Kapitel 2

Die Laune sinkt schlagartig, als Skyla aus der Ferne eine lautstarke Diskussion wahrnimmt. Es schmerzt in den Ohren, ihren beiden Kollegen zuzuhören. Sie braucht nicht mal hinzusehen, um zu wissen, wer sich auf dem Betriebsgelände streitet. Mitten auf dem Parkplatz des Restaurants stehen die zwei Jungs. Die schwarzen Schafe der Küche. Julian und Dominik sind fast ein Jahr Teil der Mannschaft. Wie die beiden das Bewerbungsgespräch überstanden haben, vermag Skyla ein Rätsel sein. Einer dümmer als der andere. Es ist ihr ein Mysterium, warum sich das Jungenteam in Kochkleidung draußen aufhält, statt in der Küche zu stehen. So wie sich die zwei Vollpfosten umsehen und unter die Autos schauen, wird Skyla das Gefühl nicht los, dass es sich um einen Streich des Küchenteams handelt. Nicht zum ersten Mal unterhalten Julian und Dominik ihre Kollegen.

 

Entschlossen geht Skyla den Jungs entgegen. Mit einem flüchtigen Winken macht sie auf sich aufmerksam, woraufhin der Zank abrupt endet.

„Hey. Sagt mal, was macht ihr hier draußen?“

Am Ende legt sie den Kopf schief und blickt die beiden fragend an. Etwas, was Julian zum Lächeln bringt. Angewidert beobachtet Skyla, wie er mit erhobener Brust den Abstand zu ihr verringert. Es ist ihm anzusehen, wie er darum ringt, seine Finger bei sich zu behalten. Es juckt ihm in den Händen. Seine Arme sind angehoben, als wolle er sie herzlich umarmen. Daraufhin verengen sich ihre Augen und der Kiefer spannt sich an. Zeichen, die Julian wahrnimmt und die ihn daran erinnern sollen, dass sie nicht von ihm betatscht werden mag. Zwei Ohrfeigen hat er bereits von ihr einkassiert. Eine weitere teilt sie ohne schlechtes Gewissen aus.

„Guten Morgen, Skyla“, säuselt er stattdessen auf seine ganz eigene widerliche Art, als sei er der Fang ihres Lebens.

Erschöpft atmet Skyla aus, denn Julians erwartungsvoller Blick entgeht ihr nicht. Seine ozeanblauen Augen sind zwar ein wahrer Hingucker, widerstehen kann sie ihnen trotzdem.  Seine blonde und wilde Frisur lädt einen verspielten Charakter wie sie gern dazu ein, die Finger in sein Haar zu tauchen und durch zu wuscheln – sie wird es dennoch nicht tun. Seine sportliche Figur hat schon so einige Blicke auf sich gezogen – und doch fängt sie nicht an, zu lechzen. In ihm sieht sie nur einen selbstverliebten Kerl, der glaubt, die Welt liege ihm zu Füßen. Aufopferungsbereitschaft und Mut beeindrucken Skyla stattdessen. Nichts, was Julian bislang gezeigt hat.



 

Skyla hat aufgegeben, ihm mit Worten zu verdeutlichen, dass sie keinerlei Interesse an einer romantischen oder freundschaftlichen Beziehung hegt. Und doch will diese Tatsache nicht in seinen Kopf. Die Frauen schmachten bei seinem Anblick. Sie sabbern bei der hübschen Verpackung. Etwas, was Julian nicht entgeht und wodurch er überheblich geworden ist. Bloß schade, dass ein Koch unübliche Arbeitszeiten hat und kaum Zuhause ist. Einen Lebenspartner zu finden, der Verständnis und Durchhaltevermögen beweist, ist vergleichbar wie ein großer Lotteriegewinn – ziemlich unwahrscheinlich. Das heißt, falls er die Prüfung besteht und in dem Business verbleibt, denn daran zweifelt Skyla doch stark.

 

Genervt davon, dass ihr Kollege sie immer noch anstarrt, zieht sie die Augenbraue hoch. Nichts, was ein Kerl wie er mitbekommt. So begierig wie Julian vor ihr steht, brennen seine Fantasien sicherlich mit ihm durch. Intuitiv stemmt Skyla die Hände in die Hüften. Bereit, sich erneut mit der Pfeife verbal anzulegen. Aber zum Glück ist dies nicht von Nöten. Dominik, das Sorgenkind der Küche, wirkt ebenfalls genervt von Julians widerlicher Art. Er schnalzt laut mit der Zunge und rollt mit seinen dunklen Augen. Seine braune Mähne ist wilder als die von Skyla. Er macht sich nicht mal die Mühe, sein Haar zu bändigen. Ein leichter Stoß mit dem Ellbogen in die Rippen und Julian wird zurück in die Realität gerissen. Vorwurfsvoll funkelt Dominik ihn an, während sich der Blondschopf verlegen räuspert.

Um sicherlich diese peinliche Stille zu unterbrechen, berichtet Dominik Skyla voller Stolz: „Wir sollen uns um die Gänsekeulen kümmern.“

Skyla blinzelt ihn perplex an. Bewusst entscheidet sie sich fürs Schweigen. In der Hoffnung, er hört von allein heraus, welchen Blödsinn er von sich gibt. Was er natürlich nicht tut. Er ist wie ein Zombie, der ohne Wenn und Aber seine To-do-Liste abklappert. Selbständiges Denken gehört nicht zu seinen Stärken. Sein Temperament hingegen wird gefürchtet. Bei ihm muss sie auf den Tonfall achten. Dominik ist ein Kollege, der sich leicht provozieren lässt und alles persönlich nimmt. In dem Jungen hat sich Frust angestaut und oft vergisst er, ein Ventil für seinen Zorn zu finden. Seine Wutanfälle können fürchterlich sein. Gerade Skyla, die ihre Meinung oft ungeachtet der Folgen herausposaunt, gerät immer wieder mit ihm aneinander.



 

Skyla zählt eins und eins zusammen und ahnt, welch gemeiner Streich mit den beiden gespielt wird. Erneut. Etwas, das Skyla nicht gutheißt und wo sie in die Rolle der Spielverderberin schlüpfen wird.

„Ja, alles schön und gut. Aber warum seid ihr dann nicht in der Küche?“

„Die Gänse sollen hier draußen rumlaufen, wir sollen sie einfangen“, antwortet Julian verdattert, als wäre Skyla schwer von Begriff.

Nahe Dominik schreckt ein Vogel auf und fliegt davon. Allen Ernstes hält er diesen für eine Gans.

„Verdammt! Da! Sie haut ab.“

Skyla brummt schlechtgelaunt. Dieses Theater lässt sich kaum ertragen. Die beiden vergessen gern, dass sie in einem Restaurant arbeiten und nicht in einem Streichelzoo.

„Idioten!“, schimpft sie und schnappt sich die zwei Narren.

Damit sich ihre Kollegen nicht verlaufen – zutrauen würde sie es ihnen – lotst Skyla die beiden über den Parkplatz zum Eingang des Restaurants. Ein kleiner Tunnel aus bogenförmigen Rankenhilfen führt zu den schweren Holztüren, wo die buschigen Rosen an den Stäben der Kletterhilfe hinaufschwingen. Die zitronengelben Blüten passen gut zu der perlweißen Außenfassade und den dunklen holzverkleideten Fenstern. Noch erfreut sich Skyla an dem Duft und der Schönheit der Pflanze, doch bald ist der Rückschnitt geplant. Sie liebt es, durch den Rosentunnel zu schreiten. Es hat etwas Magisches an sich. Ganz zu schweigen von der Aromatherapie, die eine positive Auswirkung auf ihre Laune hat und ihr Stresslevel reduziert.

 

 

Zu den dunklen Holzmöbeln wurden weiße Lederstühle gewählt. Schwarze Tischläufer geben einen tollen Kontrast zu den hellen Tischdecken. In Vasen werden die gelben Rosen vom Eingangsbereich auf jedem Tisch zur Schau gestellt. Ihre kräftigen Farben erhellen Skylas Herz. Große Panoramafenster und Glasfassaden sorgen dafür, dass die Räumlichkeiten lichtdurchflutet sind und bieten einen wunderschönen Ausblick auf die traumhafte Gartenanlage des Restaurants, in der Skyla im Frühling und im Sommer gerne ihre Pause verbringt. Die Grünanlage ist so angelegt, dass genügend Blüten für die Tischdekoration vorhanden sind und versorgt die Küche gleichzeitig mit frischen Lebensmitteln. Das ein oder andere Beet ist persönlich von Skyla bepflanzt. So erfüllt es sie mit Stolz, den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen und am Ende zu ernten. Neulich zog ihr Blumenkohl in die Küche ein. Ihr kleines Prachtexemplar ohne Sonnenbrand mit nur einem einfachen Trick, indem die Blätter über die empfindlichen Röschen gestülpt werden, war er einer der Kandidaten, der auf den Tellern hübsch angerichtet wurde.



 

Während die weißblonde Fiona sich mit ihrer zierlichen Figur an ihnen vorbeischleicht, um die Tische mit Besteck auszustatten, begibt sich Skyla mit den beiden Jungs an der wellenförmigen Bar vorbei. Freundlich begrüßt sie Viktor, das gebräunte Männermodell mit den gebleichten Haaren und dem verschmitzten Grinsen. Mr. Sunnyboy sahnt in punkto Trinkgeld am besten ab und seine selbstgemachten Limonaden und Cocktails übertrifft kein Laden in dieser Stadt.

 

„Hat sie euch also doch erwischt, Jungs?“, spricht Viktor die zwei Clowns erheitert an.

Dominik blickt entschuldigend zu ihm auf. „Aus den Gänsen wird nichts.“

Während Viktor amüsiert losprustet, klärt Skyla die beiden auf: „Ihr glaubt also noch immer, dass draußen Gänse herumlaufen? Dann lasst mich euch die Augen öffnen. Ihr wurdet mal wieder Opfer eines Streichs.“

Dominik runzelt verzweifelt die Stirn und mag ihre Aussage anzuzweifeln.  „Woher willst du das wissen?“

„Unglaublich!“, bringt Skyla mürrisch hervor.

Sie ist wahrlich ratlos und folgt dem schallenden Gelächter, das sie in die Küche lotst.

 

Aus der versammelten Runde des Küchenteams tritt David, ihr Ausbilder, hervor. Um seiner Rolle und somit den Verpflichtungen gerecht zu werden, kann er sehr streng werden, aber im Umgang mit den Kollegen ist er ein lockerer Kerl. David glänzt mit seiner humorvollen Art seiner hohen Toleranzgrenze im Team. Die Rolle als junger Familienvater passt gut zu ihm. Seine Schwäche für Rockmusik und Autos macht ihn umso sympathischer für Skyla.

Statt ein Machtwort zu sprechen, ärgert David die beiden Jungs weiter: „Na, wo sind denn die Gänse?“

 

So lieb Skyla ihren Ausbilder hat, kann sie sich das fortlaufend Theater beim besten Willen nicht mehr anhören und begibt sich in die Umkleide. Solche Momente erinnern sie zu sehr an ihre Eltern. Närrisch und kindisch zu gleich. Einerseits kann sie bei Dominik und Julian nur den Kopf schütteln, anderseits tut es ihr leid, dass sie immer vom Team geneckt werden. Außerdem bekommt die Kundschaft bei dem Lärm von den Scherzen mit und nicht jeder Gast ist dem albernen Verhalten aufgeschlossen. Zum Glück hat der Laden noch nicht geöffnet, aber der Tag ist jung. Ihre Kollegen werden keine Gelegenheit verstreichen lassen, um Julian und Dominik zu ärgern. Da ist sich Skyla sicher.



 

Die Stille in der Umkleide beeinträchtigt die Psyche. All der Trubel hat sich gelegt. Auch wenn ein paar Räumlichkeiten weiter die vertrauten Geräusche des Betriebs an ihr Ohr dringen, wirkt ihre gewohnte Welt fern. Der Kopf driftet unweigerlich ab und versetzt sie zurück in jenen kürzlich durchlebten Moment im schillernden Nebel. Vor ihrem inneren Auge erheben sich die entstellten Gestalten, die sich ihr schon mal bedrohlich näherten. Eine lebhafte Erinnerung, die sie in Angst und Bange versetzt, aber zum Glück wird der Moment durch einen Ruf unterbrochen. Skyla findet sich im gewohnten Umfeld wieder und doch wirkt die Umkleide dunkler und unheimlicher als je zuvor. Schritte nähern sich. Beunruhigt dreht sich Skyla um, wodurch sie Fionas hübsches Antlitz erblickt. Ein liebenswürdige Frau, die sich wie in eine Mutter um Kollegen und Kunden kümmert. Die Sorge steht ihr jedoch ins Gesicht geschrieben.

„Geht es dir nicht gut, Skyla?“

Ehrliche Sorge, herzwärmend. Doch Skyla will nicht schwach wirken und überspielt ihr Empfinden mit einer Lüge. Untermauert durch den verzweifelten Versuch eines Lächelns.

„David fragt sich sicherlich schon, wo ich bleibe oder?“

Schnell werden die letzten Knöpfe der Kochjacke verschlossen und die Tasche lieblos in ihren Spint gedrückt. Skyla bevorzugt die Flucht vor einem Gespräch und kann aufatmen, dass Fiona sich zurückhält. Im Nu befindet sich Skyla in der Küche und widmet sich ihrer Arbeit.

 

Skyla liegt mit ihrer Vermutung goldrichtig. Samstag ist immer viel zu tun. Kein Wunder – der größte Teil der Besucher nutzt das Wochenende, um ein paar Stunden mit den Liebsten zu verbringen. Leber mit gerösteten Zwiebeln, Kartoffelpüree und Apfelscheiben ist genauso begehrt wie die Rinderroulade mit Apfelrotkohl. Nur um die Zubereitung der Kalbsleber reißt sich Skyla nicht. Die Struktur fühlt sich widerlich glitschig an und die Blutspur, die auf dem Handschuh zurückbleibt, gibt ihr ein Gefühl, im Operationssaal auszuhelfen statt in einer Küche. Ein falscher Griff und der Saft der Kalbsleber ergießt sich auf ihre Hand. An Desserts gehen heute warme Apfelkuchen, Tiramisu, Obstsalat und selbstgemachte Windbeutel gut weg.



 

David trägt ausgerechnet den schwarzen Schafen des Teams auf, die Kiwis zu rasieren. Reine Routine und einfache Vorbereitungen. Leider nehmen die Jungs die Anweisung zu wörtlich und noch ehe Skyla ein Wort sagen kann, sind Dominik und Julian aus der Küche stolziert. Auf in den Drogeriemarkt. Da Skylas böser Blick an den belustigten Kollegen abprallt, greift sie zu einer anderen Methode. Davids Fachwissen und Berufserfahrung ist gefragt. So holt sie sich Tipps und Tricks bei Zubereitung der Menüs und löchert ihn bewusst mit mehr Fragen als nötig. So fühlt es sich weniger an wie in einem Zirkus. Die Ruhe ist jedoch von kurzer Dauer, denn die verschollenen Crewmitglieder kehren heim. Im Gepäck befinden sich Einwegrasierer. Zeit, um ihnen den Rücken zukehren und sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Geübt durch ihre Eltern blendet sie die Albernheiten aus und gestaltet die Teller mit Freude und Liebe für die Kundschaft, wie es ihr beigebracht wurde.

 

Mit einem zufriedenen Lächeln gehen die Bestellungen raus. Beim Putzen ihres Arbeitsplatzes hält Skyla inne, als sie nah an ihrem Ohr einen schweren Atem wahrnimmt. Ein Blick über die Schulter und der Erste, der ihr ins Auge fällt, bekommt den feuchten Lappen ins Gesicht gepfeffert. So trifft es Julian, der mit einem überraschten Ausdruck den Stofffetzen von sich nimmt. Die Verwunderung wird durch einen Anflug von Zorn verdrängt.

„Sag mal spinnst du, Skyla? Was soll das?“

Abwehrend überkreuzt sie ihre Arme. „Komm mir nicht so!“

Julian blickt sich hilfesuchend um, da tritt David an sie heran. „Was ist los hier?“

„Ich habe nichts gemacht“, behauptet Julian felsenfest mit erhobenen Händen.

„Ist klar! Ich habe dir schon mal gesagt, komm mir nicht so nah. Du hast mir ins Ohr gehaucht!“

Noch ehe Julian den Mund aufreißt und zum Widerspruch ansetzt, packt David ihn grob an der Kochjacke und zerrt ihn grummelnd weg von ihr. Zufrieden beobachtet Skyla wie eine große Distanz zwischen Julian und ihr entsteht, bevor sie sich zurück zur Anrichte dreht.

Was zur Hölle…Wie ist das denn jetzt passiert?

Auf der Oberfläche prangen großflächig Kratzspuren. Tiefe Kerben, denen sie verwundert mit den Fingern folgt. Als sich die Edelstahloberfläche an einigen Stellen in ihrem Beisein verbeult, tritt sie erschrocken zurück. Doch der Ruf nach David bleibt ihr im Halse stecken. Denn im nächsten Augenblick fehlt von den Kerben und Beulen jede Spur. War alles nur Einbildung? Ein Blick zu dem grummelnden Julian und Skyla hat das Gefühl, ihn zu Unrecht beschuldigt zu haben. Eine Entschuldigung hingegen würde unnötig Hoffnung in ihm keimen lassen. Allein der Gedanke daran, wie er ihre Worte verdreht und sie in eine peinliche Lage bringt, lässt ihr Vorhaben schnell verpuffen. Damit sich solche Fehler nicht wiederholen, nimmt Skyla sich fest vor, mehr Schlaf zu tanken.



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