Kapitel 9
08. Mai
Vier Tage sind vergangen seit der Abreise vom Startpunkt Dorf Sankt Sanapee. Gemeinsam mit einigen Dorfbewohnern, die am Ort des Übels nicht länger verweilen wollen. Zuerst die Manipulation durch die Hexe Luela und nun die Begegnung mit den Hexenjägern führte dazu, dass einige Dorfleute größeres Übel für ihre Heimat erwarten. Die Stimmung an jenen Ort war aufgeheizt. Ich hoffe, die Lage beruhigt sich mit der Zeit und der gewohnte Zusammenhalt einer friedlichen Dorfgemeinschaft kehrt heim. Noch mag ich weit von den Schlachtfeldern entfernt sein und doch verschlimmert sich der Zustand je weiter wir reisen. Die Dürre zeichnet sich immer stärker ab. Trotz der Eskorte durch einen Paladin steigen die Zahlen der Überfälle. Leider schlagen sämtliche Verhandlungen fehl. Die Leute kämpfen ums Überleben und greifen zu allen Mitteln. Es vergeht kein Tag, wo kein Angriff auf die Karawane erfolgt. Bereits dunkle Rauchschwaden und Glutnester kündigen die zerstörten Dörfer aus der Ferne an. Wir entscheiden, uns am Rande des Kriegsgebiets aufzuhalten. Nicht, um mich vor den Pflichten zu drücken, denn ich mag Kranke und Verletzte vom Schlachtfeld allzu gern verarzten, doch unter uns befinden sich Kinder. Noch mögen wir sie vor all der Grausamkeit eines Krieges beschützen wollen. Unterwegs hatte ich glücklicherweise die Möglichkeit einige Schwerverletzte zu behandeln. Detaillierte Protokolle folgen im Anschluss. Durch die Gespräche mit den Patienten erhielten wir einen groben Überblick über die Lage. Dadurch erfuhren wir, dass die Truppenbewegung Richtung Süden erfolgt. Daher sollten wir in Kürze auf Grenzkontrollen und Überreste von Schlachtfeldern treffen. Schon in wenigen Stunden werden wir einen besetzen Zwischenposten vom Lehnsherr Lysander erreichen. Ein junger Adeliger. Unterschätzt, im Krieg hingegen bewährt er sich als ein strategisches Genie. Am Zwischenposten angekommen erhoffen wir uns eine kleine Pause von der Reise und vielleicht wartet Arbeit auf uns.
Und doch graut es Clive bei dem Gedanken. Soldaten, die Blut geleckt haben und eine Schlacht gewannen, vergessen oft ihre Manieren. Zumal Sinas vermummte Kleidung Aufsehen erregen wird. Ihr zartes, jugendliches Gesicht wird sicherlich viele Interessenten wecken. Die Gefahr besteht, dass die Deckung auffliegt. Sorgen, die Cuno teilt. Schon eine Weile sitzt der Alchemist neben ihm. Außerhalb der Plane. Cuno will die Gefahren bereits aus der Ferne erkennen und agiert als Kutscher. Rastlos und bissig wie ein Wachhund hält er die Augen auf und die Ohren gespitzt. Wäre Rebecca anwesend, dann wäre er sicherlich entspannter, denn auf seine Kindheitsfreundin ist Verlass.
„Lysander.“ Allein den Namen auszusprechen, sorgt dafür, dass sich Cunos Griff an den Zügeln verkrampft. „Ich hörte viele Gerüchte über ihm. Er soll ein ungewöhnliches Erscheinungsbild haben.“
„Bleiche Haut, weißes Haar. Es spricht für einen Albino, doch seine Augen sind auffällig blau. Einige Menschen behaupten sie seien voll von Dunkelheit, andere hingegen finden diese leuchtend hell wie der Sternenhimmel. Er heißt, er sei der Sohn einer Hexe. Ein Gerücht verstärkt durch seine Ansichten über die Thematik der Hexenjagd. Viele Adelige haben ihn auf der Schusslinie, auch die Krone beobachtet ihn aufmerksam. Bis vor kurzem mochte er im Interesse der Krone handeln, nun aber predigt er von einem Wandel. Die Besetzung der Krone soll laut ihm wechseln. Einige behaupten, er wäre der Strippenzieher der Blutnacht.“
Einem Paladin wie Cuno stehen mehr Informationen zu, daher hinterfragt Clive: „Die Blutnacht?“
Cuno nickt. „Vor wenigen Wochen wurde ein Fest im Adel zu einem reinen Massaker. Adelige zerstritten sich und Revolutionäre erhoben sich. Die Lage ist ernster, als die Mehrheit glaubt. Unser Plan ist gewagt. Wir mögen neutral wirken, aber wenn wir Lebensmittel als Gruß vom Grafen überreichen, könnten viele zu viel hineininterpretieren. Ich würde immer noch einen hohen Bogen um den Stützpunkt machen, doch unsere Besatzung verdient ein Gefühl von Sicherheit und Schutz. Wir können ihnen ja schlecht sagen, dass die Wölfe, die uns eisern verfolgen, uns nur schützen wollen. Hast du die Furcht in den Kinderaugen gesehen? Die Dörfler vermuten einen Angriff von den Bestien. Aber wir können ihnen unmöglich die Wahrheit sagen.“
Dem stimmt Clive zu. Auch wenn er fürchtet, dass die Wahrheit über Sina früher oder später aufgedeckt werden muss. Doch im Moment könnte Ehrlichkeit zur Meuterei führen. Luelas Dasein prägte das Dorf. Wunder sämtlicher Art sorgen für Unruhe und werden selten geduldet.
Ein flaues Gefühl macht sich im Magen bereit, wenn Clive an das nächste Treffen mit einem Adeligen denkt. Graf Bylom war überraschend freundlich und zuvorkommend. Bislang die große Ausnahme. Auf dem Weg zum Stützpunkt begegnen sie ständig Patrouillen, die sich nach ihrem Ziel erkundigen. Die Blicke sind gemischt. Clive sieht das Misstrauen und die Zweifel in den Leuten. Dennoch passieren sie wie durch ein Wunder das Tor in ein kleines Lager. Der Schlüssel zum Tor wird Cuno. Zuerst wirkten die Torwachen feindselig, als sie von seinem Amt als Paladin erfahren, aber kaum kommen die Lebensmittel zur Sprache, wird ihnen mit Kusshand die Pforten geöffnet. Ummauert von langen, spitzen Holzpfählen wiegen sich die Soldaten in Sicherheit. Kaum übergibt Cuno das prachtvolle Pferd an den Stallmeister, hält er Clive mit festem Griff an der Schulter zurück.
„Entspann dich, Clive. Die Angst vor Ablehnung steht dir ins Gesicht geschrieben. Du wirkst verdächtig!“
Irrtum. Es geht gar nicht um sein Wohl. Clive fürchtet sich mehr davor, dass Sina ihr Leben an jenen Ort lassen könne.
„Alchemist! Sei unbesorgt, ich begrüße deinen Besuch statt ihn zu verteufeln.“
Dem Ruf folgend schwenkt Clive den Kopf zur Seite und erblickt am Zaun den berüchtigten Lehnsherrn Lysander. Die Gerüchte sind maßlos untertrieben, denn Clive sah bislang keinen solch schönen Mann, der ein puppenähnliches Gesicht verfügt. In leuchtend heller Rüstung lehnt dieser über das Geländer und betrachtet seine Gäste voll Neugier. Für gewöhnlich tragen Adelige langes Haar, dieser Mann hingegen hält es schulterlang und frech gestuft. Mit einem sanften Lächeln hebt er die Hand zum Gruß. Als Antwort donnert Cuno seine geballte Hand gegen den Brustpanzer und verneigt den Oberkörper.
„Herzog Lysander. Welch eine Ehre, Euch zu begegnen. Als Graf Bylom Kunde von der Dürre erhielt, fühlte er sich verpflichtet, auszuhelfen. Wir bringen Nahrung für die Bedürftigen.“
Als der Herzog vor Staunen den Mund öffnet wirkt es gespielt.
„Wie großzügig von Graf Bylom. Richtet ihm meinen Dank aus.“
Cuno seufzt laut. „Das muss warten. Denn es wird eine Weile dauern, bis ich zum Grafen zurückkehre.“
Das Lächeln vom Herzog wirkt wissend, schließlich fixieren seine Augen nun Clive an. „Wie es scheint, vertreten der Graf und meine Wenigkeit die gleiche Ansicht über Alchemisten. Sagt, Herr Alchemist, worauf konzentriert Ihr Euch? Pyrotechnik?“
Clive schüttelt entschuldigend den Kopf, sicherlich sieht der Herzog in ihm ein Mittel, um an Schwarzpulver zu gelangen. „Kräuter- und Heilkunde.“
Freudig schnippt ihr Gegenüber. „Sehr gut. Das Glück scheint mit hold zu sein, denn ich habe viele Verwundete. Könntest Ihr bitte nach ihnen sehen und sie versorgen?“
Clive zögert jedoch. Vielleicht mag der Herzog hohe Verluste vermeiden, doch Narben und Verletzungen aus dem Krieg erzählen Geschichten über Mut und Tapferkeit. Für gewöhnlich legen Krieger ihr Schicksal in Gottes Hände. Sie akzeptieren ihr Ableben und weigern sich strickt, versorgt zu werden. So wie bei einigen Patienten, die sie unterwegs trafen. Flüchtlinge, Boten und Bewohner des Landes ließen sich von Clive versorgen.
„Seid Ihr sicher, Herzog Lysander? Wäre das im Interesse Eurer Männer? Für gewöhnlich werden Alchemisten geächtet.“
Auffordernd hebt Lysander die Arme. „Seht Euch doch mal um, Herr Alchemist. Dann werdet Ihr erkennen, dass hier vieles anders läuft.“
Der Aufforderung folgend schweift der Blick umher. Cuno keucht. Der Unglaube spricht schließlich aus ihm: „Sind da etwa Frauen in Euren Reihen, Herzog?“
Stolz nickt Lysander. „Ihr mögt es vielleicht kaum wahrhaben, aber Frauen können genauso gut kämpfen wie wir Männer. Sie beweisen sogar oft mehr Geschick und strategisches Denken. Als Paladin seid Ihr sicherlich anderer Meinung.“
„Nein!“ Cuno winkt ab. „Meine beste Freundin kämpft ebenfalls besser als meine erfahrensten Krieger. Sie kämpft zwar mit fiesen Tricks, aber sie beeindruckt mich immer aufs Neue. Für sie würde ich mir wünschen, dass sich das Weltbild ändert und sie ihre Fertigkeiten für ehrenvolle Tätigkeiten nutzt und nicht fürs Überleben auf der rauen Straße.“
Cunos ehrliche Meinung wird mit Applaus belohnt. Nicht nur vom Grafen, sondern auch von seinem Gefolge. Als der Herzog den Kopf zu Clive rüber schwenkt, breitet sich Nervosität in Clive aus.
„Und Ihr, werter Alchemist? Wie steht Ihr zu dem Ganzen?“
Clive räuspert sich und kommt mit Ehrlichkeit. „Ihr bringt mich in eine gefährliche Situation. Nur allzu gern würde ich mich offen dazu äußern, doch als Alchemist ist Vorsicht geboten. Alles kann unserer Gilde zum Verhängnis werden.“
„Ihr seid wachsam.“ Der Herzog nickt zufrieden. „Wie zu erwarten. Gut, das werde ich akzeptieren. Zurück zu Euren Zweifeln gegenüber der Behandlung meiner Leute. Ich denke, keiner aus meinem Gefolge würde Euch nach dem Leben trachten, weil Ihr ihnen zur Hilfe eilt. Seid unbesorgt und wenn Ihr mehr Absicherung wünscht, dann erkundigt Euch vorher bei den Patienten, ob eine Behandlung gewünscht wird.“
„Also gut.“ Clive begibt sich voller Tatendrang mit seinem Koffer zum Wagenende. „Sina, wärest du so lieb, mir bei meiner Arbeit zu assistieren?“
Der Blick der Fee wärmt sein Herz. Ihre großen Augen weiten sich vor Unglauben und die Vorfreude funkelt hell. Eilig nickt sie ihm zu und wirft wie versprochen die Kapuze über. Noch vor wenigen Moment half sie beim Ausladen, sodass Clive ihr die helfende Hand beim Ausstieg reicht. Ihre Berührung mag nur kurz sein und doch hinterlässt die Nähe zu ihr Wärme auf der Hand und seinem Herzen. Gemeinsam mit Sina schreitet Clive zum Herzog.
„Wo finde ich Eure Verletzten?“
























































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