Kapitel 5
Banale Geräusche aus dem Alltag wecken die Fluchtinstinkte. Langgezogene Schatten wirken bedrohlich. Selbst die Nähe durch die Menschenmenge, wo Skyla auf Schutz und Seelenfrieden hoffte, gibt ihr kein Gefühl von Sicherheit. Ständig meldet sich der Verfolgungswahn. Verängstigt wie ein kleines Lamm eilt Skyla heim. Gehetzt und gebrandmarkt von den vergangenen Ereignissen. Vorbei am Tatort, wo die Gräueltat eine anziehende Wirkung auf schaulustige Passanten hat. Skyla meidet die Tiefgarage im hohen Bogen. Mit angehaltenem Atem huscht sie vorbei, als fürchte sie, das Monster im Inneren zu wecken. Weg vom Ort des Grauen hastet das Mädchen ins vertraute Treppenhaus. Doch auch hier wirken die Stille und die dunklen Ecken verdächtig. Der Aufstieg in die zweite Etage zieht sich gefühlt extrem in die Länge.
Mit zittrigen Fingern versucht Skyla, den Schlüssel ins Schloss zu schieben, aber ihre Nervosität erschwert die alltägliche Bewegung, die sie sonst fließend durchführt. Fast fällt der Schlüsselbund zu Boden und Skyla spielt mit dem Gedanken, die Klingel zu betätigen. Doch der zweite Versuch gelingt und nun tritt die verschollene Tochter in die Wohnung ein – nur um dort dem strengen Blick ihrer Mutter ausgesetzt zu werden. Kacie, das Alphatier der dreiköpfigen Familie, weiß, wie sie ihrem Kind schlechtes Gewissen bereitet. Allein der tadelnde Blick und die abwehrende Haltung am Küchentisch prophezeien großen Ärger. Mit verschränkten Armen sitzt sie dort vor ihrer dampfenden Tasse Kaffee und neben ihr steht eine große Kanne – der große Vorrat. Aus Kacies strengem Dutt haben sich ein paar dunkelbraune Haare befreit. Die weiße Longbluse zur dunkelblauen Jeggings lässt Skyla ahnen dass ihre Mutter noch die Bürokleidung trägt, denn für gewöhnlich läuft sie zuhause im Schlabberlook rum. Mit den Jahren ist die Bürokauffrau molliger geworden, was sie umso sympathischer macht. Papa Finn liebt jedes Pfund an ihr und Skyla sieht die Gewichtszunahme als eine Bestätigung, dass den Eltern ihr Essen gut schmeckt.
Die sonst herzenswarme und alberne Mutter scheint erbost über Skylas plötzliches Verschwinden zu sein, schließlich sind ihre Augen zu Schlitzen geformt und die zartrosa Lippen haben sich zu einem Strich verzogen. Der Ausdruck des Zorns legt sich jedoch, als Kacie ihre Tochter eingehend betrachtet. Währenddessen gleitet Skyla ihre Arbeitstasche von der Schulter und mit einem dumpfen Geräusch landet diese neben der Wohnungstür. Dank ihrer Volljährigkeit ließ sich der Anruf vom Krankenhaus bei ihren Eltern vermeiden. Und zum Glück kam es zu einem Zahlendreher, während sie nicht ansprechbar war. Denn die Schwestern hatten es mit der Kontaktaufnahme per Telefon versucht, aber keinen Erfolg. Skylas Krankenakte war schlampig geführt worden. Viele Informationen fehlerhaft. Als hätte ein Außenstehender seine Finger im Spiel gehabt, um zu vermeiden, dass Skyla Unterstützung erhalten könne.
Eigentlich wollte Skyla verhindern, dass ihre Eltern sie in solch einem Zustand sehen. Ab und zu kommt es schon mal vor, dass Skyla nach der Arbeit nicht nach Hause kam. Immer dann, wenn ein Freund in Not steckt. Ihre Eltern lernten ihr zu Vertrauen und daher hatte Skyla Hoffnung, dass die Sache ohne viel Drama über die Bühne geht. Denn nach dem schrecklichen Vorfall mag Skyla sich von dieser Erinnerung distanzieren wollen. Es zu vertiefen liegt nicht in ihrem Erstreben.
„Darf ich erfahren, warum du nicht an dein Handy gegangen bist, Kind?“
Mama Kacie klingt streng und noch misstrauisch.
Skylas Blick gleitet zu Boden. „Ich hatte keinen freien Kopf für ein Telefonat.“
„Keinen freien Kopf? Wie darf ich das verstehen?“
Es ist nicht zu überhören, dass ihre Mutter versucht, sich zu beherrschen. Ihre Stimme ist ungewöhnlich schrill und der Kopf auffällig rot, als habe sie noch vor wenigen Minuten vor Unruhe getobt. Doch ihre Tochter ist noch nicht bereit, über die Schreckensnacht zu reden und so beugt sie sich hinab, um die Entlassungspapiere hervorzukramen. Stumm schreitet sie in die hell geflieste Küche. Vorbei an einer Küchenzeile mit puristischen Elementen. Ein wahrer Traum. Aber leider schöpft Skyla ganz allein das volle Potenzial dieses Reiches aus. Ihre Eltern haben wenig Geduld und keine Motivation, sich mit den Möglichkeiten der Kochkunst auseinanderzusetzen, dabei glänzt das hochwertige Material aus Naturstein und feingeschliffenen Hölzern. Die edlen Bestandteil sorgen für eine einfache Pflegehaltung. Weitere Pluspunkte sammelt die Zeile durch den weitreichenden Stauraum und die vielen beleuchtenden Griffleisten. Ein weiterer Ort, an dem Skyla sich wohlfühlt und mit ihrem Element eins werden kann. Der Blick klebt nur kurz auf den geliebten Ort und der Gedanke, sich mit der Zubereitung einer Mahlzeit abzulenken, drängt sich in den Vordergrund. Doch nach all dem Stress besteht kein Hungergefühl. Ganz im Gegenteil. Seit jenem Ereignis hat sie keine Mahlzeit angerührt und doch steht ihr die Galle bis oben. Ihr Vorhaben wäre nur reine Lebensmittelverschwendung, daher wendet sich Skyla von ihrem geliebten Arbeitsbereich ab.
Nervös legt die Tochter die Kopie des Arztbriefes auf den Tisch und tippt darauf. Der vertraute Duft des Vanilleparfüms steigt ihr in die Nase, das Kacie Tag für Tag trägt und das nach all dem Trubel ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit in der Tochter auslöst. Aufgrunddessen verharrt Skyla auf der Stelle, statt zurückzuweichen.
„Hier steht alles drinnen.“
Kacie ergreift die Papiere, die durch das achtlose Stopfen in die Tasche in Mitleidenschaft gezogen wurden. Neben den Eselsohren sind die Dokumente geknittert, was Skyla vor Augen führt, wie schnell sie das Krankenhaus verlassen wollte. Einfach weg, alles andere war egal. Die dunklen Augen der Bürokauffrau ruhen für einen Moment auf ihrer Tochter, bevor sie die böse Überraschung entfaltet. Die Visitenkarte eines Polizisten fällt heraus und das Logo der Gesetzeshüter weckt Kacies Neugier. Am heutigen Morgen kam schließlich einer der Polizisten ins Krankenzimmer und hatte wenige Fragen zum Vorfall.
Skyla muss schlucken, denn es war nicht ihre Absicht, dass ihre Mutter vom Tatort erfährt.
„Was ist das?“ Kacie hebt ehrfürchtig das Kärtchen auf. „Die Mordkommission? Skyla, das …das wird mir gerade etwas zu viel.“
Kaum ausgesprochen, legt Skylas Mutter alles auf den Tisch nieder und braucht einen kräftigen Schluck Kaffee.
Ihre Tochter fasst sich ans Herz und gibt zu: „Ich bin auf eine Leiche gestoßen.“
Worte, die ihre Mutter fassungslos aufblicken lassen. Die Frau, die immer zum Konter ausholt, wirkt für einen guten Moment sprachlos.
„Eine Leiche?“
Skyla nickt und betrachtet die Visitenkarte nachdenklich. „Er hat meine Aussage stillschweigend hingenommen und nur wenige Fragen gestellt. Es war ein Pflichtbesuch und meine Sicht schien ihn wenig zu interessieren. Ob er mich verdächtigt?“
„Warum sollte er dich verdächtigen?“ Kacie schüttelt verwirrt ihren Kopf. „Es ist doch nicht so, dass du die Mordwaffe in der Hand hattest.“
Aber ihr Blut.
„Falscher Ort, falscher Zeitpunkt“, bringt ihre Tochter stattdessen hervor.
Nun überwindet sich ihre Mutter, sich dem Entlassungsbrief zu widmen. Die Stille wird unbehaglich und unerträglich, deshalb wendet sich Skyla von ihr ab. Kacie ist so sehr im Lesen vertieft, dass sie das Verschwinden ihrer Tochter nicht bemerkt und so betritt Skyla ihr Reich. Ihren Rückzugsort.
Ablenkungen sollen helfen, deshalb versteckt Skyla ihr Gesicht hinter den Comics und sucht Trost bei ihren Helden. Dem Gespräch mit ihrer Mutter weicht sie bewusst aus und zum Glück akzeptiert Kacie dem Wunsch nach Ruhe. So müde Skyla auch ist, fürchtet sie die Alpträume. Die die Nächte werden daher länger und der Schönheitsschlaf kürzer.






























Kommentare