Kapitel 34
Die Geisterjagd kann sicherlich sehr persönlich werden, so wie Nicoles Schicksal Milan beschäftigt.
Wer war dieses Mädchen für ihn?
Und welche Bindung hatten sie zueinander?
So wie Skyla den Geisterjäger einschätzt kann er sicherlich auch gut mit kleinen Kindern. Seine alberne Art lässt Kindersorgen sicherlich schnell vergessen. Sicherlich war er für Nicole wie ein großer Bruder. Eine Person, wo ihre Mauern fallen dürfen und sie nicht die Starke spielen musste. Denn so klingt es für Skyla. Milan hängt verbissen an Skylas Hintern. Vielleicht sieht er zu viele Parallelen zu Nicole. Vielleicht fürchtet er, die Tragödie könne sich wiederholen.
Als kämpfe Milan mit den Erinnerungen, liegt eine lange Pause im Raum. Genügend Zeit, um den Inhalt des Gesprächs zu verdauen. Mit neun Jahren war Skylas Leben sorglos und von schönen Momenten geprägt. Sie mag sich nicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn sie als Kind bereits all die bösen Erscheinungen zu Gesicht bekommen hätte.
Gespannt klebt ihr Blick auf Milan. Mit großer Neugier auf die Fortsetzung.
„Weißt du, was ihr Kraft gegeben hat, weiterzumachen?“
Einen langen Moment verbringt Skyla damit, nach einer Antwort zu suchen. Etwas, schwierig, wenn sie Nicole gar nicht kannte.
„Ich hoffe, Nicole hatte eine Bezugsperson, die ihr Kraft gegeben hat. Jemand, der ihrer Geschichte noch nicht mal Glauben schenken musste, sondern ihr einfach zur Seite stand.“
Erneut schwebt ihr Lukas im Kopf. So sehr Skylas Leben auch aus dem Ruder laufen sollte, hegt sie keinerlei Zweifel daran, dass er immer zur Stelle wäre. Immer. Egal, wie kompliziert es wird.
Aber Milan belächelt ihre Antwort. „Ihr Umfeld hatte nur wenig Verständnis für ihre Lage. Sofern deine Mitmenschen nicht direkt betroffen sind, können sie nicht verstehen, was du durchmachst. Du wirkst plötzlich sonderbar, fremd oder vielleicht krank. Die Unwissenden suchen nach möglichen Erklärungen und können sehr kreativ werden.“
„Was hat ihr dann Kraft gegeben?“
„Nicole war selbstopfernd und barmherzig. Wenn das Böse von den Betroffenen abfiel, dann hat das Mädchen gelächelt, weil sie wusste, diesen Menschen wird ein gewöhnliches Leben gewährt. Für diese Leute endet der Spuk und das war für Nicole ein tröstender Gedanke.“
„Ich verstehe sie irgendwie, denn mir ergeht es ähnlich. David ist so ein guter Mensch, solch einen Parasiten hat er nicht verdient. Ich bin froh, dass ich ihm helfen konnte.“
Das Gefühl, das sie hierbei empfindet, würde sie als Dankbarkeit bezeichnen. Dankbar, für diese Fähigkeit, die sie gleichzeitig auch als ein Fluch bezeichnen kann.
Milans Augen funkeln verdächtig, als kämpfe er damit, die Tränen zurückzuhalten.
„Es ist wichtig, dass wir zusammenhalten, Skyla. Ob Hexen, Geisterjäger und auch Mediums. Wir haben einander und sind geplagt von dem gleichen Schicksal. Geraten wir einmal zwischen die Fronten der zwei Welten, gibt es kein Zurück mehr. Wie bereits erwähnt, reagieren die Leute unterschiedlich auf uns.“
Daraus hört Skyla: „Manche wurden wütend?“
„Wütend?“ Milan belächelt das Wort, als habe sie einen schlechten Scherz gemacht. „Gewalttätig und aggressiv trifft es wohl eher. Es gibt da eine Organisation vor der wir uns alle in Acht nehmen müssen. Auch du. Deshalb ist es wichtig, dass du nicht für viel Aufsehen mit deinen Kräften sorgst.“
Sie winkelt ihre Beine an und betrachtet ihn etwas müde. Zu dieser Zeit hätte sich Skyla sonst ins Bett geschmissen. Das erklärt ihre mangelnde Konzentration. Aber diese Thematik scheint den Geisterjäger sehr zu beschäftigen. Und hier ist ihre Chance, wo er sich ihr öffnet.
„Es hat lange gedauert, bis wir jemanden gefunden haben, der uns sagen konnte, dass Nicole diese schrecklichen Dinge sieht und erlebt, weil sie nach den Geistern greift. Die Leute in ihrer Umgebung haben von ihrem sonderbaren Verhalten mitbekommen. Irgendwann fällt deine Maske und die Leute reagieren meist mit Furcht, wenn sie auf ein Medium treffen. Zwar nicht alle, aber die Meisten. Nicole wurde von den falschen Leuten als Bedrohung abgestempelt. Leute, die strategisch arbeiten. Zuerst beginnt es mit einigen Konversationen, um das Vertrauen zu gewinnen, bis dann die ersten Einschüchterungsversuche erfolgen. Selbst bei einem so jungen Mädchen haben diese Leute nicht Halt gemacht. Nicole hat gelernt die Menschen genauso zu fürchten wie die bösen Geister. Ihr wurde der Alltag erschwert und alles, was ihr lieb und teuer war, zerstört. Als wäre dies nicht bereits genug wurden ihre Feinde gewalttätig. Ich habe Nicole verteidigt und sie versucht, zu beschützen. Aber ich wurde getäuscht und von ihr getrennt, als sie mich am dringendsten brauchte.“
Milan schnauft wütend und umfasst den Stein mit so einem festen Griff, dass sich seine Knöchel weiß färben. Der Kiefer versteift sich und flammender Zorn bricht durch.
Mit bebender Stimme fügt er hinzu: „Ich kenne nicht mal den Namen dieser Organisation, aber sie scheinen viel Einfluss zu haben. Das macht sie gefährlich. Es waren ihre Leute, die Nicole zu Tode geprügelt haben!“
Wie schrecklich!
Fassungslos starrt Skyla ihn an.
Das ist also der Grund für Milans Sorge und sein Herzschmerz. Reue plagt ihn. Furcht vor erneutem Versagen.
„Ich wollte ihre Mörder damit nicht durchkommen lassen und ich wusste, wo ich diese Idioten finden würde. Es war dumm, aber ich war geblendet von meinen Gefühlen. Aber ich habe sie unterschätzt und musste nicht nur ordentlich einstecken. Viel schlimmer ist es, dass sie Mia zu Gesicht bekommen haben. Zu meinem Bedauern musste ich wie ein Feigling die Flucht ergreifen. So kam es dazu, dass ich einfach nicht zu ihrer Leiche zurückkehren und mich verabschieden konnte. Meine Verfolger waren mir immer dicht auf den Fersen. Egal, wie gut ich mich versteckte.“
„Was ist mit Mias Portalen?“
„Dafür haben sie uns keine Zeit gelassen. Wir waren unter Dauerbeschuss und ihre Technik ist sehr fortgeschritten. Sie haben Mias Magie unbrauchbar gemacht.“
„Aber wie?“
Skyla kann sich das kaum vorstellen.
Nun ist es die Fee, die zu ihr spricht. „Sensoren. Kleine Kugeln, die in der Luft schweben und mit Magnetfeldern und Schallwellen arbeiten.“
„Also Profis“, spricht Skyla ihren Gedanken besorgt aus.
„Ja.“ Milan nickt gekränkt. „So etwas ist uns noch nie passiert.“
„Es war eine Blamage“, stimmt Mia mit einem Nicken ein.
„Ich sage es nicht gerne, aber wäre Justin nicht zur Hilfe gekommen, wären Mia und ich Geschichte gewesen. Aber selbst Justin erkannte, dass er keine Chance gegen diese Mörder hat. Sie sind gefährlich und lieben die Herausforderung. Selbst dem Tod lachen sie ins Gesicht. Ich bin zuvor auf solch gefährliche Leute nie getroffen. Mit Justin sind wir entkommen und doch finden diese Leute uns immer wieder. Wir haben so oft versucht, uns gegen die Fremden zu wappnen. Keine Chance. Alle Geisterjäger wollen nur helfen. Und doch gibt es solche Leute, die uns dafür jagen. Anscheinend haben wir ein hohes Kopfgeld. Da wir auf diese Schutzgeister zurückgreifen, stellen wir ebenfalls eine Bedrohung da.“
„Wenn ich das richtig verstanden habe, unterbreche mich bitte, falls ich falsch liege, aber es gibt Auftragsmörder, die gezielt auf euch Geistjäger gehetzt werden. Und du hast Schwierigkeiten gegen diese Leute, die in deinem Alter sind oder vielleicht jünger?“, braucht Skyla Gewissheit.
Denn sollten diese Leute Kontakt zu Nicole aufgenommen haben, vermutet Skyla eine recht junge Altersspanne. Nicht zu alt, schließlich geht es darum, zuerst Vertrauen zu wecken. Dabei will sie Milan keine Vorwürfe machen, dennoch sollte sie seine Worte beherzigen. Denn Mia müsste in Skylas Augen stark genug sein, um sich zu wehren und doch waren die beiden machtlos.
„Das Alter spielt keine Rolle, denn ihr Verstand ist messerscharf. Es mag zwar etwas krass ausgedrückt sein, doch ich halte sie für wahnsinnig. Sie haben eindeutig Spaß an ihren Job, dabei sind sie einfach nur Kriminelle. Vor einem Jahr hat es einen Freund von mir getroffen. Weißt du eigentlich, was sie mit ihm gemacht haben? Sie haben ihn ausgebeutet! Seine Organe wurden auf einem Schwarzmarkt verkauft! Diese Leute verdienen sich an uns eine goldene Nase! Und sie glauben, dass sie im Recht liegen, da wir in ihren Augen nur irgendwelche Freaks sind!“, schockiert Milan sie.
„Als würden die Geister euer Leben nicht schon schwer genug machen.“
Milan erhebt sich und wirft den Stein in den Abgrund, bevor er ihr seinen Entschluss mitteilt: „Ich werde nicht erneut versagen! Ich werde alles daran setzen, dich zu beschützen. Wenn ich in anderen Städten agiere, bedeutet das nicht, dass ich fort bin. Du musst mich nur anrufen und ich werde sofort zur Stelle sein, falls du mich brauchen solltest.“
Hat er gerade gesagt, dass er schon bald fortgeht?
Ihr Herz krampft fürchterlich bei dieser Vorstellung. Da Skyla schweigt, dreht sich Milan zu ihr. Dabei rutscht er aus und droht zu stürzen, schnell erwischt sie ihn am Arm. Nun baumelt der Geisterjäger in der Tiefe und sie kämpft ganz schön mit seinem Gewicht. Der Schock steht Milans ins Gesicht geschrieben. Ein Blick an ihm vorbei in die schwindelerregende Höhe lässt Skyla schlucken. Allein wird sie leider an der Aufgabe scheitern. Milan muss erwachen und mitarbeiten, um das große Übel zu verhindern.
Daher fordert sie: „Na los, ziehe dich schon hoch! Lange kann ich dich nicht halten!“
Mia pustet ihren Feenstaub hinunter und versichert ihr: „Er wird nicht stürzen, du kannst ihn loslassen.“
Die Feenmagie zeigt sofort ihre Wirkung. Milans Körper steigt wie ein Luftballon hinauf. Seinem breiten Grinsen zu urteilen, scheint ihm solch eine Situation nicht neu zu sein. Staunend lässt Skyla ihn los und beobachtet mit großen Augen, wie Milan neben ihr auf den festen Boden landet.
Glücklich legt er seine Hände auf ihre Wangen, bevor er ihr sehnsüchtig zuflüstert: „Du bist wirklich wunderbar, Skyla. Ich bin so froh, dich kennengelernt zu haben.“
Statt sich geschmeichelt zu fühlen, wird Skyla zornig. Denn die bittere Wahrheit hat sie nicht vergessen, sondern nur kurz verdrängt.
„Du kannst dir den Gedanken aus dem Kopf schlagen, mich zu verlassen! Du hast mir mein Herz gestohlen! Ich habe dich wirklich gern! Also bleibst du nun schön an meiner Seite!“
Skyla greift nach seinem Oberteil und betrachtet ihn warnend.
Doch er belächelt ihr Verhalten und spricht seinen Gedanken laut aus: „Du bist wirklich süß.“
Mia spielt lieber den Stimmungskiller. „Mir wird schlecht!“
„Ich werde immer in deiner Nähe verweilen, denn ich meine das mit dir wirklich ernst. Aber in anderen Städten werden wir Geisterjäger ebenfalls gebraucht. Ich würde dich aber weiterhin zur Arbeit bringen und abholen. An deinen freien Tagen nehme ich mir nur Zeit für dich. Was hältst du davon?“
„Ich lasse dich nur gehen, wenn ich etwas Persönliches von dir bekomme, das dich zwingt, immer wieder zu mir zurückzukehren. Eine kleine Absicherung“, lässt Skyla mit sich verhandeln.
„Einverstanden, hier der Ohrring meiner Mutter.“ Milan nimmt das Schmuckstück ohne zu Zögern ab und drückt ihr diesen in die Hand. „Pass mir gut darauf auf.“
Misstrauisch blickt Skyla auf das Erinnerungsstück und zweifelt seine Worte an. Schließlich hat er sich zu leicht von dem Schmuckstück getrennt.
„Was ist aus deinen Eltern geworden?“
Milan zwinkert ihr jedoch frech zu. „Vielleicht ein anderes Mal.“
Diese Masche also wieder.
„Na schön.“
Aber nur weil Skyla Hoffnung hegt, dass er sich ihr nach und nach weiteröffnen wird. Sie verdrängt nun bewusst all die Informationen, die er ihr über die Feinde der Geisterjäger gegeben hat, denn sie möchte den Ausflug hier an seiner Seite genießen. Mit den Infos kann sie sich immer noch später beschäftigen. Denn es zählt nun das hier und jetzt. Die Opfer, die sein Job fordert, rufen schließlich große Verlustängste in ihr hervor. Sorgen, in den sie ertrinken kann. Daher klammert sich Skyla an seiner Nähe. Sie findet Trost in seinen Armen. Ablenkung an seinen Lippen. Innere Ruhe, wenn sie in seinen Augen versinkt. Ein Moment, der nur ihnen gehört, und den sie so gut es geht auskosten mag. Ohne weitere Unterbrechungen.
























































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