Kapitel 33
Regen mag für die Bauern ein Geschenk sein, aber nicht wenn die Böden zu ausgetrocknet sind, sodass diese kein Wasser aufnehmen können. Es lastet auf dem staubigen Boden schwer, verwandelt Erde in Matsch. Damit sich die Landschaft von der Dürre erholt, braucht es weitaus mehr als ein kräftiger Regentag. In dem Fall dient das Wetterphänomen nur zur Ablenkung. Nichts anderes als Zauberei. Eine gefürchtete Macht, das Wetter zu kontrollieren. Alle Augen waren auf das Wunder gerichtet, dabei verraten die dunklen Nebelschleier, die sich wie Schlangen um Luelas Handgelenke geschlungen haben, dass Magie gewirkt wird. Die Spuren ihres Zaubers verpuffen jedoch schnell genug, sodass die Hexerei unbemerkt bleibt. Bei allen bis auf Clive und Jelko.
Hinternschwingend und in gebieterischen Schritten nähert sich Luela Clives regungslosen Körper. Sie kommt nur deshalb zum Stand, weil Cuno sie streng auffordert, auf Abstand zu bleiben. Lieblich lächelt sie dem Paladin zu und hebt einen Blumenstrauß an.
„Dieser arme Mann kam als Fremder hierher. Ein Reisender, der weit weg von seiner Heimat starb. Ich bin zwar eine einfache Blumenhändlerin und kannte diesen Menschen nicht annähernd so gut wie seine Gefährten, aber legt doch bitte diese Blumen an sein Grab. Werdet ihr euren Kameraden hier ruhen lassen?“, erkundigt sich die Hexe neugierig.
Ihre Worte sind Gift für Clives Ohren. Je mehr sie spricht, desto zorniger wird der Alchemist.
Cuno scheint keinen Verdacht bei der mysteriösen Blumenverkäuferin zu schöpfen.
„Nein, sein Leichnam sollte zum Magisterturm gebracht werden“, antwortet der Paladin.
Luela macht ein erschrockenes Gesicht, als wäre dies nicht Teil ihres Plans. „Wann werdet ihr aufbrechen?“
„Wenn es nach mir gehen würde, dann jetzt!“, antwortet Cuno zähneknirschend, um im nächsten Moment seine Kindheitsfreundin böse anzufunkeln.
Rebecca kann dies zum Glück nicht gutheißen. „Sein Mörder läuft auf freiem Fuß und du willst diesen Ort wirklich hinter dir lassen?“
„Ich bin dieses Gespräch leid!“, brummt Cuno daraufhin.
„Feigling!“, wirft Rebecca ihm vor den Kopf.
Damit geben die beiden der Hexe unnötig mehr Angriffsfläche. Wenn Luela schlau ist, füttert sie das Feuer. Von einer Flamme zu einem zerstörerischen Brand.
Jelko nähert sich verdächtig Luela. Verraten durch den Temperaturunterschied blickt die Hexe zurück. Ganz langsam greift sie unauffällig in ihre Schürzentasche. Eine Reaktion, die Jelko zurückweichen lässt.
„Alchemist, zurück! Schnell!“, fordert er.
Clive gehorcht und beobachtet, wie Glut aus den Händen der Hexe tropft. Das Glühen der hitzigen Masse kann selbst ihre Hand nicht verstecken.
Verwundert sieht der Alchemist zu seinem Geisterfreund. „Ich wäre dir verbunden, mehr Details springen zu lassen! Womit haben wir es hiermit zu tun?“
„Salz.“
„Salz glüht nicht“, widerspricht Clive.
„Du siehst die Welt nicht länger durch die Augen eines Menschen! Uns schadet das Zeug!“
Ein Blick zurück zur Hexe zeigt, dass Luela die Blumen aufs Clives Körper legen möchte. Nichts, was den Alchemisten stört. Eher die plötzliche Nähe zu Sina. Er fürchtet ein Attentat, daher folgt der Fokus auf seine Geistermacht. Das Nächstbeste, was ihm ins Auge springt, setzt sich auf seinen Willen in Bewegung. Das wäre in diesem Fall eine Kiste. Der hölzerne Behälter hätte Luela umhauen müssen. Die Hexe hingegen fängt das Flugobjekt mit einer Leichtigkeit und stellt es mit einem überraschten Gesichtsausdruck neben sich auf dem Boden. Dabei lächelt sie Sina an, als hätte sie eine spaßige Bemerkung gemacht. Während die Fee besorgt zur Kiste blickt, betrachtet Luela den Alchemisten mit einem eisigen Ausdruck.
„Das, Alchemist, hättest du nicht machen sollen“, ärgert sich Jelko. „Besser, wir verschwinden schnell.“
Eine Warnung ohne Kontext. Zum Hinterfragen bleibt keine Zeit, denn nahe Luela wird die Atmosphäre instabil. Farben verschwimmen und ein Strudel bildet sich innerhalb weniger Sekunden. Im Auge des Sturms klafft ein schwarzes Loch. Dürre Arme mit langen, scharfen Krallen ragen aus dem Boden unterhalb des Strudels, finden halt und nun klettert eine scheußliche Gestalt heraus, die einem Menschen überhaupt nicht mehr ähnlich sieht. Der Mund des Wesens ist rund wie der Vollmond und mehr wie nur eine Reihe spitzer, kleiner Zähne blicken hervor. Fünf Schichten Zähne türmen sich wie Zahnräder in unterschiedlichen Größen hintereinander. Die Zunge ist lang und am Ende gespalten wie bei einer Schlange, die Nase platt und nur durch zwei Löcher zu erkennen. Die Augenhöhlen sind leer, blutuntermalt und die Ohren lang und spitz. Das schwarze Haar schleift über dem Boden und die Kleidung des Wesens hat schon bessere Tage erlebt. Sämtliche Arten von Dreck schichten sich auf dem Fetzen und die Löcher, die zu groß sind, um Motten verantwortlich zu machen.
Clives Puls steigt in die Höhe. Das Blut rauscht in seinen Ohren und die kalten Schauer fallen über ihn her. Der Brustkorb schnürt sich zu. Mit schockweiteten Augen steht er an Ort und Stelle, sieht der Kreatur dabei zu, wie es sich mühsam aus dem Loch kämpft und seine Witterung aufnimmt. Jelkos aufgebrachte Stimme dringt nur gedämmt an Clives Ohr. Zu undeutlich, um die Botschaft dahinter zu verstehen. Lueals heraufbeschworene Kreatur dreht den Kopf zur Seite und läuft auf allen vieren wie ein Wolf davon. Gefährlich schnell bewegt sich das Wesen. Erst Jelkos Schrei reißt Clive aus der Schockstarre. Mit klappernden Zähnen dreht sich der Alchemist um und beobachtet, wie sein Geisterfreund schreiend vor der Kreatur davonläuft.
Verunsichert von anderen Geräuschquellen kommt die Kreatur immer wieder zum Stand. Allein die trübe Linse und das seltsame Verhalten lassen Clive vermuten, dass Luelas Haustier blind sei. Dafür hat es gute Ohren. Hinterher zu rennen und Jelko zu warnen, würde ihnen nichts bringen. Damit wäre die Gefahr viel zu groß, dass Clive den Geist verrät und der Kreatur zum Fraß vorwürft. So die Theorie. Doch die Mächte der Hexe sollten begrenzt sein und um seine Gefährten zu schützen, fasst Clive Mut. Jeder einzelne Schritt mag ihm Überwindung kosten, und doch geht es um die Sicherheit seiner Mitstreiter. Also greift der Alchemist auf die altbewertete Methode zurück, als Geister zu poltern und sämtliche Sachen durch die Luft zu befördern. Eine Zeit lang weicht Luela einfach nur aus, bis sie dann ihre Tarnung aufgibt und Feuer aus ihren Händen saugt, um das zu zerstören, was der Alchemist als Waffe nutzt.
Die Panik um ihn herum spielt keine Rolle, Clive blendet die Dorfbewohner schnell aus – zu schnell. Je weiter er poltert, umso wütender wird er. Aus Heldenmut wird schnell Blutdurst, Clive sieht schnell rot. Seine Beweggründe drohen in Vergessenheit zu geraten. Je länger die Hexe seine Geisterangriffe abwehrt, desto verzweifelter wird der Ausdruck in ihrem Gesicht. Eine Furcht, die er zu genießen lernt. Die Geräuschkulisse hingegen lockt die Kreatur zurück zu der Hexe. Ein kurzer Blick zu dem wandelnden Alptraum, schließlich fixiert Clive erneut die Hexe an. Ihm kommt jedoch jemand zuvor, Luela wird einer Messerattacke zum Opfer. Rebecca tritt noch einmal nach. Luela schwank, pendelt jedoch gekonnt ihr Gleichgewicht. Während Cuno zur Salzsäule erstarrt, tritt Rebecca siegessicher in Aktion. Doch der geschockte Ausdruck auf Luelas Lippen legt sich schnell und ein wölfisches Grinsen macht sich auf ihrem Gesicht breit. Ein Griff in die Schürze und schon dreht sich die Hexe um, bewirft die Diebin mit einem schwarzen Pulver, was Rebecca husten lässt und Luela in einer dichten Wolke versteckt.
Sinas Rufe erreichen Clive. Leider zu spät, denn die Kreatur hat ihn gewittert, kommt ihm im schnellen Tempo entgegen. Das Maul weit aufgerissen, sodass er in einen dunklen Schlund hineinblickt. Sein inneres Auge mal das Szenario bereits aus, wie die vielen Reißzähne in sein Fleisch gehauen werden – falls er als Geist so zugerichtet werden kann wie in seinem sterblichen Leben.
Der faulige Atem steigt dem Alchemisten bereits in die Nase, als Clive plötzlich von der Seite umgehauen wird. Jelko springt auf seinen Geisterfreund zu, reißt ihn um und statt vom Boden aufgefangen zu werden, stolpern sie hindurch. Der Fall wird von Wassermassen gebremst, ihre geisterhaften Körper fallen tief, sinken und treiben in der Flüssigkeit. Die Geräuschkulisse unter der Oberfläche hört sich dumpf an. Seine Sicht ist verschlechtert, denn Schärfe und Kontrast verändern sich. Das Licht bricht über ihren Köpfen und je tiefer sie sinken, desto dunkler wird ihre Umgebung.

































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