Kapitel 3
Die kühle Nachtluft ist eine wahre Wohltat, nachdem Skyla den ganzen Tag den heißen Dämpfen, den hohen Temperaturen am Herd und dem stressigen Arbeitstempo ausgesetzt war. Völlig erschöpft verlässt sie das Restaurant nach Feierabend. Verspätet. Die Säuberung der Küche hat am Ende länger gedauert als gedacht. Wenigstens beschränkt sich der Weg von ihrer Arbeitsstelle bis zu der Wohnung ihrer Eltern auf einen Fußweg von nicht mal fünfzehn Minuten. Die Straßen mögen beleuchtet sein und doch empfindet Skyla auf dem Heimweg kein Gefühl von Sicherheit. Zu dieser späten Stunde erwarten sie nur menschenleere Straßen. Oft wirkt es, als ob hinter den vielen Fenstern schemenhafte Gestalten stehen. Augenpaare, die sie beobachten. Nachts ändert sich die Atmosphäre schlagartig. Die Sonne ist vertrieben worden und mit ihr die milden Temperaturen. Es ist kühl geworden, ähnlich wie in einem Keller. Die plötzliche Kälte lässt Skyla erzittern und von den lieblichen Vogellauten fehlt jede Spur. Dank der Lichtverschmutzung ist von den Sternen leider nicht viel zu sehen. Zudem hängen die grauen Wolken wie ein schwerer Vorhang vor dem Nachthimmel.
Ein weiteres dumpfes Geräusch weckt ihre Aufmerksamkeit. Irgendjemand oder irgendetwas hämmert gegen ein Gitter. Nur wenige Meter von ihr entfernt. Die Geräuschquelle vermutet sie in der Tiefgarage eines Wohnhauses. Neugierig schaut Skyla durch die Gitterstäbe hindurch. Aber unmöglich lässt sich dort unten etwas erkennen, denn es ist stockfinster.
Als die Geräusche verstummen, setzt Skyla ihren Weg fort. Besser zügig, denn die seltsamen Vorfälle häufen sich besorgniserregend. Eine Mütze voll Schlaf und dann ist hoffentlich alles wieder beim Alten. Doch ein paar Schritte weiter meldet sich ein leises Wimmern aus den Tiefen des dunklen Unterstellplatzes. Dabei fehlte nicht viel, um den düsteren Ort hinter sich zu lassen. Um die Ecke befindet sich der Eingang in den dunklen Schlund. Die einzige Möglichkeit für jemanden, der keinen Garagenschlüssel besitzt, hineinzugelangen. Als habe sich das Schicksal gegen Skyla verschworen, gibt das offene Garagengitter den Weg in die Tiefe frei. So hindert sie nichts mehr an einer Rettungsmission.
Serienkiller aufgepasst! Ich komme!
Skyla schnaubt. Ein Blick hinab und selbst ihr Humor verlässt sie.
Ich muss selten dämlich sein, mich dort hinunter zu wagen. Ausgerechnet heute! Mitten in der Nacht und natürlich dann, wenn keine Menschenseele weit und breit zu sehen ist!
Ein tiefer Atemzug. Allein, um ihre Nerven ein wenig zu beruhigen.
„Hallo? Ist da jemand?“, ruft sie hinab.
In der Hoffnung, dass ihr niemand antwortet und sie schnell davon flitzen kann, bevor ihr Bett eine Vermisstenanzeige rausgibt.
Das Wimmern verstummt und eine völlig aufgebrachte Frauenstimme meldet sich zurück: „Bitte helfen Sie mir!“
Damit wird Skylas letzter Funken Hoffnung niedergetrampelt.
Mit einem mulmigen Gefühl begibt sich Skyla hinunter. Wie sehr wünscht sie sich in diesem Moment eine Taschenlampe. Mit Beinen wie Wackelpudding tastet sie sich Schritt für Schritt voran und hofft, kein Ungeziefer vorzufinden. Keinen Schatten, der an ihr vorbeihuscht, wie die Katze aus dem Gebüsch. Die Temperatur fällt schlagartig, sodass der Atem durch die Kälte sichtbar wird. Ein Windzug streift ihre Wange und kündigt das Unheil an. Etwas schnappt nach ihr und reißt sie mit Leichtigkeit durch die Luft. Der Schrecken sitzt tief und der Körper bleibt starr. Nach dem freien Fall folgt der Sturz. Unsanft donnert sie hinab und rollt wenige Meter weit. Ihre gute Jeans muss dran glauben und verhindert Schlimmeres. Das Brennen auf ihren Knien stammt zum Glück nur von wenigen Schürfwunden. Kleine Kratzer, die Skyla in Anbetracht ernster Verletzungen gern in Kauf nimmt. Es ist ihr benommener Zustand, der ihr Sorge bereitet, denn im Ernstfall wird sie sich so nicht verteidigen können.
Der Kopf pocht an der Aufschlagsstelle. Die warme Flüssigkeit auf ihrer Stirn entpuppt sich als ihr Blut. Skylas Finger ertasten die aufgeplatzte Haut. Ein paar Lichterpunkte tanzen ihr eine Weile vor der Nase. Alles in ihr rät zu verschwinden und doch nervt ihr Pflichtgefühl, schließlich gibt es eine Person in Not. Einfach zu verschwinden ist nicht die feine Art. Selbst nach solch einer Bruchlandung nicht.
Nicht weit von Skyla leuchtet eine schwache Lampe. Ein kleines Licht im Dunkeln, das Trost spendet. Skyla vermutet einen Notausgang oder ein Treppenhaus. Es vergehen einige Minuten, bis sich das klopfende Herz beruhigt und sie sich auf die Beine kämpft. Ein leises Fiepen und ein kleines vorbeihuschendes, pelziges Tier nehmen ihr mit einem Schlag diesen heldenhaften Moment. All die innere Ruhe, die sich Skyla mit Mühe und Not aufgebaut hat, wird fortgespült. Ihr Kopf hält sie für verrückt, solch einen düsteren Ort aufzusuchen. Ein Blick in Dunkelheit, die an manchen Stellen durch unheilvolle, flackernde Lichter durchbrochen wird, unterstreicht die Aussage ihres Verstandes.
Skyla fährt sich besorgt durch die Haare, während ihr Herz sich kurz beruhigen muss. Etwas verbirgt sich in der Dunkelheit. Es klingt nicht wie Schritte, sondern wie ein Kratzen. Die Bewegungen sind schnell, sodass Skyla ruckartig ihr Handy hervorholt. Die Lage ist schwer abzuschätzen. Die Person in Not hat Vorrang und doch will Skyla keinem Mörder in die Arme laufen. Schnell werden die Augen zugekniffen, da ihr Mobilphone zu grell leuchtet. Ein Blick auf das Display lässt sie leise fluchen.
Kein Netz!
Es folgt ein Störsignal, als plötzlich das System hinunterfährt und einen schwarzen Bildschirm zurücklässt.
Kein Akku! Natürlich!
Da ihr Handy sie im Stich lässt, braucht Skyla eine Waffe. Irgendetwas, womit sie sich im Notfall verteidigen kann.
Während Skyla Ausschau nach etwas Brauchbarem hält, behält sie die Gegend misstrauisch im Auge. Etwas hetzt an ihr vorbei, woraufhin sie sich umdreht. Es ist zu nah für ihren Geschmack. Diesmal handelt es sich um kein Tier, das ist sicher. Dafür waren die Schritte zu laut und das, was ihre Augen in der Dunkelheit erkennen, ist zu riesig für ein gewöhnliches Tier. Es fühlt sich an wie ein Hinterhalt. Ein Fremder lauert ihr auf. Vielleicht handelt es sich bei dem Hilferuf um eine Falle. Bisweilen hat sich Skyla immer für andere eingesetzt. Ganz wehrlos ist sie nicht. Sollte sich jemand auf sie stürzen, dann darf sich der Angreifer auf Gegenwehr freuen.
Die kühle Luft sorgt für klare Gedanken. Auch wenn ihre schlotternden Beine etwas anderes sagen, zwingt sich Skyla zu einem herausfordernden Lächeln.
„Mach mir nichts vor! Ich weiß, du schleichst um mich herum. Versteckst dich wie eine Ratte im Schatten. Willst du wie ein Feigling zu schlagen?“ Nur kurz wandert ihr Blick umher, bevor ihre Züge sanfter werden. „Die Person, die um Hilfe gerufen hat und diese auch braucht, wird meine Unterstützung bekommen. Bitte gebe dich zu erkennen.“
Ein Wimmern weckt ihre Aufmerksamkeit. Kurz darauf meldet sich die Frauenstimme: „Ich bin hier hinten. Ich kann mich nicht bewegen, sonst würde ich zu dir kommen.“
Die Person in Not klingt verzweifelt und den Tränen nah.
„Hier hinten“, wiederholt Skyla mit einem tiefen Atemzug. „Was heißt hier hinten? Gibt es irgendwelche Anhaltspunkte? Irgendein farbliches Auto?“
Vergebens wartet sie auf einer Antwort. Noch immer ist ihr die Sache nicht geheuer. Zumal sie im Hinterkopf behält, dass jemand um sie herumschleicht. Zu nah, während der Hilferuf fern klingt. Somit ist Vorsicht geboten.
Ganz langsam, um nicht gehört zu werden und hoffentlich unentdeckt zu bleiben, wandert Skyla zwischen den Autos entlang. Dabei traut sie sich kaum, laut zu atmen. Angespannt von der unheimlichen Stille muss sie sich für jeden Schritt motivieren. Eine Drehung nach links und sie beobachtet mit weit aufgerissen Augen, wie sich eine Autoklappe von Zauberhand öffnet. Ihr Kopf malt das Szenario bereits aus, von hinten gepackt und vielleicht mit der Hilfe von Chloroform ausgeschaltet zu werden, um im Stauraum zu verschwinden. Wie sich herausstellt, schiebt Skyla zu schnell Panik, denn es findet keine Entführung statt.
Eine quietschgelbe Taschenlampe springt Skyla ins Auge. Aber auch nur deshalb, weil ein Streifen Mondlicht durch die Gitterstäbe in die Tiefgarage dringt. Das Werkzeug befindet sich einsam im Kofferraum.
Was wird hier gespielt? Das kann doch kein Zufall sein! Genau, das, was ich brauche. Aber es stinkt nach einer Falle.
Zögernd und vorsichtig, als befürchte sie, die Autoklappe würde wie eine Mäusefalle zuschnappen, nimmt Skyla die Taschenlampe an sich. Als habe eine höhere Macht ihren Wunsch nach Licht erhört. Wahrscheinlicher ist jedoch die Tatsache, dass sie nach den Fäden eines anderen tanzt. Es wirkt wie ein Spiel. Ein Vorteil, der ihr falsche Hoffnung schenken soll, damit die Erkenntnis umso schlimmer zuschlagen wird.
Es handelt sich zuerst um ein Gefühl, dass hinter ihr jemand steht. Eine bösartige Präsenz, die sich an ihrer Furcht labt. Bestätigt wird ihr dies, als sich eine fremde Hand auf ihre Schulter legt und Druck ausübt. Jemand packt fest zu, woraufhin sich Skyla panisch umdreht. Sie muss sich dabei zusammenreißen, nicht mit der Taschenlampe vor Schreck auszuholen. Zu ihrer Überraschung steht niemand hinter ihr. Eine Erkenntnis, die sie wie ein Blitz trifft und sie in ein gehetztes Tier verwandelt. Jedes noch so kleine Geräusch wirkt umso bedrohlicher. Verwundert steht sie da. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich verdächtig schnell. Ihr Herz hämmert gegen den Schutzschild ihrer Organe. Als wolle es sich befreien und die Flucht allein ergreifen.
Was für ein blöder Streich soll das hier sein? Wie schnell muss der Scherzkeks sein, der mich hier zu Tode erschrecken versucht?
Zügig schlägt Skyla die Richtung ein, von der sie meint, den Hilferuf wahrgenommen zu haben. Ihre Rettungsaktion wird erneut unterbrochen, denn plötzlich fährt ein Auto rückwärts aus dem Parkplatz und versperrt ihr den Weg. Alle Türen springen auf, aber niemand befindet sich im Fahrzeug. Völlig perplex bleibt sie stehen und versucht zu verstehen, was gerade vor sich geht.
Auch wenn sämtliche Türen des Autos einladend offen stehen, wird sich Skyla weigern, auch nur einen Fuß in das Fahrzeug zu setzen. Stattdessen eilt sie daran vorbei und befindet sich auf der Parkfläche, wo der Wagen zuvor stand. Als die Scheinwerfer hinter ihr plötzlich angehen, reagieren ihre Alarmglocken.
Alles in ihr sagt: „Lauf so schnell du kannst!“
Also stürmt sie los und entkommt einem Auto rechtzeitig, das mit Vollgas in das gegenüberliegende, parkende Fahrzeug fährt. Keine Sekunde später melden sich die Alarmanlagen. Nichts, was sie zum Anhalten bewegt. Gehetzt geht es zwischen den parkenden Autos weiter. In Sorge, jeder einzelne Blechkasten könne zum Leben erwachen.
Mit Mühe und Not schlängelt sich Skyla zu der Ecke, woher die Stimme stammt. Der Kegel der Taschenlampe erfasst tatsächlich eine am Boden liegende Person. Der Fund hingegen löst blankes Entsetzen in ihr aus.
Der grauenvolle Anblick, der sich ihr in diesem Moment bietet, bringt Skyla mit einem Schlag aus der Fassung. Ihre Knie werden weich und die Übelkeit kündigt sich an. Skyla ist sich sicher, dass diese Frau mittleren Alters schon länger ihren letzten Atemzug genoss. Die Haut der Toten verliert sämtliche Farbe und mit einer offenen Schnittwunde liegt die Leiche in einer Blutlache. Ein von Angst verzerrtes Gesicht blickt Skyla entgegen. Sämtlicher Glanz sucht sie vergebens in den Augen der Toten und zurück bleibt ein leerer Blick. Die Wunde scheint tief und zieht sich längst über den gesamten Oberkörper. Ein Gewirr an Fragen schießt Skyla durch den Kopf.
Wie lange mag sie wohl dort schon liegen?
Wer hat ihr das angetan?
Wo befindet sich ihr Mörder?
Skyla klappt die Kinnlade herunter, als über der Leiche einige Blutstropfen wie Seifenblasen aufsteigen und eine seltsame Gestalt formen. Aus einem Rippenbogen folgt ein Torso. Ader für Ader. Muskel für Muskel. Während der Hülle ganz langsam Arme wachsen, baut sich Stück für Stück ein langer Hals auf und am Ende entsteht ein Kopf. Das Gebilde ist brüchig und so machen sich zuerst Risse auf der plastischen Haut breit. Die Kerben reißen zu großen Löchern auf, die sich mühselig schließen. Von der roten Rüstung bröckeln Partikel hinab, die wie Glas bei Bodenkontakt zersplittern.
Die Atemzüge der Kreatur sind schwer und pfeifend. Das Wesen klingt, als sei der Entstehungsprozess alles andere als schmerzfrei. Wie Schlingpflanzen legen sich die einzelnen Muskelbänder und Hautschichten um den Kopf und verdecken somit den Mundbereich, auf den Skyla freie Sicht hat. Dadurch bekommt sie die Zähne eines Raubtieres zu sehen. Ein bösartiges Grinsen verrät dem Mädchen, dass die Bauphase sich dem Ende neigt. Dabei besitzt das Wesen nicht mehr wie ein langes Maul auf dem Schädel. Keine Spuren einer Nase, Augen oder Ohren. Der nach hinten hängende Oberkörper richtet sich kerzengerade auf. Es sind die langen, scharfen Klauen, die Skyla beunruhigen.
Für einen kurzen Moment schließt Skyla mit ihrem Leben ab. Denn sie bezweifelt, dass sie solch einer Kreatur entkommen kann. Da jedoch nichts passiert, öffnet sie mit klopfendem Herzen ihre Augen. Bibbernd vor Kälte und Angst. Das Geisterwesen legt daraufhin den Kopf schief. Ein Windzug pustet die Gestalt in ihre Richtung. Skyla stolpert beim Rückwärtslaufen und fällt auf ihren Hintern. Sie macht große Augen, als ihr das Blut ins Gesicht klatscht. Es ist noch warm und läuft in Rinnsalen an ihrem Hals hinab. Ihr Magen rebelliert besorgniserregend und die Galle steigt ihr bis zum Hals.
Der Schock steht Skyla ins Gesicht geschrieben. Aber dann endlich bekommt sie Besuch von den Anwohnern des Hauses. Der Autoalarm hat anscheinend einige Leute hergelockt. Das vorher einsame Parkhaus füllt sich mit Leben und von überall sammeln sich Menschen um Skyla. Die Fremden sprechen zu ihr, doch Skyla hört ihre Umgebung gedämpft wie durch Watte. Sie nimmt das Geschehen um sie herum kaum wahr. Es lässt sich unmöglich sagen, wie viel Zeit vergeht, bis die Einsatzkräfte am Tatort angelangen und sie in das nächste Krankenhaus gebracht wird.


































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