Kapitel 35
Die Frist ist abgelaufen und wie vereinbart befindet sich Skyla im Schlepptau. Wie gerne würde sie jetzt kehrtmachen. Dieser Besuch kostet ihr unglaublich viel Überwindungskraft. Denn an ihrem freien Tag darf sie sich mit Milans idiotischem Mitbewohner treffen. Jede Faser in ihr schreit danach, umzudrehen. Allein an Justin zu denken, bringt ihr Blut zum Kochen. Von allen Leuten, die Skyla bisher getroffen hat, ist er der wohl unverschämteste Kerl auf der ganzen Welt.
Das meterhohe Unkraut verrät ihr, dass sie sich bei der Adresse nicht geirrt haben. Viel fehlt nicht mehr, dann braucht Skyla eine Machete, um diesen Dschungel überhaupt passieren zu können. Ein Geistesblitz überwältigt Skyla.
Was wenn es einen Grund gibt, dass ihr das Unkraut fast bis zur Hüfte geht?
Vielleicht verstecken sich dort die Drachen. Es heißt ja nicht, dass es sich um große, feuerspeiende Echsen handeln muss. Sie können ebenso klein und niedlich sein. Mit Unbehagen tritt Skyla durch das hohe Gras. Sie scannt ihre Umgebung und befindet sich auf der Lauer. Ein Rascheln macht sie ganz nervös und bringt ihre Nerven zum Flattern. Wie eine erschrockene Katze springt sie zurück, als ein Hase ein Stück weit vor ihren Füßen vorbeihuscht, um schnell wieder zu verschwinden.
Ihr Begleiter nähert sich ihr mit einem fragenden Ausdruck. Damit Skyla nicht mal einen Hauch einer Chance hat, davonzulaufen, ist Milan persönlich vorbeigekommen, um sie abzuholen und zu diesem Schreckenshaus zu eskortieren.
„Darf ich fragen, was du da machst?“
„Gebe mir einen Rasenmäher und Gartenwerkzeug, dann bringe ich euren Vorgarten auf Vordermann. Oder ich hole meine Oma hier her, die wird sich dieses Trauerstück nicht lange ansehen und diesen Ort in ein Paradies verwandeln!“
„Nett gemeint. Aber nicht nötig. Wir bleiben nicht lange.“
Ein Detail, das Skyla noch immer Magenschmerzen bereitet. Milan hat es bereits angekündigt und doch will sie sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass sie durch das halbe Land streifen. Die Thematik droht erneut ihre Laune zu trüben, daher wählt sie besser schnell ein Themawechsel.
„Dieses Haus hat etwas von einem Spukhaus! Die Fassade bröckelt sogar schon!“
„Es ist kein Spukhaus“, möchte der Geisterjäger klarstellen, „hier kann gar nichts Übernatürliches rein.“
„Hier will auch nichts Übernatürliches rein! Denn selbst Dämonen oder Geister würden sich vor diesen Ort fürchten!“
Milan blinzelt sie an und macht kehrt, um neben ihr zu stoppen. Schließlich betrachtet er das Haus mit einem schiefen Kopf und schweigt sie einige Minuten an.
„Naja“, beginnt er mit seinem albernen Grinsen. „Ein Haus muss ja nicht unbedingt von außen beurteilt werden. Innen ist es doch gemütlich.“
In was für einen Film lebt er? Von wegen! Die Inneneinrichtung ist überhaupt nicht gemütlich. Sondern trostlos, leer und lieblos.
Skyla beobachtet mit aufgeblasenen Wangen, wie Milan zur Tür schreitet. Er schließt den Eingang auf und lauscht der biestigen Fee, die dem süßen Geisterjäger ins Ohr flüstert. Kurz darauf blickt Milan erschöpft zurück und hält Skyla zuerst die Tür auf. Da sie nicht reagiert, winkt er sie mit dem Zeigefinger zu sich. Unbewusst schüttelt Skyla ihren Kopf, schließlich verschränkt sie die Arme protestartig vor ihrer Brust. Aus dem Winkel hinter der Tür löst sich eine Gestalt und tritt ins Licht. Ihre Augen werden schmal, als sie Justin erfassen. Er muss sie bereits erwartet haben und hat die schlechte Angewohnheit zu lauschen. Daran zweifelt Skyla nicht.
Die Bohnenstange trägt tatsächlich Hemd und Krawatte und provoziert sie mit diesem langgezogen Grinsen, sodass ihre Beine von allein reagieren und sie zum Gehweg tragen. Mit einem athletischen Sprung über den Gartenzaun versperrt Milan ihr den Weg. Da Skyla die andere Richtung für ihre Flucht in Anspruch nehmen möchte, muss er schnell reagieren. Er fängt sie auch noch zu ihrem Pech im nächsten Augenblick ein. Seine Arme legen sich von hinten um sie, greifen zu und halten Skyla gefangen, als wolle er sie nie mehr freigeben. Dreist legt Milan seinen Kopf auf ihre Schulter.
„Ich bitte dich, rede mit ihm, Süße.“
„Dann soll er nicht so grinsen!“
Milan wirft einen verzweifelten Blick zu Justin, der ihn erwartungsvoll beobachtet.
Tatsächlich ändert Milan seine Strategie, denn er bietet ihr an: „Ich bin bei dir und ich werde nicht von deiner Seite weichen. Wenn es dir hilft, dann halte ich deine Hand.“
„Ich bin doch kein kleines Kind mehr!“, reagiert Skyla empfindlich darauf.
Ein lässiges Schulterzucken und schon flötet er: „Ist doch nichts dabei.“
Skyla atmet kurz tief durch, bevor sie doch auf sein Angebot zurückkommen möchte: „Aber wenn du so sehr darauf bestehst, dann werde ich deine Hand halten.“
Kaum dreht sie sich um, lächelt er sie verzaubert an, woraufhin der Geisterjäger einen zornigen Blick von ihr ernten muss. Milan nimmt sich die Freiheit und ergreift ihre Hand, schließlich führt er Skyla ins Jägerhaus.
Geduldig lässt Justin die beiden eintreten sind und schließt hinter sich die Tür. Bislang kennt Skyla nur die Diele und die Küche. Das Wohnzimmer und andere Räumlichkeiten blieben ihr bislang verborgen. Daher beobachtet Skyla mit großer Neugier, wie Milan eine geschlossene Tür öffnet. Skeptisch tritt Skyla in den erstaunlich leeren Raum hinein. Ein kleiner Aktenschrank befindet sich in einer Ecke und mittig des Raumes steht ein seltsamer Tisch. Zwischen dem Tischgestell und der Tischplatte blickt von allen vier Seiten eine Decke mit niedlichem Katzendruck heraus. Auf der Oberfläche bekommt der Laptop Gesellschaft von einer dampfenden Tasse Tee. Die Räumlichkeit wirkt zu groß für ein Schlafzimmer. Eine Drehung und sie macht sogar ein unauffälliges Board aus. Sauber, aber völlig leer, und doch liegt auf der Ablage eine Vielzahl an Folienstiften.
„Euer Arbeitszimmer?“
„Kann man so sagen. In diesem Raum halten wir uns häufig auf. Hier wird geplant, gegessen und gearbeitet. Wir hatten sogar mal einen Fernseher, aber den hat Boru zerstört.“
Skyla blinzelt verdattert und glaubt, er scherze. „Dein Drache?“
„Ja, er hat sich mit Mia gestritten. Du ahnst nicht, was für ein Chaos die beiden angerichtet haben“, nuschelt Milan und bläst gefrustet die Wangen auf, als trauere er dem Fernseher nach.
„Du sagtest, hier innen sei es gemütlicher“, erinnert sie ihn ungläubig.
Er nickt grinsend und winkt sie zu dem Tisch heran.
„Komm schon her, Süße. Das hier ist ein Kotatsu. Unter dem Tisch befindet sich eine elektrische Heizung. Ziemlich praktisch für kalte Tage.“
Tiefe Enttäuschung wurzelt in ihr. Das Lächeln, was sie ihm schenkt, beherbergt viele Gefühle. Mehr Mitleid. Dieser Ort hält ihr vor Augen, wie gering Milans Erwartungen sind. Er gibt sich mit wenig zufrieden. Lebt bescheiden. Eigentlich bemerkenswert und vorbildlich. Doch für Skyla ein trostloser Ort. Mehr gespenstig, als einladend. Auch wenn Skyla das Möbelstück vor ihnen interessant findet, fühlt sie sich wenig willkommen. Der Aufenthalt mag nicht lange geplant sein und doch könnte ein wenig mehr Komfort nicht schaden. Dieser Tisch scheint die einzige Sitzmöglichkeit weit und breit zu sein. Anders als die Esstische, die Skyla kennt, ist dieses Exemplar zu niedrig, dass Stühle nicht gebraucht werden. Das erklärt wahrscheinlich auch die Sitzkissen am Boden. Es gibt keine Couch und auch keine Essecke, woraufhin Skyla sich sicher ist, dass dieser beheizte Tisch zum Zentrum der beiden Mitbewohner wird. Hier wird gegessen und gearbeitet.
Charmant ist das Lächeln seitens Milan. Trotz starker Abnutzung erweist sich das Sitzkissen als bequem und es wirkt kurz wie ein gemeinsamer Moment nur zu zweit. Milans Sonnenschein steckt sie sogar an. Ihre Mundwinkel heben sich und erneut mag sie sich in seine Augen verlieren, als plötzlich eine lästige Stimme die Blase aus Glück zum Platzen bringt.
„Mädchen, Zeit, dass du dich an den Herd stellst“, findet Justin und nähert sich ihr.
„Darf ich ihn hauen, Milan?“, fragt Skyla den süßen Geisterjäger und lässt ihre Fingerknochen knacken.
Milan mag noch Lächeln, doch versteckt sich ein flehender Unterton in seiner Stimme, als er seinen Mitbewohner bittet: „Bitte gebe dir Mühe, Justin.“
„Wozu? Türen und Fenster sind abgesperrt. Sie kommt hier nicht ohne uns raus.“ Justins Augen werden schlagartig dunkler und sein düsterer Blick klebt nun auf Skyla, die unbewusst mit den Zähnen fletscht. „Sollte die Göre uns auf die Nerven gehen, fesseln wir sie.“
Skylas Augen weiten sich vor Entsetzen. Alte Ängste keimen auf, schließlich könnte Milan ihr nur etwas vorspielen, um heute entführt zu werden.
„Das meint er nicht ernst“, will Milan seine Freundin beruhigen.
Justin fällt ihm jedoch in den Rücken: „Irrtum, aber fordert es gerne heraus.“
„Nein, das meint er nicht!“, knurrt Milan und wirft seinem Mitbewohner einen zornigen Blick zu.
Justin bleckt die Zähne. „Du bist viel zu weich, Milan! Hey Göre, ich meine das voll und ganz ernst!“
„Hör auf, Justin! Ich habe sie wirklich gern! Also verbaue mir das nicht!“
Justin zuckt jedoch gleichgültig mit seinen Schultern. „Gut, sie ist hübsch. Meinetwegen habe deinen Spaß mit ihr. Aber als ob sie dir etwas bedeuten würde. Bei all den Weibern, die du bereits hattest, mag ich das zu bezweifeln.“
Mit verkrampften Herzen erhebt sich Skyla und blendet kurz die hitzige Diskussion zwischen den zwei Kerlen aus, denn ein Blick auf ihr Handy lässt sie schlucken. An diesem Ort hat sie keinerlei Empfang und somit die Möglichkeit, um Hilfe zu rufen. Sollte Justin wahrsprechen, dann stehen ihre Chancen zur Flucht verdammt schlecht. Noch wirken die beiden abgelenkt, somit bietet sich ihr Zeit, die Sache mit den Türen und Fenstern zu überprüfen. Schnell ist das erste Fenster angesteuert und es rührt sich nichts, daher will sie die Haustür ansteuern.
„Wohin?“
Justin stellt ihr sich mit einem messerscharfen Blick in den Weg.
„Fort! Weit weg von euch beiden!“
„Bist du so dumm? Ich habe gerade gesagt, dass die Türen und Fenster verschlossen sind.“
„Ich bitte dich nur einmal, mache mir die Tür auf!“, fordert sie ihn gehobenen Finger auf.
Sie ahnte bereits, dass sie ihren Atem verschwendet, denn statt einer Antwort stiert ihr gegenüber. Seine Augen wirken plötzlich umso dunkler.
„Das hier wird eine Entführung richtig?“, spricht sie ihren Gedanken laut aus und verflucht im gleichen Moment ihre Naivität.
„Nein, du irrst dich, Skyla. Auch wenn ich zugeben muss, dass Justin wahrlich diesen Eindruck vermittelt. Aber wir sind keine Menschenhändler!“
Skyla will ihm glauben, doch Justins Methode kann sie nicht gutheißen. Beunruhigt wendet sie sich an Milans Mitbewohner und will verstehen: „Warum greifst du dann zu solch drastischen Maßnahmen?“
Doch ihr Gegenüber schweigt eisern, bis Milan seinen Namen schimpft.
„Anders als bei Milan endet meine Geduld. Schlage dir die Flucht besser aus dem Kopf, denn ab heute bin ich dein Schatten, der dich überallhin verfolgt. Deine Zukunft liegt nun in meinen Händen. Zu deiner eigenen Sicherheit rate ich dir, besser mit uns zu kooperieren.“
Nichts davon ergibt für Skyla Sinn. Sie ist somit weniger schlauer als vorher. Dennoch mag sie die Drohung nicht auf sich sitzen lassen.
„Sonst was?“
Justin legt den Kopf zur Seite und starrt sie an, als sei sie begriffsstutzig.
„Hatte ich doch erwähnt oder? Ansonsten stellen wir dich ruhig.“
Er fordert Gefügsamkeit und scheint von seinen Entscheidungen absolut überzeugt zu sein. Doch wird Skyla sich nicht wie eine Gefangene behandeln lassen. Alle Bedingungen zur Notwehr sind gegeben. Ein Schulterblick zeigt, dass sich Milan nähert. Zwar mit Reue im Gesicht, als sei er mit der Situation nicht zufrieden und doch lässt sich schwer erkennen, wem er beistehen wird. Skyla will nicht darauf bauen, dass er ihr tatsächlich Unterstützung bietet. Daher rechnet sie mit zwei Entführern.
Um der Situation zu entkommen, will Skyla Justin überwältigen. Sie versucht es mit einem Tritt. Gekonnt weicht Justin ihr aus. Fast, als hätte er dies vorher gesehen. Einige Sekunden später bekommt sie schon gar nicht mehr mit, wie er es schafft, so plötzlich hinter ihr zu stehen. Justin zögert nicht, was es ihr schwer macht, ihn kommen zu sehen. Aber Milan rettet Skyla, indem er Justins Bein abfängt. Eine Tat, die sie wahrlich aufatmen lässt, denn sie hätte nicht geglaubt, dass Milan wirklich auf ihrer Seite steht.
Obwohl Skyla andere Sorgen durch den Kopf gehen, liegt Milan etwas auf dem Herzen. Er mag zwar Justin erzürnt ansehen und doch spricht er zu ihr: „Ich wiederhole mich gerne noch einmal für dich, Skyla. Ich meine es verdammt ernst mit dir. Alles, was ich dir sagte, war nicht einfach daher geredet.“
Allein die Vorstellung, wie schnell Skyla gegen eine andere ausgetauscht wird, bricht ihr das Herz.
Wie konnte ich nur so blind sein? Dabei hat Lukas mich gewarnt und er hatte anscheinend Recht!
„War ja klar, dass du ein Frauenheld bist!“, ärgert sie sich laut.
Milan lässt Justin verärgert los und rät seinem Freund: „Behandle sie nicht so respektlos, Justin.“
Sein Mitbewohner lächelt amüsiert und schlägt im nächsten Moment zu, als Milan sich zu ihr umdrehen wollte. Skyla beobachtet schockiert, wie Mias Partner zu Boden fällt.
Justins Blick wird nun eisig. Er richtet seine Brille gerade und berichtet ihr: „Ich werde dir den Nahkampf beibringen und schon bald den Umgang mit einer Pistole. Du musst lernen, zu improvisieren. Jedes noch so kleine Detail kann zu deinem Vorteil werden.“
Zwar spricht er zu ihr und doch gilt Skylas Aufmerksamkeit Milan, der sich fluchend erhebt.
„Alles okay?“, fragt sie ihn besorgt.
„Der, wird schon wieder. Besser du hörst mir zu, Göre. Ich wiederhole mich nämlich nicht nochmal.“
Selbst seinem Partner gegenüber präsentiert sich Justin kaltherzig, aber Milan blickt, als gehöre die Schikane zum Alltag. Er schnauft, wendet sich aber erbost ab.
„Meist sind die Geister uns überlegen und das trotz unserer langen Erfahrung in der Branche. Einfach stehen zu bleiben und auf den Tod zu warten ist keine Option! Suche nach anderen Blickwinkeln und arbeite mit deinem Umfeld. Du wirst lernen, dich wie eine Katze zu bewegen und Hindernisse problemlos zu überwinden. Das Beschatten gehört, wie du bereits weißt, dazu. Unser Job bietet viel Abwechslung…“
Justin nimmt wahrlich keine Rücksicht, ob sie ihm folgen kann oder nicht. Als sei die Zeit sein Feind, zieht er sein Ding einfach so durch.
Das klingt ja schon fast wie eine militärische Lagebesprechung.
Einen kurzen Moment versucht sich Skyla Justin als Offizier vorzustellen. Ihr albernes Lächeln entgeht dem Miesepeter nicht, woraufhin sie kurz böse angefunkelt wird.
„…Ich bitte um Konzentration! Denn oft treffen wir auf bekannte Namen und bei den höheren Dämonen musst du ordentlich was drauf haben! All deine Begegnungen mit paranormalen Wesen oder seltsame Ereignisse schreibst du in deinem Tagebuch nieder. Ich habe dir eins organisiert, daran klebt die Rechnung.“
Er hat was?
Ungläubig beobachtet sie, wie er zum Tisch schreitet.
Und schön, dass Justin mir bereits etwas in Rechnung stellt, wovon ich noch nichts weiß!
Unter dem Laptop hat der Kerl ein knallpinkes Tagebuch versteckt, das mit ganz viel Glitzer, Einhörnern und anderen niedlichen Mädchenzeugs verziert ist. Wahrlich ein abartiger Anblick. Skyla dachte, sie wurde von ihm studiert, dann sollte er doch wissen, dass sie nicht ins typische Klischee von Mädchen fällt. Oder dieses Ding dient rein der Provokation.
Kompromisslos wirft Justin ihr das Buch zu, das sie auf gar keinen Fall fangen will. Also landet das Grauen vor ihren Füßen. Skyla wünscht sich gerade nichts anders, wie einen schwarzen Filzstift, womit sie die dämlich grinsenden Einhörner verunstalten kann. Ihre Finger fangen erneut an zu kribbeln. Überrascht beobachtet Skyla, wie das hässliche Buch zu ihr hinaufschwebt. Ein schwarzer Filzstift bricht plötzlich durch ein Fenster hindurch und bleibt neben dem Buch schweben. Die Scherben fallen klirrend zu Boden und der kalte Wind bahnt sich einen Weg hinein. Genervt deutet Justin auf den Schaden, doch das ist gerade ihre geringste Sorge. Mit weit aufgerissenen Augen blickt Skyla auf die fliegenden Objekte vor ihrer Nase. Sie blinzelt diese ungläubig an. Mit ihren Händen wedelt sie durch die Luft, um irgendwelche Fäden ausfindig zu machen. Irgendwann muss Skyla der Wahrheit ins Gesicht blicken, denn das Buch und der Stift schweben in der Luft als liegen diese auf eine günstige Luftströmung.
„Das stelle ich dir auch noch in Rechnung!“
Bei Justins Gejammer, fletscht Skyla erzürnt die Zähne. Daraufhin macht sich der Filzstift neben ihr selbständig. Er schwebt zu einer Wand und kritzelt diese mit nur einem Satz voll: Ich hasse dich!
Einen langen Moment sehen sie dem fliegenden Stift zu, bis die kleine Fee in Aktion tritt und versucht, das Werkzeug zu stoppen. Mit hochrotem Kopf kämpft sie damit, diesen von der Wand zu ziehen. Justin setzt sich daraufhin in Bewegung und eilt ihr zur Hilfe, doch der Stift rührt sich selbst bei ihm nicht. Vielleicht auch nur, weil er sich kaum Mühe gibt, denn es wirkt nicht auf Skyla, als würde er mit aller Kraft daran rütteln. Anders als er sieht Milan einen anderen Lösungssatz. Er überwältigt Skyla, indem er ihr Gesicht in die Hände nimmt. Ganz sanft, als sei sie eine zerbrechliche Puppe. Die Entschlossenheit, die sie durch seine Augen anstarrt, macht Skyla ganz verlegen.
„Beruhige dich bitte, Skyla.“
Dahinter steckt kein Vorwurf, sondern nur reine Fürsorge. All der Zorn auf Justin verfliegt und somit die Macht, die den Stift antreibt.
Mit dem darauffolgenden Lächeln belohnt Milan sie genug. Aber auch diesen schönen Moment zerstört Justin, in dem er laut in die Hände klatscht und emotionslos zu seinem Partner spricht: „Wie schön, Milan. Du kannst zur Abwechslung mal deinen Kopf benutzen.“
Milans rechtes Auge beginnt zu zucken. Sicherlich schluckt er eine Menge Frust hinab, denn von seiner Seite aus kommt nichts. Daraufhin dreht sich Justin zu Skyla und funkelt sie zornig an. Er schnauft und schüttelt enttäuscht den Kopf.
„Sieh an, wir haben nun ihre Kräfte zu Gesicht bekommen. Wie nervig! Sie muss lernen, ihre Gefühle im Griff zu kriegen.“
Kaum spricht er zu Ende, lässt sich Skyla auf ein Blickduell ein. Denn sie kann genauso wütend hinein blicken wie er.
Als lege Justin noch eine Schüppe drauf, begibt er sich zum Board und hält einen der Folienstifte hoch. „Kaum zu glauben, aber du hättest dich auch bei uns bedienen können. Musste es unbedingt ein Permanentmarker sein? Ich bezweifle, dass wir die Sauerei wegbekommen. Freue dich schon mal aufs Streichen.“
Mia betrachtet Skylas Werk summend und sieht dies anders: „Du unterschätzt mich, Justin. Ich kriege die Sauerei schon weg. Nur solltest du mir Sorgen hinter all dem Hass dahinter machen. Pass auf, dass sie nicht plötzlich in der Nacht an deinem Bett steht und dich erdolcht.“
„Das würde ich niemals tun!“, platzt es aus Skyla.
Aber Justin zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Soll sie doch versuchen, ich habe bereits viele Mordanschläge überstanden.“
Mia kichert leise. „Wohl wahr.“
Die kalte Jahreszeit lässt Milan ordentlich frösteln, woraufhin er sich mit einer Bitte an seine Fee wendet: „Mia, repariere bitte das Fenster.“
Ein Augenrollen und das kleine Insekt dreht ihren rechten Zeigefinger. Glitzerstaub wirbelt damit auf. Jede einzelne Glasscherbe erhebt sich auf ihren Willen hin und schwebt zum Fensterrahmen. Wie ein Puzzle setzt sich dieses zusammen. Die Risse verblassen zuerst, bevor sie ganz verschwinden. Denn die Scherben verschmelzen miteinander. Das Ergebnis ist eine funkelnde, nagelneue Fensterscheibe. Skyla betrachtet diese baff. Wie praktisch solch eine Magie doch sein kann. Mit schmalen Lippen dreht sich Mia zu der bekritzelten Tapete. Mühselig befreit sich Buchstabe für Buchstabe von der Wand und klatschen auf den Boden auf, um kurz darauf zu Justin zu laufen, der mit einem großen, leeren Gurkenglas zurückkommt. Nach und nach verschwinden die Buchstaben in dem Einmachglas, bis keiner mehr von ihnen übrig bleibt. Skyla glaubt, sie träumt. Ungläubig betrachtet sie den Buchstabensalat im Behälter.
Kaum schraubt Justin den Deckel drauf, folgt ein Ratschlag an seinen Mitbewohner: „Jeder rät dir davon ab, einer Hexe das Herz zu brechen. Ich rate dir, breche der Göre nicht das Herz.“
„Das habe ich nicht vor!“, bringt Milan zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Doch Justin wirkt nicht überzeugt. „Das sagst du immer.“
Skyla erwacht aus ihrer Starre mit einer Frage: „Also bin ich keine Hexe?“
„Richtig gehört. Du bist ein Medium“, bestätigt Justin.
Doch für Skyla sieht das anders aus. „Wie kannst du dir sicher sein?“
„Eine Hexe verwendet Zauberformeln, um Energie freizusetzen. Alternativ können Symbole aufgemalt werden, die wie Akkus aufgeladen werden. Doch ich sehe kein Symbol an dir. Ein Medium kann sofort und ohne Einschränkungen auf die Macht zurückgreifen.“ Justin seufzt jedoch, denn er hält ein Detail für entscheidend. „Das mag toll klingen, aber unterschätze den Prozess nicht. Denn dein Körper kann großen Schaden davon tragen. Nasenbluten solltest du ernstnehmen. Ein Warnsignal, dass du übertrieben hast und Ruhe brauchst.“
Skyla nickt dankbar für die Information und will seine Warnung ernst nehmen. Da er gerade so gesprächig ist, mag sie in Erfahrung bringen: „Und gibt es auch Unterschiede zwischen den Fähigkeiten einer Hexe oder einem Medium?“
Die Augen ihres Gegenübers werden schmal und nun folgt ein Vorwurf: „Informationen sind teuer! Du willst mehr über dich wissen, dann musst du uns entgegenkommen.“
Milan tritt mit einem Lächeln heran. Er beugt sich über Skylas Schulter hinab und flüstert ihr ins Ohr: „Deshalb bittet er dich um eine Mahlzeit. Zwar sehr unhöflich, aber eigentlich versucht er dir entgegen zu kommen, damit es nicht ganz zu teuer für dich wird. Sollte die Welt der Hexen und Hexer herausfinden, dass hier kein Tauschhandel entsteht, könnte er in Schwierigkeiten kommen.“
Verwundert hebt Skyla ihren Kopf und sieht den Missmut in Justin Blick, dem er seinen Partner entgegen schmettert. Während Milan sorglos vor sich hin lächelt.
Und doch spricht Skyla eine Vermutung aus: „Das sagst du doch nur, weil dir mein Essen gut schmeckt, Milan.“
Ehrlich nickt der Angesprochene. „Du bist eine großartige Köchin und daher kann ich es kaum erwarten, wenn du den Kochlöffel schwingst. Aber nicht jetzt, denn schau mal auf deine Hände.“
Ein Blick hinab und Skyla registriert das Zittern erst jetzt. Mia hat den Filzstift aufgehoben und den Deckel draufgesetzt, schließlich fliegt sie mit diesem zu Skyla, die den Stift verwundert entgegennimmt.
„Danke“, gibt sie überwältig von sich.
„Du solltest dich vielleicht setzen“, findet Milan.
Er führt Skyla zu dem Kotatsu, wo die beiden sich auf eins der vier Kissen vor dem Tisch hinsetzen. Justin räumt den Laptop weg und knallt ihr das Tagebuch direkt vor die Nase.
„Statt mich so doof anzustarren, könntest du all die neuen Informationen ins Buch kritzeln!“
„Hat dir jemand schon gesagt, wie nervtötend du bist?“, fragt Skyla ihn erzürnt.
„Freu dich, Göre, wir sehen uns jetzt jeden Donnerstag. Dafür, dass ich dich ausbilde, wirst du uns bekochen“, fordert dieser unverschämte Kerl.
„Das sollte doch wohl eher anders herum sein! Schließlich bin ich nicht freiwillig hier! Du solltest eher dankbar sein, dass ich dir nicht an die Gurgel springe!“
Skyla erhebt sich erzürnt, denn sie möchte mit diesem Kerl auf Augenhöhe sein.
Justin belächelt dies. „Du hast ein freches Mundwerk.“
„Gewöhne dich daran! Du darfst mein freches Mundwerk jetzt jeden Donnerstag ertragen!“
„Du bist mutig. Gut. Mal sehen, wie du die Ausbildung überstehst. Erst mal brauchst du einen Schutzgeist“, erinnert Justin sie streng, „der Bär will dich übrigens sprechen.“
Milan erwähnte das kleine Monstrum bereits und doch weiß Skyla nicht, was sie davon halten soll. Dass es sich bei dem Stofftier um einen Dämon handelt, hat sie schließlich nicht vergessen.























































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