Ascardia-Kapitel 12

~Ascardia~

»Ihr müsst aufstehen«, drang eine Stimme an meine Ohren, die ich nicht sofort einordnen konnte.
Ich stöhnte und kuschelte mich weiter in die Decke, während ich das Gefühl von Wärme und Weichheit genoss. Wenn ich jetzt meine Augen öffnete, würde ich mich wieder in der Realität, auf den heißen, spitzen Steinen des Bodens wiederfinden und das wollte ich auf gar keinen Fall.
Plötzlich zog etwas an meiner Decke, bis sie mir vom Körper gerissen wurde.
Kühle umfing mich, weshalb ich sofort meine Augen aufriss.
Knurrend bewegte ich mich, um vor der plötzlichen Gefahr zu fliehen, doch der Boden war unnatürlich weich und plötzlich war er weg.
Ich stürzte zu Boden und blickte benommen nach oben.
Meine Beine hingen in der Decke fest, während ein Kissen neben mir zu Boden fiel.
Schwach erinnerte ich mich an die Nacht mit den beiden Tieren. Sie hatten mir erklärt, was ein Bett war und die Nacht war überraschend angenehm gewesen, doch der Morgen …
»Was macht Ihr denn da«, erklang eine tadelnde Stimme, die ich nicht sofort einordnen konnte.
Doch dann trat eine Frau in einem schwarzen Kleid, mit einem weißen Überkleid um das Bett herum und in mein Blickfeld.
War das nicht Issabella? Aber was machte sie hier?
»Ihr müsst Euch fertig machen. Der Fürst erwartet Euch«, sagte sie, wobei sie mich hochzog.
Ich ließ es zu, war ich es doch gar nicht gewohnt, dass man mich weckte. Generell war mir das Sprechen mit anderen Menschen noch immer unangenehm und die Vorstellung gleich wieder dieser kalten Skulptur gegenüberzustehen, machte mich nervös.
Issabella zog mich mit sich, bis ich wieder in dem Raum stand, in dem mich die Frauen das erste Mal gewaschen hatten.
Der süße Duft und der Dampf des warmen Wassers ließen mich frösteln. Ich wusste, was kam und sehnte es fast schon herbei. Trotzdem war ich nicht erpicht auf die Behandlung, die folgen würde, als ich die bekannten Frauen erblickte.
Würden sie mich dieses Mal sanfter behandeln, wenn ich sie nicht direkt angriff?
Ergeben ließ ich es über mich ergehen. Sie schrubbten mich flink, aber definitiv weniger aggressiv als das letzte Mal und steckten mich in ein Kleid, das sich von meinem ersten unterschied. Es war weich und kuschelig, hatte aber eine schöne, rote Farbe.




Meine Haare wurden nicht nur gekämmt, sondern auch zu einem Knoten gebunden, sodass sie mir nicht im Weg waren.
Alles in allem gefiel mir das Bild, das ich im Spiegel sah, doch auf Dauer war diese Behandlung nichts für mich. Auch, wenn ich das Gefühl meiner frisch gewaschenen, leicht duftenden Haut wirklich mochte.
Issabella musterte mich und nickte dann zufrieden. »So seht Ihr gut aus«, behauptete sie.
Ich war mir da nicht so sicher. Sah ich wirklich gut aus?
Wenn ich mich mit Issabella verglich, dann war ich eher durchschnittlich. Meine Verbrennungen waren überall auf meiner Haut zu sehen und meine Wangen waren eingefallen, weshalb meine Knochen scharf hervortraten.
Gutaussehend wäre nicht das Wort, das ich für mich genutzt hätte. Aber vermutlich sah ich besser aus als vorher.
»Jetzt kommt«, wies sie mich an, was mich leise seufzen ließ.
Das Essen und der sichere Schlaf hatten mich schon so weit eingenommen, dass ich mich gar nicht richtig wehren wollte. Trotzdem gefiel es nicht, wie sie mit mir sprach.
Allerdings war ich noch so entspannt von der Nacht, dass ich nickte und ihr einfach folgte.
Dazu kam, dass mich Cayden deutlich darauf hingewiesen hatte, dass ich auf Issabella hören sollte. Ich wollte ihn nicht unbedingt wütend machen, wenn es nicht sein musste.
Also trottete ich ihr durch die Flure hinterher.
Dieses Mal erkannte ich einige Dinge wieder.
Die Farbe eines Fells am Boden und das Motiv eines Bildes an der Wand.
Dann kamen wir zu der Tür, durch die ich schon mehrmals getreten war. Dahinter befand sich der Raum mit dem großen Tisch und dem Essen.
Mir lief das Wasser im Mund zusammen, auch wenn mein Bauch noch nicht unbedingt knurrte. Ich war es nicht gewohnt, täglich zu essen, weshalb sich mein Magen auch noch nicht meldete. Außerdem hatte ich mich kaum bewegt.
Issabella berührte die Tür, die daraufhin aufschwang.
»Ich bringe sie«, sagte sie und verneigte sich.
Ich stand da und wusste nicht genau, was ich tun sollte.
Im Raum stand der bekannte Tisch, doch Cayden war dieses Mal nicht allein. Auf einem der Stühle lehnte Ayden. Viel entspannter als der Fürst.
Allerdings starrten mich beide an, was dazu führte, dass mir ein Schauer über den Rücken wanderte, bevor ich eintrat.




»Du kannst jetzt gehen, Issabella.« Mit diesen Worten winkte Ayden sie aus dem Raum, während er mich musterte und dann lächelte. »Hast du gut geschlafen?«, fragte er, wobei seine Stimme etwas Neckendes hatte.
Kam es mir nur so vor, oder war er viel entspannter als sonst?
Ich rieb mir unsicher die Hände, während ich mich fragte, was ich darauf antworten sollte. Wie verliefen solche Gespräche? Mich hatte noch nie jemand danach gefragt. »Ich … ja«, murmelte ich schließlich unsicher und hoffte, das war die richtige Antwort.
Der Stuhl rutschte nach hinten und lud mich ein. Direkt neben Cayden, der mich beobachtete, aber keine Mine verzog.
Es war mir nicht mehr ganz so unangenehm wie beim ersten Mal, doch so richtig wohl fühlte ich mich noch immer nicht.
Als ich schließlich saß, erschien auf dem Tisch Essen.
Der Duft ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen und ich wollte alles probieren.
Als meine Augen jedoch über den Tisch wanderten, wurde mir leicht schlecht. Es war so viel zu Essen, dass ich mich fragte, was damit alles passierte. So viel konnte ich doch nie essen und sollte es vermutlich auch nicht.
Während ich noch darüber nachdachte, was ich essen wollte, schwebte ein Stück Fleisch in meine Richtung. Zusammen mit seltsamen, gelblichen Kugeln und rotem Kraut.
Alles zusammen landete auf meinen Teller und wurde am Ende mit einer dunklen Soße übergossen.
Ich wollte schon mit den Händen danach greifen, erinnerte mich aber daran, dass es Besteck gab.
Also packte ich dieses, stellte mich aber sehr ungeschickt an, als ich versuchte mit dem Löffel das Kraut in meinen Mund zu befördern.
Ayden lachte leise, doch davon ließ ich mir das Essen nicht verderben.
Da mein Magen nicht mehr schmerzte und der Hunger nicht so stark war, dass ich schlingen wollte, konnte ich es endlich genießen.
Cayden blendete ich komplett aus, was er mir wieder einmal sehr leicht machte.
Obwohl er an einem Getränk nippte, bewegte er sich kaum und ähnelte einer Skulptur.
»Wie bist du eigentlich ausgerechnet in den Gluthain gekommen?«, fragte Ayden plötzlich unvermittelt, was mich aufsehen ließ.
Er hatte kein Essen vor sich, sondern die Arme auf den Tisch gestützt, seinen Kopf darauf gebettet und seine Augen dabei auf mich gerichtet.




Ich schluckte schwer bei dieser Frage.
Warum war er auf einmal so gesprächig und stellte mir Fragen? Ich war zwar noch nicht lange hier, doch ich hatte seine Reaktionen bisher so gedeutet, dass ich ihn eigentlich nicht interessierte.
»Ich … weiß es nicht. Ich lebe dort, seitdem ich denken kann«, erwiderte ich unsicher.
Wenn ich an meine früheste Kindheit dachte, dann waren da manchmal Bilder einer Frau, die mich sanft in den Schlaf sang, doch das konnten auch nur Träume eines Kindes sein. Ich hatte diese Frau vermutlich nie getroffen.
Mein Mentor hatte es als Wunsch nach einer Mutter abgetan und ich stimmte ihn zu.
Die erste Erinnerung, die ich noch klar vor meinen Augen hatte, war der Moment, in dem er mich vor einem riesigen Salamander gerettet und mir am Ende ein Stück des Fleisches geschenkt hatte. Was davor war, wusste ich nicht mehr. Ich war immer davon ausgegangen, dass meine Eltern eine Omega wie mich einfach ausgestoßen hatten. Immerhin war ich in meiner Erinnerung alt genug, um eine Gabe zu entwickeln, die ich jedoch nie bekommen hatte.
»Muss ziemlich schwer gewesen sein«, bemerkte Ayden, auch wenn die Worte so dahingesagt waren, dass ich nicht wusste, ob er es ernst meinte. Konnte er sich überhaupt vorstellen, wie schwer es gewesen war?
»Hör auf sie vom Essen abzuhalten«, erklang plötzlich Caydens Stimme, die mich zusammenzucken ließ.
Verflucht, ich hatte es schon wieder geschafft, ihn komplett auszublenden.
Ayden zuckte die Schultern, bevor er sich erhob. »Danke für die Einladung, aber ich habe meine Aufgaben«, bemerkte er und stand auf.
Lag das daran, das ich zu spät gekommen war? Wäre er sonst hier geblieben?
Ich kam nicht umhin, mich ein wenig schuldig zu fühlen. Hatte er jetzt durch mich nichts zu Essen bekommen? Immerhin hatte nichts auf dem Tisch gestanden, als ich gekommen war.
Gerade, als ich mich zu ihm umdrehen und mich entschuldigen wollte, durchschnitten Caydens Worte die Stille. »Iss weiter, bevor es kalt wird.«
Ein klarer Befehl, dem ich sofort nachkam. Die Angst, dass das Essen wieder verschwand, wenn ich ihm nicht gehorchte, war noch immer zu groß. Ich musste immerhin genug Kraft sammeln, wenn ich meine Freiheit zurückerkämpfen wollte.



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