DBdD-Kapitel 46
Zunae versuchte, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen, während sie am oberen Ende der Treppe neben Yelir darauf wartete, dass ihr erster Gast eintraf.
Die Fürsten würden nicht alle gleichzeitig ankommen, denn das Fest startete erst in zwei Tagen, doch als Königin wurde von ihr erwartet, dass sie die Fürsten begrüßte. Auch, wenn die Morgenübelkeit sie gerade mehr im Griff hatte, als gewollt. Es war viel zu früh am Tag, weshalb sie müde in die aufgehende Sonne blickte.
Ein Bote hatte ihnen gesagt, dass ein Fürst bereits auf der Straße zur Burg war.
Als jedoch ein kleines Gefolge auf den Innenhof ritt, bemerkte Zunae sofort das große, dunkle Streitross, das gepanzert war. Genau wie sein Reiter und die Kutsche, die er bei sich hatte.
Die Beschläge schimmerten in der aufgehenden Sonne, doch sie waren nicht zur Zierde. Zunae erkannte sehr genau, dass die Panzerungen an wichtigen Stellen platziert waren und die Bewegungsfreiheit nicht behinderten. Weder die des Kriegers, noch des Pferdes.
»Fürst Dravar«, flüsterte Yelir angespannt.
Zunae musste sofort an Jerome denken. Aarons Mentor, der gestorben war, als er sich gegen den falschen Handel gestellt hatte. Eigentlich hätte Zunae die Stadt übernehmen sollen, doch es war so viel passiert, dass sie sich nicht in die Traditionen eingemischt hatten. Daher war der Mann, der mit schnellen Bewegungen von seinem Pferd stieg, der neue Fürst geworden. Ilias Dravar, wie Yelir mitgeteilt wurde. Er hatte sich gegen alle anderen Herausforderer behauptet, obwohl er nicht einmal ein Artefakt trug. Ein sehr starker Mann, dem man seine kriegerische Ader ansah.
So hatte sich Zunae die Nordländer vorgestellt. Muskelbepackte Krieger.
Wenn sie daran dachte, dass Dravarn eine Minenstadt war, fragte sich Zunae, ob der neue Fürst überhaupt geeignet war, um die Stadt zu führen. Er war vielleicht der Stärkste, aber nicht der Passendste. Aber vielleicht war es auch nur sein Auftritt, der Zunae das denken ließ.
»Fürst Ilias Dravar«, kündigte einer seiner Diener an, bevor Fürst Dravar auf das Königspaar zutrat und sich vor Yelir tief verneigte. Zunae widmete er keines Blickes, was diese jedoch fast erwartet hatte. Auch bei der Hochzeit hatte er sie kaum beachtet.
»Es ist eine Ehre, hier zu sein«, sagte er mit tiefer Stimme in Yelirs Richtung.
Dieser neigte den Kopf. »Herzlich willkommen«, sagte er höflich. »Jane wird Euch und Eurem Gefolge Eure Räume zeigen«, sagte er, auch wenn er sich nicht ganz wohl dabei fühlte, sie an Jane weiter zu geben. »Damit ihr Euch von der langen Reise erholen könnt.«
Fürst Dravar nickte, doch als er Jane erkannte, die in Kleidung gehüllt war, die edel wirkte, aber ihren Stand trotzdem deutlich zeigte, rümpfte er leicht die Nase.
»Wenn Ihr mir bitte folgen würdet«, sagte sie und verneigte sich vor dem Mann, wie es sich gehörte.
Es war Fürst Dravars Diener, der ihn auch vorgestellt hatte, der als erstes auf Jane zutrat. Nur wenig später folgte eine kleingewachsene Frau mit schwarzen Locken, die sehr vorsichtig und zögerlich an Fürst Dravar herantrat. Sie musterte Jane nur kurz, bevor sie sich bei ihrem Mann einhakte, der nun endlich die Burg betrat. »Ich hatte gehofft, es wäre nur ein Gerücht«, grummelte dieser in seinen leichten Barten, während seine Frau beruhigend seinen Arm streichelte. »Südländern und dann auch noch Frauen«, schnaubte er vor sich hin, während er Jane widerwillig folgte.
Yelir blickte ihm und seinem Gefolge nach. Er hatte mehrere Diener mitgebracht, welche die Koffer trugen. Als sie schließlich im Inneren der Burg verschwanden, stieß Yelir ein Seufzen aus. »Mit ihm wird es kompliziert«, bemerkte er, was Zunae zustimmend nicken ließ. Sie hatte zwar nicht gehört, was er vor sich hingemurmelt hatte, doch seine Ankunft zeigte ihr bereits, dass er nicht viel von Zunae als neue Königin hielt.
»Solange er nichts Dummes tut«, erwiderte Zunae, die in einen Mantel gehüllt war, sodass ihr nicht kalt wurde und man den Babybauch nicht sehen konnte.
Sie wollte sich gerade abwenden, um wieder hineinzugehen und sich etwas auszuruhen, da er schien Chiaki aus ihrem Schatten und streckte sich. »Da kommt der Nächste«, informierte er mit einem Gähnen.
Überrascht sah Yelir zu seiner Frau, die genauso verwundert zurückblickte. Sie hatten niemanden weiter an dem heutigen Tag erwartet. Die anderen sollten eigentlich erst morgen ankommen. Daher fragte sich Zunae, was dazu geführt hatte, dass sie bereits so weit gekommen waren. Waren sie zeitiger losgereist?
»Wer ist es?«, fragte Yelir, da er nicht erwartet hatte, dass Chiaki sich einmischen würde. Immerhin hatte er selbst Späher, die sich darum kümmerten. Es gab also keinen Grund, warum Chiaki sich melden sollte.
»Fürst Ladvarian«, bemerkte er, während er um Zunaes Beine schlich und sich daran schmiegte. »Ihr müsst vorsichtig sein«, fügte er hinzu.
Zunae versteifte sich, als sie den Namen hörte. Sie war davon ausgegangen, dass Fürst Ladvarian als letztes eintraf, da er am nächsten zur Burg wohnte und seine Stadt nicht zu lange allein lassen konnte. Dass er jedoch mit als erstes kam und damit lange in der Burg bleiben würde … gefiel Zunae gar nicht.
Yelir zog Zunae vorsichtig an sich. »Keine Sorge. Niemand wird dir etwas tun«, flüsterte er, um sie zu beruhigen. In letzter Zeit war sie sehr emotional. Daher wollte er gleich vorsorgen, bevor sie vor Panik begann zu zittern.
Zunaes Mund wurde trocken und sie krallte sich an Yelir. »Ich schaff das schon«, versprach sie, denn sie wollte zeigen, dass sie stark war. Immerhin würde sie nicht allein mit ihm sein müssen.
»Das weiß ich, du bist stark«, sagte er sanft und küsste ihr die Stirn. Yelir war klar, dass Zunae es schaffen würde, sich zu präsentieren, wie sie es ausgemacht hatten. Nur wusste er nicht, ob es gut für ihre Gesundheit war. Schwangere sollten sich nicht diesem Stress aussetzen, doch Yelir hatte ihren Wunsch nach diesem Fest einfach nicht ablehnen können.
Zunae wollte fragen, ob sie sich zurückziehen konnte, um sich auszuruhen, doch sie zwang sich dazu, still zu bleiben und darauf zu warten, dass Fürst Ladvarian ankam.
Es dauerte auch nicht lange, da kam ein reich geschmückter Streitwagen in den Innenhof. Gefolgt von einer ganzen Karawane an geschmückten Kutschen.
Überall schimmerte Silber, Gold und Kristalle, sodass Zunae nicht wusste, wohin sie als erstes schauen sollte. Es sah aus wie eine Parade und dabei war es nur Fürst Ladvarian. Gekleidet in edle Stoffe, die mit Silberfäden durchzogen waren. Überall, selbst in seinen Haaren hing Schmuck.
»Was für ein Protzer«, murmelte Zunae vor sich hin. Das war selbst für sie zu viel, doch sie glaubte, dass Charlet es mögen würde. Das ließ ein leichtes Lächeln über ihre Lippen wandern, während sie sich vorstellte, dass Charlet ihm sabbernd hinterherschmachtete.
»Sehr viele Kutschen«, murmelte Yelir, der überrascht darüber war, dass diese ebenfalls sehr fein geschmückt waren, obwohl sie keine Personen, sondern Waren transportieren. Warum auch immer er so viel dabei hatte. Reiseproviant konnte es kaum sein.
Als der Streitwagen schließlich direkt vor der Treppe ankam, stieg Fürst Ladvarian aus, wandte sich aber nicht zum Königspaar, sondern zu einer weiteren Kutsche.
Schnell öffnete er die Tür und half der Frau dabei, auszusteigen.
Das schwarze Haar war mit wunderschönen Perlen geschmückt und das Kleid, das ihren Körper umspielte sah aus wie eine Mischung aus den Roben der Raben und den Kleidern der Südlande.
Zunae spürte, wie ihr Mund trocken wurde. Diese Frau war keine Nordländerin, was auch Yelir sofort klar wurde.
»Das ist eine seiner Haremsfrauen«, flüsterte er Zunae zu. »Es heißt, wie wurde während des Kampfes gefangengenommen.«
Zunae versuchte, nicht den Mund zu verziehen. Es hätte besser zu Fürst Ladvarian gepasst, wenn sie seine Sklavin und nicht Haremsfrau gewesen wäre. Derartige Zeichen waren jedoch nicht zu sehen.
Was Zunae aber nur bedingt beruhigte. Dennoch blieb die Frau eine Gefangene und sie fragte sich, ob Fürst Ladvarian sie absichtlich als Provokation mitgenommen hatte.
»Guten Tag, Eure Hoheiten«, grüßte Ladvarian mit einer Verneigung. Die Frau an seiner Seite knickste höflich. »Darf ich Euch meine Begleitung für dieses Fest vorstellen? Yun ist eine meiner Haremsfrauen«, stellte Ladvarian mit ruhiger Stimme vor.
Als sich Yun erhob, blickte sie Zunae einen kurzen Moment schüchtern aus roten Augen an, bevor sie den Blick abwandte.
Yun. Kein Name aus den Südlanden, aber auch nicht wirklich aus den Nordlanden. Selbst für die Rabenklippen war er unüblich. Gehörte er vielleicht gar nicht ihr und hatte der Fürst ihn ihr gegeben? Zunae konnte es nicht sagen, fand die junge Frau aber interessant.
»Danke, dass Ihr gekommen seid«, zwang sich Yelir mit einem Lächeln zu sagen, während Zunae leicht den Kopf neigte.
»Ich bin sehr dankbar, dass Ihr mich eingeladen habt und möchte mich noch einmal in aller Förmlichkeit für das, was in meiner Stadt geschehen ist, entschuldigen«, sagte der Fürst und winkte dann seine Leute heran, die zwei Kutschen vorfuhren. »Ich weiß, dass es sehr viele Umstände gemacht hat und nichts eine Wiedergutmachung ist, aber bitte nehmt diese Geschenke an.«
Yelir konnte seine Überraschung nicht verstecken, weshalb sie einen Moment über sein Gesicht huschte, bevor er sich wieder fing und räusperte. Er hatte definitiv nicht mit einer derartigen Wiedergutmachung gerechnet, weshalb er such nicht sofort wusste, was er sagen sollte. Aus den Augenwinkeln bemerkte er jedoch, wie sich Zunae etwas verspannte.
Zuerst fragte er sich wieso, bis er entdeckte, dass eine der Kutsche voller leerer Magiesteine war.
Er hob eine Augenbraue und musterte diese. Sie galten als Müll, der nicht mehr genutzt werden konnte. Daher fragte er sich, ob der Fürst sie damit beleidigen wollte. Gleichzeitig wusste er jedoch auch von den Vorfällen in Kavalare.
»Möchtet Ihr uns damit beleidigen?«, fragte Yelir gerade heraus mit einer scheidenden Stimme, blieb aber höflich. Er hatte von zunae gelernt, dass es manchmal furchteinflößender war, ruhig zu bleiben, statt direkt draufzuhauen, auch wenn er Fürst Ladvarian sehr gern angefallen wäre. Er kam eben nicht aus seiner Kriegerischen Haut.
»Mir wurde zugetragen, dass dir Königin in letzter Zeit viele leere Steine angekaufte hat«, erklärte Ladvarian, als wäre nichts dabei. »Daher dachte ich, das Geschenk würde Eurer Frau zusagen. Ich habe Gerüchte darüber gehört, dass die Südlande Interesse daran haben.«
Yelir konnte die Herausforderung in Fürst Ladvarians Worten deutlich hören. Es war eine Beleidigung, die Yelir fast die Fassung verlieren ließ. Wäre da nicht Zunaes sanfte Hand, die einen kurzen Moment über seine strich.
Sie schenkte dem Fürsten ein Lächeln und knickst leicht. »Vielen Dank für Euer Geschenk. Leider sind die Gerüchte nicht korrekt. Die Steine, die ich angekaufte habe, dienten lediglich als Übungsmaterial für die Handwerker, die gerade ausgebildet werden«, erklärte sie mit solcher Selbstsicherheit, dass sich Yelir nicht sicher war, ob er die Lüge darin erkannt hätte. »Ich rechne es Euch hoch an, dass Ihr uns eine Entschädigung zukommen lasst, auch wenn Ihr keinen Grund dafür habt, da Ihr nicht involviert war«, fügte sie mit einem unschuldigen Lächeln hinzu.
Yelir versuchte nicht zu zucken. Für ihn waren ihre Worte sehr deutlich eine Anspielung darauf, dass er sich damit verdächtig machte.
Fürst Ladvarian war anzusehen, dass er mit etwas anderem gerechnet hatte und er sah Zunae musternd an, als würde er auf eine bestimmte Reaktion warten. Schließlich räusperte er sich. »Bitte verzeiht, dass Euch meine Geschenke nicht zusagen«, sagte er schließlich, was Zunae lächeln ließ.
»Das habe ich nicht gesagt. Ich werde sie sehr gern annehmen, aber fühlt Euch nicht gezwungen, Euch zu entschuldigen. Ich habe gehört, Ihr habt Euch bereits um die Vorfälle in der Stadt gekümmert?«, fragte sie, wobei sie andeutete, dass er und seine Frau eintreten sollten. Sie würde ihn persönlich zu seinen Räumen führen, auch wenn Yelir das missfiel. Allerdings verstand er auch, dass sie keinen Diener mit ihnen allein lassen wollte. Sie konnten es sich nicht leisten, dass der Fürst durch die Burg wanderte und Chaos anstellte.
»Das habe ich, Lady«, sagte er, wobei er kurz zu Yelir blickte, er ihm lediglich zunickte und sich seiner Frau anschloss.
Gemeinsam führten sie ihre Gäste durch die Gänge und zu ihren Räumen. Weit weg von dem Schlafgemach des Königspaares oder dem Harem. Ein Flügel der Burg, der extra neu hergerichtet worden war. Er hatte schon immer als Unterkunft für Gäste gedient, war jedoch in den letzten Jahren so selten genutzt worden, dass man ihn irgendwann geschlossen hatte. Trotzdem war die Architektur noch immer besonders. Die großen Buntglasfenster und die Deckenbögen, die man sonst nirgends in der Burg fand, waren allein dazu da, um Gäste zu beeindrucken.
Allerdings sah man weder Fürst Ladvarian, noch seiner Ehefrau an, ob sie die Umgebung mochten oder nicht. Beeindruckt wirkten sie nicht, waren sie doch etwa Anderes, Besseres, gewohnt. Immerhin war er der Herrscher der Handelsstadt und da konnte Zunae nicht einmal mit dem Geld mithalten, das sie aus ihren Landen mitgebracht hatte. Allerdings hatte sie auch nicht vor, den Fürsten zu beeindrucken. Trotzdem war es gut, dass er hier war, denn dann hatten Degoni und Aelith hoffentlich freie Bahn.




















































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