Kapitel 47

Die Anemone, auch Windröschen genannt, steht für Erwartung und Hoffnung und passt damit gut zu Rebecca. Clive zweifelt keine Sekunde daran, dass Rebecca mit leeren Händen zurückkommen wird. Sie langweilt sich seit Luelas Bezwingen in dem kleinen Dorf. Doch der Sturz der Hexe hinterließ einen Trümmerhaufen. Den gilt es erst zu beseitigen. Sinas Anwesenheit wirkt sich positiv auf die Bodenqualität aus. Die Natur erholt sich dank ihr von der Dürre. Die Hungersnot endet dank der reichen Ernte. Ein Paladin wie Cuno erweist sich als Segen für neue politische Machtverhältnisse und neue Regelungen. Schutz und Ordnung finden sich zusammen. Eine starke Gemeinschaft, die an einem Strang zieht. Luela hinterließ viel Arbeit. Clive hat große Pläne mit den gestohlenen Königskindern. Er mag sie sicher und geborgen in ihre Reiche sehen. Zurück in guten Händen. Betreut von vertrauensvollen Angehörigen. Ein Wunsch mit Hürden, denn die Kinder verlernt zu sprechen. Geduld und Feingefühl werden von Nöten sein. Wie Rebecca bereits im Anwesen des Grafens bewies, findet sie schnell Vertrauen in Kinderherzen mit ihren Albernheiten. Außerdem sprechen ihre Qualitäten für sie. Eine sichere Eskorte zurück zum Grafen sollte ihr sicherlich mit den Kindern gelingen. Doch zuerst brauchen sie Kasimirs Segen. Der Graf muss erst ihr Vorhaben absegnen, bevor die Kinder in sein Reich geschickt werden. Daher reist Rebecca zuerst allein.

 

Clive steckt viel Hoffnung in seine Bitte, denn ihm allein wird es nicht möglich sein, alle Kinder nach Hause zu bringen. Clives Route steht bereits fest und auf den Weg in die nächsten Reiche wird der Alchemist nur zwei Kinder mitnehmen können. Um wen es sich bei den neun Kindern dabei handelt, wird sich noch zeigen. Noch können die Kinder nicht mal ihren Namen nennen. Aber Clive hat große Hoffnung in die nächsten Wochen. Er und seine Freunde werden die Kinder wie kleine zierliche Pflänzchen aufpäppeln. Der Magisterturm gab bereits das Einverständnis gegeben, dass Clive sich um die Verwundeten und um die Kinder kümmern darf. Sie wissen von der Existenz und der Vernichtung von Luela. Wie die Schwarzhexe bezwungen wurde, verschwieg der Alchemist jedoch.




 

Inmitten der Mohnblumen grast eine prächtige Schimmelstute. Ein Geschenk vom Stahlmeister. Zum Dank für die Rettung des Dorfes. Bereits gesattelt wartet das Tier mit einer Engelsgeduld auf Rebecca. An einem taufrischen Morgen steht Clive Rebecca gegenüber und reimt sich die Worte eines Abschiedes zurecht. Der Wind pustet ihnen dabei durchs Haar. Rebecca hat schon lange aufgegeben, ihre wilde Mähne im Griff zu kriegen. Bereit für ihre Reise steht sie da und beobachtet, wie die Köpfe der Blumen im Wind tanzen. Abschiede sind ihr laut Erwähnungen zu wider. Dabei weiß Clive, dass hinter der eisernen Maske einer Kriegerin sich eine gute Seele versteckt. Der Gedanke an die Sonne, die schon bald oben am Himmelszelt stehen wird und sommerliche Temperaturen mit sich bringt wirkt ebenfalls wie ein passender Vergleich. Rebecca mag dunkle Pfade beschritten haben. Einmal falsch abgebogen und verirrt, daher will er Cuno nacheifern und ihr die helfende Hand reichen. Auf die richtige Schiene. Auf einen Pfad, der sie vielleicht mit Stolz erfüllen kann.

 

Statt mit Worten zu Beginnen entscheidet sich Clive dagegen und holt ein Abschiedsgeschenk hervor. Eine gefächerte Ledertasche, deren Inhalt sie sicherlich erfreuen wird.

„Eigentlich stelle ich ungern solche Waffen her, aber ich weiß, dass ich dir das Schwarzpulver mit gutem Gewissen überreichen kann. Du hast dich wacker im Kampf gegen Luela geschlagen.“

„Sehe ich anders. Das Biest hat mich zu lange aufgehalten.“

„Sei nicht so streng mit dir“, rät Clive und überreicht ihr die Tasche.

Rebecca öffnet diese und blickt auf den gefährlichen Inhalt, ein Set zur Selbstverteidigung mit bösen Überraschungen für den Angreifer. Da wäre nicht nur das Schwarzpulver, sondern auch andere Flüssigkeiten aus giftigen Pflanzen, die Rebecca nun auch vertraut sind. Die Geste zaubert ihr ein Lächeln auf die Lippen.

 

„Du bist sicher, dass du deine Nase noch länger in Bücher stecken und von dieser alten Schachtel rumgescheucht werden möchtest?“, hinterfragt sie, obwohl sie die Antwort kennt.

„Gertas Wissen könnte uns noch nützlich werden.“

Rebecca schüttelt ungläubig den Kopf. „Traumforschung? Ich bezweifele es.“



„Ihre Wissenschaft hat mich in meinen Körper zurückgeholt.“

„Mag sein.“ Rebecca zuckt mit den Schultern, bevor sie laut ausatmet. „Du wirst schon wissen, was du machst.“

„Sei vorsichtig, Rebecca.“

„Ich weiß, du wirst mich vermissen“, reagiert sie keck.

„Redest du von mir oder Cuno?“

Ab und zu, wie auch in diesem Moment, lässt sich der Alchemist tatsächlich auf dieses Spiel ein.

„Ah, Cuno.“ Rebecca tritt einen Stein von sich. „Lass dich von dieser Spaßbremse nicht ärgern. Ich glaube, ihm wird mein Fehlen kaum auffallen. Er hat nun einige neue Rekruten, die ihn brauchen. Er hat es schon immer geliebt, zu protzen und den Befehlshaber raushängen zu lassen.“

Seit einigen Tagen hat der Paladin es sich zur Aufgabe gemacht, die Kinder und einige freiwillige Dorfbewohner der Schwerkunst zu lehren.

Sie wird ihn vermissen – ist der erste Gedanke, der Clive heimsucht.

„Ja. Er ist in seinem Element. Aber die Kinder lieben ihn und haben Spaß, seinem Training zu folgen.“

Rebecca nickt zustimmend. „Ich bringe ihnen, sobald ich zurück bin, einige Tricks bei. Aber zuerst schauen wir, ob der Graf uns weiterhelfen kann.“

„Ich verlasse mich auf dich, Rebecca.“

„Ich weiß.“ Sie grinst wissend. „Auf wen sonst? Auf eine Pfeife wie Cuno oder einen Tollpatsch wie Sina? Haha. Ich bin deine einzige Hoffnung.“

 

Rebecca macht Anstalten, sich dem Pferd zu nähern, als sie plötzlich stehen bleibt. Clive legt den Kopf schief, seine Gefährtin trommelt auffällig mit ihren Fingern auf der Tasche, als kämpfe sie mit einer Entscheidung. Ihre Umarmung folgt überraschend und etwas unbeholfen. Sie stolpert ihn dabei direkt in die Arme und würde er ihr nicht Halt geben, dann würde sie zur Abwechslung fallen. Ihre Haltung ist während ihres Überfalls ganz steif. Auch für Clive ist dieser Moment etwas befremdlich. Dennoch erwidert er die Umarmung, woraufhin sich Rebecca mit einem glücklichen Lächeln entfernt, sich geschmeidig in den Sattel schwingt und in Windeseile davon reitet. Als müsse sie ganz schnell die Flucht ergreifen.

 

Clive blickt ihr nach und freut sich bereits auf ihre Rückkehr. Der Alchemist bekommt Besuch von Gertas Haushilfe.




Violante pausiert das Fegen aufgrund einer Sorge. „Glaubt Ihr, sie kehrt auch wirklich wieder zurück? Sie könnte auch mit dem Schimmel verschwinden und nie wiederkehren.“

Vielleicht mag Clive erneut naiv sein und seine Menschenkenntnis lässt ihm in Stich. Doch er zweifelt keine Sekunde an seiner Freundin. „Nicht Rebecca.“

Violante wirkt weniger beeindruckt und widmet sich wieder ihren Hausarbeiten zu.

 

Noch bleibt Clive etwas Zeit, bevor Gerta ihn weitere Einblicke in der Traumforschung offenlegt. Und so begibt sich der Alchemist durch die Schmetterlingswiese. Er folgt dem lieblichen Gesang und genießt den Anblick der glückseligen Welt, in der sich Sina zurzeit befindet. Die Fee ist umgeben von lauter verschiedenen Vogelarten – Meisen, Zaunkönige, Rotkehlchen und Amseln. Neben dem hübschen Gesang pflanzt die Fee Samen, die sie einfach aus dem Ärmel schüttelt. Sie wirkt glücklich, zufrieden, in Sicherheit gewogen und ausgeschlafen.

 

Clives Anwesenheit verschreckt die Tiere. Einige ergreifen die Flucht und fliegen davon, während andere weghüpfen und sich im hohen Gras verstecken. Sina wirft daher einen Blick über ihre Schulter und schenkt Clive ein herzerwärmendes Lächeln.

Ein amüsierter Laut verlässt ihre Kehle. „Ihr seid solche Feiglinge.“

„Sind das die besprochenen Pflanzen?“, erkundigt sich Clive bei ihr.

„Ja, dein eigener Kräutergarten. So wie du ihn dir wünschst“, versichert Sina ihm. „Rebecca ist fort?“

Clive nickt, woraufhin Sina das letzte Erdloch zu buddelt und eine Pause einlegt.

„Ich bin mir sicher, Rebecca ist schnell zurück.“

Wie schön, dass sie diese Meinung teilt und keine Zweifel an Rebeccas Person hegt.

Da Clive schweigt, blickt die Fee zu ihm auf. Dabei macht es Clive sich im hohen Gras gemütlich und legt seinen Kopf in den Nacken. Der friedvolle Anblick des wolkenlosen Himmels schenkt ihm Kraft für den Tag. Eine Ruhe, die gestört wird. Zuerst landet ein kleiner Stein vor seinen Füßen, dem der Alchemist keinerlei Beachtung schenken möchte. Aber als ihn dann ein weiterer Stein trifft, sieht sich Clive verwundert um.

„Hast du …nein, unmöglich“, richtet er das Wort an Sina, als er den Stein aufhebt.



„Ich habe was?“, erkundigt sie sich etwas frech.

„Kannst du knicken, selbst mit diesem komischen Gestell auf seiner Nase sieht er dich nicht“, hören die beiden diese bekannte Stimme.

Staub wird nahe ihnen aufgewirbelt. Clive erhebt sich und spürt, wie Sina sich ihm besorgt nähert. Dabei tritt der Alchemist näher an die Geräuschquelle und greift hinab. Seine Finger erfüllen das weiche Fell und im nächsten Augenblick hebt Clive den schwarzen Kater Amon aus dem Gras. Zu ihrem Glück ist das Tier auf Normalgröße geschrumpft und handlich.

 

Sina zieht scharf die Luft in. „Ist das?“

Anscheinend erkennt sie den Kater wieder.

„Luelas Katze.“

„Kater“, korrigiert Amon ihn. „Und ich war Luelas Kater. Nun bin ich dank euch ein Streuner.“

Sina lächelt freudig. „Darf ich, Clive?“

„Bist du sicher? Er gehörte zu der Hexe?“

„Ich bin mir sicher.“ Sina nimmt das Tier glücklich entgegen. „Siehst du nicht, dass er ein neues Zuhause sucht? Einen Ort, wo er willkommen ist. Niemand ist gern einsam.“

Amon genießt die Kopfmassage und fängt an zu schnurren, während Clive das Ganze mit Besorgnis betrachtet. Dabei wirken Sina und Amon wie ein Herz und eine Seele.

 

Als sich Amon schüttelt und Sina die Kuschelzeit unterbricht, berichtet der Kater dem Alchemisten: „Seit Tagen versucht ein Mann namens Jelko Kontakt zu dir aufzunehmen, Clive.“

Clives Augen weiten sich. „Jelko?“

Sina erinnert sich: „Der Geist, der dich begleitet hat?“

„Ja“, antwortet Clive und sieht sich um.

Die Fee lächelt milde, ihre bleiche Haut verrät, dass sie von Geistern nichts hören möchte.

„Ist er uns feindlich gesinnt?“, fragt sie vorsichtig nach.

„Nein. Er möchte nur reden“, versichert Amon ihm.

Der Alchemist seufzt erschöpft. „Das bedeutet, ich muss auf die Trauwurzel zurückgreifen.“

Er hatte gehofft, auf eine weitere außerkörperliche Erfahrung verzichten zu müssen. Vielleicht reicht aber auch eine kleine Dosis für Halluzinationen. Zeit, um sich mit Gerta zu beratschlagen.

Bevor Clive jedoch geht, bittet er die Fee besorgt: „Sei vorsichtig, Sina. Vergiss nicht, dass diese Katze Luela gehörte. Behalte das im Hinterkopf und wenn du in Schwierigkeiten steckst, dann komm auf Cuno oder mich zurück.“



Amon rollt die Augen. „Kater! Wie das nervt!“

„Geh schon.“ Sina winkt ihm zu und lächelt sanft. „Ich komme zu Recht.“

Widerwillig lässt Clive sie bei dem Tier allein und hofft, er kann sich auf ihr Urteilsvermögen verlassen.

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