Kapitel 44
Es tut gut, Lukas von allem zu erzählen. Keine Lügen und keine Geheimnisse mehr. Es ist befreiend und das ist das erste Weihnachten seit langem, an dem sich Skyla nicht um das Essen kümmern muss. Wäre da nicht diese seltsame Stimmung während des Festessens und diese peinliche Stille. Skyla entgeht nicht, wie sie von allen immer wieder angestarrt wird. Sie möchte gar nicht wissen, was in den Köpfen ihrer Verwandten geistert. Thomas hingeben gibt sich wahrlich Mühe, die Stimmung aufzulockern und behandelt sie nach wie vor unvoreingenommen. Ein Verhalten, dass auf Skylas Vater abfärbt. Und doch kämpfen beide Freunde gegen einen Sturm. Skyla hätte nie gedacht, dass ihr das sorglose Geschnatter an der großen Tafel fehlen würde. Aber die Stille ist viel erdrückender. Selbst Oma Ulrike wirkt in Gedanken und reagiert zögerlich, wenn sie angesprochen wird.
Kaum geht die Sonne am Himmelszelt unter, macht es sich die Familie im Wohnbereich gemütlich. Der weihnachtliche Zauber ist nun auch bei Skyla angekommen. Es wird gelacht, erzählt, Kekse genascht, angestoßen und die Zeit mit der Familie geschätzt. Dieses Jahr hat Skyla wenig zur Auswahl der Geschenke dazu bei getan. Das übernahmen ihre Eltern. Gedankenverloren und im müden Zustand war sie vor wenigen Wochen kaum in der Lage, den Gesprächen ihrer Eltern zu folgen, daher ist sie bei der Bescherung völlig aufgeschmissen. Es zeigt sich, dass sich ihre Eltern viele Gedanken gemacht haben bezüglich des kommenden Nachwuchses. Anscheinend war Ramonas Schwangerschaft kein Geheimnis und doch hat Skyla dieses Detail nicht registriert. Tessa scheint viel Wert auf einen Ausgleich zu ihrer Arbeit zu legen und hat sich wie ihr verstorbener Opa der Kunst verschrieben. Denn für sie gibt es ein traumhaftes Aquarell Set mit glanzvollen und schimmernden Farben. Tessas Augen leuchten wahrhaftig und sie offenbart sogar ihr neues Kunstprojekt. Sinn für Romantik hat sie wahrhaftig. Ihre kitschigen Ideen für ihre Leinwand und die Bedeutung der gewählten Farbtöne interessieren Skyla recht wenig. Zumal ihr Kopf voll mit anderen Sorgen gestopft bleibt.
Die Bescherung neigt sich zum Glück dem Ende. Skyla hatte nie richtig Freude an dem Teil der Feierlichkeiten, weil sie das Ausmaß einer Konsumgesellschaft nicht gut heißt. Hinzu kommen die Streiche und Sticheleien bei der Wahl der Geschenke. Es graut ihr bereits, sich vor Thomas und Lukas zu blamieren. Wie ihre Oma besteht sie darauf, zum Schluss beschenkt zu werden. Lukas scheint zu erkennen, wie unwohl sie sich in der geselligen Runde fühlt, er rutscht währenddessen ganz nah an sie heran und seine Streicheleinheiten am Rücken nehmen ihr tatsächlich die Anspannung. Ehe sie sich versieht, lehnt sie aus alter Gewohnheit an seiner Brust. Kopf an Kopf gelehnt.
Tränen fließen selten über Oma Ulrike Wangen. Aber Ramona hat sich viel Mühe gegeben und ihrer Oma eine Reihe Ultraschallbilder eingerammt und den Herzschlag aufgenommen. Die Schwangerschaft scheint Ramona tatsächlich zu genießen und die Freude auf das Kind ist groß. Der Anblick der strahlenden Augen und den ehrlichen Tränen seitens Oma Ulrike scheint all jene zu rühren. Skyla freut sich aufrichtig für die Familie. Auch wenn sie nicht glauben mag, dass sie schon bald Tante wird.
Der Moment der Wahrheit rückt schließlich näher. Skyla darf sich auf die Gemeinheiten ihrer Cousinen einstellen. Mit einem tiefen Atemzug wappnet sich Skyla bei dem Geschenk von Tante Corinna und ihrer Tochter Ramona. Wie Tessa haben sie Gefallen daran gefunden, ein Kleid zu organisieren. Verboten kurz und mit viel Reiz. Das perfekte Kleid für eine Party. Schwarz wie die Nacht und mit vielen Glitzerelementen. Mit enganliegenden Rock und Ärmeln aus feinster Spitze. Auf der Brust zieht sich einen seitlicher Schlitz. Skyla seufzt und muss sich auf die Zunge beißen. Thomas hingegen findet den Fetzen elegant und überredet sein Patenkind sogar sich umzuziehen. Sein Plan bleibt unverändert und weil Weihnachten ist wird Skyla ihm den Tanz auch gönnen. Doch noch ehe sich Skyla ins Badezimmer verabschieden kann besteht Tessa darauf, ihr Geschenk zu öffnen. Skyla graut es bei dem Gedanken und doch gibt sie nach. Ihre Cousine beschwerte sich schon einmal über das Schuhwerk und tatsächlich kümmerte sie sich um Ersatz. Elegante High-Heels. Matt schwarz mit Goldelementen und sogar einer schwarzen Strumpfhose. Als hätten sich beide Cousinen abgesprochen und gegen Skyla verschworen.
Es kommt noch schlimmer. Sie bestehen darauf, Skyla ansehnlich zu gestalten. Skyla will zum Protest ansetzen, wird aber einfach von ihren Cousinen entführt. Zu kurz, zu reizend und zu einladend ist das Outfit. Im Leben war Skyla noch nie so geschminkt wie an dem heutigen Abend. Gegen ihren Willen wird sie ins Wohnzimmer zurück geschoben, wo sie mit ihrem hochroten Kopf am Liebsten im Boden versinken mag. Sämtliche Blicke ruhen auf ihr und die Stille erdrückt sie erneut. Zum Glück teilt Mama Kacie ihre Bedenken und schimpft sogar mit Ramona und Tessa, während Thomas sich begeistert nähert und sein Patenkind mit Komplimenten überschüttet. Sein Sohn eilt jedoch zur Rettung und befreit sich von seinem Jackett, um es Skyla umzulegen. Dankbar zieht Skyla dieses enger um sich.
„Zerstör doch nicht unser tolles Werk!“, schimpft Ramona mit ihm und bekommt von ihrem Lover Beistand.
Daniel nickt bekräftigend und pfeift laut. „Du siehst sexy aus, Skyla. Lass mal sehen!“
Einen Schritt– weiter kommt er nicht. Denn Lukas drängt ihn fern und entblößt seine Zähne.
„Seht ihr nicht, wie unwohl sich Skyla fühlt! Verschwindet doch einfach!“
„Ihr habt ihn gehört!“ Oma Ulrike tritt heran und verscheucht die beiden mit einer einfachen Handbewegung, um sich dann das Jackett zu schnappen. Kurz öffnet sie dieses und betrachtet Skyla eingehend. „Du meine Güte! Corinna! Schämst du dich nicht!“
„Pah! Was weißt du schon? Das Kleid ist süß. Nicht deine Mode oder?“
Oma Ulrike schnauft und holt nun ein Goldkettchen hervor. Ein Armband mit Kreuz und Rose.
„Ein Schutz, Kind. Du brauchst den Schutz dringender als irgendjemand anderes in dem Raum. Trage es immer mit dir.“
Skyla lässt es sich von ihrer Oma anziehen und nickt kurz. „Danke, Omi.“
„Aber, Ulrike, ist deine Enkelin nicht wunderschön?“, schwärmt Thomas.
Die alte Dame seufzt laut und rollt mit den Augen. „Fall nicht auf seinen unverschämten Charme rein, Kind. Dein Patenonkel konnte schon immer gut Süßholzraspeln.“
Damit entlockt sie Thomas einen amüsierten Laut, bevor er näher tritt. „Es ist doch wahr. Und ich habe die Ehre und stehle sie meinem Sohn, denn sie schuldet mir einen Tanz.“
Nun blickt Lukas vorwurfsvoll auf. „Dad! Genug! Siehst du nicht, wie unwohl sich Skyla fühlt! Kannst du deine Albernheiten nicht mal eine Sekunde vergessen!“
„Dabei gibt es keinen Grund zur Sorge, Skyla“, spricht Thomas weiter auf sie ein.
Seine Patentochter atmet erschöpft aus und findet, dass der Zeitpunkt sehr passend wäre, ihn abzulenken. Daher schreitet sie zu ihrer Tasche, um einen großen Kühlschrankmagneten hervorzuholen. Einen in Fotogröße mit einem kleinen Display, auf dem das aktuellste Bild von den Thomas und Skyla zu sehen ist. Ein kleiner Ausflug in den Zoo. Auf der Suche nach knuffige Pandas. Noch presst sie den Rahmen an ihre Brust, um diesen zu verstecken. Bis sie ihn erreicht hat und den kleinen Schatz weiterreicht.
„Für dich, Thomas.“
Ihr Patenonkel strahlt, als er sein Geschenk entgegennimmt. „Ein Fotorahmen? Und dann auch noch magnetisch?“
„Besser. Wenn du hier auf Play drückst, spielt er dir ein kleines Video unserer gesammelten Erinnerungen ab. Und du kannst sogar pausieren. Ich musste das Video etwas kürzen, denn wir haben viel zusammen erlebt. Das passte alles leider nicht drauf und hätte mit der Liedlänge auch nicht übereingestimmt.“
Seine Mundwinkel fallen hinab und mit einem Glänzen in den Augen blickt er auf. „Wirklich, Skyla? Willst du mich heulen sehen? Wenn ich mir das jetzt ansehe, dann verliere ich Krokodilstränen.“
Er pausiert, denn die ersten Tränen bahnen sich still und leise einen Weg. Schnell wischt er diese aus dem Gesicht und zieht sie in seine Arme, um sie zur Couch zu entführen, wo er mit ihr Platz nimmt und von dort das Video tatsächlich abspielt. Eine kleine Zeitreise. Von Baby an, bis über den Kindergarten, die Schulzeit und zum Hier und Jetzt. Videos und Bilder mit und ohne Lukas. Begleitet von einem passenden Song. Ein rührender Hit, den Thomas gerne summt und der gut zu ihrer kitschigen Geschichte passt. Thomas hat es angekündigt, er heult vor Glück und schwärmt laut zwischen den Tränen über Lukas und sie im Kreise der Familie, dass Skyla am liebsten das Weite suchen mag. Aber sie ist gefangen in den Armen ihres Patenonkels. Statt sie zu retten kniet Lukas mit einem verträumten Blick neben ihr und lächelt, als genieße er das Bild, was sich ihm bietet.
Aber dem Tanz mit Thomas kann sie sich nicht entziehen. Thomas hat vorgesorgt und bringt Stimmung in die Bude, denn er legt Musik auf. Auch wenn Skyla zuerst sehr steif ist, lockert sie in seiner Nähe auf und lernt seine Art das Leben zu kosten zu genießen. Lukas mag den stillen Beobachter spielen, aber wenn Skyla dran glauben muss, dann auch er. So zieht sie ihn wenig später ebenfalls auf die Tanzfläche. Seine Hand hält sie gefangen, damit er nicht die Flucht ergreifen kann. Seine verzweifelten Ausreden stoßen jedoch bei ihr auf taube Ohren. Lukas ist wahrlich unbeholfen am Anfang. Doch er eilte ihr bislang immer zur Hilfe, daher gibt sie ihn nicht auf und bekommt ihn für eine kleine Tanzeinlage überzeugt, die sich sehen lassen kann. Schließlich gönnt sich Skyla ein Glas von Thomas guten Champagner. Ihr Pate hat wahrlich Geschmack. Auch wenn die strenge Mama Kacie im Hintergrund brummt, amüsiert sich Skyla. Regelbrüche gab es an dem heutigen Tag viele. Angefangen mit der Schokolade. Bei ihrem Pech wendet sich die Stimmung schnell gegen sie, daher will sie jede einzelne Sekunde bei ihren Liebsten genießen.
Am Ende des Abends sitzen Skyla und Lukas allein am Tisch im Kerzenschein, vertieft in einem Gespräch, während der Rest der Familie, sich im Wohnzimmer verteilt hat. Ramonas Freund Daniel wurde mit Skylas Vater zum Spülen verdonnert und Skyla beobachtet zwischendurch, wie gut die beiden sich unterhalten. Sie möchte wirklich nicht wissen, worüber die beiden sprechen. Sicherlich blamiert sich ihr Vater, indem er mit einer Geschichte aus seiner Jugend prahlt. Wie gut, dass Skyla weit genug von der Küche sitzt, damit Lukas davon nichts mitbekommt.
Mitten im Gespräch setzt sich Tessa ungezwungen zu ihnen. Skyla betrachtet die schwarzhaarige Prinzessin erwartungsvoll und wartet ungeduldig auf den Grund ihrer Anwesenheit. Tessa macht es sich bequem, als hätte sie nicht vor, schnell zu verschwinden. Erst jetzt erkennt Skyla, was in Tessas Händen steckt. Das Kartenspiel ihrer Großeltern ist gut bespielt. Einige Karten haben bereits Knicke oder Eselsohren und doch betrachtet Skyla die Karten glücklich.
„Es ist ruhig geworden, Skyla“, beginnt Tessa vorsichtig.
Ihre blauhaarige Cousine handelt und legt ihre Hände auf die von Tessa, die überrascht aufblickt.
„Es ist vorbei“, versichert Skyla ihr sanft.
„Was?“ Tessa reagiert verwirrt. „Wie kannst du das sagen?“
„Dank eines Geisterjägers kenne ich so einige Tricks“, antwortet Skyla vorsichtig.
Ihre Cousine betrachtet sie nachdenklich. „Also doch. Du bist einem also tatsächlich begegnet und hast etwas gesehen, was nicht für deine Augen bestimmt wahr oder?“
Es folgt von Skylas Seite ein langes Seufzen.
Wenn es doch nur bei einer Begegnung geblieben wäre.
„Kann man so sagen.“
Tessas Züge wirken entspannter. Sie blickt, als würde eine schwere Last von ihr fallen.
„Sollte das stimmen, dann habe ich dir zu danken, Skyla.“ Hoffnungsvoll blickt sie auf. „Aber sollte mich der Terror immer noch heimsuchen, dann garantiere ich dir, rufe ich dich an. Dann schnappst du dir den Geisterjäger und kommst vorbei. Versprichst du mir das?“
Skyla geht auf Lukas genervten Laut nicht ein und versichert ihr: „Das werde ich. Versprochen.“
Tessas Lippen formen ein zufriedenes Lächeln. Ihre Augen glitzern verdächtig und dann wagen sich tatsächlich einige Tränen hinaus, die Tessa schnell auffängt.
Schließlich hebt sie die Hand mit dem Stapel Karten. „Wollen wir spielen?“
Skyla möchte allzu gern spielen, aber nicht ohne Lukas. Ein Blick zu ihrem besten Freund, der ihr daraufhin zunickt und schon ist die Sache für die beiden Freunde beschlossen. „Gern, Tessa.“
„Die Kekse sind so gut“, bekommen sie zu hören.
Ramona stellt ihnen mampfend einen Teller Weihnachtskekse hin und nimmt nun neben Tessa Platz. Damit hat das süße Kleingebäck aus Butterplätzchen, Zimtsternen und Vanillekipferl Skylas ungeteilte Aufmerksamkeit. Lukas ist schneller als Skyla, er schnappt ihr einen Zimtstern vor der Nase weg. Damit ist die Sache für das Medium ganz klar. Schnell zugreifen, bevor sie keinen der leckeren Kekse abbekommt. Denn die Wangen ihrer schwangeren Cousine sind so voll wie die von Eichhörnchen mit Nüssen. Bevor Skyla jedoch ihre Hand ausstrecken kann, hält Lukas ihr den Zimtstern vor die Nase und fordert sie amüsiert auf, abzubeißen. Sicherlich seine kleine Rache für den Tanz. Es wundert sie nicht, dass er ihre Schwäche zu dem Gebäck kennt und als könnte Skyla der Versuchung widerstehen, in das butterweiche Plätzchen zu beißen. An Zimt hat ihre Oma nicht gespart. Der Teig ist fluffig und zerschmilzt auf der Zunge. Ein wahrer Genuss. Belustigt betrachtet Lukas sie. Mit einem breiten Lächeln. Sein warmer Blick zieht sie in den Bann und seitdem sie ihn einweihte wirkt ihr Band noch stärker als ohne hin schon. Sie vertraut Lukas blind und dankt dem Universum, ihm den kleinen Verrat mit Milan verzeihen zu haben. Wäre die Freundschaft wegen falscher Anschuldigungen zerbrochen, dann hätte sie eine Stütze ihres Lebens verloren. Aber zum Glück hat Lukas für ihre Freundschaft gekämpft. Ungeachtet ihres Temperaments.
„Oh, ihr spielt. Das ist lange her. Kennt ihr noch die Spielregeln?“, fragt Ramona nach.
Ihre Oma setzt sich ebenfalls dazu, sie wird von allen Seiten glücklich angelächelt. Skyla lauscht aufmerksam ihrer Erklärung zu den Spielregeln und nun fühlt es sich wie ein vergangener Spielabend an, nur mit dem Unterschied, dass jeder von ihnen reifer geworden ist. Selbst Ramona, denn aus dem Gespräch heraus, hat sich ihre schwangere Cousine bereits Gedanken zu ihrem Leben mit einem Kind gemacht. Zu Skylas Überraschung sind Ramonas Pläne sehr vernünftig und wer weiß, vielleicht verändert die Mutterrolle ihre Cousine positiv.
Die Stimmung ist entspannter als jemals zuvor. Befremdlich, fast zu familiär und doch wunderschön. Dieses Weihnachtsfest wird Skyla in Ehren tragen.
Ob sich das Verhältnis zwischen Tessa und mir entspannt?
Ein Gedanke, der Skyla gefallen mag. Denn auch wenn Tessa ein wenig eitel ist, kann sich Skyla mit ihr vernünftig unterhalten. Es fühlt sich an, als wäre das Eis zwischen ihnen gebrochen und wer weiß, vielleicht werden die beiden auch noch so etwas wie Freunde. Das mag zwar weit hergeholt sein, zumal, Tessa ihr Dinge an den Kopf geworfen hat, die Skyla verletzt haben und doch besteht Hoffnung.
Mit einem zufriedenen Lächeln steigt Skyla am Ende des Tages ins Auto. Der Gedanke bei Thomas zu übernachten wäre immer noch verlockend, aber Skyla findet, dass Lukas Zeit braucht, um die Informationen zu verdauen. Spätestens an Silvester kommen die beiden Freunde wieder zusammen. Diesmal ohne Thomas, denn der feiert mit seiner neuen Freundin. Zurück im Eigenheim erwartet Skyla jedoch eine böse Überraschung. Ihr Verfolger ist fort und alles wirkt friedlich. Daher denkt sich Skyla nichts dabei und packt ordentlich zu beim Ausladen. Aber nur einen Schritt in den Hausflur und schon lässt sie vor Schreck die Taschen fallen, die sie hineintragen soll.
Grund dafür sind die vollgeschmierten Wände und auch auf dem Boden wiederholt sich der Satz: „Verbrennt die Hexe!“
Ein wildes Gekritzel mit roter Schrift. In sämtlichen Größen und Ausrichtungen.
Ihre Mutter nähert sich ihr und will sicherlich gerade mit ihr schimpfen, doch ein Blick hinauf und sie wirkt genauso fassungslos wie ihre Tochter. Der Mund steht ihr offen und sie läuft rückwärts.
„FINN!“
Mama Kacie ergreift selten die Flucht, aber ihr Gesicht hat sämtliche Farbe verloren. Ihr Hilfeschrei hingegen lockt Lukas hinein. Ungewöhnlich schnell sprintet Skylas Freund heran, um neben ihr gerade rechtzeitig abzubremsen. Seine Hände legen sich gerade auf ihre Schultern, als er die Wandbemalung erfasst. Anders als Kacie hält er ihre die Augen zu.
„Ich bringe dich jetzt raus hier und du wartest im Wagen“, beschließt er gefasst.
Doch Skyla schüttelt ihren Kopf. „Nein. Ich muss hoch und den Schaden mit eigenen Augen sehen.“
„Bist du sicher? Vielleicht ist es eine Falle!“
Allein nur seinen Namen zu erwähnen reicht aus, dass sein Widerstand endet. Seine Hände gleiten von ihr, um schnell ihre Hand einzufangen.
„Also gut, aber ich begleite dich und fange dich auf. Immer! Verlass dich drauf!“
„Das hast du schön gesagt, Lukas.“ Beide Freunde schrecken zusammen, als sie Thomas hinter sich bemerken. „Was für eine Sauerei. Geht ruhig, ich hebe die Sachen hier auf, aber seid vorsichtig.“
„Die beiden gehen nicht alleine!“ Vater Finn drängt sich mit dem klimpernden Schlüsselbund vorbei. „Dann sehe ich mir mal den Schaden an.“
Thomas nickt beruhigt. „Seid wachsam.“
Skyla staunt wie furchtlos ihr Vater voranschreitet. Sie folgt ihm hinauf mit Lukas im Schlepptau. Um Zeuge eines gewaltigen Chaos zu werden. Die Einbrecher haben sämtliche Schubladen und Schränke in der Wohnung geleert und den Inhalt quer durch die Räumlichkeiten verteilt. Möbelstücke liegen umgekippt im Raum und auf den Wänden wiederholt sich überall dieselbe Botschaft.
Überall außer in ihrem Zimmer, denn dort steht geschrieben: „Lügen ist eine schwere Sünde!“
Aufgeflogen!
Skyla bleibt der Atem weg. Sie taumelt Richtung Bett. Aber Lukas stellt sich hinter sie und gibt ihr den nötigen Halt.
„Schließ die Augen“, fleht er sie an.
Doch sie schüttelt den Kopf. Daher handelt ihr Freund und reißt sie zu sich um. Ihren Kopf hält er in seinen Händen gefangen und starrt ihr entschlossen entgegen.
„Sie kriegen dich nicht! Auf keinen Fall! Ich nehme dich jetzt gleich mit zu mir und dann schläfst du dich aus. Keine Angst, ich wache die ganze Nacht über dich. Und sobald du Kraft getankt hast, dann schauen wir weiter. Ist das ein Plan?“
Unfähig zu denken, nickt sie ab. Ihr Kopf ist leer und sie braucht gerade ein paar Anweisungen. Ihr Zustand deutet Lukas richtig, daher schlägt er vor, eine Übernachtungstasche zu packen. Er liefert ihr einen Plan, die nächsten sinnvollen Schritte und die nötige Hoffnung, um nicht an Ort und Stelle zusammenzubrechen.
„Wir schaffen das! Gemeinsam!“
Lukas mag sich wiederholen und doch kann Skyla diesen Satz nicht oft genug hören. Die Sorge um die Zukunft droht sie zu zerfressen. Sie fällt in ein tiefes, dunkles Loch. Ohne Aussicht aufs Entkommen. Aber Lukas leuchtet ihr hinab und hält die Rettungsleine. Mit ihm an ihrer Seite hofft sie all die Dunkelheit hinter sich zu lassen und das Tageslicht schnell wieder zu erblicken. Auch wenn die Aussichten düster sind, schließlich lauern im Verborgenen professionelle Jäger, die auf ihre Gelegenheit warten. Geduldig und aufmerksam.
Fortsetzung folgt




























































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