DBdD-Kapitel 61

Yelir wiegte Zunae sanft in seinen Armen. Wie ein Baby, das die Nähe seiner Mutter suchte, kuschelte sie sich an ihn.
Ihr Weinen hatte ihren Körper schließlich so weit erschöpft, dass sie eingeschlafen war.
Yelir aber konnte nicht schlafen. Seine Gedanken wanderten unruhig umher, landeten aber immer wieder bei einer einzigen Frage.
Was hätte er tun können?
Das Problem war, dass sie ungewollt in ihre Visionen gezogen wurde und sie dadurch die Kontrolle verlor. Aber wie konnte er ihr zumindest ein bisschen Kontrolle zurückgeben?
Er erinnerte sich an den Besuch bei den Raben. Daran, was Chiaki ihm über die Artefakte erzählt hatte. Dass er theoretisch in der Lage war, eines zu erschaffen.
Aber könnte er bestimmen, was seine Fähigkeit war? Könnte er dafür sorgen, dass das Artefakt Zunae in dieser Zeit hielt?
Er hatte Aidina zwar gesagt, dass er für sie als Anker gedient hatte, doch so richtig sicher war er sich damit nicht. Es fiel ihm schwer zu beschreiben, was er getan hatte, um Zunae aufzuhalten. Dadurch, dass es das erste Mal gewesen war, hatte er sich einfach von seinen Instinkten leiten lassen.
Yelir rieb sich dir Nasenwurzel, um seine Gedanken besser zu fokussieren.
Darüber nachgrübeln brachte nichts. Er würde seine Fragen nicht allein beantworten können.
»Chiaki, bist du da?«, fragte er flüsternd in die Stille des Raume.
Ein kühles Kribbeln auf seiner Haut war die erste Antwort, bevor sich der schwarze Kater aus den Schatten erhob.
Sein Fell verschmolzen mit der Nacht, während seine Augen das wenige Licht reflektierten und wie Monde funkelten.
Chiaki streckte sich, bevor er seine Pfote leckte. Ganz der unschuldige, niedliche Kater, der er nicht war. »Was liegt dir auf der Seele?«, fragte er schnurrend, während sein Blick wissendes Funkeln zeigte und Yelir glaubte, ein Lächeln zu erkennen.
»Ich versuche zu verstehen, wie es mir gelungen ist, Zunae davon abzuhalten, in der Zeit zu springen«, flüsterte Yelir, der besagter Frau zärtlich durch die Haare fuhr. Es war schön zu sehen, dass sich ihre Züge zumindest im Schlaf etwas entspannten. »Damit ich diesen Zauber vielleicht in einem Artefakt reproduzieren kann.«
»Ein Artefakt herstellen ist schwierig«, erinnerte Chiaki ihn, doch Yelir ließ sich davon nicht abhalten.




»Ich möchte es trotzdem versuchen. Nur so kann ich Zunae helfen.«
Chiaki nickte, während er Yelir musterte. »Als erstes bauchst du eine Grundform«, erklärte der Kater, kam langsam auf Zunae zu und stupste seine Nase gegen ihre Hand. »Der Blutdiamant, den du ihr zur Hochzeit geschenkt has, ist gut geeignet.«
Yelir riss die Augen auf und musterte den Kater, während er die Stirn runzelte. Der Hochzeitsring. Er mochte es, dass sie ihn trug, doch wenn er daraus ein Artefakt machen wollte, brauchte er ihn. »Was brauche ich sonst noch?«, wollte er wissen, denn so richtig vorstellen, was er tun musste, konnte er sich noch nicht.
»Magiesteine. Diese enthalten die Zauber und du kannst sie später mit dem Blutdiamant verbinden.«
Yelir rieb sich die Stirn. »Magiesteine«, überlegte er, während er an die ganzen leeren Steine dachte, die Fürst Ladvarian ihnen geschenkt hatte. Konnte er diese nutzen? »Muss ich bei den Steinen auf etwas achten?«, fragte er, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass einfache Magiesteine reichen würden.
»Du kannst jeden Magiestein nehmen. Je reiner, desto stärker der Zauber«, erklärte Chiaki, der sich an Zunae schmiegte.
Yelir stieß leise den Atem aus. Reine Magiesteine. An diese zu kommen war nicht leicht. Er würde sich in den Nordlanden darum kümmern müssen.
»Ich will in den nächsten Tagen zurück in die Nordlande. Solange es dort so gefährlich ist, würde ich Zunae gern hier lassen. Dann kann ich mich auch um den Zauber kümmern«, sagte er schließlich, denn er brauchte Chiakis Magie, um in die Nordlande zu kommen.
Dieser hob den Kopf und musterte Yelir. »Ist das mit ihr abgesprochen?«
Yelir schüttelte den Kopf. Sein Blick wanderte über Zunae und seine Mundwinkel zuckten leicht. »Sie hat genug durchgemacht. Sie braucht eine Pause.«
Chiaki verzog den Mund. »Wenn du meinst«, brummte er und legte seinen Kopf auf seine Pfoten, bevor er die Augen schloss.
Yelir gefiel diese Reaktion überhaupt nicht, doch was sollte er tun? Eine große Wahl hatte er nicht. Es war einfach viel zu viel passiert.
Obwohl er sehr gern in Zunaes Nähe war und sie nicht allein lassen wollte, war sie hier sicherer. Aber solange er ihr kein Artefakt gemacht hatte, konnte er sie nicht allein lassen.




Vermutlich wäre es am besten, wenn er zwischen den Nord- und Südlanden hin und her reiste.
Yelir fuhr Zunae sanft durch die Haare und schloss seine Augen. Jetzt hatte er zumindest eine kleine Idee davon, was er tun konnte. »Kannst du auf sie aufpassen, während ich nicht da bin?«, fragte Yelir leiser, dem es bereits in den Fingern kribbelte. Es fiel ihm schwer, sitzen zu bleiben, weshalb er sich langsam unter Zunae hervorschob und sie ins Bett legte.
»Wenn es sein muss«, brummte Chiaki, der Yelir nur aus einem Auge heraus musterte. Yelir wusste schon, was er tat. Er würde abwarten.
Vorsichtig beugte sich Yelir hinab und küsste Zunae auf die Stirn. »Ich bin bald wieder da«, sagte er, denn er würde die Zeit nutzen, in der Zunae schlief. Er wollte nicht zu viel Zeit verschwenden, weshalb er sich etwas von ihr entfernte, bevor er in die Schatten eintauchte. Etwas, das sich mittlerweile recht normal anfühlte.
Während er sich durch die Schatten bewegte, fragte er sich, wie er sein Auftauchen in den Nordlanden erklären sollte.
Ihm fiel als erstes nur Aaron ein, der Zunaes Fähigkeiten teilweise kannte. Ihm könnte er erklären, wie er so schnell zwischen Süd- und Nordlanden reisen konnte und was er brauchte. Sicher könnte Aaron ihm einige Kristalle besorgen. Kavalare machte durch Zunaes Investitionen gutes Geld, weshalb es nicht zu schwer sein sollte. Zumindest waren das Yelirs Gedanken, während er durch den Sternenhimmel rannte.
Vielleicht sollte er das nächste Mal ein Pferd nehmen, denn die Strecke war trotzdem recht weit und kräftezehrend.
Seine Schritte, die anfangs lang und schnell waren, wurden kürzer und sein Atem keuchend, doch er konnte jetzt nicht aufgeben. Er hatte sein Ziel bald erreicht. Dieses Mal wollte er nicht nur den Pass durchqueren. Er wollte von Naytan nach Kavalare. Das war einmal über den halben Kontinent.
Yelir verzog das Gesicht, während er spürte, dass seine Magie ebenfalls abnahm. Da hatte er sich wohl verschätzt. Das war gar nicht gut.
Was, wenn er irgendwo im Wald landte? Das durfte nicht passieren.
Yelir riss sich zusammen, nahm all seine Kraft und lief weiter. Dabei hatte er das Gefühl, gegen einen unsichtbaren Wind anzulaufen, der immer stärker wurde.




Jede Bewegung fiel ihm schwer, seine Gleider fühlten sich wie Blei an, während er sich mühsam vorwärts kämpfte.
Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, spürte er plötzlich das Vertraute Schimmern von Kavalare.
Es überraschte ihn, dass er es sofort so deutlich spürte, war es doch das erste Mal. Allerdings war der Schein, der in diese Welt drang, so vertrau, dass er ihn direkt mit Kavalare verband.
Als er sein Ziel endlich erreichte und aus den Schatten trat, spürte er das Gewicht auf seinen Schultern schwinden.
Aaron, der gerade über seinen Dokumenten saß, spürte ein Knistern in der Luft und sah auf. Sein Blick weitete sich, als er Yelir erkannte, der einfach so mitten in seinem Haus erschien. Sofort sprang er auf und taumelte zurück. Sein Herz schlug heftig in seiner Brust, während er versuchte zu begreifen, was hier los war.
Yelir öffnete seinen Mund, um sich zu erklären, doch bevor er auch nur einen Laut hervorbringen konnte, wurde sein Blick schwarz und sein Körper tonnenschwer, sodass er vornüberkippte und zu Boden krachte.
Aaron stieß einen entsetzten Laut aus, bevor er um den Schreibtisch herumstürzte und auf Yelir zulief, um zu sehen, ob er noch am Leben war.
In ihm tobten die Gefühle. Was war passiert? Er sollte in den Südlanden sein. Warum war er mit Chiakis Magie hierhergekommen? Es musste etwas Schreckliches passiert sein, dass er diese Strecke auf sich genommen hatte.

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