Kapitel 50

Ganz langsam wandern die Finger in die Hosentasche, wo sich das gefährliche Pulver des Riesen-Bärenklau befindet. Allein von der Ernte bis hin zur Herstellung sind ausreichend Schutzmaßnahmen erforderlich. Eins von vielen Risiken, die gegen größere Vorratsmengen sprachen. Die Konfrontation mit Luela überzeugte Clive vom Gegenteil. Gewappnet, sich sämtlichen Monstern in den Weg zu stellen, blickt er auf. Selbst einen Hexenjäger will er nicht länger fürchten. Zum Glück haben sich die beiden getrennt. Für Felines Rettung muss er dem Hexenjäger Erik schnellstmöglich entkommen. Dabei darf der junge Alchemist nicht zu nervös wirken. Auch wenn bereits seine Nerven flattern, sollte er die Ruhe bewahren. Hexenjäger sind nicht umsonst für ihr Auge zum Detail und ihre Scharfsinnigkeit bekannt. Aufmerksam behält Erik seinen Gegenüber im Auge. Wie gut, dass der geliebte Koffer Clives Vorhaben verdeckt, nur darf sich Clive nicht zu schnell bewegen.

 

„Ich rate dir, dein Schweigen zu brechen und mir besser von dem Fundort der Kinder zu erzählen.“

Clive blickt auf und lächelt freundlich. „Ich verzichte.“

„Du spielst mit deinem Leben, Alchemist.“

Der kleine Stoffbeutel mit dem gefährlichen Inhalt gleitet ganz sacht in Clives Hand.

Erik scheint Verdacht zu schöpfen, seine Augen versuchen, einen Blick auf das Geschehen hinter dem Koffer zu erhaschen. Nun muss Clive schnell sein. Der Hexenjäger wird aufgrund der vielen Gerüchte über Alchemisten sicherlich unter dem Tisch in Deckung gehen. Hochexplosives und flammendes Gebräu wird den Alchemisten vorgeworfen und je nach dem Spezialgebiet haben die Leute auch Recht.

 

Der Beutel muss unter dem Tisch aufgehen. Denn dort wird die Staubwolke am größten Schaden anrichten. Clive hat nur einen Versuch. Einen Wurf. Versagen reduziert die Überlebenschance. Schnell wählt Clive eine Stelle unter dem Tisch aus, aber Erik folgt seinem Blick, also braucht der Alchemist eine Finte. Daher fixiert er die Kerze auf dem Tisch an, blickt immer wieder bewusst nach einem kurzen Augenkontakt mit dem Hexenjäger auf den Tisch und ist sich sicher, dass Erik seinen Köder schluckt.

„Denk nicht mal dran“, spricht der Hexenjäger seine Warnung aus, aber kaum setzt der Mann zum Sprechen an, dreht Clive sich zur Seite und wirft den Stoffbeutel hinab zu Boden.



 

Erik fällt tatsächlich auf seinen Trick rein und geht unter dem Tisch in Deckung. Clive läuft schnellen Schrittes davon, legt so gut wie möglich einen großen Abstand hinter sich. Womit der Alchemist nicht gerechnet hat, ist, dass der Hexenjäger einen Dolch nach ihm wirft. Die spitze Klinge bohrt sich vom Rücken durch Clives Fleisch und wird von den Rippenknochen gebremst. Und doch sticht die Wunde bei jedem weiteren Schritt. Sein Blut tropft von der Klinge hinab und hinterlässt eine Spur, die ihm zum Verhängnis werden kann. Etwas, worum sich Clive schnellstmöglich kümmern muss. Aber nicht hier. Der Alchemist verlässt die Herberge schnaufend. Sorgenvoll gleitet sein Blick umher, doch zum Glück befindet sich Jeff nicht in Hörweite, denn Erik schreit. Kein Wunder. Der Riesen-Bärenklau ist schon ein fieses Mittel.

 

Clive betrachtet die vielen Fußspuren vor sich. Das Stiefelprofil vom Hexenjäger ausfindig zu machen oder Felines zierliche Füße erweist sich als Puzzlespiel unter Zeitdruck. Zu viele Leute durchqueren tagein und tagaus jenen Ort. Doch ein paar Blätter vom Thymian verraten Feline, die Kräuter müssen an ihrer Kleidung hängen geblieben sein. Dank dieses Hinweises ahnt der Alchemist bereits, wohin das Mädchen gelaufen ist. Dabei hat er gehofft, dass sie ihre erkrankte Freundin aufsucht. Nun aber führt Feline den Hexenjäger zu den Kindern. Sicherlich möchte sie Cuno warnen, hoffentlich trifft sie rechtzeitig ein und wird vorher nicht vom Hexenjäger überwältigt.

 

Clive tastet nach dem Messer, es steckt zu seinem Glück nicht tief und hat die Wirbelsäule verfehlt. Es steckt mehr in seiner Seite, daher greift er in seiner Gürteltasche nach einer Stoffrolle. Kaum hält er das Bandagemittel in seiner Hand, überwindet sich der Alchemist, den Dolch mit einem kräftigen Ruck aus der Einstichstelle zu ziehen. Das Verbinden der eigenen Wunde wirkt dank der zittrigen Hände chaotisch, aber stabil. Die Blutung wäre somit vorerst gestoppt und verrät ihn nicht mehr. Die Gefahr hängt im Nacken. Der Hexenjäger wird sich wohl oder übel erholen. Schnell ist der Dolch verstaut und Clive sucht bewusst Schutz hinter den nächstbesten Büschen. Er bewegt sich hinter einigen Hindernissen, um nicht gesehen zu werden und kommt sich dabei wie eine schlechtere Version von Rebecca vor.



 

Unterwegs lässt Clive Vorsicht walten. Er versucht, sich lautlos zu bewegen. Sein verstorbener Begleiter Linus erwähnte immer gerne, dass er ein Trampel sei und schon aus der Ferne wahrgenommen wird. Wenn ein Söldner den Alchemisten hört, dann sicher auch ein Hexenjäger. Also gibt sich Clive Mühe, indem er versucht, Rebeccas Ratschläge umsetzen; seine Ohren wie ein Luchs zu spitzen und die Umgebung im Auge zu behalten. Sicherlich sieht sein Unterfangen lächerlich aus, aber noch sind keine Meister vom Himmel gefallen und irgendwann muss Clive anfangen. Aus den entfernten Gesprächen der Dorfbewohner hört er, wie ungern die Hexenjäger gesehen werden und welch schlechte Manieren sie an den Tag legen. Die Dorfbewohner fürchten die Jäger, wünschen sich, dass sie schnell verschwinden.

 

„JEFF!“, wie ein Donnerwetter hallt Eriks Zorn durch die Straßen nieder. „JEFF! PASS AUF! DIESER VERFLUCHTE ALCHEMIST!“

Ein Stampfen. Clive entfernt sich von der Straße, sucht Schutz an einer Hütte.

„Was schreist du denn so?“, meldet sich Jeff. „Wie siehst du denn aus?“

Der Alchemist beugt sich hinter der Hauswand hervor, erhascht einen Blick auf den verwundeten Feind. Eriks Gesicht ist rotangelaufen, der Schweiß glänzt ihm auf der Stirn. Sein Blick wirkt müde, als würde er jeden Moment wegtreten. Er taumelt, hustet zwischendurch und schwitzt auffallend. Die verwischte Blutspur an Eriks Mund zeigt, dass die Atemwege bereits angegriffen wurden. Die beiden Hexenjäger unterhalten sich ganz in der Nähe. Wenige Meter von Clive entfernt.

 

„Dieser verfluchte Alchemist hat mich ausgetrickst! Scheiße tut das weh! Was ist das für ein Zeug?“

Seine Atemwege sind gereizt. Clive hört das bekannte Pfeifen. Erik hat das Pulver eingeatmet. Es ist ätzend und kann gewaltige Schäden verursachen. Mit ein wenig Glück, wird die Verletzung vernarben.

Nach ein paar schweren Atemzügen erkundigt sich Erik erzürnt: „Wo ist die Göre?“

„Entwischt!“, grummelt Jeff. „Habe aber ihren Vater niedergehauen.“

„Ist er tot?“

„Ne, bewusstlos. Hat geheult, ich soll seine Tochter verschonen! Ging mir auf Nüsse!“

„Ich habe den Alchemisten erwischt.“ Ein Husten. „Er hat geblutet. Hat sich auf die Schnelle versorgt und so habe ich die Spur verloren.“



„Weißt du was, Erik?“

„Was?!“

„Trink einen ordentlichen Schluck Rum und dann wird es schon wieder.“

Hochprozentiger Alkohol und pulverisierter Riesen-Bärenklau. Eine gefährliche Kombination. Im schlimmsten Fall lebensbedrohlich.

„Später!“, japst Erik. „Jetzt schnappen wir uns den Alchemisten und die Göre. Ich zerquetsche diesen Wurm mit meinen Fingern! Siehe zu, wie sein Leben in meinen Händen endet! Pah! Alchemisten! Schlimmer als Hexen!“

„Mann! Du hast dich von einem Alchemisten überwältigen lassen.“ Jeff prustet los. „Wenn das die anderen hören.“

„Schnauze, Jeff! Das bleibt unter uns! Oder ich prügele dich windelweich!“

„Versuchs doch, Erik!“

 

Erik grummelt, bevor er hustend fragt: „Also? Was nun?“

„Der Alchemist erwähnte eine Kranke.“

„Keuchhusten. Lästig. Besser wir erlösen das arme Ding.“

Clive sieht, wie Jeff mit den Schultern zuckt. „Ist unser bester Anhaltspunkt.“

„Meinetwegen!“, lässt sich Erik darauf ein.

Ein Blick auf den dunkelhaarigen Hexenjäger zeigt den hochroten Kopf. Wenn sich der Kerl nicht schnell erholt, dann wird Erik zusammenbrechen. Das Schritttempo, das die Hexenjäger wählen, wird die Nebenwirkungen nur weiter beschleunigen. Vielleicht kann Clive mit Jeff verhandeln, wenn Erik zusammenbricht. Auch wenn Cuno nicht weit entfernt ist, ändert sich sein Ziel. Er muss die Hexenjäger aufhalten. Allein seiner Patientin zuliebe.

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