Kapitel 6

Zorn brodelte im Himmel und Blitze donnerten hinab. Während der Geburtsstunde des Mondsteins gab es nur wenige Zeugen. Ein Artefakt erschaffen von Sina, die das Gewitter begrüßte. Anders als die Mehrheit der Bevölkerung. Ein Unwetter soll laut Überlieferungen Gottes Strafe sein. Gefürchtet, unheilvoll und mächtig. Aber Sina nutze es für die Wissenschaft. Ein Ereignis, an das Clive sich ganz genau erinnern kann. Der Mondstein fungiert als Werkzeug zur Verstärkung ihrer Wunder, denn Sina fühlte sich einer Aufgabe nicht gewachsen. Nicht ohne Hilfsmittel. Schon einmal brachte die Fee ein Waldstück zum Leuchten. Prachtvolle Blütenteppiche zogen sich bis zu ihr und die Tierwelt begrüßte sie mit einer facettenreichen Zahl an Besuchern. Tiere aller Art. Ob Fleisch- oder Pflanzenfresser versammelten sich um Sina herum. Auch in jeden Moment.

Sina kniet abgelegen im Wald zu Boden und hält den Mondstein in ihren Händen. Mit geschlossenen Augen vertraut sie auf den Schutz ihrer tierischen Freunde. Der Mondstein knistert fröhlich und leuchtet hell. Doch im Vergleich zum letzten Mal meint Clive, der Stein habe an Größe verloren. Die spiegelglatte Struktur beginnt sich zu beulen und kleine Risse ziehen sich über die Oberfläche. Vorher erinnerte der Mondstein an eine Perle, nun aber bricht blaues Licht hindurch. Daraus schließt Clive, dass der Stein eine Lebensdauer aufweist. Bei häufigem Gebrauch wird sich der Kern äußerlich verändern und schrumpfen, bis seine Macht komplett aufgebraucht wäre. Eine These, die er gern mit Sina später vertiefen mag.

Das Wunder, das Sina vollbringt, begrüßt Clive. Denn dank der Fee erholt sich die Natur von der Dürre. Ein Stoß gegen die Rippen lässt den Alchemisten schmerzhaft keuchen. Böse funkelt Clive seinen Gefährten an, dabei macht Cuno nur auf eine wichtige Beobachtung aufmerksam. Ein Zuschauer am Rand des Geschehens. Versteckt hinter einem Baum. Der zierlichen Statur her vermutet Clive eine Frau. Gehüllt in einem Umhang. Und doch liegt ihre Hand an der Rinde, wodurch ihr dunkler Teint dem Alchemisten ins Auge springt. Sowie die bunten Bänder um ihren Arm. In Alarmbereitschaft gibt Cuno ein Zeichen, sich still und leise zu verhalten. Er zuckt leise seine Paladinklinge, was Clive nicht gutheißen mag. Daher hält er seinen Gefährten zurück und schüttelt bittend den Kopf. Cuno verdreht die Augen und verflucht sicherlich seine Naivität. Doch solch ein Massaker wie am letzten Ort will Clive nicht dulden. Stattdessen will er das Gespräch suchen. Selbst, wenn ihn diese Entscheidung in Schwierigkeiten bringt.



„Ich bitte dich, Cuno, greife nicht immer zur Gewalt. Siehe nicht immer das Schlechte in den Menschen. Bitte gewähre mir die Chance auf ein Gespräch.“
Der Paladin schnalzt abwegig mit der Zunge und blickt angesäuert rüber zu der fremden Gestalt. Wie vermutet eine Dame. Jung und verängstigt, wie ein Blick in eisblauen Augen zeigt. Wie bei Sina sind die Strähnen dick geflochten. Die Dame reagiert aufgeschreckt und zögert, als plane sie die Flucht. Doch Clive lächelt ihr lieblich entgegen und hebt zum Gruß die Hand. Doch er mag Sina bei ihrer Arbeit nicht stören und legt daher den Zeigefinger auf seine Lippen, um kurz darauf auf die Fee zu deuten. Die Dame mit der ungewöhnlich dunklen Haut scheint ihn zu verstehen, wie sie mit einem Nicken andeutet. Clive winkt sie in den Hintergrund und entfernt sich von Sina Ritual. Als Cuno ihm folgen will, verdonnert er den Paladin, im Hintergrund zu warten. Mit seiner grimmigen Miene verschreckt er die Fremde ansonsten.

Auf einem umgekippten Baum pflanzt sich Clive hin und beobachtet, wie sich die Dame wie ein scheues Reh nähert. Mit Sorge blickt er auf ihre Füße, denn sie läuft barfuß durch die Wälder. Die vielen Schrammen auf ihren Beinen bleiben ihm nicht verborgen, sowie eine tiefe Wunde, die auffällig gerötet ist. Es macht den Anschein, als wurde sie von einer Klinge getroffen. Der Koffer ist schnell geöffnet.
„Ihr seid verwundet. Eure Verletzung könnte infiziert sein. Wenn Ihr mir erlaubt, dann kümmere ich mich darum. Ich bin Alchemist.“
Misstrauisch beäugt sie ihn aus der Distanz und bevorzugt das Schweigen. Daher stellt er alles bereit für eine ordentliche Wundversorgung. Eine Kochsalzlösung zur Reinigung, Alkohol zum Desinfizieren und frisches Verbandsmittel.
„Bedient Euch doch bitte, wenn Ihr mir misstraut.“
Er tritt zur Seite und beobachtet zufrieden, wie sich die Fremde mit den Utensilien auseinandersetzt.
„Euer Name?“
Sie klingt etwas ruppig und hat einen leichten Akzent, dennoch freut es ihn, dass sie sich in seiner Sprache verständigen kann.
„Clive. Wie lautet Eurer?“
Sie dreht sich mit ernster Miene und wachsamen Blick um. „Zola.“
Kein heimischer Name, sehr exotisch.
„Ein schöner Name. Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Zola.“




Sie nickt resigniert und hinterfragt: „Was ist ein Alchemist?“
„Ein Mann der Wissenschaft. Ich konzentriere mich auf die Heilkunde. Ich will Menschen helfen und Krankheiten bekämpfen. Außerdem zeige ich großes Interesse an anderen Kulturen. Ihr kommt von weit her nehme ich an, Zola?“
„Ihr nehmt richtig an.“
„Wie meine Freundin, Sina.“

Der Blick schnellt rüber zu der Fee.
„Eure Freundin?“, wiederholt die Dame misstrauisch. „Sagt mir, Herr Alchemist, werden Frauen mit Gaben nicht gejagt?“
Er seufzt und nickt. „Bedauerlicherweise schon. Die Toleranzgrenze in diesem Königreich endet bei Wundern. Ich wünschte, es wäre anders. Daher bitte ich Euch, behaltet dieses Geheimnis bitte für Euch. Sina befand sich schon einmal in Gefangenschaft. Ich möchte sie lieber in Freiheit wissen. Wenn Ihr genau hinseht, schadet ihre Macht auch niemand. Ganz im Gegenteil, die Natur erholt sich dank ihr.“
Ungläubig beginnt Zola zu starren und schüttelt verständnislos den Kopf. Sie zeigt mit zitternden Arm auf ihn und ihre Stimme klingt gereizt, als sie zu ihm spricht: „Ihr seid ein seltsamer Mann! Ihr beschützt eine Hexe! Um was zu tun? Um sie auszunutzen?“
Verständlich, dass Zola an seine Ambitionen zweifelt. Daher wählt er die Wahrheit: „Ich mag Sina zurück zu ihrem Zuhause bringen wollen. An einen Ort, wo sie sicher ist. Fern von der Krone. Fern von den Hexenjägern und all den Leuten, die ihr schaden wollen.“
Seine Ehrlichkeit raubt Zola den Boden unter den Füßen, sie lässt auf den Boden nieder und verdaut das Gesagte. Ihr aufgewühlter Zustand lässt ihn vermuten, dass auch Zola schlimme Tage hinter sich ließ.

„Darf ich Euch verarzten, Zola?“
Ohne ihre Erlaubnis wird er sich keinen Schritt nähern. Die Dame blickt auf und nickt zögerlich. Jeden seiner Schritte beobachtet sie wachsam, selbst, als er sie verarztet. Um die Stille zu überbrücken, hinterfragt er: „Friert Ihr nicht an den Füßen?“
Sie schüttelt den Kopf, wodurch ihre langen Strähnen ihn ins Auge springen. Ein Glänzen am Ohr verrät Schmuck. Aus nächster Nähe erkennt er die bunten Bänder auch um ihren Hals.
„Haben die bunten Bänder eine Bedeutung? Ihr tragt diese an den Armen und um den Hals.“
Kaum ausgesprochen legt sie den Umhang enger um ihren Leib, um den Hals zu verstecken. Da er nicht drängt und seine Arbeit gewissenhaft fortsetzt, erhält er sogar eine Antwort von ihr: „Zu ehren der Toten. Geistern zollen wir Respekt.“




Überrascht hebt Clive den Kopf. „Sagtet Ihr Geister?“
Sie stiert ihn ein lange Zeit an und erkennt: „An Euch klebt der Geruch eines Geistes. Seid Ihr verflucht oder duldet Ihr die tote Seele an Eurer Seite?“
„Er ist ein Freund. Ein Held. Der Retter dieses Dorfes. Eine Seele ohne Ziel. Wenn möglich, mag ich helfen, dass er seinen Seelenfrieden findet.“
Zufrieden bandagiert Clive die Wunde, bis ihr Flüstern an sein Ohr dringt. Zola hat di Augen geschlossen und ihre Hände zusammengefaltet. Sie rasselt vermutlich ein Art Gebet auf einer fremden Sprache hinab. Überrascht schaut er auf, als sie nach seinen Händen greift und ihn nun dabei tief in die Augen blickt.

Ein Anblick, der Cuno in Alarmbereitschaft versetzt. Der Paladin eilt heran, was Zola verstummen lässt. Eilig löst sie eins ihrer Bänder von ihren Arm und bindet dies geübt an Clives Handgelenk.
„Möge es dich vor Unheil beschützen, Alchemist.“
Kaum festgeknotet, erhebt sich Zola eilig und läuft davon. Im hohen Bogen weicht sie dabei Cuno aus und sucht Schutz hinter den Bäumen. Clive ruft seinen Beschützer warnend.
„Sie ist keine Gefahr!“
Mit Wut im Bauch bleibt der Paladin stehen. „Wie kannst du dir dabei sicher sein? Das ist bestimmt irgendeine Hexe, die dich mal wieder verflucht hat!“
Doch darüber macht sich Clive keine Sorgen. Sicherlich war das Armband Zolas Art Danke zu sagen. Unbekümmert verräumt er die Utensilien zurück in seine Tasche und belächelt Cunos Zorn, denn der Paladin ruft ihn erneut, als erhoffe er sich, Antworten. Doch eine Diskussion wäre nur reine Zeitverschwendung. Was der Alchemist nicht bedacht hat, ist, dass der Lärm Sina zu ihnen lockt. Die Fee tritt verdattert mit dem Mondstein in ihren Händen zu ihnen heran.
„Was macht ihr denn hier?“
Cuno dreht sich zu ihr und fällt seinem Freund in den Rücken, als er offenbart: „Dein Verschwinden hat Clive ganz nervös gemacht. Er hat sicherlich schon vermutet, dass du wieder abhaust.“
Böse funkelt Clive ihn von der Seite an und schließt den Koffer. Nicht bereit, die Sache zu kommentieren. Auch wenn Sina ihn fragend anstiert.

Die Stille zwischen ihnen unterbricht Cuno mit einem entscheidenden Detail: „Ich will ja nichts sagen, aber gleich brechen alle ohne uns auf. Wir sollten langsam zurück zu den anderen. Das heißt, wenn du uns begleiten möchtest, Sina.“




Empört bläst Sina die Wangen auf. „Was soll das denn heißen? Ich bin nur Clives Bitte entgegen gekommen!“
„Und das macht mich richtig stolz“, gesteht der Alchemist ihr.
Sina schaut zu ihm rüber und entdeckt Zolas Geschenk, worauf sie ihn anspricht: „Ein hübsches Band hast du da. Ein Geschenk von den Kindern?“
„Nicht wahr? Nein von einer Patientin.“ Clive lächelt stolz. Im Nachhinein macht ihn die Farbauswahl sehr glücklich, denn das Armband wird ihn somit immer an Sinas Augenfarbe erinnern und an das Meer, wohin er sehnsüchtig zurückkehren mag. „Ich werde es in Ehren tragen.“
Eine bewusste Provokation, die Cuno laut schnauben lässt. Wie erhofft. Doch der Paladin hält sich zurück und übernimmt die Führung zurück zum Dorf.

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