Ascardia 2 – Kapitel 1

~Ascardia~
Ich versuchte mich auf das Essen zu konzentrieren, das vor mir auf den Tisch ausgebreitet war.
Mittlerweile hatte ich mich an die Auswahl gewohnt. Auch an die edlen, warmen Kleider und die Tatsache, dass ich nicht jeden Tag um mein Leben kämpfen musste, hatte meinen Körper eine gesunde Farbe und angenehme Rundungen gegeben.
Noch immer fiel es mir schwer, mich im Spiegel zu sehen. Ich konnte das Bild einfach nicht mit mir in Einklang bringen.
Als ich aufsah, bemerkte ich, dass Cayden mich anstarrte. Sein kristalliner Blick war unverwandt wie immer, während seine Gestalt regungslos einer Statue glich.
Der sanfte Wind, von dem ich noch immer nicht wusste, woher er kam, ließ seine langen, weißen Haare ein wenig tanzen, was sein markantes Gesicht noch blasser erscheinen ließ.
Seine feinen Züge wirkten wie gemeißelt. Unbewegt und ruhig, doch ich erkannte die Anspannung darin, weshalb ich meine Lippen zu einem beruhigenden Lächeln verzog. »Mir geht es wirklich gut«, versicherte ich noch einmal.
Seitdem ich im Kampf mit Fürst Dorne fast gestorben wäre, hatte ich das Gefühl, er starrte mich noch mehr an.
Zwar hatte er mich früher schon immer beobachtet, doch nie so intensiv. Mittlerweile war es mir nicht mehr möglich, ihn nicht wahrzunehmen. Ich hatte stattdessen das Gefühl, dass er seinen intensiven Blick bewusst nutzte, damit ich ihn bemerkte und mich seiner Gegenwart sicher sein konnte.
»Iss noch etwas«, sagte er und ließ eine Schüssel Suppe zu mir schweben.
Der intensive Geruch der Brühe drang an meine Nase und ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Ich hatte mich noch immer nicht an all die Gewürze gewöhnt, doch ich lernte sie immer mehr zu schätzen.
»Dich bedrückt etwas«, sagte ich schließlich, weil mir Cayden nichts verheimlichen konnte.
»Die Situation mit Fürst Dorne«, erklärte er mit ruhiger Stimme, bevor er an einem Glas Wein nippte.
»Oh«, erwiderte ich, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wusste, dass es etwas Politisches war. Trotz Issabellas Stunden kannte ich mich damit immer noch nicht sonderlich gut aus.
Ich senkte den Blick. »Wie geht es Issabella?«, fragte ich, als mir klar wurde, dass ich diese noch nicht wieder gesehen hatte, seit ich erwacht war. Das waren erst ein paar Tage, doch es war untypisch.
Ich erinnerte mich nicht mehr an viel, doch an Issabella erinnerte ich mich gut. Sie hatte sich in den Kampf eingemischt, um mich zu schützen.
»Sie braucht noch etwas, um sich zu erholen«, erwiderte Cayden, wie er es schon mehrmals getan hatte.
»Ihr Zustand hat sich nicht verbessert?«, fragte ich, denn Fürst Dornes Magie hatte bei ihr Spuren hinterlassen. Selbst Ayden hatte ein wenig damit zu kämpfen, dass Fürst Dorne ihm seinen Willen aufgezwungen hatte. Issabella war nicht ansatzweise so stark wie dieser und würde länger brauchen.
»Wir sind uns noch nicht sicher, ob der letzte Einfluss mit Dorne gestorben ist.«
Das leuchtete mir ein, doch ich wollte Issabella trotzdem sehen. Ich machte mir Sorgen um sie. Etwas, das ich vor meinem Leben hier gar nicht gekannt hatte.
Plötzlich klopfte es, was mich zusammenzucken ließ. Es war ein Geräusch, das ich so nicht erwartet hatte. Nicht, während ich mit Cayden zusammen war.
Ich kannte nur eine, die klopfte und das war Issabella.
In mir machte sich Vorfreude breit und ich wollte schon aufspringen, um die Tür zu öffnen, doch Cayden nutzte seine Macht, um diese aufschwingen zu lassen.
Als ich den Mann erkannte, der eintrat, hielt ich inne und setzte mich wieder.
Eine recht kühle Aura umgab ihn. Ein sanftes Blau, das zu seinen silbergraunen Haaren passte. Seine tiefen, dunklen Augen ließen mich jedoch erschaudern.
Wer war das?
»Fürst«, sagte er und verneigte sich. »Euer Bruder ist zurück und hat … Gäste mitgebracht«, erklärte er.
Der Umgang, den er mit Cayden hatte, wirkte nicht gestellt, sondern normal. Fast natürlich. Er musste also schon länger hier arbeiten. Aber … hatte ich ihn schon einmal gesehen?
»Gäste?«, fragte Cayden mit kalter Stimme. In dieser schwang ein Teil seiner Macht mit, der den Mann erzittern ließ.
»Er hat die Frauen von Fürst Dorne dabei.«
Frauen von Fürst Dorne? Was hatte das zu bedeuten?
Ich blickte fragend zu Cayden, der sich langsam erhob. Sein Gesicht verzog sich nur minimal, zeigte mir aber, dass es ihm gar nicht gefiel. »Komm«, sagte er zu mir.
Sofort ließ ich von der Suppe ab und erhob mich.
Früher war Nahrung meine oberste Priorität, doch ich wusste, dass ich später weiter essen konnte. Caydens Art sagte mir, dass es jetzt im Moment wichtigeres gab.
Der Mann führte uns zügig in einen großen Saal. Ich hatte ihn nur einmal betreten, um mit Cayden zu tanzen.
Er war groß, hatte verspiegelte Wände und mehrere Säulen. Der meiste Teil war jedoch frei. Vermutlich, um zu tanzen.
Heute sammelte sich eine Gruppe an Frauen darin. An ihrer spitze Ayden, der in der Nähe einer Frau stand, mit der er sprach. Die anderen Frauen verstummten und versteiften sich, als sie Cayden entdeckten, doch ich konnte nur auf die Frau mit den dunkelgrünen, fast schwarzen Haaren starren.
Die Aura, die mich umspielte, sorgte dafür, dass ich mich leicht versteifte. Das war eine Alpha!
Cayden legte mir sanft eine Hand in den Rücken, als ich stehenblieb. Diese Berührung ließ einen Schauer durch meinen Körper wandern und die sanfte Kühle umspielte mich, was mir sofort dabei half, normal zu atmen.
»Ayden«, sagte Cayden, was dafür sorgte, dass sich Ayden mit einem schiefen Lächeln umdrehte.
Die Frau an seiner Seite riss ihre Augen auf, erzitterte und versteifte sich dann.
»Fürst Veylenreach«, sagte Ayden mit einem verspielten Lächeln, das bei Cayden einen Moment für einen verzogenen Mund sorgte.
Ich musste leicht lächeln, schaffte es aber, ein Lachen zu unterdrücken.
»Warum bringst du sie her?«, fragte Cayden kühl. Er mochte es nicht, dass sie hier waren, das hörte ich.
Ayden zuckte jedoch nur die Schultern. »Jemand muss sich um sie kümmern. Sie können nicht allein in einer leeren Villa bleiben und ich muss mich um die Dokumente kümmern«, erklärte Ayden gut gelaunt.
Cayden kniff die Augen zusammen und seine Aura schwoll ein wenig an. Es gefiel ihm nicht, doch er ging auch nicht direkt auf die leichte Provokation ein.
War das Aydens Art, ihm für die gegebene Aufgabe eines auszuwischen?
Cayden wandte sich zu dem Mann um, der uns hierher geführt hatte. »Ereman. Sorge dafür, dass die Frauen untergebracht werden«, befahl er.
Als ich den Namen hörte, erinnerte ich mich daran, dass Issabella mir erklärt hatte, dass dieser ein Fae und Haushofmeister hier war. Er kümmerte sich darum, dass jeder seinen Aufgaben nachging und das Anwesen von Cayden ordentlich war.
Ereman verneigte sich tief, während Cayden zu seinem Bruder blickte, als würde er ihn etwas fragen. Ich spürte an dem Flimmern in der Luft, dass da etwas zwischen ihnen war, fragte aber nicht nach.
»Folgt mir bitte«, sagte der Fae an die Frauen gewand.
Die leuchtend grünen Augen der Alpha wanderten zu mir und ließen mich erneut erzittern. Ihre Aura hatte etwas seltsames, das ich nur schwer beschreiben konnte. Eine Art Drücken, nicht Ziehen, wie ich es kannte. Ich wollte zurückweichen, statt ihr zu gefallen.
Dieses Wissen ließ meinen Mund trocken werden. Warum erkannte ich sie als Gefahr? Ich war eine Omega. Ich sollte den Drang spüren, mich ihr zu unterwerfen und nicht sie zum Kampf herauszufordern. Das war reiner Selbstmord!
Ich beobachtete an Caydens Seite, wie die Frauen den Raum verließen. Die meisten zitterten eingeschüchtert, nur die Alpha hatte einen halbwegs aufrechten Gang. Allerdings konnte ich selbst ihre Angst in Caydens Gegenwart riechen. Ich fragte mich nur, wieso.
»Warum hast du sie hergebracht?«, fragte Cayden und fuhr sich in einer unerwarteten Geste durch die Haare.
»Fürst Dornes Diener haben das Anwesen alle verlassen, weil sie deinen Zorn fürchten. Jemand muss sich um sie kümmern«, beharrte Ayden, klang aber irgendwie entschuldigend.
Cayden verzog leicht die Lippen. »Das verstehe ich, aber warum bringst du sie ausgerechnet hierher? Ich bin nicht gut mit Frauen.«
»Du musst ihnen keine Aufmerksamkeit schenken«, versicherte Ayden. »Du musst sie nur versorgen.«
Cayden verzog ein wenig die Lippen, bevor er zu mir blickte. Ich sah seinen durchdringenden, musternden Blick und verengte meine Augen.
»An was denkst du?«, fragte ich, verstand ich doch mittlerweile die feinen Zeichen viel zu gut zu lesen.
»Du hast dich hier gut eingelebt«, bemerkte Cayden, was nicht nur mich misstrauisch machte. Auch Ayden blickte seinen Bruder überrascht an, bevor er plötzlich grinste. »Traust du dir zu, diese Frauen … zu verwalten?«, fragte er, wobei er das erste Mal zögerte.
Ich brauchte einen Moment, um seine Worte zu verstehen.
Moment? Ich sollte mich um diese Frauen kümmern?
Mir musste das Unglauben im Gesicht stehen, denn Ayden lachte auf und wandte sich dann ab in dem Versucht, es zu unterdrücken.
»Ich … keine Ahnung«, erwiderte ich überfordert. »Ich bin doch auch nur dank Issabella mit allem klargekommen.«
Diese Frauen waren nicht wie ich. Sie kamen aus anderen Hintergründen und damit würde ich vermutlich nicht umgehen können.
»Ich könnte dir Issabella an die Seite stellen«, bot Cayden an, ließ mir aber anscheinend die Wahl zu lassen.
Sofort horchte ich auf. Ich würde damit die Möglichkeit bekommen, wieder mit Issabella zu sprechen? Hieß das, ihr ging es gut?
»Ich versuche es«, erwiderte ich schließlich, ohne an mehr als an Issabella zu denken. Um den Rest würde ich mich später kümmern.




























































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