DBdD-Kapitel 43
Unruhig trat Aaron von einem Fuß auf den anderen, während er versuchte in der einsetzenden Dunkelheit etwas zu erkennen.
Ladvaran hatte zwar Laternen, die mit magischen Steinen ausgestattet waren, um die Stadt zu beleuchten, doch gerade rund um die Kutschstation, wo sie warteten, gab es mehr Schatten als Licht.
Eigentlich hatten sie vor Einbruch der Dunkelheit den Rückweg antreten wollen, da Yelir auf gar keinen Fall bei Fürst Ladvarian übernachten wollte, doch jetzt fragte sich Aaron wo sein König steckte. Vielleicht hatte er doch etwas falsch verstanden. Er wäre sogar zur Villa gegangen, um nach dem Königspaar zu suchen, hätte Belle nicht versichert, dass sie sich hier treffen wollten.
»Ich werde jetzt die Stadtwachw fragen gehen«, entschied Andras, der ebenfalls immer unruhiger wurde. Nur zeigte er es nicht so deutlich wie Aaron.
Dieser wollte gerade widersprechen, da er wusste, dass Yelir nichts mit dem Fürsten zu tun haben wollte, wenn es nicht sein musste, da tauchte eine Gestalt im Schein der Laternen auf, die direkt auf sie zu hielt.
Aaron brauchte einen Augenblick, um Yelir zu erkennen, der etwas im Arm hielt, das in seinen Mantel gewickelt war.
»Wir brechen sofort auf«, begrüste er die Gruppe mit einem tiefen Knurren, das Aaron sämtliche Nackenhaare aufstehen ließ. So war er sonst nur drauf, wenn er kurz davor stand, Blut zu vergießen.
Als Aaron ihn jedoch noch einmal intensiver musterte, stellte er fest, dass dieser bereits Leben genommen haben musste. So viel Blut wie an ihm klebte, hatte er den Blutrausch bereits freien Lauf gelassen.
Diese Erkenntnis ließ ihn die Person in seinen Armen näher betrachten, was dafür sorgte, dass Panik ihn ergriff. Dieses rote Haar würde er überall erkennen, auch wenn sie versteckt in dem Mantel gehüllt war.
»Was ist passiert?«, fragte Aaron atemlos. Die Idee, sich zu trennen, war nicht gut gewesen, doch er wusste auch nicht, ob er hätte helfen können.
»Eine Entführung«, knurrte Yelir, der sich an Aaron vorbei zur Kutsche bewegte. Er hatte nichts weiter dazu zu sagen und wollte Zunae nur noch ins Warme bringen und sich um ihre Wunden kümmern. Sie lag so steif in seinen Armen, dass die Gewaltbereitschaft ihn einfach nicht verlassen wollte.
Aaron folgte ihm, um schnell die Tür zur Kutsche zu öffnen, damit Yelir einsteigen konnte. Dabei kam er ihm allerdings nicht zu nahe, denn er hatte Angst, dass Yelir angriff. Er war angespannt und hielt sich zurück, das konnte Aaron sehen. Daher bewegte er sich auch sehr vorsichtig, als er die Tür wieder schloss und sich von der Kutsche entfernte.
Belle, die ebenfalls bei der Gruppe war, beobachtete alles genau, hatte aber Mühe, sich zurückzuhalten. Sie wollte zu ihrer Königin und sich um sie kümmern. Es behagte ihr nicht, dass Yelir mit ihr allein waren. Zunae mochte ihn, doch Belle wusste nicht, ob seine aktuelle Laune gut für ihre Königin war.
Yelir hatte große Mühe, niemanden anzugreifen, doch er schaffte es irgendwie in die Kutsche. Als sich die Tür schloss, zog er langsam seinen Mantel von Zunaes Körper, um sich den Schaden zu besehen.
Ihr Körper war übersät mit Schnittwunden, doch das erklärte nicht, warum sie derart verspannt war. Sie hatte schon einmal schlimmer ausgesehen und sich weniger panisch verhalten. Jetzt aber krallte sie sich in sein Oberteil und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.
Das war ein Verhalten, das er so von Zunae nicht kannte. Als würde sie sich verstecken wollen.
»Du bist in Sicherheit«, sagte er sanft. Zumindest so gut er konnte. Dass noch immer ein Knurren in seiner Stimme mitschwang, konnte er einfach nicht verhindern. Die Wut war zu groß, um sie hinunterzuschlucken. »Wir sind in der Kutsche.«
Langsam löste Zunae ihr Gesicht von ihm und sah sich vorsichtig um. Sie wirkte verschreckt, doch vielleicht war es ihr auch einfach nur peinlich, weil sie keine Kleidung mehr trug, bis auf ihre Unterhose.
»Sie sind … weg?«, fragte sie atemlos und mit belegter Stimme.
»Sie sind tot«, erwiderte Yelir ungerührt.
Als er in den Raum gekommen war, war sein Killerinstinkt mit ihm durchgegangen. Er hatte sie einfach nicht am Leben lassen können. Auch, wenn sie Zunae dieses Mal vielleicht nicht im selben Ausmaß wie bei ihrer Vision geschändet hatten, es war ihm egal. Sie hatten seine Frau verletzt und dafür hatten sie sterben müssen.
»Sie kommen nicht wieder?«, fragte Zunae, die sich umsah, als würde sie überall einen weiteren Angriff erwarten.
Sie fühlte sich benommen, ihr Kopf dröhnte und sie konnte nicht ganz einordnen, wo sie gerade waren. Obwohl Yelir sie getragen hatte und sagte, sie wären in einer Kutsche, hatte Zunae doch die Orientierung verloren. Es fühlte sich so an, als würden einige Momente ihrer letzten Stunde fehlen. Nicht nur am dem Zeitpunkt, als man sie schlug und sie bewusstlos wurde. Auch zwischendrin glaubte sie, aufgewacht zu sein, doch das, an das sie sich erinnerte, ergab nicht wirklich Sinn.
»Sie kommen nicht wieder«, versicherte Yelir, der unter der Bank eine vorbereitete Truhe hervorzog. Darin befanden sich Kräuter und Verbandszeug. Dainte hatte es in weiser Voraussicht vorbereitet, wofür Yelir ihm sehr dankbar war.
Mittlerweile hatten sie sich alle irgendwie dran gewöhnt, das bei Zunae Magie nicht half.
Darum begann Yelir auch vorsichtig, die Wunden zu säubern. Sie waren zum Glück nicht tief.
»Es war seltsam«, gestand Zunae irgendwann.
Die Kutsche hatte sich mittlerweile in Bewegung gesetzt und Yelir ihren Körper fast komplett gereinigt. Zunae starrte jedoch einfach nur auf die Wand ihr gegenüber.
»Was meinst du damit?«, fragte Yelir, der überrascht war, dass sie so zusammenhangslos sprach.
»In meiner Vision wollten sie mich töten«, sagte sie vorsichtig. »Aber … einer der Männer. Er hat deutlich gesagt, er soll mich nicht töten.«
Yelir runzelte die Stirn. »Das … was denkst du, wieso das so ist?«, fragte er, denn er hatte ein ganz schlechtes Gefühl. Was, wenn Zunae nur ein Druckmittel war, um ihn zum Abdanken zu bewegen? Yelir traute es Fürst Ladvarian zu, nach der Krone zu streben. Vielleicht war das sein heimlicher Plan, doch einiges passte nicht zusammen.
»Ich … weiß nicht. Meist ändern sich meine Visionen, wenn sich eine Entscheidung ändert, aber …« Zunae löste ihren Blick von der Wand. Instinktiv wanderte ihre Hand zu ihrem Bauch. »Im Moment … sind meine Visionen unstet.«
»Unstet?«, fragte Yelir, der sich sofort Sorgen machte. Hatte man sie erneut unter Drogen gesetzt oder war sie krank? »Bist du krank?«, traute er sich weiter zu fragen, während er sie eingängig musterte. Zunae wich jedoch seinem Blick aus.
»Erinnerst du dich an die Vision, dieses … Vorfalles?«, fragte Zunae vorsichtig.
»Ja, du bist in der Zeit gesprungen«, sagte er, denn das war der erste große Vorfall dieser Art. Außerdem war das, was sie ihm erzählt hatte, unverzeihlich.
»Genau. Es war keine Vision. Es war echt und seit dem …« Erneut wich sie seinem Blick aus, wobei ihre Hand auf ihrem Bauch zitterte.
Yelir nahm ihre Hand, denn er wollte sie irgendwie beruhigen, da kam ihm ein erschreckender Gedanke.
»Zunae«, sagte er sanft. »Du kannst mir alles sagen«, versicherte er, während sein Herz vor Aufregung schneller schlug. Sein Mund wurde trocken, während er zusah, wie sie sich wandte. Als würde sie sich erst dazu durchringen müssen, den Mund zu öffnen.
Ihr ganzer Körper zitterte und Tränen sammelten sich in ihren Augen. »Seit dem ist meine Magie unstetig, weil … da … ist …« Das letzte Wort flüsterte sie, sodass Yelir es fast nicht hörte, bevor sie in Tränen ausbrach und förmlich auf ihrem Sitz zusammen sackte.
Für einen Moment erstarrte Yelir, wusste nicht, was er sagen oder tun sollte.
Zunae trug ein Kind im Bauch. Von einem Mann, der sie gegen ihren Willen genommen hatte.
Die Wut, die ihn erneut packte, ließ Fell über seinen ganzen Körper wachsen und er stieß ein tiefes Knurren aus, was Zunae nur noch mehr zusammenzucken ließ. Sie machte sich noch kleiner, während sie auf das unvermeidliche wartete. Immerhin war sie Yelirs Ehefrau und nun trug sie das Kind eines anderen Mannes in sich. Sicherlich bereute er bereits, eine Frau wie sie geheiratet zu haben. Nicht nur machte sie ihm ständig Probleme, jetzt hatte sie ihn auch noch um einen rechtmäßigen Erben gebracht. Vermutlich würde das Kind nicht einmal Fähigkeiten besitzen.
Zunae schloss ihre Augen und rollte sich förmlich zusammen.
In dem Moment verstand Yelir, dass sie nicht nur traurig darüber war, sondern Angst vor ihm hatte.
Das fachte seine Wut noch mehr an, doch er riss sich zusammen. Es kostete ihn viel Kraft, doch er schaffte es, seine Atmung zu beruhigen und so zog sich auch langsam sein Fell zurück.
Dann legte er seine Hand sanft auf Zunaes Schulter, die heftig zusammenzuckte, als würde sie mit einem Schlag rechnen.
Er schob diese Tatsache auf ihre Schwangerschaft. Yelir wusste, dass Frauen in dieser Zeit sehr emotional wurden. Das war ihm lieber als zu akzeptieren, dass sie wirklich Angst vor ihm hatte.
Langsam zog er sie in seine Arme. »Es ist nicht deine Schuld. Ich bin nicht böse auf dich«, brachte er leise hervor.
Stattdessen war er wütend auf sich. Er hatte es nicht geschafft, seine Frau zu beschützen und hatte zugelassen, dass ein anderer Mann sie schändete. War es vorher schon schrecklich gewesen, nichts tun zu können, war es jetzt noch schlimmer. Jetzt, wo er wusste, dass sie auch noch glaubte, er würde sie verstoßen oder ihr die Schuld geben. Er hätte den Kerl langsam und genüsslich töten sollen und nicht so schnell, wie er es getan hatte.
Zunae schluchzte und krallte ihre Hand in Yelirs Oberteil. Obwohl sie seine Worte hörte, konnte sie ihm doch nicht ganz glauben. Immerhin war da noch immer dieses Kind in ihrem Bauch, das nicht seine war.




















































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