Kapitel 37
Schlafmohn – ein Mittel, worauf Rebecca in Zukunft öfter zurückgreifen wird. Laut Clive wird der Inhalt des Beutels ihre Feinde umhauen, die Kinder werden schläfrig zusammenbrechen und niemand wird zu Schaden kommen. Wären da nicht die zwei Deppen auf dem Dach. Die Zusammenarbeit zwischen den zwei Jungen betrachtet Rebecca als störenden Faktor. Während der Junge, der ihr einen Kinnhaken verpasste triumphierend über beide Ohren grinst, behält das andere Kind jeden ihrer Schritte im Auge. Ein unheimliches Starren. Stumm und vom Geiste her klarer als so manche Seele. Rebecca stuft ihn als die größere Bedrohung ein. Ein Junge, der seinen Kopf einschalten vermag. So oder so, Rebecca muss auf das Dach. Wie lästig.
In aller Ruhe umrundet sie das Haus, sucht dabei nach Schwachpunkten in der Fassade, Löchern oder anderen Öffnungen. Die Fenster sind jedoch mit Brettern verbarrikadiert. Ganz langsam tastet sich Rebecca an den Holzwänden entlang und drückt ihr Ohr an die Wand. In der Hütte hört sie viele kleine Schritte, ein Kratzen und ein Husten. Ob es sich hierbei um ein kleines Waisenhaus handeln mag? Das schleifende Geräusch, wenn auch gedämpft, kommt ihr unheimlich vertraut vor. Erschrocken nimmt Rebecca Abstand von den Wänden, genau rechtzeitig. Denn eine Schwertklinge bohrt sich erbarmungslos hinaus und bleibt in der Fassade stecken.
Die Kinder müssen Ohren wie ein Luchs haben und wie Rebecca bereits festgestellt hat, sind sie sehr aufmerksam. Auf dem Dach werden bereits Teile der Innenausrichtung gelagert und Rebecca lobt im Stillen ihre Kreativität. Also macht sie sich auf die Suche nach großen Steinen und beginnt damit die zwei Kinder auf dem Dach zu beschießen. Vor den herabfallenden Gegenständen geht eine ernste Gefahr aus. Solange, bis die beiden Kinder am Ende mit leeren Händen dort oben stehen.
Während der kräftige Junge Nachschub holt, erblickt Rebecca eine Chance. Da kommt ihr die Monsterkatze genau rechtzeitig. Rebecca beugt sich hinab, schnappt sich eine Hand voll Dreck und stürmt voran. Mit Anlauf springt sie auf den Kopf des Riesenkaters, ignoriert Cunos Flüche und freut sich, dass Amon den Kopf so schön in die Höhe streckt. So gelangt Rebecca mit nur einem Sprung aufs Dach. Eine geübte Landung mit einem provozierenden Lächeln für das Kind mit der Sichel. Als Sprungbrett missbraucht zu werden, scheint dem Kater zu missfallen. Zornig schlägt die Riesenkatze auf das Dach und sorgt für ein riesiges Loch zwischen dem Kind und der Diebin.
Rebecca will die Unterbrechung schweigend hinnehmen, als plötzlich alle Sicherungen bei dem kräftigen Kind durchdrehen. Der schwarzhaarige Junge springt mit Anlauf auf die Riesenkatze, die vor Schmerzen jault, als Cuno sein Schwert durch ihre Pfote sticht. Nun prügelt das schwarze Kind auf den Kater ein, zerrt an dem Fell, während Amon neben seiner schmerzenden Pfote dafür sorgt, den Jungen von sich zu schmeißen. Das Kind mit der Sichel springt über das Loch hinweg und bevor er zum Angriff übergehen kann, bewirft Rebecca den Jungen mit Dreck. Während der Blondschopf die Augen zukneift, entwaffnet sie den Knirps geübt mit wenigen Griffen. Der Moment der Überraschung sei ihr gegönnt. Doch auf dem Dach bringt ihr der Junge sehr wenig. Daher befördert sie ihn mit einem Tritt hinab durch das Loch und holt die Schleuder hervor. Der Beutel mit dem Schlafmohn wird mit Wucht ins Haus katapultiert, wo er aufspringt und sich die gewünschte Wirkung entfaltet. Die Kinder husten, poltern, Geschirr geht zu Bruch und dann tritt Stille ein. Einen Moment, den Rebecca nutzt, um die Sichel in ihrer Hand zu begutachten. Nichts Hochwertiges. Einfaches Bauernwerkzeug. Perfekt für den Verkauf bei einem reisenden Händler. Je hochwertiger, desto misstrauischer werden die Kaufleute.
Kaum wird die neue Waffe verstaut, setzt sich Rebecca gemütlich auf die Dachkante und beobachtet beeindruckt, wie das letzte Kind wahre Stärke beweist. Der schwarzhaarige Junge wirbelt den gigantischen Kater am Schwanz durch die Lüfte. Mit ordentlich Schwung, bis Amon kreischend abhebt. Der Riesenkater fliegt soweit durch die Wälder, dass Rebecca diese aus den Augen verliert. Eine Leistung, die das Kind nur dank der Hexe vollbringen sollte. Dennoch beeindruckend. Auch Cuno staunt. Der Paladin blickt, als würde er nicht glauben, was er zu sehen bekommen hat. Während das Kind die Hände in die Hüfte stemmt und freudig lacht, als Rühme es sich in der Stille des Entsetzens. Rebecca freut sich tatsächlich für das Kind und vergisst für einen Moment die Gefahr. Bis das Lachen verstummt und der Kleine ihren Kindheitsfreund finster anstarrt. Cuno schluckt laut und läuft respektvoll drei Schritt rückwärts. Er steckt sein Schwert weg und ruft verzweifelt nach Rebecca.
„Das schaffst du, Cuno! Es ist nur noch ein Kind, ein Klacks!“
Das Kind stürmt grölend auf den Paladin zu, der seine Beine in die Hand nimmt und panisch davon läuft, weil er sich sicherlich nicht anders zu helfen weiß. Rebecca prustet los und beobachtet begeistert, wie Cuno in Schlangenlinien läuft.
„Oh du großer Krieger.“ Die Diebin erhebt sich amüsiert. „Kriegst nicht mal ein Kind gebändigt. Die Barden werden sich krümmen vor Lachen, wenn sie die Strophen deiner Balladen schreiben.“
Mit Absicht streckt sich Rebecca gemütlich und zögert so viel Zeit wie möglich heraus, um sich das Spektakel länger anzusehen. Schließlich springt sie hinab, rollt sich am Boden ab und kommt ihrem Freund entgegen. Das Kind schenkt ihr keine Beachtung, denn es scheint seinen Spaß an Cuno gefunden zu haben. Rebecca kann ganz gemütlich zuschlagen, woraufhin der Junge genervt stehen bleibt. Verwundert blickt Rebecca auf, denn einer der Schwachpunkte am Hals wurde genau getroffen und jeder normale Mensch hätte nach dieser Aktion das Bewusstsein verlieren sollen. Solch einen Punkt am Genick verfehlt Rebecca schließlich nicht. Sie traf auf ungewöhnlich harten Widerstand. Auf Muskeln wie Stahl.
„Seltsam“, staunt sie laut und beobachtet baff, wie der Junge auf einen Baum zuschreitet.
„Rebecca!“, wimmert Cuno. „Was passiert hier?“
Auch ihr verschlägt es die Sprache, als tiefe Baumwurzeln nachgeben und trockene Erde aufreißt. Das Kind hebt mit wenig Anstrengung einen naheliegenden Baum aus dem Boden. Ein gewaltig großes Exemplar. Das Kind schwingt diesen mit einer Leichtigkeit, sodass für Cuno und Rebecca zum Ausweichen gezwungen werden. Die beiden Kindheitsfreunde lassen den Kleinen eine Weile austoben, bis seine Bewegungen schwerfälliger werden. Was bleibt ihnen auch anders übrig? So werden sie nichts ausrichten. Vorher wäre jeder Annährungsversuch reiner Selbstmord oder sie kassieren wie Amon eine Flugstunde. Dabei mag Rebecca der Hexe eigentlich so wenig Erholungszeit wie möglich geben.
Mit viel Mühe und Not schnappt sich Cuno das Kind und hält es auf den Boden gedrückt, direkt an einen Baum. Rebecca bindet in Windeseile ein Seil um das Kind und um den Baum. Dabei macht der Paladin ihr ordentlich Druck, schließlich beißt das Kind in die Armschiene aus Stahl und verursacht dort tiefe Beulen. Nicht mehr viel und die Armschiene gibt unter der Kieferkraft nach. Ein Grund mehr den Knoten um das Seil zu verstärken. Schwitzend stehen die beiden nun vor dem tobenden Kind, das mit den Füßen auf den Boden schlägt und diesen beben lässt.
„Heftig!“, staunt Rebecca erneut und betrachtet den Kleinen.
Cuno nickt zustimmend.
Rebecca wischt sich kurz die Schweißperlen mit dem Ärmel ihres Hemdes von der Stirn. Schließlich dreht sie sich zu ihrem Freund um. „Was hat die Hexe mit den Kindern gemacht? Wenn sie mit solchen Kindern in eine Stadt einmarschiert, dann Prost Mahlzeit.“
Vor ihrem inneren Auge malt sie sich die Situation aus. Eine Stadt würde ohne Zweifel in wenigen Stunden fallen. Auch Cuno scheint sich vor diesem Gedanken zu fürchten, schließlich verliert er ganz schön Farbe im Gesicht.
Als Rebecca ihm kumpelhaft auf die Schulter klopft und nun auf das Haus zuschreitet, findet er seine Stimme wieder.
„Warte! Wo gehst du hin?“
„Naja, die Hexe lebt noch“, hält sie ihm vor Augen.
„Ach ja!“ Der Paladin seufzt laut. „Und ich hatte schon Hoffnungen, dass der Spuk endet.“
Rebecca erkennt sein Vorhaben und schnaubt. „Du willst mich begleiten?“
„Ja, der Bengel kommt klar. Wird Zeit, das Clive erwacht und ein Heilmittel findet.“
„Halte dir ein Stück Stoff vor den Mund“, rät Rebecca ihm.
„Wozu?“
„Schlafmohn.“
„Clive färbt anscheinend auf dich ab!“
„Er hatte einige nützliche Tricks.“ Rebecca zuckt mit den Schultern. „Also du darfst es nicht einatmen, sonst schläfst du ein.“
Cunos beängstigter Blick weckt ihre Neugier. Der Paladin spricht seine Gedanken bibbernd laut aus: „Und wenn ich dann erwache und du keinen Erfolg hattest, könnten die Kinder vor mir wach sein und ich wäre ein gefundenes Frühstück.“
„Gut.“ Sie lächelt zufrieden. „Du verstehst den Ernst der Lage.“
„Warum habe ich die Stadt nur verlassen?“
Dabei sehnte sich der Herr doch innig nach einem Abenteuer. Eins, das gerade erst anfängt und schon geht das Gejammer los. Genervt kassiert Rebecca die Fackel ein und begibt sich mit ihm hinein in die dunkle Höhle. Natürlich erst nachdem die beiden ihren Mund mit einem Tuch bedeckt haben. So stolpern die beiden durch die Finsternis, kämpfen bei dem starken Verwesungsgestank damit, den Mageninhalt innen zu behalten. Das Innenleben ist dunkel, chaotisch und viel zu ruhig. Ohne die Fackel wären die beiden aufgeschmissen und auch wenn ihnen die Zeit fehlt, reißen die beiden tatkräftig die Bretter von den Fenstern. Allein zu ihrem Vorteil, denn sollten sie hier in einen Kampf verwickelt werden, würden sich selbst Rebecca ein Bein brechen. Der Schlafmohn hat sich zum Glück bereits aufgelöst und stellt keine Gefahr mehr da.
Der Anblick, der sich dort bietet, erschüttert die beiden Freunde jedoch. Auf dem klebrigen Boden befinden sich überall Knochen, Blut und andere Körperflüssigkeiten. Als hätte ein Sturm im Haus gewütet, liegen Möbel und Gegenstände quer verteilt. Es ist ein reines Schlachtfeld. Und mitten drinnen unzählige Kinder. Alle schmutzig und verwahrlost. Zu ihrer Verwunderung bekommen sie Gesellschaft von einigen Dorfbewohnern, darunter Feline, die den Leuten Vernunft eingesprochen hat. Nachdem die Fremden den schrecklichen Anblick verarbeitet haben, schnappen sich die Bewohner wortlos ein bewusstloses Kind nach dem anderen und schaffen sie hinaus ins Freie. Das Haus besitzt kein Obergeschoss und Luela lässt sich nirgendwo finden. Daher bleibt nur eine Möglichkeit. Cuno und Rebecca stoppen ehrfürchtig vor einer Kellertreppe und nicken sich stumm zu, bevor sie gemeinsam die Stufen hinabschreiten. Unwissend und nicht bereit für das, was sie erwartet.






























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