Kapitel 3
Zwischen den kniehohen Müllbergen flitzen immer wieder Ratten vorbei und lassen Skyla kurz vor Schreck innehalten. Die Lichter der Taschenlampen decken immer mehr Details von einer in die Jahre gekommenen U-Bahn-Station auf, je weiter die beiden Freunde ins Innere eindringen. Ein Ort, der ihnen durch die tägliche Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel vertraut ist. Ihre Reise führt zurück in die Vergangenheit. Es erinnert an einen Museumsbesuch mit all der historischen Einrichtung durch die khakifarbenen Fliesen. Es gibt viele Ähnlichkeiten zu den heutigen Stationen, nur zeigt es sich, welchen Sprung die Technik mit der Zeit machte. Ähnlich wie bei dem Geschmack der Leute, denn die Farbe der Kacheln sprich Skylas Geschmack eher nicht an. In ihren Augen gibt es viel schönere Farben als diesen dreckigen Grün- und Braunton. Die seltsamen Musterungen machen es nur noch schlimmer. Wie dankbar sie für das moderne Design heutzutage ist. Das Mauerwerk wurde an vielen Stellen zu Leinwänden für die Graffitikünstler. Die gesamte Elektronik bleibt lahmgelegt und doch liegen überall Pfandflaschen herum. Einige leer, andere halbvoll.
„Wir sind nicht die Ersten, die hierauf aufmerksam worden. Es scheint, hier kommen die Leute immer wieder“, spricht Skyla das Offensichtliche an.
„Es gibt mehrere Eingänge und überall findest du Beweisstücke, dass dieser Ort gern aufgesucht wird“, versichert der Spinnendämon Agnar.
„Alles schön und gut. Aber wo sind diese Leute?“, stellt Lukas die überaus berechtigte Frage.
„Keine Sorge. Auf die treffen wir noch oder besser gesagt, auf das, was von ihnen übrig blieb.“
Agnars Antwort klingt wahrlich beunruhigend. Einen Leichenfund hat Skyla bereits hinter sich, aber Lukas…
Wird er es verkraften? Sollte sie ihm besser den Anblick ersparen?
Ein Blick zur Seite und ihr Freund funkelt sie warnend an, als durchschaue er ihr Vorhaben.
„Vergiss es, Skyla. Ich schaffe das!“
Oh! Er kennt mich echt zu gut!
Es wird still zwischen den beiden Kindheitsfreunden, sodass sie nur noch ihre Schritte vernehmen. Mit Unbehagen schreiten Skyla und Lukas durch die Dunkelheit. Hinab in den Abgrund auf leere U-Bahngleise, deren Ausstattung einer ganz anderen Generation gilt. Die Sitze auf den Bänken sind schmaler und wirken unbequemer durch ihre harte Sitzfläche. Von der Höhe sind diese tiefer wie die Stühle aus der Schule. Schichten von Staub bedecken den Boden und sämtliche Flächen. Einige Fußspuren verraten das, was allein der ganze Unrat und die Graffitis schon preisgegeben haben. Zum Glück läuft Lukas dicht bei ihr, sodass die beiden sich nicht verlieren können.
Auf dem Bahnsteig lässt sich nichts Interessantes erkennen. Kein Indiz, dass ein böser Geist lebt. Also springt Skyla mit einem mulmigen Gefühl auf die Gleise. Unter ihren Wanderstiefeln knirschen die Steine zwischen den Schienen. Eine Drehung zu Lukas, der bereit zum Sprung ansetzt und sie stößt gegen ein großes Objekt, woraufhin sie hinab leuchtet und einen grausigen Fund macht. Ein geekelter Laut entweicht ihr, als sie die vielen Knochen auf den Bahngleisen zu sehen bekommt. Damit bricht Lukas seinen Sprung ab.
„Skyla?“
Er klingt panisch und macht bereits Anstalten, sie zu packen und hochzuziehen, aber Skyla überwindet den Schrecken und konzentriert sich auf eine ruhige Atmung.
„Knochen. Sieht aus, wie die von Menschen und davon eine ganze Menge.“
Ihre Stimme zittert. Trotz vieler Begegnungen mit der anderen Seite, traf sie nur einmal auf Überreste eines Opfers.
Beunruhigt leuchtet Lukas hinab.
„Okay. Das reicht. Wir verschwinden von hier!“
Doch Skyla weigert sich. „Um den Spuk zu beenden bleibe ich!“
Kaum ausgesprochen, wird das Gleis plötzlich durchleuchtet. Die Quelle befindet sich hinter Skyla. Es sind zwei Scheinwerfer, die sie wie ein hungriges Monster anblicken. Eine Kreatur, die aus ihrem langen Schlaf erwacht. Lukas lässt glatt die Lampe fallen, als der Zug auf seine Freundin zurollt. Skyla hingegen bleibt wie gelähmt vor Schreck. Es hieß, der Bahnhof sei stillgelegt. Aber der riesige Blechkasten rollt auf sie zu, während Lukas hinab springt und sich seine beste Freundin krallt. Er verlässt mit ihr die Schienen, wobei sie fast durch die vielen Knochen ins Stolpern gerät. Damit befinden sie sich immer noch im Gefahrengebiet, denn statt den Bahnsteig stecken sie in einer Lücke zwischen der Tunnelwand und den Schienen.
Lukas drückt Skyla gegen die Fliesen, während er ihr befiehlt: „Mach dich ganz dünn! Schnell!“
Er spricht nicht mal zu Ende, da erwischt ihn das elektronische Gefährt. Sie schreit, während der starke Windzug sie erfasst und an ihr zerrt. Es kostet Skyla unheimlich viel Kraft, nicht weggepustet zu werden. Kaum geschafft, versagen ihre Beine und sie sinkt zu Boden. Der Zug rauscht an ihr vorbei und macht einen ohrenbetäubenden Lärm. Laut wimmernd sitzt sie in der Dunkelheit, die von dem Lichterspiel einer rollender Taschenlampen durchbrochen wird.
Was hast du nur getan, Lukas
„Skyla!“, hört sie Kai rufen.
Aber dem Medium ist nicht danach zu antworten. Stattdessen bleibt sie an jener Stelle sitzen und beobachtet apathisch, wie der Zug von dannen fährt. Als sie jedoch Bewegungen in der Dunkelheit ausmacht, glaubt sie, dass der Geist sich ihr zeigt und ihre Schwäche ausnutzen mag. So erhebt sich Skyla mit Wut und Trauer im Bauch. Bereit, das Mistvieh leiden zu lassen. Egal für welchen Preis. Die Folgen ihrer Macht können noch so furchterregend sein und sie verändern, aber Skyla will Rache für Lukas. Und so greift sie in die Dunkelheit und reißt die Gestalt an sich heran. Es ist das Parfüm, das ihr so vertraut vorkommt und ihr Vorhaben unterbricht.
Mit Herzklopfen zieht sie ihren Gegenüber in den Lichterkegel und bekommt ihren besten Freund zu sehen. Lukas starrt sie mit schockgeweiteten Augen an. Bei der ungesunden Blässe fürchtet Skyla zuerst, dass seine Seele den Körper verließ. Er handelt jedoch und rahmt ihr Gesicht mit seinen warmen Händen ein. Seine Finger wischen ihr die Tränen aus dem Gesicht, um sie kurz darauf fest in die Arme zu schließen. Kraftlos lehnt Skyla ihren Kopf an seinen und konzentriert sich darauf, ihre flatternden Nerven im Griff zu kriegen.
Lukas ist warm. Nicht kalt wie die Geister. Er atmet. Sein Herz schlägt. Sie kann keinerlei Blessuren an ihm ausmachen. Zum Glück kehrte er in einem Stück zurück.
Wie kann das sein?
Ein Blick in seine ehrlichen und offenherzigen Augen und der Schock verfliegt.
„Wie kannst du mich nur so erschrecken?“, schimpft sie schnaufend.
Lukas blickt, als könne er selbst nicht begreifen, was hier vor sich geht.
„Entschuldige, Skyla. Ich wollte dir keine Angst machen.“
„Du kannst doch nicht einfach auf die Gleise springen und dich aufopfern!“
Etwas, was nicht in ihren Kopf hinein will.
Doch Lukas schüttelt entschlossen seinen Kopf. „Besser, als dich sterben zu lassen. Wenn möglich, dann werde ich immer wieder dein Leben retten.“
„Du bist so ein Idiot!“, schimpft sie über seinen Starrsinn.
„Ja. Dein Idiot.“
Am Ende lächelt er und erntet einen warnenden Blick von ihrer Seite. Daraufhin senkt er betreten den Kopf.
Widerwillig löst sich Skyla von ihm und schaut hinauf.
„KAI! AGNAR! EINE ERKLÄRUNG! ABER PRONTO!“
„Kein Grund zu schreien!“, meldet sich die Spinne auf ihrer Schulter. „Ich bin doch bei dir.“
Der achtbeinige Dämon wäre bis zu ihrem bitteren Ende an ihrer Seite verweilt und mit ihr draufgegangen. Anders als Kai. Die Taschenlampen beginnen auf ihren Wunsch hin zu schweben. Dank ihrer Macht. Als der Lichtkegel die teuflische Bärengestalt werden ihre Augen schmal. Zwischen den Zähnen zischt sie den Namen und spürt den Fluchtinstinkt ihres Schutzgeistes.
„Kai! Was war das für ein ZUG?“
Kein Wort dringt aus dem Großmaul. Ihr Zorn hat den Bären die Sprache verschlagen. Aus Ungeduld handelt Skyla und schnappt sich grob den Wattedämon.
Es ist Agnar, der seine Vermutung ausspricht: „Eine Illusion.“
„Eine verdammt echte Illusion und wir alle haben sie gesehen!“, knurrt Skyla, während ihr giftiger Blick auf Kai ruht. „Ich habe einen Befehl für dich, Kai! Du hast die Ehre Lukas mit deinem Leben zu beschützen! Wenn ich ihn verliere, dann trifft es dich zehnmal schlimmer!“
Wimmernd vor Angst nickt der Bär, den Skyla eiskalt fallen lässt. Berauscht von dem Adrenalin blickt das Medium umher.
Ihre Botschafter richtet sich den Hausbewohner: „Versteck dich besser, du Wurm. Denn ich finde dich und dann lehre ich dich des Fürchten!“





























































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