Kapitel 29

Auf die Verhaltensanalyse greift eine Hexe wie Luela anscheinend gern zurück. Sicherlich aus Selbstschutz. Um als Hexe in dieser Epoche zu überleben hilft es sicherlich ungemein, die Leute zu studieren und Verhaltensmuster zu erkennen. Clive steht unter Beobachtung. Die Information über die Königstochter steht im Raum und bislang hinterfragte Clive den Vorwurf nicht. Obwohl seine kurze Fassungslosigkeit seinem Gegenüber sicherlich nicht entging. Luela betrachtet ihn geduldig, als erhoffe sie sich eine verspätete Reaktion über die Botschaft. Stattdessen wiederholt der Alchemist die Namen der drei anderen Hexen. Immer und immer wieder in seinen Gedanken. In der Hoffnung sie brennen sich dort ein und seien jederzeit abrufbar.

Clive mag nichts dem Zufall überlassen und blickt nun zu Luela mit einer Bitte auf: „Habt Ihr etwas zu schreiben, Luela?“

Die Hexe kichert amüsiert und erinnert ihn daran: „Der gute Mann hat wohl vergessen, dass er gefesselt ist.“

In der Tat.

„Wie ärgerlich!“

Ein bläulicher Schimmer verirrt sich in den silberfarbenen Augen von Luela. Leuchtend hell. In einem Mitternachtsblau. Ein sichelförmiges Grinsen beschlagnahmt sämtlichen Platz in ihrem Gesicht. Kaum öffnet sie den Mund, entweicht ihr ein leises Lachen. Als wolle sie Clive für all die Unterhaltung belohnen, streicht sie ihm über den Kopf.

„Mut hast du, Alchemist.“

Ein Irrglaube. Furcht wurzelt seit der Entführung in Clive. Nur sucht er sich Ablenkung.

 

Dank dem gesprächigen Verhalten seines Entführers weiß er nun, was ihm blüht. Eine außerkörperliche Erfahrung steht tatsächlich auf einer Liste, die er führt. Ein Wunsch. Nur in einer geselligeren Gemeinschaft und nicht ausgeführt von einer gepeinigten Seele, die ihre Rache an all der Menschheit ausüben will. Wenige Gefahren und Risiken solch einer Erfahrung sind ihm dank Gespräche im Magisterturm bekannt. Praktiken, die vom Magisterturm verboten werden, aber Erfahrungen, die auf Reisen gerne mitgenommen werden dürfen. Stutzig wird Clive, als Luela seinen rechten Arm freimacht. Ein brennender Schmerz weckt Clives Aufmerksamkeit, es fühlt sich an, als würde Lava unter seiner Haut fließen. Heißes, glühendes Feuer und als Dampf durch seine Hautschichten aufsteigt, gerät er in Panik. Die brennende Hitze lässt sich kaum länger ertragen und lässt ihn schreien. Mit Tränen in den Augen beobachtet er, wie sich die Namen und Orte der Weißhexen in sein Fleisch brennen.



 

Die Schmerzwelle verglüht und doch pocht der Arm. Eine jede Bewegung erinnert ihn an den brennenden Prozess. Vielleicht angelockt vom Geruch gebratenem Fleisch erhebt sich der schwarze Kater Amon. Über die Wunde gebeugt schnuppert er, um dann doch zu überraschen. Statt reinzubeißen, schleckt seine Zunge über die frische Wunde. Mit zusammengepressten Zähnen erträgt er den Prozess wohl oder übel.

„Der Kater hat dich gern, Alchemist. Es mag vielleicht jetzt noch schmerzen, aber sein Speichel bewirkt Wunder.“

Angewidert von ihrem Schwefelgeruch dreht Clive seinen Kopf zur Seite. Mit der herzförmigen Flasche rückt seine Entführerin ihm viel zu nahe. Der Alchemist steckt viel Hoffnung in eine plötzliche Rettung oder etwas, was die Einnahme verhindern könnte. Doch die Hexe beweist sich als gnadenlos, als sie seinen Kopf an den Haaren zurückzieht, während sie die Flasche ansetzt und das süße Gebräu einen Weg in seinen Mund bahnt.

 

Würde er nicht wissen, dass es sich hierbei um einen Hexentrank handle, dann hätte er diesen Trank in einer Schenke sicherlich genossen. Der Flascheninhalt beweist sich als wahrer Gaumenschmaus. Kaum werden seine Geschmacksnerven verwöhnt, vergisst der Alchemist seine Mission, die Magisterprüfung, Sina und auch all die anderen Leute, die ihm während des Reisens begegnet sind. Selbst die Erinnerung an Luela treibt fort. Weit ins Meer. Unerreichbar für ihn. Zurück bleibt ein leerer Kopf voller Fragen und Zweifel. Ein Gedächtnisverlust. Schlimmer und schneller als Demenz.

 

Der Blick schweift umher. Inspiziert die kalte und dunkle Räumlichkeit. Ein Ort so leer wie sein Herz. Dank gespitzter Ohren vernimmt er den Atem anderer. Lauscht Schritten fern von ihm. Nur ein Gesicht offenbart sich ihm. Das einer Frau mit silberfarbenen Augen und wallendem Haar. Eine Person, die Blickkontakt zu ihm hält. Ihr Blick klebt voller Neugier auf ihm. So wie der seinen. Antworten erhofft er sich von ihr. Doch bevor es zu einem Gespräch kommt, holt die Dame aus und donnert ihm ihre brutal ihre Handfläche gegen den Brustkorb. Damit katapultiert sie ihn quer durch den Raum. Sein Flug wird abgefedert, als würde er ins Wasser fallen. Seine Flugbahn wird durch weißleuchtende Lichtschleier gekennzeichnet. Die Dunkelheit verschlingt. Zieht jene Verirrte in die Tiefe gezerrt und zurück bleibt eine leichte Benommenheit. Sämtliche Wärme wird vertrieben und eine eisige Kälte macht sich über ihn her.



 

Nur ein Wimpernschlag und schon lächelt ihn die Sonne an, von dem grauenvollen Ort fehlt jede Spur. Stattdessen sticht jenem Verirrten das vertrocknete Gras in die Handflächen. Ein Blick umher und er liegt in einem Wald nahe einem Dorf. Die Bäume leiden an der Dürre, denn die Rinde bröselt bereits ab und verteilt sich auf dem Boden. Sorge plagt ihn, als sich eine Horde streunender Wölfe nähert. Ihre Blicke gelten jedoch noch nicht ihm, sondern zwei Dorfkindern, die mit leeren Eimern das Haus am Waldrand verlassen und sich entfernen. Das Rudel setzt sich leise in Bewegung, dabei nehmen sie keinerlei Rücksicht auf jene verirrte Seele. Er kneift die Augen zu, als es zur Konfrontation kommt. Doch statt ihn zu berühren, gehen ihre Pfoten durch ihn hindurch. All das spricht für eine außerkörperliche Erfahrung. Ein Blick hinab und sein Körper wirkt unverändert. Nur sein Körper fühlt sich leichter an. Hinter seinen Bewegungen steckt viel Schwung und eine abnormale Schnelligkeit, an die er sich erst gewöhnen muss.

 

Das Geschrei der Kinder weckt seine Aufmerksamkeit, die Wölfe werden von den Kindern entdeckt. Ein Bauer eilt mit einer Mistgabel herbei und möchte sich den wilden Tieren in den Weg stellen, doch jeder einzelne Wolf fängt plötzlich Feuer. Bei dem grauenvollen Jaulen und dem Gestank nach brennendem Fell und Fleisch wendet sich der Verirrte angewidert ab. Bis zu dem Moment, wo die schwarzhaarige Frau ins Licht tritt und zufrieden auf die brennenden Tiere blickt.

„Luela“, erleichtert spricht der Bauer ihren Namen aus.

Ein Name, der Kopfschmerzen bereitet. Eine Flut von Erinnerungen sprengt verschlossene Türen. Verlorenes Wissen kehrt heim.

Wie konnte er nur vergessen, wer er ist und warum er sich an jenem Ort befindet?

Verärgert blickt Clive auf, erhebt seine müden Knochen und schreitet entschlossen hinab. Gezielt zu Luela, deren silberfarbenen Augen ihn anvisieren. Noch während er ihren Namen brüllt, breitet sich ein fieses Grinsen in ihrem Gesicht aus. Die Hexe kehrt ihm den Rücken und setzt das Gesicht einer Unschuldigen auf. Mit gespielter Fürsorge spricht sie zu dem Bauern, bevor sie einfach davonläuft. Daher beschleunigt Clive seine Schritte.



 

Ob die Kinder oder der Bauer, niemand schenkt dem Alchemisten Beachtung. Und doch erkennt der Alchemist aus der Ferne Luelas wehendes Haar, sie huscht an den Häusern vorbei. Seinem Bauchgefühl zu urteilen, arbeitet die Hexe darauf hinaus, dass er ihr folgt. Entsteht eine zu große Distanz, pausiert sie zu lange zwischen den Hindernissen. Allein diese Tatsache bereitet Clive Magenschmerzen und doch ist die Verfolgung in seinen Augen ratsamer, als planlos herumzugeistern. Das Gespräch zu ihr hält ihm unverhoffte Chancen vor Augen. Luela scheint die Unterhaltung genossen zu haben. Die Sympathiepunkte will er sich zum Vorteil machen und erhofft auf mehr Informationen über seinen Zustand und über die Wunder, die sie vollbringt.

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