Ascardia-Kapitel 39

~Cayden~
Ich wusste, dass ich träumen musste, als ich auf die bleiche Gestalt im Bett hinabsah.
Ihre Haut war eingefallen und ihre sonst so glänzenden Augen voller Leben leer.
Das braune Haar hatte seine Farbe fast vollständig verloren, weshalb sie aussah wie eine alte Frau, die sie nicht war.
Meine kleinen Hände hielten ihre knochigen Finger, während ein Knoten in meinem Hals mir das Atmen erschwerte.
»Mama«, brachte ich mit heiserer Stimme hervor.
Sie war mit mir nicht Blutsverwandt, doch sie hatte mich großgezogen. Hatte mir Liebe und Zuneigung geschenkt, was ich von meinem Vater nie erhalten hatte.
»Cayden, mein Schatz«, brachte sie krächzend und mit gebrochener Stimme hervor.
»Du musst durchhalten. Vater wird sicher einen Heiler für dich holen«, sagte ich, obwohl ich genau wusste, dass es nicht stimmte. Schon damals hatte ich es gewusst.
Die Frau, die für mich mein ganzes Leben war, bedeutete Vater nichts. Es gab niemanden, der Vater etwas bedeutete.
Sie lächelte schwach, doch es erreichte ihre Augen nicht. »Versprich mir, dass du dich um deinen Bruder kümmerst«, hauchte sie, bevor sie in heftiges Husten ausbrach.
Sofort ließ ich ein Glas Wasser zu ihr fliegen. »Trink, es wird helfen«, forderte ich.
Klein und naiv wie ich war, hatte ich die Hoffnung gehabt, sie würde wieder werden, wenn sie nur genug trank. Wie eine verwelkte Blume, die mit genügend Sonne und Wasser doch wieder zu alter Schönheit erblühen würde. Nur war sie keine Blume. Sie war ein Mensch.
Ein Mensch, der das Kind eines Faes zur Welt gebracht hatte.
»Dein Bruder … ist zu schwach«, stieß sie hervor. Sorge in ihrer Stimme, die in mir Tränen auslöste. »Er wird ihn niemals akzeptieren.«
»Ayden ist sein Sohn«, beharrte ich in meiner kindlichen Naivität. Heute wusste ich es jedoch besser. So viele Söhne wie er bereits getötet hatte, weil sie seinen Anforderungen nicht entsprechen … Hätte ich das damals gewusst, hätte ich anders reagiert.
»Versprich mir, dass du dafür sorgst, dass er Ayden nicht tötet«, flehte sie und drückte mit letzter Kraft meine Hände.
»Nur, wenn du bei mir bleibst«, bat ich und wischte mir die Tränen aus den Augen, hielt dabei ihre Hand aber weiter sanft.




Erneut huschte ein Lächeln über ihre Lippen. »Alles hat seine Zeit und meine ist abgelaufen.«
Nein. Das wollte ich nicht. Das konnte ich nicht glauben.
»Versprich es mir, Cayden«, hauchte sie, wobei die Kraft sie immer weiter verließ.
»Ich verspreche es«, rief ich, mit der Hoffnung, dass sie dann vielleicht ein bisschen länger durchhielt.
Doch das Gegenteil war der Fall.
Als hätte dieses Versprechen sie von ihrem inneren Kämpf bereift, lächelte sie. Für einen Moment funkelten ihre Augen, bevor sie diese für immer schloss.
Ich hielt die Luft an. Ihr Körper flimmerte und für einen Moment lag da nicht mehr die Frau, die meine Mutter gewesen war, sondern Ascardia.
Nach Luft schnappend, erhob ich mich aus meinem Schlaf.
Ein Dokument klebte an meiner Wange und löste sich langsam, um schließlich unbeachtet zu Boden zu fallen.
Mein Herz drückte unangenehm gegen meine Brust, während ich viel zu lange brauchte, um mich zu orientieren.
War ich am Schreibtisch eingeschlafen? Das war mir noch nie passiert.
Das pulsierende Pochen, das mich schon seit dem Besuch bei fürst Dorne begleitete, kehrte in meine Schläfen zurück. Der Schlaf hatte nicht geholfen. Es war noch genau so präsent wie zuvor.
Ich rieb mir die Schläfen, obwohl ich genau wusste, dass es nichts brachte.
Die Schmerzen machten mich ungehalten und jede Störung reizte mich nur noch mehr.
Es war ein Wunder gewesen, dass ich Ayden nicht an den Hals gesprungen war.
Langsam erhob ich mich, wobei ich mich am Schreibtisch abstützen musste. Meine Beine zitterten zu sehr und ließen mich kaum vorwärts gehen.
Ayden hatte recht, ich musste mich ausruhen, doch ich konnte nicht. Es gab viel zu viel zu tun. Besonders, wenn ich Ascardia schützen wollte.
Als ich hinaus in den Flur trat, bereute ich es, denn hier würden mich andere sehen. Ich straffte die Schultern und bewegte mich so gut ich konnte. Niemand durfte bemerken, wie erschöpft ich war. Trotzdem lief ich direkt auf mein Ziel zu. Ich musste sehen, wie es ihr ging. Nur so konnte ich mich wieder etwas beruhigen.
Die Bilder meiner Vergangenheit verfolgten und verhöhnten mich. Ich hatte so lange dagegen angekämpft und jetzt musste ich doch erneut zusehen, wie jemand litt.




Es fühlte sich wie Stunden an, bis ich endlich den Raum erreichte, in dem Ascardia schlief.
An der Tür hielt ich inne. Mein Herz schmerzte, denn die Angst drohte, sich breit zu machen.
Was, wenn sie genauso aussah wie Mutter? Konnte ich ihren Anblick ertragen?
Würde sie überhaupt ihre Augen öffnen?
Ich hatte alles getan, was ich konnte. Alles, was jetzt noch nicht geheilt war, würde ich nicht mehr retten können.
Wie groß war der Schaden? Würde sie überhaupt noch ein Leben haben, das lebenswert war?
Nein. So durfte ich nicht denken. Ich durfte meine negativen Gedanken nicht die Oberhand gewinnen lassen.
Langsam öffnete ich die Tür.
Es war dunkel im Zimmer. Der Kamin war aus, doch es war trotzdem angenehm warm. Sicherlich war das Ayden zu verdanken. Er kümmerte sich gut um sie.
Mein Blick wanderte durch den Raum, bis ich sie im Bett entdeckte. Ihre Augen waren geschlossen, doch ihre Haut war nicht eingefallen, dafür aber blass. Das erleichterte mich ein wenig, doch nicht genug, um sie genauer zu betrachten.
»Cayden?«, murmelte sie plötzlich.
Ich erstarrte und blickte sie in der Dunkelheit an. Konnte sie mich sehen oder sogar spüren?
Ihre Sinne waren schon immer besonders gewesen und nachdem was Ayden mir erzählt hatte, sah sie mehr, als sie sollte. Nur half ihr das im Moment nicht.
Als ich bemerkte, dass sie den Kopf drehte und ihre goldenen Augen schimmerten wie die einer Katze, atmete ich leise aus. »Schlaf weiter«, sagte ich, bevor ich zu ihr schritt.
»Cayden«, sagte sie erneut. Mit hoffnungsvoller Stimme. Sie streckte sogar ihre Hand nach mir aus.
Eine Geste, die mein Herz schmerzen ließ. So etwas hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr gespürt und ich konnte einfach nicht widerstehen.
Langsam streckte ich meine Hand nach ihr aus und nahm sie. »Wie geht es dir?«, fragte ich. Das Funkeln ihrer Augen hatte seinen Glanz nicht verloren. Stattdessen stach der rote Ring sogar noch mehr hervor. Und das Lächeln in ihrem Gesicht …
»Gut«, sagte sie strahlend. »Jetzt wo du hier bist, noch besser.«
Ich konnte nicht sagen, ob sie log oder nicht. Aber sie sah gesünder aus, als ich angenommen hatte. Allerdings fragte ich mich, warum sie sich nicht aufsetzte.




Langsam ließ ich mich zu ihr am Bett nieder. »Tut dir etwas weh?«, fragte ich, um sicherzugehen.
Sie ließ ihren Blick über mich wandern. »Dein Anblick. Du musst dich aus ruhen«, behauptete sie plötzlich.
Sie nutzte ähnliche Worte, wie mein Bruder, weshalb ich leicht lächelte. »Mir geht es gut«, log ich. Ich durfte nicht zulassen, dass irgendwer etwas anderes dachte.
»Ich mag es auch nicht, wenn du mich anlügst«, bemerkte sie plötzlich ernst.
Ich stieß den Atem aus. Sie hatte wirklich eine starke Persönlichkeit.
»Ich bin etwas müde«, gab ich schließlich zu.
Ascardia lächelte und zupfte leicht an meiner Hand, die sie noch hielt. Sie war schwach, doch die Aufforderung war deutlich zu spüren. »Dann leg dich zu mir.«
Eine Verlockung, der ich wirklich kaum widerstehen konnte. Nicht nur, weil ich mich müde fühlte. Bei ihr zu sein, würde mir helfen, die Träume zu verdrängen. Solange sie in meinen Armen atmete, würde sich mein Herz hoffentlich beruhigen.
»Also gut«, gab ich nach.
Ich wusste, dass ich nicht sollte, doch ich war auch zu schwach, um zu widerstehen.
Ascardia strahlte und versuchte dann zur Seite zu rutschen, doch es gelang ihr nicht. Allerdings zeigte sie nicht, ob es sie störte. Stattdessen lächelte sie schief. »Kannst du mir vielleicht helfen?«, fragte sie mit großen Augen.
In meinem Magen zog sich etwas zusammen. Konnte sie sich nicht bewegen?
Vorsichtig half ich ihr dabei, sich so hinzulegen, wie sie wollte, bevor ich mich zu ihr legte und sie vorsichtig in meine Arme zog.
»Danke«, flüsterte sie und schloss ihre Augen.
Ich tat es ihr gleich und spürte im nächsten Moment, wie etwas an mir zog. Nicht an meinem Körper, sondern meiner Magie. Genauer gesagt an der Magie des Schattenlichtes.
Was war das? War das in Ordnung?
Ich runzelte die Stirn, schloss aber dann meine Augen. Etwas Schlaf war sicherlich nicht verkehrt. Ausgeruht konnte ich mir darüber Gedanken machen.

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