Kapitel 3
Der Geschmack der salzigen Seeluft weckt Erinnerungen in Clive. Während er die traumhafte Kulisse auf sich einwirken lässt, weht eine frische Meeresbrise durch sein blondes Haar. Jelkos Heimat ist ein Ort voller Romantik. Voller Blumen. Fast märchenhaft. Ob auf den Straßen oder an den Häusern, überall blühen prachtvolle Pflanzen und bringen Farbe mit sich. Aus der Ferne tönen zarte Laute von den Instrumenten der Barden und Akrobaten zaubern den Kindern ein Lächeln auf die Lippen. Eine friedliche und harmonische Atmosphäre, die zum Entspannen einlädt. Hinter dem Alchemisten thront eine prachtvolle Kirche auf der Spitze eines Berges. Ein Kunstwerk der Architektur. Rundbögen, hohe Türme und Kuppeldächer lassen das perlweiße Mauerwerk, auch ohne die beeindruckende Größe, herausstechen. Die berühmte Hafenstadt verteilt sich auf mehrere Etagen, hinab zum Meer, wo riesige Handels- und Kriegsschiffe ankern. Clive könnte den ganzen Tag hoch oben am Rande der obersten Etage stehen und das Meer beobachten. Alles lädt zu einem Spaziergang ein. Nur leider befindet er sich in einem vergangenen Moment. Ein Erinnerungsstück eines Geistes. Von einem Helden, der im Kampf gegen Luela zu einem Freund wurde.
Die strahlende Rüstung des jungen Kommandanten verrät Jelkos Ankunft. Ein Blick in die Augen seines Freundes und Clive hat das Gefühl, der Himmel spiegelt sich dort wieder. Dabei gleichen die Augen des Toten der Bläue des Äthers. Mit dem honigblonden Haar und dem athletischen Körperbau hat der stolze Verteidiger sicherlich viele Verehrerinnen in seinem Leben gehabt. Es ist ein schmerzlicher Gedanke, der den Alchemisten plagt, zu wissen, dass dieser junge Mann zu früh sein Leben verlor. Jelko bewies im Kampf gegen die Hexe Luela wahren Heldenmut. Ihm verdankt der Alchemist heil zurück in seine Welt gekommen zu sein schließlich kam er lange Zeit auf den Genuss einer außerkörperlichen Erfahrung. Eine interessante Erfahrung, jedoch ohne Gewissheit, je wieder zurück in seine sterbliche Hülle zu kehren.
Nach dem gemeinsamen Abenteuer erweist sich die Bitte nach einem Gespräch für Clive als eine Selbstverständlichkeit. Die ruhelose Seele lächelt sanft im Anblick der Erinnerung. So stehen die beiden Freunde Seite an Seite an der kleinen Mauer und genießen für einen Moment die Aussicht. Solange, bis Jelko handelt und seine Faust gegen den Brustpanzer donnert, wo im Anschluss die Hand an der Stelle des Herzens verharrt.
„Sternenburg dankt dir von Herzen für deine Hilfe. Endlich hat Luela das bekommen, was sie verdiente.“
Jelko spricht aus voller Überzeugung und Clive zweifelt auch nicht daran, dass die gefallene Stadt um die Hexe trauert. Er hingegen betrachtet Luelas Tod aus einem anderen Blickwinkel. Die Hexe hatte schließlich viel erdulden müssen. Ihre Vergangenheit spielt eine große Rolle für ihre Taten und Entscheidungen. Die Gesellschaft formte sie zu dem Monster, was die Leute in Hexen glauben zu sehen. Wenn Luela mit dem gebürtigen Respekt behandelt worden wäre, dann wäre es zu Sternenburgs tragischer Nacht nicht gekommen. Auch wenn Clive Grund genug hätte, um Luela zu verurteilen, tat ihm die Hexe am Ende leid.
Wie hätte er in ihrer Lage gehandelt?
Clives nachdenklicher und trauriger Blick verdirbt Jelko die Freude. Sein sanfter Schlag gegen Clives Schulter rüttelt den Alchemisten wach.
„Bemitleide sie nicht.“
Jelko kennt ihn bereits zu gut.
Clive mag nicht darüber sprechen und wechselt bewusst das Thema, um Streitigkeiten zu vermeiden: „Du wolltest mich sprechen?“
Der Blick des Kommandanten fühlt sich mit purer Entschlossenheit. Es folgt zuerst ein stummes Nicken, bevor der Blick stur zum Horizont gerichtet wird. Clive gibt seinem Freund Zeit, nach den richtigen Worten zu suchen.
„Mein Leben als Geist ist sehr einsam und unsere leider viel zu kurze Zusammenarbeit hat mir sehr gutgetan. Ich frage mich, ob ich noch länger an deiner Seite verweilen kann. Vielleicht können wir Kontakt halten. Ich kann zu deinem Spion werden und dich als Geist zu unterstützen.“
Einsamkeit verwandelt sich zu etwas Grausames, das Einfluss auf die Psyche nimmt. Jelko sucht händeringend nach einem Antrieb. Luelas Vernichtung war der Grund, warum die ruhelose Seele nicht dem Wahnsinn verfallen ist.
Jelko zu verstoßen kann Clive einfach nicht über sein Herz bringen und doch fürchtet er sich vor den Folgen.
„Das ist sehr riskant. Solltest du nicht lieber deinen Frieden finden und die Totenruhe genießen?“
„Wenn ich wüsste wie.“ Der Kommandant lächelt milde. „Ich denke, diese Chance bleibt mir verwehrt. Aber ich schätze deine Sorge und sollte ich mich bösartig verändern, dann bitte ich dich, schnell zu handeln. Du bist ein kluger Kopf. Dir fällt sicher etwas ein, wie du einen zornigen Geist besänftigt bekommst.“
Damit brummt er Clive eine wahnsinnige Verantwortung und unmögliche Aufgabe auf. Sein Gebiet bezieht sich auf die Naturheilkunde und nicht die Parapsychologie. Um sich auf solch eine Prüfung vorzubereiten, braucht Clive ein fachkundiges Gespräch mit einem Experten. Eine Anfrage beim Magisterturm für die Auskunft einer solchen Kontaktperson wird Verdacht wecken. Vielleicht kann Rebecca helfen. Sie verhält sich diskret und talentiert genug für die Informationsbeschaffung. An dieser Stelle muss sich Clive fragen, wie das Gespräch mit dem Grafen verläuft. Zum Glück ist Graf Bylom eine lockere Persönlichkeit, der Rebeccas mangelnden Respekt nicht verurteilen wird. Er wird ihre Offenheit schätzen und schließlich kennt er ihr Talent an. Aber auch seine andere Begleiterin scheint dank den okkulten Ritualen aus ihrer Heimat Kontakt zu Geistern aufzunehmen zu können. Das Gebiet mag sie etwas überfordern und doch mag Clive ihre Meinung in Erfahrung bringen wollen.
Je länger sich die beiden Freunde anschweigen, desto unruhiger wird Jelko.
„Hältst du nicht viel von meinem Plan?“, fragt er beunruhigt nach.
Clive schüttelt seinen Kopf und legt die Karten offen: „Sei dir sicher, dass ich dich nicht verstoße. Du brauchst ein Ziel und das werde ich dir geben. Eine Zusammenarbeit wäre in unser beider Interesse. Und doch müssen Vorkehrungen getroffen werden. Ich brauche professionelle Hilfe. Jemand, der den Kontakt zu Geistern nicht fürchtet und vertraut mit der paranormalen Welt ist.“
„Eine Hexe“, spricht Jelko die Idee ehrfürchtig aus, bevor er sich bei dem Gedanken schüttelt. „Nein, das sollten wir unter keinen Umständen in Betracht ziehen. Hexen sind listig!“
Zu meinem Bedauern gibt es auch listige Alchemisten.
Der Gedanke bleibt besser unausgesprochen. Solch eine Behauptung kann Clive unnötig Ärger bereiten, dabei sind nicht alle seiner Kollegen so bewundernswert. Jelko hingegen mag der Gedanke an eine Hexe zu wider sein, aber Clive kann sich damit anfreunden. Hexen wegen ihrer Macht in Schubladen zu stecken ist etwas, das dem Alchemisten zu wider ist. Wenn es so denken würde, dann hätte er keinen Finger krumm gemacht, um Sina zu helfen. Sicherlich gibt es auch Schwarzhexen, die aus den Tiefen der Dunkelheit gerettet werden können und zu mächtigen Verbündeten heranwachsen. Eine zweite Chance – das ist es, was Clive sich für jeden wünscht. Auch für Anwender der Schwarzmagie.





































Kommentare