DBdD-Kapitel 51

»Zunae«, erklang Yelirs Stimme, der suchend nach ihr rief, als er mit einem Kräutertee in der Hand, ihr Zimmer betrat.
Überrascht hob Zunae den Kopf und wischte sich schnell die Tränen aus den Augen. »Auf dem Balkon«, rief sie ihm entgegen, denn Chiaki war auf ihrem Schoß eingeschlafen und sie wollte ihn nicht wecken. Außerdem war es zu gemütlich.
Yelir kam mit schnellen Schritten zu ihr. Sein Blick überflog sie und registrierte jede Kleinigkeit. »Liselle sagte, dir geht es nicht gut«, bemerkte er besorgt. »Ist dir schlecht?«, fragte er und hielt ihr den Tee entgegen.
Zunae zwang sich zu einem Lächeln und nahm die Tasse entgegen. »Sie hätte dich nicht extra holen müssen. Es sind nur meine Gefühle«, versicherte sie, während sie sich wieder entspannte. Und das nur dank Yelirs Gegenwart.
»Das hat sie nicht«, erwiderte Yelir. »Ich bin ihr durch Zufall auf dem Flur begegnet. Sie wirkte aufgelöst, also habe ich gefragt, was los ist«, erklärte er, auch wenn ein Teil davon gelogen war. Es war kein Zufall gewesen. Er hatte in seiner Pause nach Zunae sehen wollten und dabei war ihm Liselles Unruhe aufgefallen.
Langsam ließ sich Yelir neben ihr nieder. Kaum saß er, ging Zunae dem Drang nach, sich bei ihm anzulehnen. Er war nicht lange weg gewesen, doch sie hatte ihn vermisst. Das merkte sie jedoch erst, als sie sich völlig entspannte. Nur, weil er da war.
»Entschuldige, ich möchte dich nicht von deinen Audienzen abhalten«, sagte sie, als ihr bewusst wurde, dass Yelir heute einen strengen Plan hatte.
Dieser schüttelte jedoch nur den Kopf und zog ihren an seine Schulter. »Mach dir darüber keine Gedanken«, bat er, denn bei ihnen würde sich niemand beschweren, wenn Yelir nach seiner schwangeren Frau sah.
Für Zunae blieb aber weiterhin die Sorge, die sie schon seit einiger Zeit quälte. War sie ihm zu anstrengend? Erwartete sie zu viel?
Was konnte sie tun, um das zu ändern?
Zunae schloss die Augen, während sie gegen diese Gedanken ankämpfte. Sie sollte sich nicht ändern, weil sie sonst Angst hatte, Yelirs Gunst zu verlieren. Im Gegenteil. Sie sollte ihn nicht so nah an sich heranlassen, um ihn weitere Qualen zu ersparen, doch sie schaffte es nicht.
Sie war ihm mindestens genauso sehr verfallen, wie er ihr.




»Was geht dir durch den Kopf?«, fragte Yelir, der seine Hand vorsichtig auf ihre Stirn legte. Die Temperatur war etwas gesunken, doch Zunae war noch immer wärmer als normal.
»Viel«, erwiderte Zunae, deren Gedanken teilweise hin und her sprangen, ohne sonderlich viel Sinn zu haben. »Ich glaube, ich hatte in der Nacht wieder eine Vision. Aber so ganz sicher bin ich mir nicht«, erwiderte sie, was Yelir überraschte.
»Willst du mir davon erzählen?«, fragte er und versuchte nicht zu angespannt auszusehen.
Diese Nacht war Zunae sehr unruhig gewesen und hatte sich seltsam verhalten. Daher hatte er nicht erwartet, dass sie es von sich aus ansprach. Aber scheinbar hielt sie es für eine Vision, was ihn besorgte.
Zunae griff sich an den Kopf. »Die Bilder sind unklar. Ich hatte das Gefühl, fremdgesteuert zu sein«, versuchte sie zu erklären, während ihr Kopf vor Schmerzen wieder begann zu pochen. Einfach nur, weil sie versuchte sich daran zu erinnern, was genau vorgefallen war.
»Fremdgesteuert? Ist das schonmal passiert?«, fragte Yelir, der ihre freie Hand nahm und sanft ihren Handrücken massierte.
»Ich glaube nicht. Ansonsten hat es sich wie eine Vision angefühlt. Als wäre ich nicht richtig da. Als würde mein Geist von einer Szene zur anderen geworfen.«
Yelir lauschte, beobachtete ihre Regungen und schwieg. Sie sah verstört und verzweifelt aus, was ihn besorgte. Gleichzeitig suchte er jedoch auch ein Zeichen darauf, dass sie vielleicht log.
Sie hatte in der Nacht keine Vision gehabt, doch sie selbst war sie auch nicht gewesen. Das hatte Yelir in den Moment verstanden, in dem er in ihre matten, trostlosen Augen gesehen hatte. Als wäre ihr Geist nicht mehr in ihrem Körper. Allerdings hatte sie ihn angegriffen. Eine Tatsache, die Yelir nicht einfach ignorieren konnte, auch wenn er im Moment nicht viel Zeit hatte, um dieser Tatsache nachzugehen. Er wusste, dass die Fürsten auf ihn warteten.
»Mach dir nicht so viele Gedanken. Du bist nicht gesprungen, das ist doch schonmal was«, bemerkte Yelir, doch seine Stimme spiegelte ein wenig seine Anspannung wider. Was, wenn sie eigentlich eine Vision hätte haben sollen, aber die Kette sie stattdessen in diesen Zustand gebracht hatte? Dann hätte er ihr erneut wehgetan, ohne es zu wollen. Es belastete sie offensichtlich.




»Ja, aber … ich hätte fast …«, setzte sie an, ließ dann aber ihre Schultern fallen und schmiegte sich an Yelir, bevor sie leise schluchzte. »Was, wenn ich jemanden verletze?«, stieß sie hervor, denn sie erinnerte sich an ein Bild, das sie nicht verstand. Sie war dabei gewesen, Yelir zu verletzen, aber sie wusste nicht, wie es dazu gekommen war. Warum sollte sie so etwas tun?
Yelir fuhr Zunae durch die Haare und gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. »Ich bin da und passe auf, dass du niemanden verletzt«, versicherte er, denn er glaubte nicht daran, dass ihre Angst davor nur gespielt war. Dazu hatte sie viel zu viele Dinge getan, die ihr fast das Leben gekostet hätten, nur um andere zu beschützen. Und das sie so berechnend war, alles nur vorzutäuschen, glaubte Yelir keine Sekunde.
»Ich will dich nicht ständig von deiner Arbeit abhalten«, murmelte Zunae schuldbewusst, was Yelir leise lachen ließ.
»Heute bin ich ganz froh über Ablenkung«, grinste er, denn die Fürsten waren wirklich anstrengend. Manchmal wollte er die Probleme lieber damit lösen sie zu verprügeln und nicht, ihnen zuzuhören. Aber dann wäre Zunae sicher enttäuscht.
»Ist es so schlimm?«, fragte sie und öffnete ihre Augen, um zu Yelir zu sehen. »Soll ich mitkommen? Als Unterstützung.«
»Sei nicht albern«, erwiderte Yelir, der seine Hand in ihren Nacken legte, um diesen leicht zu kraulen, obwohl er nicht wusste, ob sie das wirklich mochte. »Du würdest dich in diesem Zustand nur als mögliche Beute präsentieren«, sagte er ernst. Ihm war klar, dass sie trotzdem keine Beute war, doch er wollte dennoch nicht, dass die Fürsten sie so sahen.
Zunae stieß ein nachdenkliches Geräusch aus, bevor sie genüsslich die Augen schloss. Ihr Körper entspannte sich weiter unter Yelirs Berührungen. »Darf ich dich um einen Gefallen bitten?«, fragte sie murmelnd, während sie dabei war, einzuschlafen.
»Immer«, erwiderte Yelir, der neugierig war, was sie wollte. Bisher hatte sie nie wirklich um Gefallen oder derartiges gebeten.
»Glaubst du, ich könnte meine Schwestern besuchen?«, fragte sie vorsichtig, weil sie Angst hatte, dass er ablehnte.
Überrascht hielt Yelir inne. Er hatte vieles erwartet, aber das sicher nicht.




»Natürlich, du bist keine Gefangene«, erwiderte er, auch wenn ihm die Vorstellung der weiten Reise in die Südlande nicht behagte. Es konnte so viel schiefgehen, dass er sie nicht allein gehen lassen würde. Erst recht nicht in ihrem Zustand. »Du musst sie sehr vermissen, oder?«
Für Yelir wäre das auch die Möglichkeit, seinen Bruder Misha zu sehen. Er wollte sich davon überzeugen, dass es ihm gut ging.
»Das auch«, murmelte sie, während sie gegen die aufkommende Müdigkeit ankämpfte.
»Das auch?«, fragte Yelir leise. Ihre Formulierung zeigte ihm, dass sie noch andere Dinge dort wollte. Nur bekam er keine Antwort. Stattdessen wurde das Gewicht, das sie an ihn lehnte schwerer und ihr atem ruhiger, weil sie eingeschlafen war.
Yelir schmunzelte, bevor er sie vorsichtig hochhob und Richtung Bett trug. Sie würden sich morgen darüber unterhalten müssen. Ihren ersten direkten Wunsch würde er ihr nicht abschlagen, doch das alles war nicht so einfach. Er musste an sehr viele Dinge, wie eine Vertretung während der Reise, denken.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 5 / 5. Anzahl: 2

Bisher keine Bewertungen

Kommentare