Kapitel 52

Sei verdammt nochmal stark!
Selten vergießt Skyla solche Krokodilstränen. Sie hat keine Kontrolle und umklammert den Gurt ihrer Tasche ganz feste, während sie mit ihrem Arm auf Scheibenwischer spielt. Erneut will sie Milan ihre Hilfe anbieten, aber die Geisterjäger haben wenig Besitz und das Auto ist ihrem Geschmack nach viel zu schnell eingeräumt. Justin lehnt bereits an der Autotür und putzt gelassen seine Brille.
„Du hältst uns auf, Skyla.“
In seinem Ton fehlt die Strenge, woraufhin sie laut mutmaßt: „Sei doch ehrlich, dir fällt dir Abschied auch schwer.“
„Sei dir diesbezüglich sicher, Süße. Justin ist gnädig mit dir. Einmal hat er eine Bekannte mit einer Schrotflinte vergrault. Aber von seiner Seite folgen keine Drohungen oder handgreiflichen Versuche, dich zu verscheuchen.“
Die Vorstellung Justin führt eine Waffe und dann solch ein Kaliber klingt realitätsgetreu. Allein die Trainingsstunden mit ihm haben ihr vor Augen geführt, dass er ein Soldat sein muss. Auch die grausame Art Probleme zu lösen klingt nach ihm.

Milan nutzt jede Möglichkeit, um Skyla beim Vorbeigehen zu knuffen. Auch diesmal drückt er sie kurz und lehnt seinen Kopf an ihren. Statt sich zu rechtfertigen, behält Justin seine Armbanduhr im Auge. Immer wieder hebt er den Kopf und scannt die Umgebung. Statt sich diesmal von Skyla loszulösen, verschleppt Milan sie zum Wagen und drückt sie mit der letzten Kiste hinab in den Kofferraum.
„Milan, lass den Blödsinn.“ Sie lächelt unter Tränen. Gerührt von seinem Versuch. Ein Blick hinauf zeigt hingegen, dass sie sich irrt. Er blickt zu ernst und beugt sich hinab. „Was ist los?“
„Hör zu, versuche ein wenig normal zu wirken. Verzichte auf deine Kräfte wenn möglich und ignoriere die Geister. Selbst, wenn sie neben dir Menschen verspeisen. Du bist mit auf dem Video, daher bin ich überzeugt, dass diese fürchterliche Organisation dein Leben bereits durchleuchtet. Sie werden dich beobachten und es ist besser, wenn du die Welt der Geister kurz ausblendest. Zur Not verlasse dich auf deinen Dämon. Opfere ihn für dein Wohl.“
„Hey! Du mieser, kleiner…“
Im Handumdrehen fängt Skyla ihre kleine Bestie ein, die sich von ihrer Tasche losreißt, um sich auf Milan zu stürzen. Ihre Faust muss hinabdonnern und den Wattekopf zerknautschen, damit Kai einen kühlen Kopf bekommt und seine Krallen einzieht.



Die Konfrontation am Bahnhof lässt Skyla jedoch an dem Plan zweifeln.
„Unmöglich, Milan. Diese Wesen reagieren auf mich.“
„Weil du sie beachtest!“, nun schimpft auch Mia mit ihr.
Milan nickt zustimmend und fixiert skeptisch den Dämon. „Dein Schutzgeist hat eine große Klappe. Bislang überzeugte er mich in keinerlei Weise. Eigentlich würde ich dir davon abraten, aber lass ihn jagen. Kleine und schwache Geister. Soll er Erfahrungen im Kampf sammeln, um dir nützlich zu werden. Aber lass ihn allein kämpfen.“
„Allein!“
Es schmeckt bitter auf der Zunge. Der Gedanke daran ist Skyla zu wider, denn das widerspreche ihren Prinzipien. Schon in Kindertagen stürzte sie sich in Kämpfe. Gemeinsam an Lukas‘ Seite. Der Sieg mag noch weit entfernt sein, lieber schmeckt sie Blut und Dreck, als ihren Freund allein im Ernstfall zu lassen. Kai mag ein anderes Kaliber sein. Ein Dämon, der es vielleicht verdient hätte, aber sie ist nicht die Person, die ihre Kämpfe jemand anderen ausfechten ließe.

Die Sorge in Milans Augen nimmt immer mehr Größe an. Eine Lüge könne ihn besänftigen, aber wohin haben ihre Lügen sie überhaupt gebracht? Dank ihrer Geheimnisse stecken sie doch gerade jetzt in dieser Situation. Daher bevorzugt sie es, besser zu schweigen. Mit all der Wut und dem Frust kein leichtes Unterfangen. Ein Schnippen reißt sie aus den Gedanken, denn Justin umrundet den Kofferraum. Er winkt sie heraus und tauscht vielsagende Blicke mit seinem Partner aus.
„Gib mir noch ein paar Minuten“, fordert Milan, aber Justin greift hinab und zerrt Skyla grob auf ihre Beine.
Konsequent drückt er sie Richtung Rasen und hebt mahnend den Finger.
„Überdenke jeden Schritt gut. Geh in dich und überlege gut, wofür du dich entscheidest. Manchmal ist es besser, den Stolz hinunterzuschlucken und die Füße stillzuhalten. Dein Dämon hat einige Kinderseelen verspeist. Oft gab es sogar Unfälle mit anderen Angehörigen. Meist tödlich. Unterschätze deinen Schutzgeist nicht.“
Ruckartig fällt ihr Blick auf Kai, der diabolisch grinst, als erinnere er sich an seine glorreichen Zeiten.
Angewidert streckt Skyla den widerlichen Bären Justin entgegen. „Nehmt Kai mit euch und verkauft ihn!“
Vor Entsetzen öffnet sich das Maul des schwefelstinkenden Ungetüms. Aber das ist ihr egal, denn sie meint es ernst.




Justin hingegen schüttelt jedoch bestimmend seinen Kopf. „Es wäre dumm, sich von dem Dämon zu trennen. Er kann dir im Notfall dein Leben retten.“
Dennoch setzt Skyla zum Widerspruch an, aber Justin kennt sie zu gut und wählt ein K.O. Kriterium.
„Zum Schutz deiner Freunde und deiner Familie.“

Der Stolz wird übers Boot geworfen. Wohl oder übel liefert Kai ihr die beste Überlebenschance. Zumal er der einzige Ansprechpartner nun sein wird, wenn es ums Paranormale geht. Ein Nicken ihrerseits und Justin wendet sich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck von ihr ab. An der Fahrertür verharrt er sogar kurz, um ihr zum Abschied die Hand hochzuhalten. Skyla lächelt unter Tränen, denn für Justins Verhältnisse wird gefühlstechnisch keine größere Steigerung drinnen sein. Milan hingegen zögert weiterhin. Trotz Justins Rufe steigt er nicht ins Auto. Wehmütig blickt er stattdessen zurück zu Skyla und ringt mit einer Entscheidung. Justin presst verärgert die Luft zwischen den Zähnen, da eilt Milan zu ihr.

Der Überfall vieler verzweifelter Küsse überfordert Skyla ungemein. Sichtlich verwirrt lässt sie die Ersten über sich ergehen, bevor sie ebenfalls an seinen Lippen hängt.
„Sei dir sicher, dass unsere gemeinsame Zeit etwas Besonderes war. Mein schönster Lebensabschnitt. Leider viel zu kurz, aber dennoch konnte ich jeden einzelnen Moment an deiner Seite genießen.“
Worte, die ihr schmeicheln. Kai hingegen würgt. Eine Gelegenheit, das Herz auszuschütten bleibt Skyla nicht, denn Milan reagiert auf die tickende Zeitbombe. Justin hat ihn fast erreicht, da stürmt er zurück zum Wagen und pflanzt sich brav ins auf den Beifahrersitz. Sein Mitbewohner brummt verärgert, als er der Armbanduhr einen Blick würdigt. Ohne Umwege steigt er ins Auto und startet den Motor. Skylas Körper setzt sich von allein in Bewegung und so klopft sie an Milans Tür. Erwartungsvoll blickt der süße Geisterjäger sie an.
Kaum ist das Fenster nur einen Spalt runtergekurbelt, gesteht sie ihm: „Ich danke dir, Milan. Für deine Rettungsversuche, deine schlechte Beschattung, deine verbissene Art und deine Liebe. Ich war nie an einer Romanze interessiert, aber ich habe die Zeit mit dir genossen. Es war mehr wie schön. Ich werde dich vermissen. Dich und dein unverschämten Charme.“




Die Wangen glühen vor Scham. Selten spricht Skyla über ihre Gefühle und doch fällt ihr eine Last vom Herzen. Gerührt von der Wahrheit glänzen Milans Augen. Als stimme ihr Geständnis ihn um, reißt er am Anschnallgurt, als wolle er den Wagen umgehend verlassen. Nicht mit Justin, denn dieser parkt aus. Skyla ist gezwungen, Abstand zu nehmen.
Sie hört die beiden Geisterjäger kurz streiten, bis es Milan zu blöd wird und er durchs Fenster ruft: „Ich liebe dich auch, Skyla.“
Sein mattes Lächeln und der überzeugte Blick lassen sie genervt ausatmen.
„Du interpretierst zu viel in die Sache, Milan. Von Liebe habe ich nicht gesprochen. Nur, dass ich dich gern habe.“
Sein Grinsen wird umso breiter. „Sei wenigstens ehrlich zu dir selbst.“
Sie bläst die Wangen auf und verschränkt die Arme vor der Brust. Zu einem Wortgefecht erhält sie keine Chance, denn Justins Route ist gewählt und der Wagen setzt sich in Bewegung.
„HEY! JUSTIN! ZERSTÖRE MIR…“
Milans Worte verlieren an Kraft. Zu groß ist die Entfernung. Und doch lächelt Skyla, denn auch wenn der Trennungsschmerz sie begraben zu droht, erhellt Milans albernes Verhalten ihre Laune. Der Kerl schafft es immer wieder, ihre dunklen Regenwolken zu vertreiben.

Kais Bärenpfote streicht sanft über ihren Arm.
„Argh! Wer braucht die Idioten schon? Wir kommen auch ohne die Geisterprofis klar. Du hast ja mich!“
„Einen Dämon.“
Zischend geht die Tatsache über ihre Lippen. Statt den Spott rauszuhören, nickt Kai stolz.
„Du wirst sehen, wir sind ein gutes Team.“
Zweifel plagen Skyla. Das Bahnhofmonster hält ihr eine andere Wahrheit vor Augen. Solch ein chaotischer Ablauf darf ihr nicht nochmal passieren. Daher wird es Zeit, ihre Fehler zu analysieren und andere Strategien zu entwickeln.
Himmel! Ich denke schon wie Justin!
Angewidert schüttelt sich Skyla und tritt in das gleißende Sonnenlicht.

Die Finger umfassen das Kettenband und wandern hinab zur Tempelblume. Einen Trumpf hat Skyla noch. Die Frage ist nur, wann ihr der Nang Tani zur Verfügung steht. Sich allein auf die Schutzgeister zu verlassen mag ihr schwerfallen. Zumal sie ihr Temperament kennt. Die kommenden Tage werden sicherlich kein Zuckerschlecken. Der Spiegel vor ihr befindet sich in einen kläglichen Zustand. Die sorglosen Tage sind zerschlagen und zerstreut. Zweifel und Misstrauen wurden gesät. In ihren Händen eine Gabe sowie auch ein Fluch. Ein in Ketten gelegter Dämon. Ein dunkles Wesen der Manipulation und Zwietracht. Getarnt in einer niedlichen Hülle. Aufgrund dessen unterschätzt. Die Affinität zur Dunkelheit mag Skyla gegeben sein, nur wird die Zukunft zeigen, zu welcher Person sie heranwachsen wird. Justins Kriegerin. Mias Superschurkin oder vielleicht doch zu Milans Hoffnungsträgerin? Entscheidungen werden den Weg pflastern und Skyla formen. Die Würfel sind gefallen und es gibt kein Zurück. So betritt Skyla ein neues Kapitel in ihrem Leben. Ein Weg ins Ungewisse.



Fortsetzung folgt…

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