Kapitel 4
Ein geheimnisvolles Geräusch lässt Skyla erwachen. Eins, das sich ständig wiederholt und zuerst fern klingt. Im Sekundentakt gewinnt es an Lautstärke, als würde sich die Quelle ihr nähern. Es erinnert an Wasser, das sich seinen Weg in die Tiefe bahnt und sich am Boden zu sammeln beginnt. Das Zimmer, sowie die Einrichtung sind ihr fremd. Weit und breit suchen die Augen vergebens nach persönlichen Gegenständen. Die Räumlichkeit ist trist gestaltet und der Geruch von Desinfektionsmittel stark vertreten. Ihr Kopf dreht sich zur Seite, wo ein Vitaldatenmonitor sie vor einem marineblauen Vorhang begrüßt. Ein Gerät zur Überwachung, das unglaublich viel Lärms verbreitet.
Auf der Suche nach einer undichten Stelle gleitet Skylas Blick über das Krankenbett durch das leere Zimmer, das einsam und verlassen wirkt. Das Nachtlicht spendet ihr ein kleines Gefühl von Sicherheit und erhellt gleichzeitig die Dunkelheit. Ähnlich wer der Mond, der draußen ungewöhnlich hell leuchtet. Ein Blick auf den Monitor verrät ihr die Uhrzeit. Vier Uhr nachts – zu früh, um aufzustehen. Das erklärt den müden Zustand und das Bedürfnis, die Augen zu schließen. Wären da nicht diese nervtötenden Klänge. Ein grauenvolles Konzert, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Skyla wach zu halten.
Einzelne Tropfen lösen sich von der Decke und treffen sie auf den Handrücken. Provozierend sickert verdächtig mehr Flüssigkeit von der Decke. Mit einer angenehm warmen Temperatur, fast mollig. Eine Tatsache, die sie stutzig macht. Als der nächste Tropfen auf der klinisch weißen Bettdecke landet, weiten sich ihre Augen. Das rote Wasser entpuppt sich als Blut. Ihr stockt der Atem bei der Erkenntnis. Der Herzschlag tönt daraufhin in ihren Ohren. Stur starrt sie auf ihre Hände. Nicht gewillt, nach oben zu schauen. So folgen weitere Spritzer. Der Körper erstarrt vor Schreck und alles in Skylas weigert sich, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Die Kehle fühlt sich an wie zugeschnürt und nicht bereit, einen Laut von sich zu geben.
Ein Windhauch streift ihr blaues Haar. Skylas Nackenhaare stellen sich augenblicklich. Der Monitor gibt verdächtige Töne von sich – präsentiert ihre Angst auf dem Silbertablett. Die Panik bringt ihre Fassade zum Bröckeln, als der Geruch von Eisen die Pfütze vor ihren Augen verrät. Als wäre der Moment nicht schlimm genug ergießt sich ein Schauer über ihren Kopf. Eine Dusche im warmen, roten Regen. Das Blut fließt in Rinnsalen über das Gesicht. Bis zum Kinn und tropft auf die Kleidung hinab. Aus dem Augenwinkel heraus kann Skyla beobachten, wie ein Schatten an ihrem Bett vorbeihuscht. Es handelt sich um eine Bewegung, die die Luft zirkulieren lässt und den Infusionsständer zum Wackeln bringt. Die Erinnerungen an die Tiefgarage keimen in Skyla auf. Sie erinnert sich an das Monster über der Leiche. Bewusst schaut Skyla weg. In der Hoffnung, das, was sie heimsucht, verschwindet, wenn es ignoriert wird.
Die Matratze sinkt verdächtig ein. An dem Besucher haftet eine klirrende Kälte. Ein Temperaturumschwung, der Skyla bis unter die Haut geht. Der Windzug nah an ihrer Wange reißt die Mauer ein und die Panik überrennt das Mädchen. So handeln ihre Hände und wollen ihre Augen verdecken, jedoch wird Skyla daran gehindert. Ein fester Griff und schon kann sie ihren rechten Arm nicht mehr bewegen. Spindeldürre Finger schieben sich ins Bild, dessen Haut auffällig glänzt.
Blut! Noch mehr davon!
Die Erkenntnis sorgt für eine Schnappatmung. Als habe die Person vor ihr in einer Badewanne voll Plasma gebadet wie ein Vampir. Allein die Vorstellung daran treibt ihr den Geschmack von Galle auf die Zunge. Die unnatürlichen Bewegungen auf der plastisch roten Hautschicht erinnern Skylas an Wellenbewegungen und wecken gleichzeitig ihr Misstrauen. Aufgrunddessen hebt sie ganz langsam den Kopf, während ihre Augen das fremde Wesen erfassen. Der Rhythmus ihres Herzens beschleunigt sich beim Anblick der Kreatur.
Es stellt sich heraus, dass ihr Besucher komplett mit Blut überzogen ist. Skylas Zähne beginnen zu klappern, als die riesige Klaue Halt an ihrem Kinn findet und ihren Kopf sanft in Richtung des Eindringlings dreht. Die Erinnerungen an das Parkhaus verfestigen sich langsam und stocken an der Stelle, als sich genau dieses Monster über der Leiche materialisierte. Das Problem mit der instabilen Hülle scheint gelöst. Keine Partikel bröckeln mehr hinab und keine großen Löcher bilden sich auf der Struktur.
Skylas Schrei erstickt, als die Kreatur ihr den Mund zuhält. Vom Bauchnabel abwärts hat das Wesen etwas an sich, das Skyla an einem Flaschengeist erinnert. Einen trichterförmigen Abschluss wie bei einem Tornado. Aufgrund der Anatomie vom Brustkorb aufwärts erinnert das Wesen an einen Menschen. Unter der plastisch wirkenden Haut zeichnen sich Konturen von einigen Knochen ab, die Skyla allzu vertraut sind.
Dass es sich hier um einen Gesichtslosen handelt, findet Skyla am Beunruhigtesten. Denn das Einzige, was auf dem kahlen Kopf des Monsters hervorsticht, ist der langgezogene Sichelmund. Die Kreatur rückt ihr beängstigend nahe und lässt ihr Herz immer lauter schlagen. Ihre Atmung beschleunigt sich. Gewaltsam drückt das fremdartige Wesen sie hinab auf die Matratze, wo sich Skyla mit Händen und Füßen zu wehren beginnt. Vergebens. Sie greift durch den Geist hindurch und spürt nichts außer eisige Kälte, doch auf ihren Fingern zeichnet sich der Kontakt mit frischem Blut ab. Die rote Flüssigkeit läuft ungehindert ihre Arme hinunter. Eine Erfahrung, die sie erschaudern lässt und Ekel hervorruft.
Näher und näher beugt sich das Monster über sie, während ihre Sicht verschwimmen zu droht. Die Hintergrundgeräusche, die sie vom Schlafen abgehalten haben, nimmt Skyla kaum mehr wahr. So überrascht es sie, dass sich plötzlich wie aus Nichts viele Köpfe über sie beugen. Panisch huschen ihre Augen umher, aus Furcht, noch von weiteren Monstern umgehen zu sein. Aber es handelt sich in diesem Fall um Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern. Keine entstellten Gesichter. Keine schaurigen Gestalten. Viel zu real, um es für einen Traum zu halten.
Das gesamte Personal wurde sicherlich durch den piepsenden Monitor gerufen. Die Hoffnung ist groß, dass der Alptraum endet. Aber ehe Skyla aufatmen kann, nimmt sie das Monster im Hintergrund wahr. Nicht einer der Anwesenden bemerkt die Kreatur. Unsichtbar für das Umfeld. Festgebissen in Skylas Kopf. Vielleicht ein grausames Produkt ihrer Fantasie. Die Gefahr besteht jedoch, dass dieses Wesen auch anderen schadet. Der verzweifelte Versuch, sich aufzusetzen und eine Warnung auszusprechen, scheitert in dem Moment, als sie mit aller Kraft hinunter gedrückt wird. Gewaltsam fixiert das Ärzteteam ihre Patientin und dröhnen diese mit Beruhigungsmittel zu. Die künstliche Beatmung versorgt Skyla mit dem nötigen Sauerstoff. Als ergötze sich die Kreatur an ihrer Hilflosigkeit, tritt das Wesen ganz nah heran. Über Skyla gebeugt. Unerreichbar für das Krankenhauspersonal, schließlich greifen die Leute durch den Geist. Anders als Skyla bekommen sie die Kälte anscheinend nicht zu spüren, schließlich kommt dies nicht zur Sprache und niemand fängt an zu frösteln. Auch der Blutmantel hinterlässt keinerlei Spuren an ihnen. Womit Skyla grausam vor Augen geführt wird, dass sie diese Konfrontation allein durchstehen muss. Keiner der Anwesenden wird sich in ihre Lage hineinversetzen können.
Der Schwindel setzt ein, kündigt ihren Ohnmachtsanfall an. Skyla wehrt sich lange dagegen. Aus Furcht vor den Folgen. Doch der Kampf wirkt vergebens, ihr Körper gehorcht ihr nicht mehr länger. Etwas, was die Kreatur ebenfalls begreifen zu scheint, schließlich beugt sie sich noch weiter hinab. Viel zu nah. Die Kreatur hebt einen knochigen Finger und legt sich diesen an den Mund. Als wolle es damit andeuten, dass diese Erfahrung ihr kleines Geheimnis bleiben soll. Daraufhin verblasst die groteske Kreatur vor ihren Augen und wenige Sekunden später schließen sich erschöpft ihre Lider.
Schweißgebadet erwacht Skyla zum Sonnenaufgang. Mit panikverzerrtem Gesicht. Der Schrecken sitzt tief in ihren Knochen. Kaum erwacht folgt ein täuschender Moment der Ruhe. Ein leeres Zimmer. Kein Monster weit und breit. Aber der Verstand weiß es bereits besser. Seit diesem Erlebnis aus der Tiefgarage wird sie niemals mehr allein sein. An ihr hat sich dieser Albtraum geheftet, der ihre friedlichen Träume zerschmettert. Das Monster hat sie gebrandmarkt, sich in ihren Kopf eingenistet und lässt sie den Vorfall immer wieder durchleben. Der Verfolgungswahn nagt an ihr. Denn Skyla wird das Gefühl nicht los, dass die Kreatur im Hintergrund lauert. Eine hungrige Bestie, die geduldig darauf wartet, bis sich Skyla in Sicherheit wiegt, um sie dann daran zu erinnern, dem Alptraum nie entkommen zu können.
Ein Blick in den Spiegel und zu sehen ist ihr rotgetränktes Gesicht. Das Blut des Opfers. Es ist mit Skyla verschmolzen und keine Seife der Welt hilft ihr, das Zeug abzuwaschen. Sie kann es riechen. Es schmecken. Immer wieder liegt ihr der widerliche Geschmack von Eisen auf der Zunge, der sie appetitlos macht und sogar würgen lässt. Ihr Verstand spielt verrückt. Anders kann es nicht sein. Ihr Leben liegt wie ein zerbrochener Spiegel auf dem Boden. Sämtliche Dinge, die sie allein ausmachen, wie ihre forsche und zielstrebige Art, die Verbindungen zu ihren Liebsten und auch ihr Zukunftswunsch – die Lehre bei David abzuschließen und ihn vielleicht als Arbeitskollegen bezeichnen zu dürfen – verteilen sich in Bruchstücke und lassen ihre Vergangenheit belanglos werden. Skyla bangt darum, sich zu vergessen und in die Tiefen der Dunkelheit gezogen zu werden.
Je länger Skyla allein mit ihren Gedanken verbringt, umso mehr werden diese vergiftet. Als wäre sie in Haft, sitzt das Mädchen schweigend ihre Zeit im Krankenzimmer ab. Nach einer gefühlten Ewigkeit flattert ihr der Entlassungsbrief in die Hände. Ihr Weg in die Freiheit. Dabei war sie nur eine Nacht zur Kontrolle an diesem schrecklichen Ort und niemand konnte ihr helfen.









































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