DBdD-Kapitel 57

Aidina gefiel es ganz und gar nicht, dass Yelir ihre Schwester trug, doch da Zunae ihre Hand noch immer in seiner hatte und einfach nicht loslassen wollte, blieb ihr nichts anderes übrig. Darum führte sie Yelir auch in Zunaes Zimmer, das noch immer unverändert war.
Als Yelir eintrat, nahm er die liebevollen Dekorationen wahr. Kleine, gesammelte Steine auf dem Kamin, Zeichnungen von Kindern an einer der Wände neben einem Schreibtisch. Ein Familienfoto gegenüber des großen, gemütlich anmutenden Bettes.
Sanft legte er Zunae auf die weiche Decke und bettete ihren Kopf auf den rosafarbenen Kissen.
Als er sich zurückziehen wollte, spürte er jedoch den Widerstand an seiner Hand. Zunae ließ selbst im Schlaf nicht los.
Aidina spürte Eifersucht in sich aufsteigen und biss die Lippen zusammen. Ihre Schwester war nie so anhänglich gewesen. Wieso hing sie so an diesem Mann?
Eine Berührung an ihrer Schulter ließ Aidina zucken. Schnell wirbelte sie zu Nuya herum, die ihr lediglich eine Hand auf die Schulter gelegt und nicht mit einer solchen Reaktion gerechnet hatte. »Lassen wir sie allein. Wir müssen reden«, sagte sie, ohne ihr Gesicht zu verziehen. Auch ihre Stimme gab keinen Hinweis darauf, was sie von dieser Situation hielt.
»Wir können sie doch nicht mir dem da alleine lassen«, stieß Aidina empört hervor, ohne sich daran zu stören, dass Yelir sie hören konnte.
Nuya schüttelte lediglich den Kopf, was Aidina nur noch mehr frustrierte.
Sie wollte sich dagegenstemmen, als Nuya sie aus den Raum schob, doch sie hatte dieser die Treue geschworen.
Ein kurzer Blick zu Zunae, die friedlich schlief, brachte Aidina erneut ins Schwanken.
Allerdings griff Kali ihren Arm und zog sie im nächsten Moment auch schon hinaus. »Nuya will reden«, sagte sie mit einem angespannten Knurren in der Stimme. Ihr Gesicht war wutverzerrt und angeekelt, empfand sie es doch als genauso unangenehm wie Aidina, diesen Mann mit ihrer Schwestern allein zu lassen. Aber sie waren verheiratet und Yelirs Gesicht hatte deutlich Sorge gezeigt. Außerdem schätze Kali ihn nicht dumm genug ein, um Zunae hier etwas zu tun.
»Was ist da gerade passiert?«, fragte Nuya, als sie einen nahen Raum betraten, um sich zu unterhalten. Misha würde seinen Bruder im Auge behalten, weshalb Nuya sich zumindest darum keine Gedanken machte.




»Es sah aus, als hätte sie eine Vision«, bemerkte Kali aufgebracht. »Und er hat eingegriffen und ihr weh getan.«
Aidina nickte zustimmend. So hatte es für sie auch ausgesehen, weshalb sie auch entsetzt war, dass Zunae sich so an ihn klammerte. Bei ihnen wusste jeder, dass man Zunae während einer Vision nicht berühren durfte, aber sie hatte aktiv nach seiner Hand gesucht.
Wusste er vielleicht noch nichts von ihren Visionen?
»Was sagt ihr Zustand?«, fragte Nuya, wobei sie Aidina mit ihren eisblauen Augen fixierte.
Dieser lief ein unangenehmer Schauer über den Rücken. »Sie ist etwas schwach, aber hätte sie nicht geschrien, hätte ich nicht gesagt, dass sie verletzt worden ist. An sich konnte ich keine Probleme finden.«
Da waren zwar für einen Moment schimmernde Flecke gewesen, die auf Verlezungen hindeuteten, doch als Aidina sie weiter untersucht hatte, waren sie verschwunden.
Nuya nickte und blickte nachdenklich zum Fenster. »Wie gehen wir damit um?«, wollte sie wissen, wobei der Wunsch ihre Schwester zu schützen, dazu führte, dass sie ihre Faust ballte. Sie würde nicht zulassen, dass man Zunae verletzte, während sie hier war.
Allerdings wusste sie nicht wie. Sie konnten Zunae nicht die ganze Zeit über kontrollieren und Yelir auf Abstand halten. Hatte er sie vielleicht irgendwie manipuliert, dass sie so an ihm klammerte? Was war nur in der Zeit in den Nordlanden geschehen?
»Wir können damit anfangen, dass wir verhindern, dass Yelir sie berührt, wenn sie eine erneute Vision hat«, schlug Aidina stirnrunzelnd vor. Das war ein Anfang und könnte ihre Theorie bestätigen. Dann wüssten sie mehr.
»Das ist ein Anfang«, stimmte Nuya zu und warf beiden ihrer Schwestern einen langen Blick zu. »Wir werden Zunae nicht mehr allein lassen. Haltet euch bereit, sie jederzeit zu begleiten.«

Kaum hatten Nuya und ihre Schwestern den Raum verlassen, schlug Zunae blinzeln die Augen auf. Zuerst konnte sie den Raum nicht zuordnen, da ihr Kopf ihr sagte, sie sollte in den Nordlanden sein, doch dann erkannte sie ihr Zimmer an den rosafarbenen Deckenverzierungen.
Ihr Blick wanderte weiter umher, während sie versuchte, sich zu erinnern, was geschehen war.
Als sie einen Druck an ihrer Hand spürte, drehte sie ruckartig den Kopf, nur um Yelir an ihrem Bett vorzufinden. Er hielt ihre Hand und musterte sie besorgt. Dabei machte er ein Gesicht wie ein begossener Pudel.




»Entschuldige, ich habe dir weh getan«, hauchte er schuldbewusst. Dabei sollte er doch auf sie aufpassen!
»Du hast verhindert, dass ich springe. Es hätte sonst was passieren können«, erwiderte Zunae, die ihren Mund verzog, als ihr schlagartig wieder einfiel, was passiert war.
Yelir war sich sa nicht ganz so sicher. »War die Vision für dich auch unklar?«, fragte er vorsichtig, denn er hatte nur Bruchstücke wahrgenommen.
»Ja, leider. Aber die Intensität hat mich eher beunruhigt«, gab sie zu, während sie schauderte und ihre Hand in Yelirs krallte. Diese Intensität hing normalerweise immer mit ihrem Tod zusammen. Wer hatte sich dieses Mal dazu entschieden, sie zu töten und warum? Es war ungünstig, dass sie nicht mehr als Feuer und Häuser hatte ausmachen können. War es vielleicht eine weitere Vision von Vereven in Flammen? Dabei hatte sie gehofft, dass dieser Teil doch nicht eintrat, weil Visionen in diese Richtung ausgeblieben waren.
»Mich die Tatsache, dass es jetzt passiert, wo wir nicht im Land sind«, erwiderte Yelir, der wirklich gehofft hatte, dass Zunae hier sicher war. Aber wenn sie vermehrt Visionen bekam, nur weil sie in den Südlanden war, konnte er nicht von ihrer Seite weichen. Nur ein unachtsamer Moment und Zunae wäre weg.
Diese legte ihre zitternden Hand um die Katzenkette. »Ich hatte gehofft, die Kette ist der Grund, dass nichts passiert ist«, flüsterte sie enttäuscht.
Sie hatte zwar ein ganz leichtes Ziehen, einen kaum wahrnehmbaren Widerstand, gespürt, als sie springen wollte, doch er hatte nicht ausgereicht.
»Wir sollten deinen Schwestern davon erzählen«, bemerkte Yelir besorgt. Er erinnerte sich an die skeptischen, aber auch hasserfüllten Blicke, die ihm gegolten hatten. Aber verübeln konnte er es ihnen auch nicht. Er konnte nur schwer einschätzen, wie es für sie ausgesehen hatte. Nur Zunaes Schreie waren von dem Moment bei ihm hängengeblieben.
»Ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen machen«, erwiderte Zunae, die Yelirs Blick auswich. Es ging ihr nicht nur darum. Die Zeitreisen waren ein Geheimnis, das sie Yelir anvertraut hatte und von dem sie nicht wollte, dass es andere erfuhren. Sie brauchte keine Einmischung in ihr Leben. Nicht mehr.




Außerdem war sie aus einem anderen Grund hier. Sie wollte mit Aidina über ihren Zustand und ihre Befürchtungen sprechen.
Früher hatte sie sich immer unwohl gefühlt, wenn Aidina sie geheilt hatte, hatte es sogar gemieden, doch mittlerweile wusste sie, wie praktisch es doch war, eine Heilerin zu haben, die mit ihrer Magie klarkam. Vielleicht könnte Dainte auch Unterricht bei ihr nehmen, doch das war etwas für später.
Zunae setzte sich auf, wobei sie jede ihrer Bewegungen mit Bedacht wählte. Sie konnte es sich nicht leisten, erneut von Schwindel übermannt zu werden, doch ihr Körper reagierte nicht, wie erwartet. Stattdessen hatte sie nicht einmal mehr Kopfschmerzen und auch die Erschöpfung war verschwunden.
War das alles Aidina zu verdanken?
»Du solltest liegen bleiben«, bat Yelir, dessen Blick noch immer besorgt auf Zunae lag. Es gefiel ihm nicht, dass sie sofort wieder aufstehen wollte. Sie waren hier nicht zuhause und er konnte nur schwer einschätzen, wie sicher die Umgebung war. Auf ihn wirkten die Sicherheitsmaßnahmen des Schlosses nicht sonderlich stark. Nicht, als würden sie jederzeit mit einem Angriff rechnen.
Allerdings fürchtete Yelir auch nicht die Gefahr von außen, sondern von innen. Allein die Erinnerung daran, wie Kali ihn mit seinen Blicken durchbohrt hatte, ließ ihn vorsichtig werden. Er fühlte sich selbst jetzt beobachtet und als wäre er auf einem Schlachtfeld, wo jeder Fehltritt den Tod bedeuten konnte. Für Zunae war das hier jedoch ihre Heimat. Ein Ort, der sicher viele Erinnerungen für sie barg.
»Ich liege ungern rum«, murrte Zunae, die sich unruhig fühlte.
Sie war selbst überrascht darüber, denn seit ihrer Schwangerschaft und auch schon davor, hatte sie es eigentlich regelmäßig genossen, einfach die Füße hochzulegen und nichts zu tun.
Dass es ihr nicht gelang, sollte ihr eigentlich zu denken geben.
Wieso konnte sie sich in Yelirs Burg fallen lassen, während sie hier kaum still sitzen konnte?
»Ich muss mit Aidina sprechen«, bemerkte Zunae, die ihr Anliegen so schnell wie möglich klären wollte, damit sie wieder nach Hause konnten.
Sie liebte zwar das Wetter der Südlande, doch gleichzeitig spürte sie den Druck, der wieder auf ihr lag.




Yelir stieß ein frustriertes Seufzen aus. »Frauen«, brummte er, hielt ihr aber dennoch die Hand hin, um ihr zu helfen. Er würde sie nicht zwingen im Bett zu bleiben, aber das hieß nicht, dass er nicht trotzdem dafür sorgen würde, dass sie nichts tat, was zu viel für sie war.
Zunae lächelte erleichtert, denn sie wollte durch diesen Zwischenfall nicht noch mehr Zeit verlieren. Es war zwar geplant, dass sie eine Woche hier blieben, um die Reisezeit zu rechtfertigen, doch wie weit sie diesen Ausflug genießen konnte, wusste sie noch nicht.

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