Kapitel 35

 

Eisige Kälte vertreibt sämtlich angesammelte Wärme. Sie frisst sich in seine Knochen und hinterlässt nur einen Wunsch: die Augen zu schließen, um Kraft zu tanken. Auch wenn es bedeuten würde, nie mehr zu erwachen. Finsternis vernebelt seine Sicht, trübt seinen Kopf und stiehlt den Fluchtinstinkt. Der Alchemist schert sich nicht mehr um seine Pläne, um seine Ausbildung und um sein altes Leben. Die Ortschaft, so finster sie auch sein mag, verspricht die perfekte Ruhestätte. Als wäre es sein Schicksal, hier weiter zu versinken. Ganz langsam schließt sich der Vorhang und die Müdigkeit hat Clive fast überwältigt, als plötzlich zwei Hände nach ihm greifen. Benommen blickt Clive zu Jelko, der über ihm schwimmt und ihn vorwurfsvoll anblickt. Jelko versucht, zu ihm zu sprechen und doch erreichen seine Worte nur gedämpft Clives Gehör. Was der junge Kommandant auch sagt, der Alchemist kann es unmöglich wiedergeben. Jelko rüttelt an ihm, verzieht sein Gesicht, als schreie er Clive an.

 

Versteht sein Geisterkumpane denn nicht, dass es Zeit ist, aufzugeben und endlich zu ruhen? Clive wollte gerade seine Augen schließen, als Jelko ihn erneut kräftiger durchrüttelt. Die Hand des Kommandanten gräbt sich in Clives Hemd, als fürchtet er, den Alchemisten zu verlieren. Den anderen Arm hält er ausgestreckt. Mit Jelkos konzentriertem Blick folgt eine Druckwelle, die seine ausgestreckte Hand verlässt und an Clive vorbeirauscht. Eine Druckwelle, die für Antrieb sorgt und womit die beiden Geister hinauf befördert werden, sodass sie nur noch wenige Meter vor der Bodenfläche treiben.

 

Kaum verlassen die beiden die Dunkelheit, wird Clives Kopf klar. Die Erkenntnis zu seinem Versagen sickert langsam ins Bewusstsein und beschämt ihn zutiefst. Jelko schenkt ihm mit der Rettung seine Lebensfreude zurück. Den Wunsch, zu sterben, schwindet. Nur hat dem jungen Kommandanten diese Aktion sämtliche Kraft gekostet. Jelkos farbloses Gesicht kündigt den Schwächeanfall an und nun sind es seine Augen, die müde zufallen.

 

Über ihren Köpfen bricht Licht an der Wasseroberfläche. Ein großer Spiegel zu der Welt der Sterblichen erstreckt sich unendlich weit. Unterhalb der Wasseroberfläche kann Clive beobachten, wie seine sterblichen  Gefährten sich aufteilen. Sie stürmen davon und der verzweifelte Blick der Fee zeigt, wie hilflos sie sich fühlen mag. Luelas blinde Bestie befindet sich nah an der Fee, zeigt jedoch keinerlei Interesse an ihr. Der Alchemist ist sich sicher, dass die Kreatur nach Jelko und ihm sucht. Da das Monster aber nicht findig wird, läuft es davon. Eine Chance, die Clive wahrnehmen möchte. Noch während er und Jelko sinken, versucht sich der Alchemist daran zu erinnern, wie sein Geisterfreund den nötigen Antrieb zusammenbrachte.



 

Bereits in einem kurzen Zeitraum konnte Clive Energie ausstoßen. Ein gefährliches Spiel, denn noch hat Clive kein Gefühl, wie viel er auf seine Fähigkeit zurückgreifen kann. Die Folge von einem hohen Energieverbrauch zeigt sich zuerst mit Konzentrationsschwierigkeiten und Abgeschlagenheit. Starke Müdigkeit wäre die Steigerung und Clive fürchtet, was dann folgen kann. Doch wird er nicht handeln, dann war Jelkos Mühe umsonst. Der tiefe Schlund unter ihnen reißt bereits sein gieriges Maul auf. Erneut wird sich keine der beiden Seelen zusammenraffen können, um zu entkommen. Die Erinnerungen und das Gefühl aus dem kleinen Gefecht mit Luela helfen Clive bei seiner nächsten Aufgabe. Bis er Kräfte wie Jelko wirken kann, benötigt Übung und Erfahrung. Dennoch kündigt sich die Kraftwelle an, das Druckgefühl wandert durch seinen Arm. Seine Muskeln drohen zu zerreißen und sein Arm zu brechen, dennoch reicht seine Druckwelle aus, um zurück an die Erdoberfläche zu gelangen. Wie eine Kanonenkugel werden sie achtlos zu Boden gedonnert, fallen diesmal nicht durch die Bodenschichten zurück ins Wasser. In seiner Welt wäre seine Kleidung gefühlt tonnenschwer und klitschnass, aber als Geist sieht dies anders aus. Denn Clive war niemals wirklich nass, dennoch fühlt er sich befreit an. Über dem Wasserspiegel fällt ein schrecklich schweres Gewicht von ihm. Eine Last, die seine Atmung erschwerte.

 

Obwohl die Nässe Clive verschonte, keucht und hustet er. Seine Lungen fühlen sich gierig mit Luft wie bei Jelko. Sein Geisterkumpel macht zwar einen erschöpften Eindruck und doch wirkt sein Blick klar. Auch Clives Zustand wirkt bedenklich. Geschwächt und müde von der Aktion kniet der Geist des Alchemisten am Boden. Noch scheitern seine Versuche, sich zu erheben. Er kann dankbar sein, dass der Weg aus lehmigem Boden besteht und kein Kopfsteinpflaster ist. Ansonsten wäre der Sturz nicht ganz so glorreich ausgegangen. Zeit zum Ruhen bleibt eigentlich keine. Doch Clive erreicht das Limit. Seine Glieder scheinen ihm nicht länger zu gehorchen. Ein Blick auf die Arme und das starke Zittern scheint er bislang ausgeblendet zu haben. Eine  Pause muss her. Ein kurzer Moment, um durchzuatmen und Kraft zu tanken. Ähnlich wie bei Jelko. Auch der Kommandant liegt regungslos auf dem Boden. Er mag atmen und doch vor sich hin dösen. Daher nimmt sich Clive an ihm ein Beispiel und legt sich auf den Rücken. Den Blick hoch zum Himmel gerichtet, der sich langsam klärt. Feuchtigkeit liegt in der Luft.  Wege befinden sich teilweise überschwemmt. Der ausgedorrte Boden wirkt überfordert mit den vielen Wassermassen. Die Luftqualität auf dem Land und die Stille sind wahrlich wohltuend. Anders als in einer hektischen Stadt. Eine Atmosphäre, die Clive genießt und ihm hilft, seine Gedanken zu sortieren. Sina wirkt, als könne sie Hilf gebrauchen. Vielleicht sollte er sie aufsuchen. Oder unterschätzen Rebecca und Cuno womöglich doch die Gefahr? Eine Entscheidung muss her. Wen könne er wohl besser unterstützten?



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