Prolog
Die Schuld wiegt schwer wie Beton. Verbunden mit einer eisernen Kette aus vielen Fehlentscheidungen und deren Folgen. Ein Gewicht, das in eine ungewisse Tiefe zieht. Hinab in eine verschlingende Dunkelheit.
Die Lage eskalierte zu schnell. Bedauerlicherweise wurde die Gefahr unterschätzt. Ungehört und einsam starb ein junges Mädchen im Dreck. Totgeprügelt. Nicole spielte mit ihren neun Jahren immer die Starke. Sie behielt ihre Ängste und Sorgen für sich. Milan war für sie zuständig. Er kannte ihr Geheimnis und wollte ihr sanft und mit Geduld einen neuen Weg ebnen. Er ahnte, es steckte mehr hinter ihrem Lächeln. Aber er bohrte nicht tiefer, denn er hatte Hoffnung, sie öffnet sich von allein. Wäre er doch nur verbissener gewesen, dann hätte er sie rechtzeitig fortgeschafft. Unerreichbar für ihre Peiniger.
Verlust und Niederlage hinterlassen eine schreckliche Leere. Dabei war sich Milan immer sicher, das Richtige zu tun. Bis heute war er davon überzeugt, einen wichtigen Beitrag in dieser kalten Welt zu leisten.
Hat er sich geirrt?
Wie soll Milan anderen Leuten helfen, wenn er nicht mal Nicole beschützen konnte?
Wenn er sich doch wenigstes von dem Mädchen verabschieden könnte!
Nur kurz beschäftigt sich Milan mit dem Gedanken, umzukehren, um die Leiche vom Tatort zu bergen. Sein Leben gegen ihres – es klingt fair und auch wenn Nekromantie als ein Tabuthema in der Gesellschaft gilt, wäre Milan sofort bereit, darauf einzugehen. Aber dafür bräuchte er den Körper des Kindes. Alles müsse schnell gehen und doch gibt es einen Haken, denn Milan kennt keinen einzigen Nekromanten. Nicht mal Gerechtigkeit kann er seiner Freundin bieten, denn er fürchtet ihre Mörder. Gleichzeitig fühlt es sich falsch an, die Leiche zurückzulassen. Das Kind verdient ein ordentliches Begräbnis im Kreise ihrer Liebsten und mit dem schönsten Blumenschmuck.
Die Sonnenstrahlen bahnen sich einen Weg in die Betonröhre, in der sich Milan keuchend versteckt. Die Wärme erreicht ihn nicht länger, denn seine Welt wurde mit einem Mal kälter und dunkler. Seine Beine zittern und die Lunge brennt von dem langen Sprint. Die blauen Flecken sind bereits überall spürbar. Blessuren aus einem Kampf, dem er nicht gewachsen ist. Noch nicht. Milan musste einige Schläge einstecken. Die Schmach ist groß und als wäre die Niederlage nicht beschämend genug, hat er die Flucht ergriffen.
Die Atmung ist flach und geht stoßweise. Das Herz schlägt zu schnell, sodass Milan befürchtet, es springe ihm jeden Moment aus der Brust. Mit dem Finger fängt er eine einzelne Träne auf und ein verzweifeltes Lächeln umspielt seine Lippen. Es ist lange her, dass er geweint hat. Zu glauben, seine Tränen seien bereits versiegt, erweist sich als ein Irrtum.
Milan bekommt Gesellschaft. Schnelle Flügelschläge und ein hoher Summton lassen ihn wissen, wen er vor sich hat. Seine kleine Partnerin kann wirklich dankbar sein, dass die beiden in der Röhre nicht gesehen werden können. Ihr winziger Anblick verstört die meisten Menschen. Nur Wenige zeigen sich offen für unerklärliche Dinge. Dabei steckt die Welt voller Wunder und Möglichkeiten. Doch die wenigsten Leute sind bereit, richtig hinzusehen. Oft zum Eigenschutz. Milan fürchtet sich ständig davor, was seiner treuen Gefährtin zustoßen könne, wenn sie von den falschen Leuten entdeckt und geächtet würde.
In schwachen Momenten, wie diesen, kann Milan seiner kleinen Seelenverwandten nicht in die Augen sehen! Auch wenn ihr Dasein ihm Kraft spendet und daran erinnert, nie allein sich durch die Welt zu schlagen.
„Es wird Zeit, Milan“, erreicht ihn die zuckersüße Stimme seiner Begleiterin. Zu sanft, zu mitfühlend. Ein seltener Moment, den er eigentlich genießen sollte, aber es wirkt nicht verdient.
Allein ihre Anwesenheit spendet dem jungen Geisterjäger Trost. Ein starkes Band der Freundschaft verbindet die beiden. Die ungewisse Zukunft bereit Milan jedoch Sorge. Sein Auftrag – die Menschen vor dem Bösem zu beschützen – erwies sich zwar nicht als der lukrativste Job, aber die Arbeit erfüllte ihn bislang immer mit Stolz. Nach dem Verlust seiner Freundin beginnt er an allem zu zweifeln.
Zweifel gegenüber seiner Herangehensweise.
Zweifel gegenüber seiner Professionalität.
Zweifel gegenüber seiner Berufung.
Zweifel gegenüber seiner Person.
Milans Welt bricht in sich zusammen. Sein Herz schmerzt fürchterlich. Erneut zeigt sich das Schicksal von seiner grausamen Seite. Es lässt ihn vor Furcht zittern, denn erneut trachten Menschen nach seinem Leben und macht Jagd auf Milan. Auf ihn, einen Mann, der sein Leben ständig aufs Spiel setzt, um zu helfen. Der Lohn ist mies, die Schulden türmen sich auf und nie kann er sich an einen Ort niederlassen, um es als sein Zuhause bezeichnen.
Die Gedanken werden von seiner kleinen Freundin unterbrochen. Sie nennt ihn beim Namen. Beunruhigt und voller Ungeduld. Die Sorge steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ihr überhebliches Lächeln, das sie sonst ausmacht und mit dem sie ihn häufig ansteckt, ist wie weggespült. Die Falten auf ihrer Stirn lassen sie älter wirken. Ihr Blick ist voller Hektik, als fürchtet sie sich davor, entdeckt zu werden. Eine Sorge, die er teilt. Hier zu verweilen, wird sein Todesurteil bedeuten. Ihre Jäger werden die Spur wittern und ihn finden, wenn er nicht aus seinem Versteck kriecht und für mehr Distanz sorgt.
Milan ist geschwächt und leckt seine Wunden. Wird er gefunden, dann zerfleischen seine Jäger ihn. Noch einmal wird er nicht die Kraft aufbringen können, um zu entkommen. Nicoles Mörder haben eindeutig eine hochwertige Kampfausbildung genossen und bewegen sich schneller und geschickter. Lautlose Killer. Oft hat Milan sie nicht kommen gehört. Die Hetzjagd brachte ihn an seine Grenzen. Noch immer schlägt sein Herz bis zum Hals hinauf. Nicht bereit, sich nach dieser anstrengenden Tortur zu beruhigen. Nicht solange ein gewisser Abstand zwischen ihnen besteht. Um seinen Jägern das Wasser zu reichen, muss der Geisterjäger härter an sich selbst arbeiten. Nicht bereit, erneut die Flucht vor ihnen zu ergreifen. Die nächste Konfrontation wird alles entscheiden!






























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