Kapitel 39
Die Luft flirrt. Der klumpige Boden fühlt sich zuerst mollig warm an, aber die Hitze wird von Sekunde zu Sekunde unerträglicher. Die leichten Bodenerschütterungen verhindern, dass Clive trotz des bereits heißen Bodens einschläft. Schlafgetrunken dreht sich der Alchemist auf den Rücken und blickt sorglos in den rötlichen Himmel. Bis zur nächsten Erschütterung. Mit einem Mal sitzt er kerzengerade. Aus Angst vor dem bebenden Boden. Mit Sorge betrachtet er seine Umgebung. Die Temperaturen steigen bedrohlich und an vielen Stellen entstehen bereits kleine Risse im Boden. Besser, der Alchemist handelt schnell und weckt Jelko, denn sein Instinkt rät ihm, schnell zu verduften. Es braucht jedoch einige Anläufe, bis Clive seinen Geisterkumpel wach bekommt. Immer wieder knurrt der Boden wie ein revierverteidigender Wolf. Durch die Risse treten Rauchschwaden heraus, giftige Gase. Die Gesteinsplatten werden brüchig und glühendes Licht bahnt sich an einige Stellen einen Weg hinaus. Alles spricht für eine vulkanische Aktivität.
Kaum wach, schlägt Jelko die Arme über den Kopf und flucht laut: „Nein! Nein! Nein! Verdammt!“
„Wir sollten von hier verschwinden“, drängt Clive.
Doch statt die Gefahr ernst zu nehmen, weiten sich Jelkos Augen vor Entsetzen. „Damit ist dein Untergang besiegelt, Clive.“
„Wie kommst du darauf?“
„Luela wird diesen Ort vernichten. Sie stiehlt die Energie in dieser Umgebung für einen mächtigen Zauber. Wenn eine Hexe richtig durchdreht, dann entstehen solch gefährliche Orte. Für Seelen wie uns unbewohnbare Teppiche in der Geisterwelt. Ein Ort des Unheils und das zieht eine Reihe von böser Kreaturen an.“
Clive blickt sich suchend um, Sina ist fort und von den Dorfbewohnern fehlt jede Spur.
„Lass uns Luela aufhalten“, beschließt er.
„Bist du irre! Sieh dich um! Wie sollen wir so etwas aufhalten?“
Der Alchemist erinnert sich an den verzweifelten Ausdruck in Luelas Gesicht, als er die Beherrschung verlor. Eine Konfrontation um seine Gefährten zu schützen. Geisteraktivitäten scheint Luela bislang unterschätzt zu haben.
„Luela wirkte verzweifelt, als ich sie angegriffen habe. Also sollten wir uns zusammentun und sie erneut in die Enge treiben.“
Jelko läuft hochrot vor Wut an. „Du bist wohl übergeschnappt! Die Hexe ist nun zornig und mächtig! Wir sollten uns besser von ihr fernhalten!“
Clive ballt seine Hände zu Fäusten. Er wird garantiert nicht wie ein Feigling die Flucht ergreifen.
„Also gut, dann verschwinde. Aber ich suche sie auf.“
„Schön! Wenn dir dein Leben so wenig bedeutet!“
Clive schenkt ihm kein weiteres Gehör und läuft mit großzügigem Abstand fern von den gefährlichen Dämpfen los. Die Hexe mag sicherlich angeschlagen sein und wird ihre Wunde lecken. An einem Ort der Sicherheit und da käme für ihm die Hütte am Waldrand in Frage. Luela hat sich bestimmt in ihren dunklen Keller verkrochen und wird von den Königskindern versorgt.
Einerseits bereitet der Zustand in der mysteriösen Welt, in der er wandelt, ihm große Sorge. So erschöpft Clive auch sein mag, dieser Spuk muss enden. Luelas Schreckensherrschaft muss ein Ende finden. Und selbst wenn er dieses Abenteuer nicht überleben wird, so hat Clive wenigstens versucht, etwas zu unternehmen. Er mag kein großer Krieger sein, aber diese Hexe ist eine Bedrohung für die ganze Welt. Anderseits hat er die einmalige Gelegenheit, das Ausmaß solch einer interessanten Macht zu studieren. Sein unersättlicher Wissendurst meldet sich zurück und wenn ihm doch die Zeit dazu bleiben würde, dann würde er nur allzu gern alles erforschen.
Keuchend holt Jelko ihn ein, die Erschöpfung ist ihm wie Clive ins Gesicht geschrieben.
„Sag nichts, Alchemist!“, brummt der junge Geist.
Clive geht auf seinen Wunsch ein und freut sich still und leise über die Verstärkung. Die Chancen, Luela zu trotzen steigen mit Jelkos Beistand.
Hoffnungsvoll blickt Clive zu ihm auf. „Weißt du, wo sich Luelas Unterschlupf befindet?“
„Ja“, brummt Jelko. „Folge mir.“
Unterwegs zu Luela folgen viele kleine Erdbeben. Jelko wirkt sichtlich beunruhigt. Clive kann es ihm nicht verübeln, seine Reaktion ist ganz natürlich. Es wäre schließlich bedenklich, wenn Jelko diese Gefahr mit offenen Armen gutheißen würde. Die Angst und der Fluchtinstinkt sind schließlich wichtige Faktoren, wenn es ums Überleben geht. Der Alchemist hingegen versucht, diese Veränderung hingegen zu akzeptieren und sich damit anzufreunden.
Die giftigen Gase und die glühend heiße Flüssigkeit, die in den Erdspalten zur Sicht kommt, schreien danach, erforscht zu werden. Nur ungern läuft Clive an der Gefahr vorbei. Seine Alchemistenfreunde werden staunen, sollte er die Verbindung mit seinem Körper anknüpfen können und lebend zum Magisterturm zurückkehren. Luela mag böse und gefährlich sein, aber sie vollbringt Wunder. Wären die beiden Geister nicht damit beschäftigt, eine Hexe zu jagen, würde Clive den jungen Kerl über diese Macht ausfragen. Jelko erwähnte, dass dieser Ort bösartige Wesen anzieht. Die Geisterwelt scheint viele Geheimnisse zu verbergen, Mysterien, die Clive nur allzu gerne erforschen mag. Allein die Zusammensetzung der Giftgase würde ihn brennend interessieren. Aber das alles muss warten.
Ruckartig halten die beiden inne, als sie aus der Ferne eine Menschentraube zu Gesicht bekommen. Einige Leute tummeln sich um eine Hausruine, wo sich eine riesige, schwarze Kreatur befindet. Pelzig und als sie nah genug an das Geschehen herantreten, erkennen die beiden Luelas Katze wieder. Amon liegt wie eine tote Spinne auf dem Rücken. Die Riesenkatze krachte durch Gewalteinwirkung durch das Hausdach.
„Wow!“, staunt Jelko. „Ist er tot?“
Clive nähert sich dem Kater, aber allein aus der Ferne beobachtet der Alchemist, wie sich der Brustkorb des Tiers auf und ab bewegt.
„Nein. Er lebt.“
„War ja klar!“, ärgert sich sein Geisterfreund. „Glaubst du, das waren deine Freunde?“
Auch wenn Clive Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Gefährten hat, hegt er seine Zweifel. Dennoch fehlen ihm die Informationen, um voreilige Schlüsse zu treffen.
„Schwer zu sagen.“
Jelko mustert Amon nachdenklich und findet: „Naja gut, so ist die Terrorkatze aus dem Spiel. Besser für uns.“
Clive nickt und bestätigt: „Dieser Kater wird nicht so schnell aufstehen.“
Jelko stößt einen erleichterten Seufzer aus. „Ein Glück.“
Ein Blick zurücklässt Clive jedoch erschaudern, denn die ersten Häuser haben in dieser mysteriösen Welt Feuer gefangen. Jelko folgt seinem Blick.
„Das ist erst der Anfang, Clive. Bald erhebt sich Leben aus den Flammen, böse und niederträchtige Dämonen. Sie werden aus der Macht der Hexe geboren und sind gefräßig.“
Clive runzelt die Stirn. „Woher weißt du davon?“
Da Jelko seinen Weg fortsetzt, folgt der Alchemist ihm. „In unserer Stadt da waren damals Hexenjäger auf Durchreise. Ich kam mit ihnen ins Gespräch und habe so einiges erfahren, vieles davon belächelte ich damals. Ich war so ein Trottel! Wenn wir die Hexe nicht aufhalten, dann wird dieses Dorf genauso enden wie in der Geisterwelt. Die Hexe bedient sich von dieser Seite und wird zu einer Naturgewalt. Das passiert nur, wenn sich diese Teufelsweiber richtig bedroht fühlen. Fast kaum eine Hexe kehrt in ihre ursprüngliche Form zurück, meist werden sie zu einem todbringenden Fluch. Je länger sie in dieser Form weilen, desto mächtiger wird sie. Stelle dich darauf ein, dass sie mit dem Feuer arbeiten wird. Wir müssen sie abkühlen.“
Was für Aussichten! Kaum lächelt Clive verzweifelt, hat er Jelkos ungeteilte Aufmerksamkeit.
„Der Boden ist voller matsch, weil dieser Ort zu lange der Dürre ausgesetzt wurde. Hier wirst du weit und breit kein Wasser finden“, hält der Alchemist ihm vor Augen.
Jelko nickt und legt seine Stirn in Falten, einen Moment ist es still. Nur ihre Schritte im Matsch sind zu hören.
„Naja“, beginnt der ehemalige Kommandant. „Es ist ein gutes Stück von hier fern, aber unterwegs ist die Hexe an einem See vorbeigelaufen.“
„Wie weit?“
„Eine halbe Stunde?“ Jelko grübelt. „Ich weiß es nicht.“
„Als würde uns die Hexe eine halbe Stunde lang verfolgen.“
„Was willst du sonst machen?“
„Du hast uns in den Boden geworfen und es fühlte sich an wie Wasser“, erinnert sich Clive.
Die Hoffnung auf einen guten Lösungsansatz geht in dem Moment verloren, als Jelko mit Panik in den Augen stoppt. Sein Gesicht verliert an Farbe, während er sich unheilvoll zur Seite dreht.
„Hast du den Verstand verloren?“ Das Unwetter brodelt. Jelko steigert sich augenblicklich in seinen Alptraum hinein. „Wir sollen die Hexe in die Geisterwelt ziehen? Wo sie noch gefährlicher werden könnte! Und somit unseren einzigen Rückzugsort aufgeben? Wenn dieses Monster uns findet und das wird es, wo sollen wir dann hin? Für uns gibt es nur noch diese Welt! Kein anderes Versteck! Wir wären ihr ausgeliefert!“
Ein Hinterfragen wäre vergeudete Zeit. Jelkos Gedanken sind vergiftet vor tiefwurzelnder Furcht. Einen Alptraum, den er womöglich schon mal erlebte und überlebte? Oder von einer Erzählung, die sich prägte. Doch Clive hört die Risiken heraus. Ein gewagtes Spiel. Ein wahrer Notfallplan, falls alles schiefläuft und kein anderer Ausweg mehr in Sicht wäre.
Das Hexenversteck befindet sich weit abseits des Dorfes. Genug Zeit bietet sich, um Pläne zu schmieden. Unterwegs erinnert sich Clive plötzlich an den Beitrag über die Bodenschichten. Alchemisten, die sich auf die Bodenschätze konzentrieren und die Gesteinsschichten erforschen haben interessante Beiträge geliefert, die Clive auf eine Idee bringen.
„Das Grundwasser!“
Sein Geisterfreund blinzelt verwundert. „Wovon redest du?“
„Wenn wir ein tiefes Loch in den Boden schlagen, tief genug bis zum Grundwasser, dann könnte die Hexe dort versinken.“
Jelko massiert sich erschöpft die Schläfen.
„Ein Loch?“
„Ein tiefes Loch.“
„Und dafür haben wir die Zeit?“, konfrontiert Jelko ihn tadelnd.
„Vielleicht mit unseren Geisterfähigkeiten.“
„Die kosten uns Kraft und Nerven! Sollte uns dies gelingen, was ich bezweifle, dann sind wir so am Ende, dass wir es nicht mehr schaffen, die Hexe dort reinzuwerfen.“ Jelkos Zorn klimmt augenblicklich ab. „Aber die entführten Königskinder machen das Unmögliche wahr. Drei von ihnen sind so stark, dass ein jeder Bäume ohne Probleme ausreißen kann. Ich wette, ein Loch in den Boden zu hauen, fällt denen leicht.“
Clive betrachtet Jelko misstrauisch, denn für ihn hört sich das eher wie ein Märchen an.
„Mit bloßen Fäusten?“, spricht der Alchemist seine Zweifel an.
Jelko hebt mit einem stolzen Lächeln die Arme und blickt freudig auf seine Fäuste. „Ja, unfassbar oder? Aber Luela hat mit ihren Forschungen die Sinne der Kinder verschärft und sie zu geborenen Kriegern verwandelt.“
„Nun gut“, beginnt Clive und kann einfach nicht glauben, dass er solch einem Geschwafel glauben mag. „Nehmen wir an, es wäre so. Glaubst du wirklich, dass sie uns helfen?“
Wissend schüttelt Jelko seinen Kopf. „Nein, mein Freund. Das werden sie nicht.“
Und doch lächelt dieser Kerl für Clives Geschmack freudig.
„Gibt es einen Grund für deine plötzlich gute Laune?“, interessiert es Clive.
Jelkos Grinsen zieht sich krankhaft in die Länge. „Geisterbesessenheit, Alchemist.“
Kaum ist es ausgesprochen, überkommt Clive ein unheimlicher Schauer. Es fehlt für die Dramatik nur noch ein Blitzeinschlag im Hintergrund.
So wie sein Geisterkumpel blickt, erkennt Clive, wie ernst ihm der Gedanke ist. Schockiert fasst der Alchemist zusammen: „Du willst Besitz von dem Kind ergreifen und ein so tiefes Loch in den Boden hauen, dass du das Grundwasser erreichst.“
„Ja.“
Jelko klingt zu sorglos für Clives Geschmack, denn der Alchemist hat eine Menge Bedenken.
„Bist du dazu überhaupt in der Lage?“
„Ich bin!“, verkündet Jelko stolz.
„Ist es schmerzfrei?“
„Naja, da ist dieses starke Jucken und …“
„Ich rede über das Kind!“
Jelko zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich denke schon.“
„Ich denke?“, wiederholt Clive und greift sich verzweifelt an den Kopf.
Das sind ja tolle Voraussichten! „Mit ich denke“ kann Clive schon mal gar nichts anfangen. Solch Typen wie Jelko denken einfach nicht an die Konsequenzen.
Da Clive erkennt, dass Jelko die Sache schön reden möchte, stellt er die nächste Frage: „Gut. Nehmen wir an, du schlägst ein Loch in den Boden und erreichst das Grundwasser, wie kommst du aus dem Loch?“
„Ich klettere natürlich“, antwortet der Kerl vorwurfsvoll, als wäre die Antwort einfach nur logisch.
„Kannst du schwimmen?“
„Was? Wozu?“
„Wenn du durch die Wand brichst, dann landest du im Grundwasser.“
„Ich kann schwimmen“, behauptet Jelko felsenfest.
Clive hat jedoch seine Zweifel.
„Es wird dort unten dunkel sein.“
Jelko betrachtet ihn erwartungsvoll mit hochgezogener Augenbraue und die Stille gefällt Clive überhaupt nicht.
„Willst du mich nur anschweigen?“, versucht er zu erfahren, was in seinem Kopf vor sich geht.
„In Luelas Versteck war es?“, spielt der Kerl seine Spielchen mit ihm.
Clive atmet genervt aus. „Dunkel. Ich habe verstanden. Die Augen der Kinder sind an die Dunkelheit gewohnt. Aber sei ehrlich, kannst du wirklich schwimmen?“
„Warum zweifelst du daran?“
„Ich muss es wissen, sonst wirst du dort ertrinken!“
„Ich schwöre es!“
Clive nickt erschöpft. „Versuchen wir es.“
„Also gut, gehen wir zu der Hütte und ich schnappe mir eines der Kinder“, spricht Jelko, als wäre ihr Vorhaben nur ein Spaziergang. Und doch plagt den Alchemisten ein ungutes Gefühl.

































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