Kapitel 47
Der Besuch des pelzigen Insekts weckt die Neugier und zaubert Skyla ein Lächeln auf die Lippen. Ein Blick in den Spiegel sorgt für Verwirrung. Statt einer jungen Erwachsenen findet Skyla sich in einem Männerkörper wieder. Ein kahlköpfiger Kerl mittleren Alters, der aufgrund seiner Kurzsicht eine Brille trägt. Es ist verhext, denn Skyla hat keinerlei Kontrolle über den Körper. Geschlüpft in der Rolle einer stillen Zuschauerin darf sie fremde Emotionen kosten. Die Räumlichkeit, in der sie steckt, wird dunkel gehalten und nur dank der vielen Terrarien beleuchtet durch einige Röhrenlampen. An den Wänden hängen Poster von Insekten, Fröschen und Schlangen. Das Ticken einer Uhr klingt nah und im Fenster eines Glaskastens spiegelt sich eine Tafel wieder. Das Medium wird das Gefühl nicht los, sich in einer öffentlichen Einrichtung zu befinden. Es ist schwer zu sagen, ob es sich hier um eine Schule oder ein Labor handelt. Dafür ist es einfach zu dunkel.
Fehlende Informationen, die zum Greifen nah sind. Denn Skyla muss sich nur konzentrieren und lauschen. Dank ihrer Fähigkeit kann sie alles über den Besitzer dieses Körpers in Erfahrung bringen. Schließlich steckt sie in seinem Kopf, dadurch wird ihr Zugriff auf sämtliche Erinnerungen gewährt. Wäre da nicht ein Sicherheitsschloss. Ihre Macht passt gut zu ihr, denn statt mit Feingefühl einen magischen Dietrich zu verwenden, haut ihre Macht mit Karacho zu und beschädigt die Sicherheitsmaßnahme. Es fühlt sich fast so an, als arbeitet Skyla in der Personalabteilung und vor ihr liegt ein riesiger Haufen Blätter, wo das gesamte Leben dieses Kerls aufgelistet wird. Jedes noch so kleine Detail, jede Vorliebe, jede Angst und auch jede Schwäche sind dort zu finden. Fein säuberlich, so wie die Akte, die Justin ihr in die Hand gedrückt hat.
Mit einem Schlag wird dem Medium bewusst, wie gefährlich diese Fähigkeit ist. Ein wenig Training plus die falsche Einstellung und schon ist der Schaden enorm. Aufgrund dieser Informationen weiß Skyla, dass sie sich in einer Schule befindet. Dieser Mann arbeitet als Lehrkraft in den Schwerpunkten Biologie, Erdkunde und Spanisch. Eine leidenschaftliche, unterbezahlte Person mit familiären Problemen. Jemand der Trost unter Tieren findet.
Durch die blaugrauen Augen des Mannes beobachtet Skyla, wie Benjamin die Hand nach der Vogelspinne ausstreckt. Eigentlich würde sich Skyla ekeln und sich vor der Berührung fürchten. Denn sie ist kein Freund von Spinnen. Und doch fühlt sich dieser Moment besonders an. Voller Erwartungen beobachtet Skyla jeden noch so kleinen Schritt des Insektes. Dank Benjamins Faszination offenbart sich ihr Einiges über die Krabbeltiere. Seine Bewegungen müssen ganz langsam sein. Ruhe und Geduld sind der Schlüssel zum Erfolg. Das Tier darf sich nicht bedroht fühlen. Die Folge wäre gravierend. Nicht umsonst handelt es sich hier um einer der giftigsten Spinnen. Einen Grund mehr, um auf großen Abstand zu bleiben. Doch hierauf hat Benjamin bereits lange entgegengefiebert.
Voller Spannung beobachtet Benjamin durch seine Brille, wie die Spinne tatsächlich auf seine Hand krabbelt. Ein Moment, der das Herz des Spinnenliebhabers erwärmt. Die Erinnerung fällt kurz darauf in sich zusammen, denn die Fassade bröckelt. Je mehr Löcher in der Wand entstehen, desto mehr kommt von der röhrenförmige Gang der U-Bahnhaltestelle zur Sicht. Bis die Fundamente der vergangenen und vor allem fremden Welt nachgeben und der Gestank nach abgestandenen Bier Skyla zurück in ihre bekannte Realität zurückholt. Ein strahlendes Lächeln klebt noch eine ganze Weile in ihrem Gesicht, bis dieses wunderschöne Gefühl schwindet und sie die Erinnerung mit der Spinne verarbeitet. Auch wenn diese Erfahrung sie nicht überzeugte. Weiterhin wünscht sich Skyla Distanz zu Spinnen. Allein die Gedanken beschwören ein fürchterliches Phantom-Krabbeln herauf. Die Suche nach irgendwelchen Spinnen bleibt zum Glück erfolglos und doch fällt das Atmen schwer, als liefe sie erst kürzlich einen Marathon.
„Es war eine Erinnerung! Anders kann es nicht sein!“
Kein Zweifel und doch hilft es ihr, die Vermutung laut auszusprechen.
Kai hat jedoch keine gute Nachricht für sie: „Das Secruity ist auf dich aufmerksam geworden. Schau mal besser, dass du ganz schnell diesen Ort verlässt.“
Skyla atmet genervt aus.
Wird mir überhaupt mal eine Pause gegönnt?
Tatsächlich macht sie die Wachleute aus der Ferne aus. Einige Gesichter erkennt Skyla unter den Leuten wieder, die das Personal zu ihr lotsen. Kurzfristige Begegnung vor Ort, während die Kreatur sie jagte. Ihre wackelige Haltung zeigt, dass solch eine Macht nicht spurlos an ihr vorbei geht. Ihre Bewegungen folgen zögernd und das Atmen fällt noch immer schwer. Dennoch nutzt sie jede Gelegenheit, um in der Menge unterzutauchen, um am Ende den Bahnhof eilig zu verlassen. In all dem Trubel wird Lukas jedoch vergessen.
Der nächste Zwischenstopp erfolgt an einer Bushaltestelle. Gründe dafür sind ihre Erschöpfung und die Kurzatmigkeit. Die Oberschenkel brennen vom Sprint und auch wenn die Sitzplätze an der Haltestelle belegt sind, bietet sich der Brunnen als Ruheort an. Nach Luft ringend pflanzt Skyla ihren Hintern auf den Brunnenrand, wofür ihre zitternden Beine ihr danken. Mit der Zeit erreicht das laute Stadtleben ihre Ohren. Geräusche wie die brummenden Motoren der Fahrzeuge, das Hupen verärgerter Fahrer, das Geschnatter unter den Schülern und die Klingel eines Fahrradfahrers.
„Nicht schlecht“, lobt Kai sie aufrichtig.
„Das wird immer schlimmer“, beschwert sich Skyla stattdessen.
Sie hebt ihr Handy und sofort springen ihr die Überreste von diesem widerlichen Schleim ins Auge. Zögernd wählt sie Milans Nummer. Dabei traut sie sich kaum, das kontaminierte Gerät ans Ohr zu legen, schließlich hat sie das Zeug dann in den Haaren.
Milan nimmt ihren Anruf zum Glück sofort entgegen. „Was kann ich für dich tun, Süße?“
„Hör auf damit!“ Wird sie unbewusst biestig und registriert ihren Zorn einige Sekunden später, woraufhin sie laut seufzt. Der arme Kerl kann ja nichts für diese Begegnung. „Entschuldige. Mir ist gerade nicht zum Spaßen. Ich habe irgend so ein großes Vieh niedergestreckt und es hatte mein Handy im Magen. Mein Handy! Mein verdammtes Handy, womit ich nun telefoniere! Danke Kai dafür, dass er mich erinnert hat, dass ich meine Kräfte dafür einsetzen kann, um mir meinen Besitz wiederzuholen.“
Fix und fertig mit den Nerven blickt sie auf. Der Tag ist für sie heute gelaufen und wenn so Milan Alltag aussieht, gibt sich Skyla auch mit den unmenschlichen Arbeitszeiten zufrieden, die von der Gastronomie ausgehen.
„War es aggressiv?“, stellt Milan diese wirklich dumme Frage.
„Nein, es wollte nur kuscheln!“, kommt sie ihm mit Sarkasmus.
„Es war also auf dich fixiert. Wann hat es dich bemerkt?“
„Als ich dem Ding in die Augen gesehen habe.“ Sein verzweifeltes Seufzen entgeht ihr nicht und Skyla reagiert etwas zornig darauf. „Ja, entschuldige, dass ich die Dinger sehen kann! Ich wünschte, es wäre auch anders!“
„Du bist aufgewühlt, dann solltest du nicht allein sein. Ich hole dich ab. Wo bist du?“
Skyla schüttelt verzweifelt den Kopf, bevor sie ihn daran erinnert: „Ich bin verabredet und ich weiß noch gar nicht, wie ich meine Verspätung erklären soll. Als ich dich anrufen wollte, weil ich nicht wusste, was zu tun ist, habe ich ausversehen Lukas angerufen. Er ist nicht gut auf dich zu sprechen, aber er wird erkennen, dass ich ihn anlüge. Ich kann ihm doch nicht sagen, dass ich mich verwählt habe und dann ausgerechnet dich anrufe, obwohl ich mit ihm eigentlich schon längst verabredet bin.“
„In deiner Verfassung sollte du einen Moment mal an dich denken“, findet der Geisterjäger.
Vielleicht hat Milan gar nicht so Unrecht. Nur wird sie bei ihren Eltern wohl kaum entspannen können. Lukas wäre der Erste, der dort auftaucht, wenn sie nicht am gewünschten Treffpunkt erscheint. Beim Geisterjäger würden Mia und Justin nerven, womöglich hat Emilie Zeit.




















































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