Kapitel 8

Schon die kleinsten Geräusche wecken Rebecca. In diesem Fall Schritte. Dabei wäre sie fast unter dem Sternenhimmel eingeschlafen. Seit der Festnahme fürchtet sie unangenehme Gesellschaft. Spott oder noch mehr Verhör. Dabei nähert sich Graf Bylom mit einer dampfenden Schüssel Suppe.
„Du musst hungrig sein, Rebecca.“
Sie lächelt bitter. „Ich habe es mal wieder verbockt oder? Cuno wird sicherlich stinksauer auf mich sein.“
Die Kettenbänder rasseln, als sich ihre Arme heben. Die Hexenjäger waren ungewöhnlich großzügig und schenken ihr verdächtig viel Bewegungsfreiheit mit den langen Kettenfesseln. Fast als erhoffen sie sich, dass Rebecca in Aktion tritt. Laut den Gesprächen Vorort sollen die beiden Hexenjäger aufgebrochen sein und doch traut Rebecca der Lage nicht. Dank Beobachtung weiß sie von drei Soldaten, die mit den beiden kooperieren. Mit großer Sicherheit befindet sich mindestens ein Spitzel im Hintergrund. Davon ist sie überzeugt.

Würziger Duft steigt aus der Schüssel aus. Frische Kräuter verfeinern das Gericht. Farbe und Konsistenz sprechen für eine Kartoffelsuppe. Zögerlich nimmt sie die Mahlzeit entgegen und statt ihre Sorge zu kommentieren, beobachtet der Graf sie beim Essen. Bis sie fragend die Augenbraue hebt, denn sie mag die Stille nicht. Viel lieber will sie verstehen, was in seinem Kopf vor sich geht.
„Meine Männer haben dir sicherlich Schwierigkeiten bereitet oder?“
Rebecca seufzt. Ihm entgeht auch nichts!
„Ist doch egal! Bin ich ja selbst Schuld, schließlich habe ich ja auch einen Ruf als Diebin.“
Ein Schandfleck der Gesellschaft heißt es immer so schön. Dabei versucht Rebecca nur zu überleben.

Wärme breitet sich dank der Suppe in ihr aus und lässt die kalte Nacht kurz vergessen. Der Magen dankt für die Mahlzeit, die neue Kraft für die kommenden Prüfungen schenkt. Kaum stellt sie die leere Schüssel hinab, legt der Graft seinen Mantel ab, den er wie eine Decke um ihr zitterndes Leib legt. Ein wärmender Stoff, der geschmeidig weich auf ihr liegt und noch leicht süßlich und herb dank seines Parfüms duftet. Kaum ergreift der Graf ihre Hände, spürt sie das kühle Metall zwischen ihnen. Rebecca muss nicht lange überlegen, denn sie ahnt, dass es sich um den Schlüssel zu ihren Handschellen handelt.




„Entkomme und tauche unter“, flüstert der Graf ihr zu.
Doch damit bringt er sich noch weiter in Gefahr. Bereits als stille Beobachterin sah sie, wie die Hexenjäger vor ihrem Aufbruch Zweifel unter den Leuten des Grafen gesät haben. Der Graf und sein Spross wurden zu einer Zielscheibe für die Hexenjäger. Adelige aus dem Weg zu schaffen, überlassen solche Leute anderen. Sicherlich soll es wie ein Unfall aussehen. Nun aber liefert Graf Bylom den Hexenjägern einen triftigen Grund zur Verurteilung. Nicht bereit, den Schlüssel an sich zu nehmen, drückt sie diesen von sich fort.
„Nicht! So sehr ich Euren Einsatz schätze, liefert Ihr Euch selbst ans Messer. Ihr habt Verräter unter Euch. Ihr seid in noch größerer Gefahr.“
Ein Lächeln huscht ihrem Gegenüber über die Lippen. Sein Blick wirkt furchtlos.
„Deine Sorge ehrt mich, Rebecca. Aber vielleicht unterschätzt du mich. Auch meine Tochter. Nimm den Schlüssel schon an dich und nutze ihn bei Gelegenheit. Du willst keinen Verdacht erregen? Dann warte auf deine Chance. Ich reise zur Hauptstadt und werde zuerst als beratende Position fungieren. Vielleicht bietet sich so eine Chance, dich von deiner Schuld frei zu sprechen und im Notfall für Cuno Einspruch einzureichen.“
Rebecca fühlt sich geehrt, doch er vergisst dabei seine Verantwortung als Vater.
„Nicht nötig! Das ist nett, wirklich. Aber seid lieber für Eure Tochter da. Ich komme schon irgendwie frei, lasst das meine Sorge sein.“

Anerkennend klopft er ihr auf die Schulter. Nicht bereit, den Schlüssel an sich zu nehmen, erhebt er sich mit leeren Händen.
„Ruf nach mir, solltest ich die Möglichkeit haben, deinen Aufenthalt so bequem wie möglich zu gestalten. Meine Tochter würde dir gerne Gesellschaft leisten. Sie hat dich gern gewonnen. Darf sie zu dir?“
Rebecca erinnert sich mit Freuden an die gemeinsamen Erkundungstouren mit Amy zurück. Ein aufgewecktes Kind voller Neugier und Abenteuerlust. Wie Rebecca. Graf Bylom hat Recht, sie hat ihn unterschätzt. Ihn und seine Tochter. Schließlich wurde sie Zeuge von ihren Schwertübungen. Der Graf schwingt seine Klinge meisterhaft und auch seine Tochter hat Gefallen an den Umgang mit dem Schwert gefunden. So jung und schon so talentiert. Die kleine Grafentochter könnte Cuno locker im Duell besiegen. Wie gern würde Rebecca jetzt den Schlüssel einsetzen und mit Amy die Nacht lang trainieren oder auf Erkundung gehen. Reden ist eigentlich nicht ihre Stärke, doch gegen Gesellschaft hat sie nichts einzuwenden. Daher nickt sie dem Grafen zu. Dieser tritt in den Hintergrund und mit einem Wink tritt sein Spross heran.



Die Ähnlichkeit zu ihrem Vater überrascht Rebecca immer aufs Neue. Amy scheint nur den Charakter ihrer Mutter übernommen zu haben. Eine starke Frau, die Rebecca aus der Ferne bewunderte. Denn die Gräfin war ebenfalls ein Freigeist und liebte den Wind in ihren fuchsroten Haaren. Laut und wirbelnd fiel sie bei Stadtbesuchen auf. Ihr sonniges Gemüt und ihre offenherzige Art zogen die Leute bereits aus der Ferne an. Rebecca mag sie immer aus dem Schatten heraus beobachtet haben, doch Amys Mutter hatte ein Talent, sich heimlich anzuschleichen. Sie suchte viel das Gespräch zu Rebecca und redete wie ein Wasserfall drauf los. Seit der ersten Begegnung behandelte sie Rebecca wie eine Kindheitsfreundin und besänftigte ihren Mann, wenn Rebecca mit ihren Diebstählen und Unruheaktionen maßlos übertrieb. Dank der Gräfin bekam Rebecca eine kleine Wohnung. Nichts Luxuriöses, aber es reichte, um sich von dem Alltagsstress zu erholen. Ab und zu fand Rebecca sogar kleine Körbe voll Lebensmittel in der Wohnung. Kleine Aufmerksamkeiten der Gräfin. Es widerstrebte Rebecca, dass sie in der Wohnung aus- und eingehen konnte, da Diebesgut dort gelagert wurde, doch anderseits sorgte sich die feine Dame um Rebecca wie eine Mutter, die Rebecca in jungen Jahren verlor.

Ein Blick in die jadegrünen Augen ihres Vaters und Rebecca wird schmerzlich bewusst, wie sehr sie die Gräfin vermisst. Das Volk trauerte wahrlich um den Tod der jungen Frau. Auch Rebecca. Denn seither schmeckte das Brot nicht mehr allzu schmackhaft. Fast, als hätte die Gräfin es persönlich verfeinert. Ihre Tochter macht sich nichts aus ihrem hübschen Kleid, denn sie setzt zu Rebecca in den Dreck. Die Wahl ihrer Garderobe fiel auf ein Mitternachtsblaues mit feinen schwarzen Tüllbahnen. Geschmückt mit geschliffenen Onyx, der wie Perlen ins Kleid am Brustbereich in Szene gesetzt wird. Ein geschultes Auge wie Rebecca erkennt die Echtheit der Steine. Die Haare sind geflochten und aufwendig gesteckt, als besuche das Kind eine Veranstaltung. Aufmunternd lächelt Amy der Gefangenen entgegen. So wie ihre Mutter es immer tat. Körperkontakt scheint ihr auch nicht zu wider, denn sie schnappt sich Rebeccas Hände und drückt sie sanft.



Aus nächster Nähe entdeckt Rebecca den perfekt getarnten Gürtel an der Hüfte, wo die stolze Waffe in der prachtvollen Schwertscheide ruht. Eine Hülle in demselben Blau des Kleides. Ebenfalls mit den schwarzen Edelsteinen geschmückt.
„Gut, du bist bewaffnet.“ Rebecca nickt zufrieden und legt mit einem dankbaren Lächeln den Kopf in den Nacken. „Versprich mir, es immer bei dir zu tragen und wach über deinen Vater und dich.“
„So der Plan“, versichert Amy.
Rebecca würde ihrer neuen Freundin so gern durchs Haar wuscheln und die hübsche Frisur zerstören. Aus Stolz. Dieser Spross mag Hab und Gut verloren haben, doch Rebecca sieht großes Potenzial in Amy. Aus ihr wird sicherlich eine Legende. Der Graf erzählte, er suche die Hauptstadt auf. Damit bieten sich viele neue Chancen für Amy und eine wundervolle Reise.

„Hey, Kleine. Wir werden uns wieder sehen und dann erzählen wir uns gegenseitig unsere Abenteuergeschichte“, beschließt Rebecca mit großer Vorfreude.
Amy nickt freudig und beugt sich näher zu Rebecca vor. „Aber du erzählst mir doch sicherlich von deinem kleinen Abenteuer im benachbarten Dorf oder?“
Ein Blick zur Seite und Rebecca vermutet Zuhörer. Zu gefährlich wäre die wahre Geschichte. Amy folgt ihrem Blick und gluckst freudig.
Hinter hervorgehaltener Hand verrät sie: „Sei unbesorgt, deine Wachen erhielten von mir manipulierten Wein. Sie müssten gleich im Reich der Träume sein. Und mein Vater dreht seine Runden um uns. Auf der Suche nach unerwünschten Zuhörern.“
Diese Teufelsbraten!
Rebecca lächelt stolz und bringt Amys Augen schnell zum Funkeln.
„Sehr gut! Dann halte dich fest, denn du wirst staunen. Meine Geschichte ist so irre, dass ein gesunder Verstand daran zweifelt, doch alles entspricht der Wahrheit. Du hörtest doch von der Hexe Luela oder? Lass mich von ihr erzählen und wie wir selbst zu Hexenmördern wurden.“

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