Ascardia-Kapitel 6
~Ascardia~
Ich stürzte auf die Knie, als mich die letzten Kräfte verließen.
Die Tränen in meinen Augen strömten unaufhaltsam über meine Wangen, als mich plötzlich jemand unter den Armen packte.
Plötzlich wurde ich hochgehoben und hingestellt, schaffte es aber nicht, stehenzubleiben.
Meine Beine gaben nach, doch ich wurde weiter gehalten.
»Wie anstrengend«, seufzte eine Stimme und kalter Atem streifte mein Ohr.
Mein Erbrochenes verschwand. Dort erschien ein Stuhl, der angenehm gepolstert war und verführerisch bequem aussah. »Genau deshalb sagte ich, du sollst langsam machen.«
Mit diesen Worten wurde ich auf den Stuhl gesetzt, wo ich mich sofort zusammenrollte.
Noch immer trauerte ich dem Essen nach, das ich dummerweise verschwendet hatte.
Eine Hand legte sich auf meinen Kopf und ich zuckte heftig zusammen. Fast hätte ich vergessen, dass ich nicht alleine im Raum war.
Hatte ich etwas falsch gemacht? Würde er mich jetzt bestrafen?
Ich hatte jedoch nicht die Kraft, mich zu beschweren oder auch nur zu regen.
»Schlaf ein bisschen«, erklang eine Stimme, die plötzlich gar nicht mehr so kalt und schneidend klang wie ich sie in Erinnerung hatte.
War es schon so weit, dass meine Sinne nachließen?
Die Müdigkeit in meinen Knochen wurde plötzlich so stark, dass ich nicht mehr dagegen ankämpfen konnte.
Sanfte Wärme umhüllte mich, als ich mich erschöpft dem Schlaf hingab.
Ich schlief tief und fest. Nicht einmal die Träume waren in der Lage, mir diese Ruhe, die ich so dringend brauchte, zu rauben.
Als warmer Atem meinen Nacken streifte, blinzelte ich langsam.
Licht blendete mich, während kuschelige Wärme mich einhüllte.
Die Luft war frisch und voller angenehmer Düfte.
Die Dreckkruste, die sich über meine Narben gelegt hatte, kratzte nicht und mein Kopf fühlte sich wunderbar leicht an.
War ich … im Schlaf gestorben?
Anders konnte ich mir diesen Zustand nicht erklären.
Erneut streifte warmer Atem meinen Nacken und ich wandte mich um.
Ich lag auf etwas Weichem, das mir genug Platz bot, doch als ich sah, was sich da an meinen Rücken gekuschelt hatte, blieb mir der Atem weg.
Fell, das so weiß war, dass es in meinen Augen einen Moment blendete.
War das ein Wolf? Hatte mich jemand gerettet?
Aber so einen weißen Wolf hatte ich noch nie gesehen. Konnten Werwölfe überhaupt so aussehen?
Plötzlich hob das Wesen seinen Kopf und starrte mich aus kristallenen, eisblauen Augen an.
Mein Herz setzte für einen Moment aus.
Das war kein Wolf. Ich hatte ein solches Tier noch nie gesehen. Für einen Wolf war das Fell viel zu geschmeidig. Das Wesen selbst viel zu groß. Die Augen seltsam rund und die Schnauze kürzer.
Und diese seltsamen, dunkleren Streifen, die sein Fell durchzogen, verstand ich nicht.
Plötzlich öffnete er sein Maul, um zu gähnen.
Scharfe, spitze Zähne offenbarten das Raubtier.
Vielleicht kein Wolf, doch gefährlich.
»Was bist du denn für ein schöner?«, fragte ich fasziniert.
Es wirkte nicht, als würde es mich angreifen wollen. Stattdessen strahlte es eine überraschende Ruhe aus, die dafür sorgte, dass auch ich mich etwas entspannte.
Mir fiel wieder ein, wo ich hier war, doch bis auf dieses Tier schien ich allein zu sein. Ich spürte weder Ayden noch den Fürsten. Auch wenn letzteres nichts hieß. Ich wusste nun, dass er seine Aura so gut verbergen konnte, dass ich ihn gar nicht erst wahrnahm.
//Hast du gar keine Angst?//, hörte ich eine Stimme in meinen Gedanken.
Ich schreckte auf, aber nicht zurück.
War das dieses Wesen? Es konnte sprechen?
Eigentlich war es gar keine Überraschung, da viele Werwölfe in ihrer Tierform kommunizieren konnten. Trotzdem klang kein Knurren mit, das ich so gewohnt war.
»Sollte ich?«, fragte ich zögerlich. Bis jetzt machte dieses Tier keinen aggressiven Eindruck.
Plötzlich spürte ich, wie er seine Schnauze in meine Richtung schob und an mir schnupperte. Fast so, als würde er etwas suchen.
»Ich habe nichts zu Fressen«, sagte ich, weil ich das Gefühl hatte, er würde genau das suchen.
//Du lügst nicht//, stellte er fest, was bei mir nur Fragen aufwarf.
Er konnte Lügen riechen?
»Natürlich nicht«, brummte ich und streckte meine Hand aus. Die Ruhe, die mich umfing, ließ mich unvorsichtig werden, doch ich gab dem Drang, durch das weich anmutende Fell zu streichen.
Als meine Finger es berührten, strich es sanft über meine Haut. Viel zärtlicher, als ich erwartet hatte.
Ich spürte den Drang, mich ganz an ihn zu kuscheln.
//Was machst du da?//, fragte er mit Überraschung in der Stimme, als wüsste er nicht, was er davon halten sollte. Aber nicht, als würde es ihm nicht gefallen.
»Darf ich nicht?«, fragte ich und zog meine Hand zurück. Andere zu bedrängen war nicht mein Ding. Immerhin mochte ich es auch nicht.
//Das ist es nicht. Aber … normalerweise …//, setzte er zögerlich, fast vorsichtig an, verwarf seine Worte dann jedoch wieder und senkte seinen Kopf, als würde er wollen, dass ich ihn kraulte.
Was für eine wundervoll niedliche Geste.
Ein Lächeln wanderte über meine Lippen, als ich ihn erneut durch das Fell strich und sogar soweit ging, mein Gesicht darin zu vergraben.
War es das, was mein Mentor als Glück bezeichnet hatte? Dieser kleine Moment, in dem alles um mich herum unwichtig zu sein schien?
Ich hatte nie geglaubt, einmal meine Wachsamkeit derart fallen lassen zu können.
Schweigen kehrte ein, während ich fast wieder ins Reich der Träume glitt. Allerdings machte mir mein knurrender Bauch einen Strich durch die Rechnung.
Ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stiegen. Es war mir unglaublich peinlich, dabei hatte es mich doch vorher nie gestört.
Das Wesen bewegte sich plötzlich und stand auf. Es war so groß, dass er mich mit hochzog, weil ich noch immer um seinen Hals hing.
Er war viel größer als die Salamander auf der Insel! Wie war das möglich?
»Was bist du für ein Wesen?«, fragte ich, denn mir ging nicht aus dem Kopf, dass er aussah wie ein göttliches Tier.
War es vielleicht das, was die anderen als Götter bezeichneten?
//Ich bin ein … Tiger//, sagte er schließlich.
»Tiger«, murmelte ich, um zu testen, wie sich das Wort anfühlte. »So nennt man das also. Sowas gibt es bei mir zuhause nicht«, erklärte ich, aber auch nur, um von meinem knurrenden Magen abzulenken.
Es funktionierte nicht.
//Du hast Hunger, du solltest essen//, sagte er, wobei er mich ein Stück schob, bis ich von dem weichen Stuhl rutschte.
»Das sagt sich so leicht«, murmelte ich. Wo sollte ich hier denn etwas zum Jagen herbekommen? Sicherlich wäre der Fürst nicht begeistert, wenn ich durch seinen Garten streifte.
//Es ist ganz einfach. Wenn du Hunger hast, gehst du in die Küche//, bemerkte der Tiger und leckte seine Pfote.
»Küche?«, fragte ich, hatte ich diesen Begriff doch noch nie gehört.
Er hielt inne und blickte mich aus diesen irritierend schönen Augen an.
//Komm mit//, sagte er schließlich und trottete an mir vorbei.
Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, dann lief ich ihm schnell hinterher.
Sein Gang war elegant, fast tänzelnd. Zudem war er so groß, dass ich Mühe hatte, mit ihm mitzuhalten.
Seine Größe war beeindruckend, denn er nahm fast den gesamten Gang ein. Ich konnte mich ohne Probleme unter ihn stellen und würde höchstens seine Haare berühren.
Das gab mir ein Gefühl von Schutz, das mich selbst irritierte.
Schließlich schob er mich mit seiner Schnauze in einen Raum, der voller Gerüche war, die mich irritierten.
Das Klappern verstummte augenblicklich und mehrere Frauen mit Messern oder Ähnliches in den Händen, starrten zu uns herüber. »Füttert sie«, befahl der Tiger unumwunden, wobei seine Stimme dieses Mal in den Raum hallte.
Die Anwesenden zuckten heftig zusammen, verharrten aber in einer Art Schockstarre.
//Ich warte draußen//, informierte mich der Tiger, wandte sich um und ließ mich einfach hier zurück.
Obwohl das Raubtier gerade den Raum verlassen hatte, überkam mich Angst, die durch die ganzen, starrenden Blicke ausgelöst wurden, die noch immer auf mich gerichtet waren.
Dabei hatte ich gerade angefangen, die Ruhe zu genießen.







































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