Ascardia-Kapitel 13

~Ascardia~
Nachdem das Essen beendet war, brachte mich Issabella zurück in mein Zimmer.
Hier saß ich nun, starrte in das Feuer des Kamins und wusste nicht, was ich tun sollte.
Zuhause bestand jeder Tag daraus, Essen zu jagen und eine Bleibe für die Nacht auszukundschaften. Aber hier … war ich versorgt.
Ich hatte keinen Hunger und war nicht müde.
Meine Arme und Beine schmerzten zwar noch ein wenig, doch nicht so, dass es besonders schlimm gewesen wäre.
Während meine Augen die Schatten beobachteten, die das flackernde Feuer warf, fragte ich mich, ob dieses Gefühl Langeweile war. Etwas, von dem ich auch nur aus Erzählungen kannte.
Es war nicht so, dass ich die Ruhe nicht genoss, doch mein Körper wurde zunehmend unruhiger.
Wenn ich mich zu sehr darauf ausruhte, Essen zu bekommen und schlafen zu können, ohne Angst haben zu müssen, würde ich meine Kondition einbüßen. Irgendwann würde ich vielleicht vergessen, wie man kämpfte … wie ich an Essen gelangen konnte.
Dann wäre ich tot, sollte ich je in den Gluthain zurückkehren. Nicht, dass ich das wollte.
Ich kam nicht umhin, meine Opferung an die Götter als Glück zu bezeichnen. Vielleicht war das hier doch der Himmel, in dem ich gelandet war.
Aber selbst wenn er das war, blieb noch immer die Frage, was ich nun tun sollte.
Cayden war still wie immer und Ayden war verschwunden, bevor ich ihn ausfragen konnte.
Langsam erhob ich mich und streckte meine müden Glieder. Rumsitzen war nicht gut. Dann würde ich faul werden. Ich sollte mich etwas bewegen.
Aber durfte ich das?
Obwohl ich ständig prüfte, ob die Tür verschlossen war, kam ich immer wieder zu dem gleichen Ergebnis: Sie war es nicht. Und trotzdem sperrte ich mich hier selbst ein, weil ich nicht nach draußen ging.
Ich kannte die Umgebung nicht. Wusste nicht, was hier für Gefahren lauerten. Hatte Angst, mich zu verlaufen und spürte Nervosität, die mich packte, sobald ich der Tür zu nahe kam.
Obwohl ich aus dem Fenster hinaus in einen Garten sehen konnte, der mich jeden Blick mit seinem saftigen Grün und den vielen bunten Blumen anlockte, zögerte ich.
Ich wollte nicht durch eine unbedachte Handlung meine Nahrungsquelle verlieren.
Hatte ich mich bereits so daran gewöhnt? Würde ich überhaupt noch allein überleben können?




Nein Ascardia! Das reicht jetzt.
Du kannst nicht ewig in diesem Zimmer bleiben. Es ist wichtig, deine Umgebung zu kennen. Informationen sammeln, bevor man handelt, ist der wichtigste Punkt.
Ich atmete tief durch und öffnete dann leise die Tür.
Sie quietschte nicht, doch sie glitt über den Boden. Das leise Schaben hallte viel zu laut in meinen Ohren wider und ich befürchtete fast, dass es jemanden anlockte, der mich warnte, nicht hinauszugehen. Doch der Gang blieb leer.
Ich starrte hinaus, bewunderte das Fell auf dem Boden und traute mich schließlich, einen Fuß hinaus zu setzen.
Erneut blieb alles ruhig, auch wenn in der Ferne irgendwo leise Stimmen murmelten.
Niemand schien mich zu beachten. Die Gänge vor meinem Zimmer wirkten menschenleer.
Irgendwie hatte ich erwartet, dass Issabella Wache stehen würde, nachdem Cayden ihr heute befohlen hatte, sich um mich zu kümmern.
Aber auch sie war nirgendwo zu sehen.
Kaum hatte ich den Schritt gewagt und mein Zimmer verlassen, überkam mich ein seltsames Gefühl der Freiheit und Neugier.
Ich wusste zwar nicht, ob ich hier bleiben würde, doch in mir regte sich der Wunsch, mein neues Zuhause auf Zeit kennen- und begreifenzulernen. Es war immerhin wichtig, dass ich endlich verstand, welche Regeln hier galten, da niemand sich dazu herabließ, sie mir zu erklären.
Um meine Erkundung zu beginnen, folgte ich zuerst einmal der Richtung, aus der die Stimmen kamen. Ich hatte nicht vor, mich zu zeigen, doch ich konnte sicherlich beobachten. Dabei würde ich hoffentlich einiges lernen.
Meine Schritte waren schnell, aber leise. Ich hatte gelernt, meine Gegenwart zu verbergen. Das kam mir jetzt zugute.
Der Gang, in dem ich mich befand, kam mir seltsam vertraut vor und als ich durch eine offene Tür spähte, entdeckte ich die Küche.
Der Tiger hatte mich hier abgesetzt und den Damen befohlen, mich zu füttern. Was überhaupt nicht gut ausgegangen war. Darum versteifte ich mich auch. Die Stimmung, die mich erwartete, war jedoch eine ganz andere.
Ich hörte sie leise mit einander reden und sogar lachen. Von der feindlichen Präsenz, die sie mir gegenüber gezeigt hatten, war keine Spur mehr.
Schluckend traute ich mich, näher hinzusehen.




Sie alle hatten Messer oder etwas ähnliches in der Hand, während sie mit allerlei Dingen hantierten, die ich vom Essenstisch kannte.
War das ein Huhn, das die eine Frau dort rupfte?
So viel Essen.
An jedem anderen Tag wäre mir vielleicht das Wasser im Mund zusammengelaufen, doch heute hatte mich der Fürst so viel essen lassen, bis ich wirklich vollständig satt gewesen war. Darum verspürte ich auch keinen Drang, mir etwas davon zu nehmen.
Ich fragte mich jedoch, woher das ganze Essen kam und warum die Frauen es gerade schnitten, kochten und auf Platten luden.
War das vielleicht ihr Essen? Wobei die Gerichte denen ähnelten, die ich auf dem Tisch des Fürsten gesehen hatte.
War er mächtig genug, dass er andere dazu bringen konnte, für ihn das Essen zu besorgen? Nicht einmal Rashid konnte das. Er musste auch selbst auf die Jagt gehen.
Oder war es hier einfach so leicht an Tiere zu kommen, dass selbst diese schwächlich wirkenden Frauen in der Lage waren, sie zu fangen?
Fragen über Fragen gingen mir durch den Kopf, doch hier würde ich keine Antworten bekommen. Also setzte ich meinen Weg leise fort.
Bald schon betrat ich Gänge, die ich nicht kannte und von denen ich auch nicht wusste, wohin sie führten. Trotzdem folgte ich ihnen. Erneut hatten Stimmen meine Aufmerksamkeit erregt, doch ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie mich wirklich hinaus in den Garten zogen.
Ein sanfter, erdiger Geruch kam mir, zusammen mit einer kühlen Brise, entgegen.
Ich sog die frische Luft ein und schloss einen Moment die Augen, während die Sonne mir angenehm auf das Gesicht schien.
Das hier konnte nur der Himmel sein. Warum sonst sollte ein Ort so gut duften?
Im grünen Gras befanden sich bunte Farbkleckse, die ich mir genauer anschaute. Es waren Pflanzen, die ich so noch nie gesehen hatte. Wunderschön, aber zerbrechlich.
Meine Finger fuhren vorsichtig über das weiche Gewebe, als ich bemerkte, dass von diesem ein zarter Duft ausging.
Um es genauer zu identifizieren, beugte ich mich nach vorn und schnupperte daran.
Süß und sanft zugleich.
Er gefiel mir sehr, weshalb ich die Pflanze an ihrem Stängel packte und aus dem Boden zupfte. Hier wuchsen genug davon und ich wollte den Duft noch ein wenig länger genießen.




Der Garten war weit, überall standen Bäume, die Schatten spendeten und durch ihre Blätter im Wind eine angenehme Melodie spielten.
Ich hatte das Gefühl, das mich Ruhe und Zufriedenheit einhüllte, während ich unter meinen Füßen das weiche Gras spürte.
Die Schuhe, die man mir gegeben hatte, trug ich nicht. Sie waren unbequem und sorgten nur dafür, dass ich nicht richtig laufen konnte.
Beschwert hatte sich noch niemand, es war also in Ordnung.
Schließlich entdeckte ich in der Ferne eine Gruppe an Frauen.
Sie waren ähnlich alt wie die in der Küche und trugen alle einheitliche Kleidung. Sie ähnelte der von Issabella, wirkte aber nicht ganz so elegant.
Die Frauen schöpften Wasser aus einem Brunnen und wuschen nebenbei das, was ich als Bettdecken kennengelernt hatte.
Ich versteckte mich hinter einem Baum, um sie eine Weile zu beobachten, doch richtig schlau wurde ich aus ihrem Verhalten nicht.
Warum taten sie das? Waren die Laken nicht sauber genug? Ich erkannte immerhin keine so schlimmen Verunreinigungen, dass es sich lohnen würde, gutes Trinkwasser dafür zu verschwenden.
Aber … hier gab es dieses wohl auch in Hülle und Fülle.
Was für ein seltsamer Ort.
Eine sanfte Kühle streifte mich, die mich sofort an den Fürsten erinnerte. Ich wirbelte herum. Gefasst darauf, ihn gleich hinter mir zu entdecken, doch da war nichts. Nur die weite Leere des Gartens.

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