht bereit, diesen Schatz von Versteck herzugeben.
„Soll der Dämon doch kommen, wir sind vorbereitet!“ – Milans Worte und somit wird das Thema untergraben.
Wenigstens geht Skylas Plan auf und Milans Augen leuchten wie die eines Kindes an Weihnachten. Er langt ordentlich zu und es macht Skyla unglaublich Spaß, ihm allein beim Essen zuzusehen. Die tadelnden Worte von Justin blendet sein Kollege aus. Dabei kann Justin kaum hinsehen. Milan schlingt und weist keinerlei Tischmanieren auf. Justin schämt sich für ihn. Etwas, das Skyla mit einem Kichern quittiert.
Informationen zu den leerstehenden Objekten wie dieses Hotel hütet Justin eisern. Er weigert sich, Skyla in das Leben eines Geisterjägers einzuweisen, denn es sei ja nicht ihr Problem. Nachtragend und stur stellt er ihre Entscheidung in Frage. Von ihm erhält sie keinerlei Verständnis dafür, ein normales Leben zu führen.
Trotz Differenzen rät Justin ihr, während der Arbeit oder Berufsschule ihre zwei Dämonen auf Geisterjagd loszuschicken. Milan scheint diesen Plan überhaupt nicht zu befürworten, begründen tut er seinen Standpunkt mit einer fehlenden Sicherheitslücke. In der Abwesenheit der Schutzgeister ist Skyla schließlich auf sich allein gestellt. Doch Skyla gibt Justin schon Recht. Wenn sie stärker werden möchte, gehört ein gewisses Risiko dazu. Zumal sie im Notfall auf ihre Macht zurückgreifen kann. Mit den eingefangenen Seelen werden ihre Dämonen mächtiger und das kann ihr noch zum Vorteil werden. Zum Abschluss folgt ein Wort der Warnung seitens Justins. Einen Geist pro Woche zu absorbieren wäre ein guter Fang und das absolute Limit. Macht anzustreben hat schließlich auch einen hohen Preis. Skyla kann ihm in diesem Punkt nicht widersprechen, denn Paris Buch hielt ihr vor Augen, dass gerade ein Medium sich vor dem Echo hüten sollte. Die restlichen paranormalen Erscheinungen soll Skyla dann besser ihren Dämonen überlassen.
Die Neugier lockt Skyla wenig später hinaus auf die große Terrasse mit dem traumhaften Ausblick. Die beiden Kerle kümmern sich zur Abwechslung um den Abwasch, so wandert Skyla selenruhig an den vielen trostlosen Tischen vorbei und lässt ihre Fantasie spielen. Direkt am Ufer zu sitzen mit gutem Essen und fantastischen Getränken stellt sich Skyla unglaublich entspannend vor. Vor ihrem inneren Auge sieht sie einen vollen Laden. Belegte Plätze, vorbeilaufende Servicekräfte und glückliche Kunden. Das Bild verschwimmt, als die Sirenen nicht weit von ihr an der Wasseroberfläche auftauchen. Trotz kläglicher Auseinandersetzung haften die Augen der Seebewohner neugierig auf ihr. Skyla ist so frei und winkt ihnen zu. Noch immer mit einem Lächeln. Tatsächlich winken die Seebewohner zurück und so hält das Medium Ausschau nach Milan und Justin. Sie bevorzugt ein Gespräch, das sie ungestört mit den Sirenen führen mag. Da sich keiner der Geisterjäger ausfindig machen lässt, tritt sie zum Geländer, das am Wasser angrenzt. Die Damen schwimmen ebenfalls näher an sie heran.
„Hallo“, eröffnet Skyla das Gespräch. „Es tut mir schrecklich leid, wie die Situation eskalierte.“
Es ist die Weißhaarige, die sanft antwortet: „Schon gut. Leni war auch wirklich gemein zu dem Rothaarigen.“
Leni – die Sirene mit den orangefarbenen Augen lächelt entschuldigend.
„Ihr wolltet mich warnen“, spricht Skyla ein Thema an, das sie beschäftigt. „Etwa wegen dem Dämon?“
Es wird still unter den Damen. Beunruhigende Blicke werden ausgetauscht und der Mimik nach zu urteilen, mag keiner über die Gefahr sprechen.
So gesteht sie ihnen: „Ich habe jemanden am Waldrand gesehen. Eine Gestalt, die uns beobachtet hat. Kaum wurde die Person entdeckt, ist sie verschwunden. Wir sind der Sache nachgegangen und mein Freund meint, es handelt sich um einen Dämon. Es waren Spuren von Schwefel zu finden.“
Still und mit bleichen Gesichtern werden vielsagende Blicke unter den Sirenen ausgetauscht. „Du solltest nicht in den Wald gehen. Unter keinen Umständen.“
„Fürchtet ihr den Dämon?“
„Ihr Name ist Segone“, kaum spricht Leni den Namen voller Ehrfurcht auf, beginnen ihre Artgenossen zu fauchen.
„Segone?“, wiederholt Skyla neugierig und beugt sich vor.
Die Körper der Sirenen werden plötzlich steif wie ein Brett. Die Augen weiten sich in dem Moment, als sie den Mut finden, ihre Köpfe zu heben. Skyla findet ihr Verhalten rätselhaft, bis zu dem Moment, als sich ein dunkler Schatten über sie legt und ihr sämtliches Sonnenlicht nimmt. Jemand beugt sich zu ihr nieder. Skyla steigt der Geruch von Eisen in die Nase. Ein vertrauter Begleiter seit der Begegnung in der Tiefgarage. Die Erfahrung sitzt noch immer knochentief und erschwert ihre Atmung. Der Brustkorb schnürt sich zu und Skyla droht zu hyperventilieren. Aus der Ferne dringt Milans Ruf zu ihr und vertreibt damit die Person, die sich hinter Skyla versteckt. Noch während sich das Medium angsterfüll umdreht, kann sie mit klopfendem Herzen beobachten, wie sich schwarze Nebelschwaden durch die Luft ziehen und vom Wind fortgetragen werden. Zurück bleibt ein silberner Dolch, der am Boden zurück gelassen wurde. Dort, wo die Gestalt stand. Kein einfaches Messer wie sich auf den zweiten Blick zeigt. Die polierte Klinge glänzt im Schein der Sonne und der Griff ist aufwendig mit Rosen und Ranken verziert.
„Nicht!“, ruft die Weißhaarige, als Skyla in die Knie geht, „der Dämon will mit dir in Kontakt treten. Du solltest besser nichts anfassen, was sie zurücklässt.“
Worte, die Skyla zögern lassen. Anscheinend hatte sie ein begrenztes Zeitfenster, denn der Dolch löst sich in Rauch auf.
„Was sie zurücklässt“, wiederholt Skyla die Sirene. „Also ist der Dämon weiblich?“
Die Antwort bleibt jedoch offen, denn Milan betritt die Terrasse und entdeckt sie nur deshalb, weil sich Skyla gerade erhebt. Er eilt zu ihr herbei und erkundigt sich, ob alles in Ordnung ist. Der Geisterjäger wirkt besorgt und nimmt bewusst mit ihr Abstand vom Wasser. Zum Glück sind die Sirenen ebenfalls abgetaucht, sodass der nächste Streit vermieden wird.
Zuerst atmet Milan erleichtert aus, bevor eine Standpauke folgt, dass sie nicht allein herumwandern soll. Er betont die Gefahren und erwähnt die Sirenen so lautstark, dass Wasser über das Geländer spritzt und Milan bereits erzürnt schnaubt. Skyla sieht es kommen, dass dieses Zusammenleben mit einem Nachbarschaftsstreit eskalieren wird. Vielleicht sollte sie ihn warnen. Warnen, vor dem, was gerade unterbrochen wurde. Ein Dämon, der sich zu nah an das Anwesen gewagt hat. Zu nah an ihr. Eigentlich dürfte sie es nicht verschweigen. Doch so wie Milan blickt, braucht auch er ein wenig Ruhe. Weniger Sorgen. Vielleicht sind ihre Bedenken unbegründet, denn die Sirenen sind überzeugt, der Dämon reagiere nur auf das Medium vor Ort. Vielleicht löst sich das Problem mit Skylas Abreise und sollte der Dämon bei ihrem nächsten Besuch erneut auftauchen, könne sie sich immer noch an die Profis wenden. Und doch meldet sich das nagende Gewissen und schüttelt enttäuscht den Kopf.




















































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