DBdD-Kapitel 54
Zunae spürte ein leichtes Rütteln an ihrer Schulter und murrte leise, weil sie aus ihrem Schlaf gerissen wurde.
»Wach auf«, forderte Yelir sanft, der neben ihr hockte und versuchte, sie zu wecken.
Zunae hatte jetzt schon mehrere Stunden geschlafen und er den Zauber in der Zeit bewältigt. Was auch der Grund war, warum er unbedingt wollte, dass sie aufwachte. Er selbst war stolz auf sich und er wollte, dass auch sie sah, was er geschafft hatte. Allerdings konnte er die getrockneten Tränen auf ihren Wangen sehen, was ihn etwas beunruhigte. Hatte sie geweint und er hatte es nicht mitbekommen? Das wäre ärgerlich, denn er hätte an ihrer Seite sein sollen. Allerdings konnte das auch im Traum passiert sein, was ihn zu der Frage brachte, ob sie erneut einen visionären Traum gehabt hatte.
Langsam und noch immer reichlich müde, schlug Zunae die Augen auf.
Die wärmende Sonne, die auf sie niederging, kitzelte auf ihrer Haut. Es war ein bekanntes Gefühl, das sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Dazu kam der Duft von Blumen, die sie einhüllte.
Zunae blinzelte, als sie in das Licht der Sonne sah, den sanften Wind auf ihrer Haut spürte und dann die Umgebung wahrnahm.
Weite, gründe Felder voller Blumen breiteten sich vor ihr aus.
Sie hatte das Gefühl in einem Traum zu erwachen und brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass sie in den Südlanden waren.
Mit offenem Mund und ungläubigen Blick sah sie sich um. »Du hast uns hergebracht?«, fragte sie, weil sie es noch gar nicht richtig realisierte.
»Das habe ich und du bist nicht einmal aufgewacht«, sagte Yelir zufrieden mit sich selbst. Er wollte immerhin, dass sie eine angenehme Reise hatte.
Langsam ließ sich Zunae von ihm hochhelfen, um zu verstehen, wo genau so sich befanden.
Yelir kannte sich in den Südlanden nicht aus und trotzdem hatte er es geschafft, sie zu einem Ort zu bringen, der unweit von Naytan lag und trotzdem unbewohnt war.
Die Decke rutsche ihr von den Schultern und landete im saftigen Gras. »Ich … bin überrascht«, gab sie ehrlich zu, bevor ein Lächeln sich auf ihre Lippen legte. Sie freute sich wirklich, wieder hier zu sein, weshalb sie sofort die Schuhe auszog, um das Gras unter ihren Füßen zu spüren.
Yelir beobachtete sie dabei skeptisch. Es war zwar warm, doch nicht so sehr, dass sie unvorsichtig werden sollte. Ihre letzte Erkältung war noch nicht so lange her, dass sie kalte Füße einfach so wegstecken konnte. Trotzdem konnte er sie nicht aufhalten, weil das Strahlen auf ihrem Gesicht einfach zu schön war.
Yelir beobachtete, wie sie sich einer Blume näherte, um daran zu schnuppern.
Die Südlande waren wirklich so ganz anders, als die Nordlande.
Die Flächen waren voller saftigen Grün und in der Ferne erkannte er mehrere Wälder. Eigentlich in jeder Richtung.
Der Duft von Gras, Bäumen und Blumen schien allgegenwärtig und ließ selbst ihn entspannen. Er spürte das Leben förmlich.
»Kein Wunder, dass du dich bei uns so sehr über die Blumen gefreut hast«, bemerkte er. Es war einfach kein Vergleich. Selbst die Blumen im Garten waren spärlich gehen dieses Feld. Und Zunae mittendrin. Ein wunderschönes Bild.
Sie lachte, pflückte die Blume und steckte sie sich ins Haar, was sie nur noch schöner machte. Yelir sah in ihr selbst eine Blume. Zart und wunderschön. »Ich habe mich eigentlich ganz gut daran gewöhnt«, versicherte sie, doch Yelir konnte ihr nicht so recht glauben. Wenn er diese Helligkeit und Wärme mit den meist vorherrschenden, nebliggrauen, kalten Tage bei ihnen verglich, dann konnte er sich kaum vorstellen, die Nordlande als schön zu bezeichnen.
War das einer der Gründe, warum sein Volk versucht hatte, in die Südlande vorzudringen? Um sich einen Platz an der Sonne zu erkämpfen?
Yelir richtete seine Gedanken wieder auf Zunae, die glücklich aussah, als sie eine weitere Blume pflückte und sie Yelir hinhielt.
Dieser nahm sie und gestattete sich, daran zu riechen. Überraschenderweise ähnelte ihr Duft Honig.
»Wenn wir ab hier weiter mit der Kutsche fahren, sollten wir in etwa einer Stunde in der Hauptstadt sein«, erklärte Zunae, die es kaum erwarten konnte, zu sehen, wie es dort aussah. Hatte Nuya die Probleme bewältigt? Gab es neue? Hatte sich die Stadt ausgebreitet?
All das waren Fragen, die Nuyas Briefe nie beantwortet hatten. Als würde sie nicht wollen, dass Zunae ihre Nase zu weit hineinsteckte. Gleichzeitig hatte sie die Vorstellung, Zunae kam sie besuchen, sehr begrüßt.
»Ab hier musst du mich leiten«, erklärte Yelir, obwohl Chiaki das auch übernehmen könnte. Allerdings wollte er nicht allein durch eine fremde Gegend reiten. Es wäre ihm also lieber, wenn Zunae bei ihm war, damit er nicht als Feind interpretiert wurde.
»Sehr schön, ich halte es in der Kutsche sowieso nicht mehr aus«, lachte Zunae, die durch die warme Sonne überraschend fröhlich wurde. Sie konnte nicht einmal genau sagen, warum. Es gab so viel, was sie Yelir zeigen wollte. Sie wollte mit ihrer Heimat angeben, aber auch die Zeit mit ihrer Familie genießen, solange sie noch konnte. Und für sie gehörte Yelir genauso zu ihrer Familie wie Nuya.
Yelir reichte ihr die Hand, um ihr auf den Kutschbock zu helfen, bevor er sich zu ihr setzte.
Chiaki sprang auf den Rücken des Pferdes und kletterte dann auf seinen Kopf. Das Tier ließ zu, dass sich der Kater dort hinlegte, ohne ihn abzuwerfen. Yelir hatte sogar das Gefühl, das Pferd würde darauf achten, Chiaki nicht zu sehr zu schütteln, als es loslief.
Es dauerte nicht lange, da kamen sie auf eine gepflasterte, breite Straßen. Zwei Kutschen, die sich begegneten, konnten ohne Probleme ausweichen.
Yelir bewunderte die Baukunst und bemerkte sofort, wie viel einfacher es war, mit der Kutsche zu fahren. Es ruckelte nicht mehr und so konnte sich Zunae an ihn lehnen und die Augen schließen. »Du musst einfach nur der Straße folgen. Sie führt direkt nach Naytan und zum Schloss«, murmelte Zunae, die Yelir vollkommen vertraute. Trotzdem versuchte sie, nicht sofort wieder einzuschlafen, sondern die Umgebung zu genießen. Allerdings war sie durch ihre Schwangerschaft oft sehr müde und ausgelaugt.
Sie würde mit ihrer Mutter sprechen, um herauszufinden, ob das in ihrer Familie normal war.
Zunae hätte es verstanden, wenn das Kind von Yelir wäre. Als Drachen- und Rabengeborene war es für sie sicher schwer, auch noch einen Nachkommen der Seelenkatzen zu haben. Vielleicht aber auch generell Kinder. Nur musste sie vorsichtig sein, damit ihre Mutter keinen Verdacht schöpfte. Sie musste denken, dass das Kind von Yelir war.
»Bist du noch immer so erschöpft, dass du schlafen willst?«, fragte Yelir besorgt. Er hatte niemanden, den er fragen konnte, ob das normal war, doch Dainte hatte gemeint, dass es an der gemischten Blutlinie lag, die sie in sich trug. Aber da es nicht sein Kind war und vermutlich nicht einmal eine Gabe erbte, konnte das nicht der Fall sein.
Yelir fragte sich, ob es etwas mit der Kette zu tun hatte, doch er konnte sich nicht vorstellen, was. Außerdem glaubte er, dass Chiaki schon längst etwas gesagt hätte, sollte die Kette ihr wirklich schaden.
Das alles war so kompliziert, denn er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, um ihr zu helfen.
»Ich fühl mich erschöpft, aber nicht müde«, versicherte Zunae, die an ihm lehnte, aber ihre Augen immer wieder öffnete.
»Das ist gut, ich will nicht, dass jemand denkt, ich hätte dich unter Drogen gesetzt und würde dich entführen«, erklärte Yelir mit einem lachenden Unterton. Er meinte es als Scherz, doch er war sich nicht sicher, ob er nicht doch diesen Eindruck hinterlassen könnte, wenn Zunae an seiner Seite einschlief.
Durch seine helle Haut und die Kleidung, die er trug, war er deutlich als Nordländer zu erkennen. Daher versuchte er auch nicht, sich zu verstecken, weil er nicht verdächtig wirken wollte.
Er spürte die Blicke auf sich, als sie in belebtere Gebiete kam, doch Zunae an seiner Seite gab ihm eine gewisse Zuversicht. Daher versuchte er sich auch darauf zu konzentrieren, das Ziel zu erreichen und nicht das Gemurmel der Leute zu beachten, die sich fragten, wer sie waren. Nicht alle von ihnen erkannten Zunae sofort, doch einige fragten, ob es sich wirklich um die Königin handelte.
Es erheiterte Yelir, dass sie Zunae noch immer als Königin, nicht als ehemalige Königin bezeichneten. Allerdings konnte er noch nicht einschätzen, ob das gut oder schlecht war.

























































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