Kapitel 49

Die Chancen stehen schlecht von Mia im Team akzeptiert zu werden. Skyla macht sich daher auch keine Hoffnungen, doch nun bietet sich eine einmalige Chance. Denn die kleine Fee wendet sich flehend ans sie: „Einer hat das Video und entfernt sich! Du musst ihm folgen!“
Überrascht blickt Skyla auf und sucht nach der flüchtenden Person. Tatsächlich! Ein Jugendlicher, der sich die Kapuze seines Pullovers überzieht, schreitet eilig davon. Als der Kerl erkennt, dass sie die Verfolgung aufnimmt, werden seine Schritte schneller, bis er schließlich davonrennt. Die Zielperson scheint mit Hindernissen kein Problem zu haben. Er springt mit solch einer Leichtigkeit über Zäune und Absperrungen, was sich das Medium einfach nicht traut. Obwohl Justin genau das von ihr im Training verlangt. Doch noch weigert sich ihr Kopf und führt ihr bildhaft Folgen bei Versagen auf. Die Zielperson beweist sich als völlig lebensmüde, denn er stürmt auf eine starkbefahrene Hauptstraße.

Warum in aller Welt nimmt Mia die Verfolgung nicht selbst auf?
Die Fee ist schließlich schneller und die Chance, auf die offene Straße zu rennen und zu überleben, steht bei Milans Partnerin höher als bei Skyla. Für nur einen kurzen Moment will Skyla die Verfolgung aufgeben, aber dann erinnert sie sich an Milans Worte. An das, was aus seinem Freund dem anderen Geisterjäger wurde. Wenn diese Leute Milan und Justin finden, werden die beiden ausgeweidet und ihre Organe landen auf dem Schwarzmarkt. Etwas, was Skyla um jeden Preis verhindern mag.

Es folgen ein tiefer Atemzug und ein Blick hinauf in den Himmel, um sich mental auf ihre nächste lebensmüde Prüfung vorzubereiten. Schließlich holt Skyla Anlauf und stürmt voran auf die befahrene Straße, dabei muss sie einigen Autos und sogar einem Bus ausweichen. Oft entkommt sie nur haarscharf ihrem Tod, sodass ihr Körper voll mit Adrenalin gepumpt ist und ihr Herz bereits lautstark protestiert. Während ihr Motor des Lebens gegen den Brustkorb hämmert, schreit ihr Verstand. Skyla ignoriert all die Beschimpfungen der Verkehrsteilnehmer und verliert dann auch noch den Kerl aus den Augen, als eine Straßenbahn die beiden voneinander trennt. Nie käme ihr in den Sinn, dass der Bahnfahrer anhält und aussteigt. So zornig, wie der alte Kerl blickt, lässt Skyla glauben, dass sie eine Standpauke vom Feinsten zu hören bekommt. Doch stattdessen greift er nach ihr und zieht wortlos zum Bürgersteig. Zum Schluss wirft er ihr einen strengen Blick zu, bevor er in die Bahn steigt und stumm davonfährt.



Völlig verdattert starrt Skyla der Straßenbahn hinterher und jetzt, wo sie die befahrene Straße erblickt, fragt sie sich, wie sie für die waghalsige Aktion überwinden konnte.
Ach ja, Milan zuliebe. Was man nicht alles für die Liebe tut!
Ihr Herz rutscht ihr in die Hose, als sie plötzlich von der Seite angesprochen wird: „Geht es Ihnen gut? Sind Sie verletzt?“
„Mir geht es gut“, antwortet sie einer alten Frau völlig aus der Puste.
„Was haben Sie sich nur dabei gedacht?“, versucht die Passantin ihr Verhalten zu verstehen.
Skyla wollte ihr antworten, doch dann wird ihr etwas bewusst: „Ich habe ihn verloren!“
Sie hält verzweifelt nach der Zielperson Ausschau, dabei wandert sie planlos durch die Gegend. Vorbei an der alten Dame und entlang der Wohnhäuser.

Frustriert nimmt Skyla auf einer Bank Platz und gönnt ihrem Körper Ruhe. Ein Windzug kündigt die Fee an. Mia landet auf ihrer Schulter und versteckt sich in ihrem feuchten Haar.
„Er ist mir entwischt!“, berichtet sie der Fee frustriert.
„Mir auch“, gibt Mia leise zu.
Sie klingt entkräftet und ein genauer Blick auf das kleine Wesen zeigt, wie schwer Mia atmet.
„Du hast ihn auch verfolgt?“
„Ja, gemeinsam mit dir. Aber dann sah ich das Unglück kommen. Ich konnte nicht mehr ausweichen und klatschte gegen ein Auto. Irgendwie überlebte ich, sicherlich dank des schnellen Schutzzaubers. Aber jetzt brummt mir der Schädel.“
Das klingt brutal und fast schon zu schön. Ein einfaches Insekt wäre Matsche und doch ist Mia augenscheinlich heil. Ein schneller Schutzzauber– eine maßlose Untertreibung für solch eine lebensrettende Maßnahme.
„Dann solltest du dich besser ausruhen.“
„Hör auf!“, beschwert sich die Fee zickig. „Das ist ja widerlich! Nur Milan darf sich Sorgen um mich machen!“

Skyla ist zu müde, um zu streiten.
„Was jetzt, Mia? Kannst du den Kerl irgendwie finden.“
„So gut bin ich auch nicht!“
„Sorry, ich hätte vielleicht nicht vor der Kreuzung zögern dürfen“, bereut Skyla die Sache.
„Schon gut, du hast es ja wenigstens versucht. Du solltest besser nach Hause gehen. Ich gebe Milan Bescheid.“
„Also gut“, lässt sich Skyla darauf ein und erhebt sich völlig fertig.
Ein Blick auf die Straßenschilder und schon lässt sie ihren Kopf hängen, bis zur nächsten Straßenbahn- oder U-Bahnhaltestelle darf sie noch ein gutes Stück laufen.



Mit Beinen wie Blei macht sich Skyla auf den Weg nach Hause. Kaum verlässt sie wenig später die U-Bahnstation, wird sie bereits abgefangen. Justin parkt am Straßenrand mit einem schwarzen Auto und ist auf sie fixiert. Er öffnet ihr die Beifahrertür und deutet ihr mit einer Kopfbewegung an, einzusteigen.
Da Skyla zögert, rät er ihr mit Nachdruck: „Einsteigen!“
„Kann das Gespräch nicht warten? Ich will einfach nur noch nach Hause“, gesteht sie völlig erschöpft.
Bestimmend schüttelt Justin seinen Kopf. „Steig ein!“
Widerwillig gehorcht Skyla und geduldet sich, bis er einen Augenblick später auf dem Fahrersitz Platz nimmt. Während Justin sich anschnallt, betrachtet er sie kurz und sie ahnt schon, was jetzt kommt.
„Würdest du dich bitte anschnallen!“
„Wohin fahren wir?“, hinterfragt sie bockig.
„Wir treffen uns mit Milan und dann müssen wir reden.“ Mehr will der grämliche Geisterjäger nicht preisgeben. „Schnall dich jetzt bitte an!“
So oder so lässt der Kerl ihr keine Wahl. Das bewies die kurze Zeit mit ihm. Widerwillig geht sie daher seiner Bitte nach.

„Es ist ja nicht so, dass ich da doof rumgestanden habe. Nur dieser eine Kerl ist mir entwischt.“
Justin atmet genervt aus und umklammert das Lenkrad feste. Für einige Sekunden schweigt er sie an, bis schließlich sein eisiger Blick auf ihr ruht.
„Die Videoveröffentlichung erfolgte aus unzähligen Perspektiven. Genug Beweismaterial. Unmöglich hättet ihr die Verbreitung verhindern können. Auch deine wilde Aktion mit der waghalsigen Überquerung der Straße. Wie konnte dieses Drama überhaupt passieren?“
„Ein Kindheitsfreund hat davon mitbekommen, dass ich mich seltsam im Bahnhof verhalten habe! Er glaubt, ich nehme Drogen zu mir und das nur, weil Milan in mein Leben getreten ist!“

„Ich verstehe.“
Justin wirkt wenig überrascht und Skyla muss sich zügeln, die Gründe zu hinterfragen. Zum Glück bombardiert er sie mit der nächste Frage: „Weißt du eigentlich, was das für uns bedeutet?“
Justin startet den Motor und begibt sich mit dem Wagen auf die Straße.
Kaum reiht er sich in den Straßenverkehr ein, spricht sie ihre Vermutung aus: „Ihr müsst sicher woanders untertauchen.“
„Schnellstmöglich. Ganz recht. Ich würde dir raten, uns zu folgen. Wir haben es nicht mit einfachen Kopfgeldjägern zu tun, sondern mit Profis, die viel Einfluss und große Geldquellen besitzen. Ein manipulatives Geschwür im System. Sie kehren Fälle einfach unter den Tisch, verdrehen die Wahrheiten und hetzen das System gegen ihre Beute auf. Eine Partei, die unsere Arbeit erschwert und vor der wir uns hüten sollten. Ganz besonders du. Menschen in Kontakt mit euch sind nur kontaminiert durch den Kontakt zur anderen Seite, während sie dich als eine Quelle des Übels betrachten. Finden sie dich, dann zerstören sie dir alles, was dir lieb und teuer ist. Du darfst mit eigenen Augen zusehen, wie alles zerfällt. Sie säen Misstrauen in deine Umgebung, dass du von allen Seiten verlassen wirst, sodass dein Lebenswille erlischt. Deine Erlösung erfolgt dann durch ihr reinigendes Feuer.“




Skyla schluckt schwer. „Das klingt nach den Hexenjagd aus dem Mittelalter.“
Justin nickt. „Ganz Recht. Ich vermute einen Zusammenhang. Leider sind betroffene Überlebende so gepeinigt und gebrochen, dass ich zu wenig Informationen über die Organisation heraus bekomme.“
Also stellt er Nachforschung über ihre Peiniger.

Justin trommelt mit dem rechten Zeigefinger unruhig auf dem Lenkrad und tut sich mit den nächsten Worten schwer: „Ich weiß, du liebst deinen Job und den Ausbildungsbetrieb. Aber du bist hier nicht mehr sicher. Ich kann dich in einer anderen Stadt in einem anderen Restaurant unterbringen, von wo du deine Ausbildung zu Ende bringst. Wenn du aber mit uns kommst, musst du diesen Ort für immer hinter dir lassen. Du darfst nicht mehr hierher zurückkommen, sonst würdest du jene in Gefahr bringen, die dir etwas bedeuten.“
Justin stellt Skyla vor eine grausame Wahl. Sie lächelt verzweifelt und fürchtet sich schon ein wenig, diese Leute kennen zu lernen. Dennoch bringt sie es nicht übers Herz, einfach alles hinter sich lassen.
„Ich kann diesem Ort nicht einfach den Rücken kehren.“
Seine Enttäuschung ist deutlich rauszuhören: „Dann bist du dumm, aber gut. Diese Entscheidung hast allein du zu tragen. Kommen wir auf das Wesen zurück, was du absorbiert hast. Es war ein Dämon. Entweder ein Spion oder Kundschafter. Kein großes Kaliber, aber schwach war er auch nicht. Beeindruckend, dass du den allein zur Strecke gebracht hast.“
„Es war leichter, als ich dachte. Ich musste ihn nur berühren und schon habe ich ihn verwundet“, berichtet sie ihm nachdenklich.
„Sei nicht hochmütig, sicherlich war es gar nicht so einfach an den Dämon ranzukommen. Mach dich darauf gefasst, dass dich immer mehr Geister oder Dämonen aufsuchen werden. Du solltest irgendwann vielleicht Hilfe bei den Hexen suchen, damit würdest du deine Karriere als Köchin aber aufgeben müssen. Viele der Hexen jagen gezielt nach Geistern. Suchst eine Hexe auf würdest dann zu einer Jägerin werden. Lange kannst du deinen eigentlichen Job nicht genießen können. Erinnere mich bitte gleich daran, dass ich dir die Visitenkarte einer Hexe aus der Gegend gebe. Sie kann dich im Notfall weitervermitteln. Suche sie aber nicht auf, wenn du von diesen Leuten gesucht wirst. Sollte eine Hexe deinetwegen sterben, hetzt du dir den Zorn des gesamten Hexenzirkels auf dem Hals. Das willst du nicht, glaube mir.“




Skyla seufzt erschöpft. „Das sind ja beunruhigende Nachrichten.“
Justin belächelt dies und gesteht: „Ja, als Geisterjäger hast du es nicht leicht.“

„Werden wir in Kontakt bleiben?“
„Nein, das geht nicht. Ich bin nicht dumm und lege mich nicht noch einmal mit diesen Leuten an. Ich habe Milans Nummer bereits aus deinem Handy gelöscht. Du kannst dich gleich bei ihm verabschieden und dann verschwinden wir aus deinem Leben.“
Ihr Herz beginnt unweigerlich an zu krampfen, dabei hat sie Milan so gern. Es ärgert sie, wie die Sache ausgegangen ist.
„Ziemlich feige“, spricht sie ihren Gedanken laut aus.
Verschuldet durch den Frust, den sie in diesem Augenblick empfindet. Obwohl Skyla Verständnis für die Lage der beiden Geisterjäger zeigt, liegt ein bitterer Geschmack auf ihre Zunge. Auch wenn sie die beiden noch gar nicht so lange kennt, haben sie sich einen Platz in ihrem Herzen gesichert …selbst Justin. Er meint es schließlich nur gut und jeder hat so seine Macken. Nur ungern möchte sie die beiden aus ihrem Leben ziehen lassen und ihr Herz greift dann zu solchen bitteren Kommentaren wie diesen.
„Du wirst meine Entscheidung noch verstehen. Ich hoffe für dich, dass sie dir nie über den Weg laufen und doch bezweifle ich dies ein wenig“, äußert sich Justin ruhig dazu.
Das muss sie ihm lassen, dieser Kerl hat die Ruhe weg.

„Momentmal! Wo ist mein Handy jetzt überhaupt?“
„Ich habe es bei mir.“
„Gut, kriege ich dieses Zeug eigentlich von meinem Handy oder muss ich mir ein neues Modell anschaffen?“
„Schaffe dir besser ein neues Handy an und pass darauf besser auf. Wie konnte der Dämon es überhaupt verschlucken?“
„Weißt du eigentlich, wie voll es am Bahnhof ist? Da war so ein Kerl, der hat mich einfach angerempelt. Schon landete mein Handy unter dieser Kreatur, bevor es gefressen wurde.“
Justin kann nicht anders, als darüber zu grinsen, woraufhin sie ihn genervt damit konfrontiert. Da die Ampel rot ist und er eh anhalten muss, blickt er kurz zu ihr.
„Du bist ein richtiger Pechvogel.“
Skyla betrachtet ihn etwas beleidigt, wovon er nichts mitbekommt, da er sich wieder auf die Straße konzentriert.

Skyla erkennt, wohin er fährt, schließlich parkt er den Wagen vor dem Haus, wo die beiden Geistjäger zurzeit leben. Milan steht bereits im Garten und wartet sehnsüchtig auf ihre Ankunft. Schnell hat sich Skyla abgeschnallt. Sehnlichst wünscht sie sich seine Nähe. Jemand, der ihr Halt gibt und wenigstens versucht, sie zu verstehen. Doch bevor sie den Türgriff überhaupt in der Hand hat, packt Justin zu und hält sie am Arm zurück.




„Das ist deine letzte Chance, von hier zu verschwinden. Haben wir einmal die Stadt verlassen, kehren wir nicht um. Zu groß ist die Gefahr, erneut auf diese Leute zu treffen.“
Skyla blickt ihm in die Augen und erkennt allein an seinem Blick, dass der Plan ohne jeden Zweifel umgesetzt wird. Ihn versuchen, umzustimmen ist ein Ding des Unmöglichen. Seine ernste Miene verdeutlich ihr noch einmal die Situation, woraufhin sie ihm mit einem Nicken signalisiert, dass die Botschaft angekommen ist. Und doch liegt Justins Hand noch immer auf ihr. Ihre Reaktion scheint ihn zu verärgern, schließlich entblößt er die Zähne.
„Welch eine Vergeudung deiner Kräfte. Du hättest Großes erreichen können.“
Frustriert lässt er von ihr ab. Skyla setzt zum Kontern an, denn sie will ihm ihre Situation noch einmal verdeutlichen. Doch kaum ist der Mund geöffnet, schließt sie diesen und steigt wortlos aus. Was sie auch sagt, es wird ihm kein Trost sein. Ihr ist jedoch nicht entgangen, dass ein Mann wie er sie zu schätzen begonnen hat. Eine Tatsache, dass den Abschied umso schwerer macht.

Stumm entfernt sich Skyla von dem Auto und eilt zu Milan. Justins Kumpane empfängt sie sehnsüchtig mit offenen Armen und schließt sie in eine trostspendende Umarmung. Es ist sein Duft, der ihre Nerven beruhigt. Sie nimmt sich an seinen ruhigen Atemzügen ein Beispiel und lauscht seinem Herzschlag. Es klingt, als fürchtet sich Milan und sein Blick ist voller Sorge. Da seine silberfarbenen Augen nicht Skyla sondern Justin anvisieren, ahnt das Medium, dass die beiden allein durch Augenkontakt kommunizieren. Milans Herzschlag beschleunigt sich und nun steht ihm die Panik ins Gesicht geschrieben.

Milan zieht scharf die Luft ein und bringt die nächsten Worte kaum über die Lippen: „Du planst doch nicht allen Ernstes hier zu bleiben, Skyla!“
Noch ehe sie zur Antwort ansetzen kann, drückt er ihr einen verzweifelten Kuss auf die Lippen. Einen, dann zwei und es werden immer mehr. Als hoffe Milan, sie mit seinem Charme und seinem Sexappeal umzustimmen.
Seine nächsten Worte sind flehend: „Du musst mit uns kommen, Skyla.“
Milans Finger graben sich in ihre Kapuzenjacke und umklammern den Stoff feste. Er fürchtet sich sicherlich vor ihrer Antwort und beginnt zu zittern. Skyla muss schlucken, schließlich gerät alles in Schwanken. Obwohl sie sich sicher war, macht es ihr Milan gerade nicht leicht. Seine Augen glänzen verdächtig, als kündigen sich Tränen an. Die gesamte Situation– all die Eindrücke und Emotionen verschlagen ihr die Sprache.



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