DBdD-Kapitel 48

Zunae ließ sich von Yelir zu dem kleinen Podest mit den beiden Thronen führen. Ihr wäre es lieber gewesen, in der Menge unterzugehen, doch das war im Moment nicht machbar. Schon das Treppensteigen erschöpfte sie, sodass sie sich unbedingt setzen musste. Was auch der Grund war, warum Yelir sie direkt zu ihren Thronen führte.
Diese waren zwar repräsentativ und groß, doch auch gemütlich. Damit Zunae sich entspannen konnte. Was nicht so einfach war, wenn sie ständig die Aufmerksamkeit der Gäste erhielt.
Würde Dainte nicht so genau über ihren Gesundheitszustand wachen, hätte sie gesagt, mit ihrer Schwangerschaft stimmte etwas nicht. Allerdings versicherte der Heiler immer wieder, dass alles in Ordnung war. Erschöpfung gehörte dazu. Besonders wenn sie vorher von ihrer Magie abhängig gewesen war und diese nun nicht mehr nutzen konnte.
Zunae bemerkte das erste Mal, wie schwach ihr Körper ohne Magie doch war. Sie hatte ihre Übungen sträflich vernachlässigt, seitdem sie in den Nordlanden lebte, doch dass es solche Auswirkungen hatte, hätte sie nie erwartet.
Das würde sie ändern müssen, sobald die Schwangerschaft vorbei war.
Sie hatte sich gerade niedergelassen, da kam Belle mit einem kleinen Teller Speisen, von denen sich Zunae eine gefüllte Teigtasche nahm.
Obwohl es Tafeln voller Speisen im Raum gab, hatte Belle doch auch ein paar Diener abgestellt, die durch die Gäste gingen und kleine Speisen sowie Getränke anboten. Sie sollten auch kontrollieren, ob sich alle ordentlich verhielten.
Zunae beobachtete die Gäste ebenfalls. Sie bedienten sich an den Speisen, die in den Nordlanden üblich waren, doch nur wenige besahen sich die aus den Südlanden. Es war überraschenderweise Fürst Ladvarians Frau Yun, die sich als erstes ein wenig des Gemüsereises nahm.
Sie probierte vorsichtig und nachdenklich, als würde sie testen, ob sich dieses Gericht zum Handeln eignete.
In einer anderen Ecke standen Fürst Divirn und Fürst Inkir, die sich einen Humpen nach dem anderen nahmen, um ihn zu leeren.
Zunae hörte sie bereits lallen, während sie sich Halbsätze entgegenschlugen, die sie nicht verstand. Was sie jedoch sagen konnte, war dass beide Spaß hatten. Sie wirkten wie Freunde, was sie auch waren.




»Sag mir, wenn du dich genug erholt hast, um den Tanz zu eröffnen«, flüsterte Yelir ihr zu, als sie sich gerade zurückgelehnt hatte. Er wollte ihr jedoch noch ein wenig mehr Zeit geben. Auch, damit sie die Gesellschaft noch weiter beobachten konnte.
»Ist es normal, dass Fürst Inkir und Fürst Divirn so viel trinken?«, fragte sie, denn sie machte sich bereits Sorgen, dass beide zu viel davon hatten.
Yelir lachte leise. »Sie sind alte Freunde. Also denke ich schon.«
Bisher waren diese beiden Männer ihr am sympathischsten.
Auf ihren Lippen bildete sich bereits ein Lächeln, als sie bemerkte, wie ein junger Mann, den Fürst Dravarn mitgebracht hatte, an Yun herantrat. Er sprach sie lediglich an, um ihre Meinung zum Essen zu erhalten, doch einer der Soldaten von Fürst Ladvarian, der die ganze Zeit ein Auge auf Yun hatte, schob sich sofort dazwischen.
»Was fällt dir ein, sie einfach so anzusprechen?«, fragte er hörbar wütend. Zunaes Meinung nach eine völlig übertriebene Reaktion.
Zunae berührte nur kurz Yelirs Arm, bevor sie aufstand, um sich auf den Weg zum Problem zu machen. Sie wollte auf gar keinen Fall, dass es zu Problemen kam, weshalb sie mit einem Lächeln auf die Speisen zuging, die hinter Yun auf dem Tisch standen. Dann tat sie so, als würde sie bemerken, dass Yun sich den Reis genommen hatte. »Ihr seid Dame Yun. Fürst Ladvarians Begleitung?«, fragte sie sanft, während sie die beiden Männer ignorierte, die sich zusammenrissen, aber immer noch aussahen, als würden sie jeden Moment übereinander herfallen.
»Oh, Lady Zunae«, sagte sie überrascht und knickste leicht, ohne dabei das Essen zu verschütten. Sie war dabei sehr edel und elegant, was Zunae ein wenig eifersüchtig machte. »Danke, dass Ihr auch erlaubt, dass wir Frauen mitkommen durften«, sagte sie ein wenig schüchtern.
Zunae hatte sie bei ihrer ersten Begegnung als sehr selbstsicher eingeschätzt, doch auf einmal wirkte sie nicht mehr so. Eher etwas verloren und schüchtern.
»Natürlich. Immerhin wollte ich Euch kennenlernen. Die Frauen an der Seite der Fürsten sind auch wichtig«, erklärte Zunae. Sie hatte nicht vor alle Traditionen umzuwerfen, doch sie wollte den Frauen ein bisschen mehr Selbstsicherheit geben und ihnen zeigen, dass sie wichtig waren.




Yun lächelte zögerlich, während ihre Augen umherwanderten. Sie suchte nach einem Gesprächsthema, da sie nicht einfach schweigen wollte. Schließlich blieb sie am Essen hängen. »Ist das eine Speise aus Eurer Heimat?«, fragte sie unsicher, als hätte sie keine Ahnung wie solche Konversationen normalerweise abliefen.
»Ja. Ich habe den Reis bei meiner Ankunft mitgebracht und unser Koch hat ihn an die Gegebenheiten der Nordlande angepasst«, erklärte sie zufrieden damit, dass daraus ein Gericht geworden war, dass südländische Zutaten hatte, aber auch nordländischen Gaumen schmeckte.
»Es ist wirklich wundervoll«, stimmte Yun zu und lächelte leicht. »Ist der Reis leicht zu lagern?«, fragte sie neugierig und hörbar interessiert an den Dingen, welche die Südlande zu bieten hatte.
Zunae lächelte und griff nach einem Teller, um sich ebenfalls etwas Reis zu nehmen.
Yun fragte in der Zeit nach den restlichen Zutaten und Zunae war so in den Erklärungen versunken, dass sie erst bemerkte, dass die beiden Männer nicht aufgehört hatten, sich zu streiten.
Ein Knall erklang und als Zunae aufsah, bemerkte sie, dass die beiden Männer in einem Faustkampf verstrickt waren, der ein nahen Tisch umgerissen hatte.
»Komm her«, sagte Yelir, der sich zu Zunae gesellt hatte, um zu helfen und sie nun an sich zog.
Zunae war so überrascht davon, dass sie nicht einmal wusste, was sie dazu sagen sollte.
Bei ihnen zuhause kam so etwas nicht vor, doch so wie sich die Männer um die beiden Prügelnden versammelte, war das hier normal. Sie feuerten die beiden sogar an. Es kam zu Wetten, wer gewinnen würde, als wäre die Prügelei die eigentliche Unterhaltung.
»Tut mir leid«, flüsterte Yelir ihr zu. »Ich versteh schon, warum ihr uns für Barbaren haltet, aber das hier ist normal bei uns.«
»Das hatte ich befürchtet«, erwiderte Zunae mit einem Seufzen. Aber was sollte sie auch machen? Sie konnte nur die Dinge nehmen, wie sie waren. Auch wenn ein gewisser Ärger in ihr mitschwang, als sie sah, wie ein weiterer Tisch umgeworfen wurde und das Essen am Boden landete.
Was für eine Verschwendung.
Während die Diener damit beschäftigt waren, die Sachen aufzusammeln, damit niemand ausrutschte, kam der Kampf langsam zum Ende.




Es war der Soldat, der am Ende gewann, auch wenn Zunae nicht unbedingt wollte, dass er es tat. Aber sie mischte sich nicht ein.
»Hat der Mann dich angemacht?«, fragte Fürst Ladvarian besorgt an Yun gewandt, als diese sich wieder von Zunae entfernte.
Sie schüttelte den Kopf und flüsterte ihm etwas zu, was ihn lächeln ließ. Fürst Ladvarian legte seinen Arm um Yun und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Als der Gewinner schließlich feststand, wurde der verletzte Mann weggebracht, doch sein Fürst beobachtete alles sehr genau. Hoffentlich gab es deshalb nicht noch mehr Spannungen.
»Wir sollten den Eröffnungstanz hinter uns bringen, dann wird es ruhiger«, bemerkte Yelir an Zunaes Ohr.
Diese nickte, auch wenn es sie nicht sonderlich begeisterte. Sie hatte sich nicht so sehr ausgeruht, wie sie wollte, doch mit Yelir zu tanzen, heiterte sie etwas auf.
Daher warteten sie, bis sich die Lage etwas beruhigt hatte und alle wieder in ihre kleinen Grüppchen gesammelt hatten.
Yelir gab das Zeichen und die Musik wechselte, während er Zunae sichtbar in die Mitte des Raumes führte.
Das war auch so eine Sache, die Zunae nicht ganz verstand, die unter den Nordländern allerdings recht normal war. Keine großen Ankündigungen, sondern eher Gesten.
Beide stellten sich gegenüber, bevor sie auf den richtigen Moment warteten, um den Tanz zu beginnen.
Erst langsam, doch dann schneller.
Nordländische Tänze waren sehr anstrengend und darauf ausgelegt, nur in der Gruppe gut zu funktionieren.
Die Gäste setzten nach und nach ein und so kam es, dass Zunae von Yelir zu Fürst Ladvarian tanzte, obwohl sie das eigentlich nicht wollte. Allerdings hatte er sich die Stelle gesichert, an die Yelir als erstes abgeben würde.
Dieser erhielt Ariel, die ihn liebevoll anlächelte, doch von Yelir ignoriert wurde. Er war angespannt, auch wenn er es nicht zeigte. Zudem nutzte er jede Sekunde, um zu Zunae zu schielen.
Diese versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie unwohl sie sich fühlte, als sie Fürst Ladvarians Hände ergriff und den Tanz elegant fortführte.
Die Nordländer waren alle gute Tänzer, doch die Wildheit des Tanzes ließ sie schnell ermüden. Für eine Schwangere war es einfach zu anstrengend, weshalb sie Fürst Ladvarian versehentlich auf den Füße trat.




Es war ihr so peinlich, dass sie etwas rot um die Nase wurde. »Ihr müsst Euch nicht schämen«, flüsterte Fürst Ladvarian ihr in einem Moment des Tanzes zu, als sie sich sehr nah waren. »Ihr solltet Euch stattdessen etwas ausruhen«, bemerkte er, wobei er in Zunaes Ohren besorgt klang. Sie konnte jedoch nicht gesagt, ob es ernst gemeint war oder nur gespielt.
Zunae entschied sich dazu, nicht zu antworten, sondern zu versuchen, noch etwas durchzuhalten. Immerhin war es das Minimum, dass von ihr erwartet wurde.
Also riss sie sich zusammen und schaffte es, zu Fürst Divirn zu wechseln und zumindest eine Runde mit ihm zu tanzen, bevor sie sich aus dem Tanz entfernte.
Ihr Atem ging schwer und sie spürte die Erschöpfung in ihren Knochen. Etwas, das vielleicht für Gemurmel gesorgt hätte, doch da jeder wusste, dass sie schwanger war, störte sich niemand daran.
»Lady Zunae«, sagte Ariel, die zu ihr geeilt kam und ihr einen Arm reichte. »Ich bringe Euch in Eure Ruheecke«, sagte Ariel schnell, als sie bemerkte, dass Zunaes Beine zitterten.
»Danke«, hauchte sie und ärgerte sich, dass sie nicht mehr konnte. Selbst auf dem Weg zu einer gepolsterten Ruhebank, die extra für sie aufgestellt worden war, hatte sie Sorge, zusammenzubrechen. Sie hätte eher aufhören sollen, das wurde ihr klar. Wenn sie zusammenbrach, würde sie das ganze Fest ruinieren, doch die Sorge um das Kind war ebenfalls vorhanden.
Irgendwie schaffte es Ariel jedoch, Zunae sicher anzubringen, sodass sie sich schließlich setzen konnte. »Das habt Ihr gut gemacht«, flüsterte sie und übergab sie schließlich Liselle, die bereits wartete, um ihrer Königin zu dienen.
Ariel ging zurück zum Tanz, um wie besprochen Zunaes Platz einzunehmen, auch wenn sie einen Partner bereits verpasst hatte.
Zu den Klängen der Geigen und Flöten mischten sich Trommeln. Erst langsam, doch dann immer auffordernder, während sich die Frauen aus dem Tanz zurückzogen und den Männern die Tanzfläche überließen.
Das war das Bild, das Zunae erwartet hatte, wenn sie früher an die Nordlande gedacht hatte und aus einem ihr nicht ganz verständlichen Grund, zauberte es ein Lächeln auf ihr Gesicht, während sich ihre Hand auf ihren Bauch legte.
Obwohl der Krieg zwischen ihren Clans lange angedauert hatte und für viele Opfer gesorgt hatte, waren beide Seiten doch auch nur Menschen und diese brauchten den Frieden.



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