Ascardia-Kapitel 38

~Ayden~
Ich hatte schon viele Frauen in diesem Zustand gesehen und hatte vor, es nie wieder ertragen zu müssen.
Doch nun saß hier Ascardia. Mitgenommen von einer Magie, vor der wir sie hätten schützen sollen.
Magie war nicht für Wesen wie sie und hinterließ immer ihre Spuren. Darum gab es schon seit Jahrhunderten keine geopferten Frauen mehr in diesem Anwesen. In diesem Punkt waren Cayden uns ich uns einig. Frauen waren keine Werkzeuge, die man benutzen und wegschmeißen sollte.
Erst recht nicht, wenn sie ihr Leben riskiert hatten, um das Kind eines Faes zur Welt zu bringen.
Nur war das nicht der Grund, warum Aacardia derart litt.
Cayden hatte nie vor, mit ihr ein Kind zu Zeugen, um sie genau davor zu bewahren. Und nun hatte Fürs Dorne diese Bemühung zu Nichte gemacht.
»Schlaf etwas«, sagte ich und half ihr dabei, sich wieder hinzulegen.
Cayden ertrug es nicht, sie so zu sehen und ich verstand sehr gut, warum.
»Cayden muss sich auch ausruhen«, murmelte sie, hatte sich aber bereits in die Decken gekuschelt.
»Ich werde dafür sorgen«, versprach ich, denn das war alles, was ich tun konnte.
Bevor ich ging, fuhr ich sanft mit den Fingern über ihr blassen Gesicht. Es sah nicht mehr so eingefallen und fahl aus, wie zu dem Zeitpunkt, als Cayden sie im Arm gehalten hatte. Trotzdem war sie noch nicht gesund und das, obwohl Cayden über eine ganze Woche lang immer und immer wieder versucht hatte, das Schattenlicht aus ihr zu ziehen.
Ich atmete tief aus, als ich die Tür zu Ascardias Zimmer hinter mir schloss.
Innerlich brodelte alles in mir. Ich musste mich zurückhalten, solange sie meiner Magie ausgesetzt war, sonst würde ich ihr noch mehr schaden.
Ich stieß die Luft aus. Rauch dampfte, bevor ich mit meiner Faust in eine nahe Wand schlug.
Der Stein splitterte und zerbarst an der Stelle, an der meine Faust saß, doch meinem Ärger machte es nur wenig Luft.
Ich wollte nicht, dass Cayden einen Heiler rief und doch wollte ich es. Es war ärgerlich. Hätte sie nicht ebenfalls gesagt, dass meine Gedanken richtig waren, hätte ich sofort nachgegeben, doch jetzt … scheiße. Ich hatte gehofft, dass sie um einen bat, dass ich noch eine Ausrede hatte. Ich konnte meinen Bruder nicht einfach so ausliefern. Sobald jemand herausfand, dass ein Heiler bestellt wurde, würde Cayden als angreifbar gelten und ich wusste nicht, wer alles seinen Posten im Auge hatte.




Allein würde ich die Verwaltung und den Schutz nicht bewerkstelligen können. Dazu war unser Gebiet zu groß und wir hatten zu wenig Krieger.
Cayden wusste das. Trotzdem hatte er es in Erwägung gezogen.
»Scheiße«, knurrte ich und schlug noch einmal zu, sodass die Wand wackelte.
Es brauchte vier mehr Schläge, bis ich mich halbwegs wieder unter Kontrolle hatte.
Trotzdem stürmte ich in Caydens Arbeitszimmer, doch bevor ich etwas sagen konnte, erklangen seine leisen Worte: »Es ist Jahre her, dass du die Einrichtung zerlegt hast«, bemerkte er und sah auf. »War ihr Anblick so schrecklich?«
Mir verging das Meckern, als ich seine letzten Worte hörte. Die Sorge, die darin mitschwang, war kaum zu überhören. Cayden zeigte seine Gefühle nie so deutlich. Das Schattenlicht hatte ihn mehr geschwächt, als mir bisher bewusst gewesen war.
»Eigentlich nicht«, erwiderte ich vorsichtig. Ich wusste nicht, wie weit ich gehen konnte, bis Caydens Beherrschung komplett brach. »Eigentlich geht es ihr ganz gut. Sie kann sprechen, hat gegessen und zeigt keine Zeichen von mentalen Verfall.« Eigentlich sah sie viel besser aus, als ich angenommen hatte. Es war wirklich ein Wunder.
Er sah nicht gerade erleichtert aus, was wohl daran lag, dass sein Gesicht von Müdigkeit gezeichnet war. Es war, als hielte er sich an seiner Disziplin fest, weil alles andere ihn zerreißen würde.
Seine Haut war eingefallen und überall auf seinem Körper pulsierten Schwarze Male, die in einigen Abständen sogar blau schimmerten.
Die Macht in ihm zerfraß ihn. Mit jeder Sekunde, die verstrich, schien es schlimmer zu werden und doch saß er hier und arbeitete.
»Dieser verdammte möchtegern Fürst«, fluchte ich. Fürst Dorne war einer der jüngsten Fae, doch seine Magiemenge reichte, damit man ihn als Fürsten anerkannte. An Cayden würde er nie herankommen und selbst für mich war er nur ein kleiner Fisch. Wäre Cayden nicht in diesem Zustand, hätte er vermutlich schon längst gehandelt. Den Krieg hatte er ihn immerhin schon erklärt.
Allerdings kam es schlimmer, als ich erwartet hatte. »Sieht aus, als würde er die Sache umdrehen. Er gibt uns die Schuld daran, das Schattenlicht befreit zu haben.«
Was?
Das war doch Quatsch. Fürst Dorne hatte es versiegelt und nur er konnte es …




Ich dachte an den Vorfall im Garten mit dem Wasserlicht, das Cayden versiegelt hatte. Irgendwie hatte Ascardia dessen Siegel gebrochen. Konnte es auch bei Fürst Dorne so gewesen sein?
Ohne es zu wollen, wurde ich blass. Was, wenn Ascardia wirklich die seltsame Gabe besaß, die Siegel zu brechen? Das wäre überhaupt nicht gut.
Trotzdem war das unwahrscheinlich. »Und die Leute glauben das?«, fragte ich zögerlich. Es klang doch total an den Haaren herbeigezogen.
»Die meisten Fürsten nicht, aber Fürst Dorne scheint seine Leute davon überzeugt zu haben«, erklärte Cayden, dessen Feder über das Papier wanderte. Er hatte viel nachzuholen. Hätte ich mehr Neven für Papierkram, würde ich ihm helfen, doch das war einfach nichts für mich.
»Ich werde unsere Truppen in Alarmbereitschaft versetzen. Nur für den Fall.«
Cayden nickte, ohne noch einmal aufzuschauen.
»Ich werde mich um alles kümmern. Du musst dich ausruhen«, sagte ich, denn seine Augen schlossen sich immer wieder und ich hatte Angst, dass er gleich über den Dokumenten zusammenbrach.
»Jeder andere Fürst würde diesen Moment nutzen«, bemerkte Cayden plötzlich, wobei er unnatürlich müde klang.
Wut machte sich in mir breit. »Du bist mein Bruder«, schrie ich ihn an. Wie konnte er nur denken, ich würde ihn verraten! »Ich stehe tief in deiner Schuld!«
Es gab zudem keinen Grund, ihn zu stürzen. Wir verstanden uns großartig und die Arbeit als Fürst lag mir gar nicht. Ich hatte meine Bereiche, in denen ich gut war und so ergänzten wir uns gut.
»Außerdem ist es viel leichter, seitdem Ascardia hier ist«, bemerkte ich, was Cayden nun doch aufsehen ließ.
»Dir ist es aufgefallen«, bemerkte er stirnrunzelnd.
»Natürlich. Ich bin manchmal schwer von Begriff, aber nicht dumm«, brummte ich frustriert.
Seitdem Ascardia im Anwesen war, streiften sich unsere Auren, doch sie gerieten nicht mehr außer Kontrolle, wenn wir zu lange im gleichen Raum waren. Ich hatte seit Wochen nicht das Verlangen verspürt, mich auf meine Insel zurückzuziehen. Das war wirklich merkwürdig, doch ich genoss es. Immerhin war Cayden mein Bruder. Meine einzige Familie. Er war mir wichtig.

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