DBdD-Kapitel 65
Als Zunae in Yelirs Armen einschlief, hatte sie die Hoffnung, dass sie ruhig schlafen würde. Immerhin war sie ausgelaugt und schlief schnell ein.
Doch ihre Träume wollten sie einfach nicht in Ruhe lassen.
Sie fand sich in Dunkelheit wieder, die ein drückendes Gefühl auf ihrer Haut hinterließ. Als würde jemand sie festhalten, ohne, dass sie direkt Finger oder ähnliches spüren.
»Eine Frau wie dich, kann Yelir nicht gebrauchen«, erklang eine hallende Stimme, die sich Zunaes Ohre bohrte.
Sie wolle sich die Ohren zuhalten, doch ihr Körper ließ sich nicht bewegen.
»Du bist nicht einmal in der Lage, ein Kind zur Welt zu bringen«, erklang eine weitere Stimme. Hoch und verzerrt, doch irgendwie bekannt.
Die Worte krachten auf sie ein und schlugen blaue Flecke in ihre Haut.
»Eine Königin, die keine Kinder bekommen kann, ist für die Nordlande nichts wert.«
Zunae spürte einen Schlag gegen die Seite und strauchelte.
Plötzlich ließ sich ihr Körper wieder bewegen und sie hoch schützend die Arme, während die Sätze wie angriffslustige Vögel auf sie einschlugen.
Sie hinterließen Kratzer auf ihrer Haut, die sich immer weiter zogen.
»Mit dir sind die Nordlande verloren.«
»Yelir braucht jemand besseren.«
»Mit dir wird Yelir sterben.«
Zunae riss ihre Augen auf und rang hektisch nach Atem, während sie in die Dunkelheit ihres Zimmers starrte.
Ein Arm lag auf ihr, während Yelir neben ihr ruhig schlief.
Das war ein seltsamer Traum gewesen. Viel intensiver als sonst und irgendwie verwirrend.
Warum dachte sie an diese Dinge? Sie hatte immer gewusst, dass sie Yelir vermutlich keine Kinder schenken konnte, aber wieso begann sie das auf einmal so sehr zu bereuen, dass es sie bis in ihre Träume verfolgte?
Zunae wischte sich Schweiß aus der Stirn und bewegte sich langsam, um Yelir nicht zu wecken.
Vorsichtig schob sie ihre Beine aus dem Bett und erhob sich. Sie wollte sich frisch machen und ein bisschen Wasser würde ihrer Kehle sicher nicht schaden.
»Zunae, ist alles in Ordnung?«, erklang Yelirs Stimme, als sie das Bad gerade öffnen wollte.
Erschrocken schlug ihr Herz schneller und sie hielt inne. Wann war er aufgewacht? Sie hatte doch extra leise gemacht.
Dass Yelir einen leichten Schlaf hatte, weil er auf sie aufpasen wollte, sollte sie eine weitere Vision haben, ahnte sie nicht. Sie traute ihm zu, sehr beschützend zu sein, doch definitiv nicht so.
»Ich brauchte nur etwas Wasser. Ich hatte … einen Albtraum«, sagte sie vorsichtig und hörte, wie Yelir aus dem Bett stieg.
»Einen Albtraum, oder eine Vision?«, fragte er, als er langsam auf sie zukam, um sie kurz in den Arm zu nehmen und ihren Hals zu küssen.
Zunae spürte, wie die Anspannung des Traums von ihr abfiel.
»Ich denke, ein Albtraum«, erwiderte sie, während sie ihre Augen schloss und sich an Yelir lehnte. Sie hätte sich vielleicht sofort an ihn kuscheln sollen. Seine Nähe half ihr viel mehr als die Ruhe, die sie umgab.
»Möchtest du darüber sprechen?«, fragte er sanft und fuhr ihr durch die Haare.
Zunae schüttelte jedoch den Kopf. »Es war nur ein Albtraum. Nichts Wichtiges.«
Yelir war sich da nicht so sicher. Wenn dieser Traum Zunae so zurichtete, dann war er wichtig. Aber er würde warten, bis Zunae darüber sprechen wollte.
»Willst du dich wieder hinlegen, oder frisch machen?«, fragte Yelir, der Zunae einfach nicht allein lassen wollte.
Diese zögerte. »Ich … will dich nicht wach halten«, murmelte sie, denn durch Yelirs Reise in die Nordlande musste er erschöpft sein. Er brauchte also Schlaf.
Yelir fuhr Zunae durch die Haare. »Mach dir um mich keine Sorgen.« Immerhin war es Zunae, die völlig neben sich stand. Ob sie wohl von ihrem Kind geträumt hatte?
»Dann wasche ich mir kurz den Schweiß aus dem Gesicht«, bemerkte Zunae, in der die Frage aufstieg, ob sie gut für Yelir war.
Dieser war mit ihr hier, obwohl er in den Nordlanden Arbeit hatte. Diese vernachlässigte er ihretwegen.
Yelir öffnete die Tür, sodass Zunae ins Bad gehen konnte, was diese überrascht zucken ließ. Ihr war nicht aufgefallen, dass sie die Tür angestarrt hatte, während ihre Gedanken um Yelir kreisten.
Hatten die Stimmen in ihrem Traum recht und sie war schlecht für Yelir?
Als würde Yelir bemerken, dass sie noch nicht ganz wach war, legte er ihr eine Hand auf den Rücken und schob sie langsam ins Bad. »Ich bin für dich da«, versprach er, was Zunaes schlechtes Gewissen nicht besser machte.
Zunae zwang sich, ihre Schultern zu straffen und ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen. sie konnte jetzt nicht weinen. Nicht deshalb. Statt ihm noch mehr Ärger zu machen, sollte sie ihm zur Seite stehen und dabei helfen, die Probleme in den Nordlanden zu beheben.
Zunae trat an das Waschbecken und wusch sich schnell den Schweiß aus dem Gesicht, damit sie sich nicht mehr so eklig fühlte. Dann wandte sie sich an Yelir und gab ihm einen schnellen Kuss. »Danke, dass du für mich da bist«, flüsterte sie und hakte sich dann bei ihm unter. Dabei versuchte sie sich an einem Lächeln, das bei Yelir Magendrücken verursachte. Sie konnte ihn nicht täuschen, es war nicht echt, doch er verstand nicht, warum sie versuchte, die Trauer, die sie im Griff hatte, zu verdrängen.
»Gehen wir wieder ins Bett«, bat sie, denn sie wollte Yelir nicht noch länger wachhalten.
Dieser folgte ihr besorgt. Wann würde Zunae endlich lernen, dass sie ihm gegenüber nicht die starke Frau sein musste, wenn sie sich nicht wohlfühlt.
Sie war durch so viel emotionales Chaos gegangen, dass es nur natürlich wäre, wenn sie sich zusammenrollte und weinte. Stattdessen tat sie so, als wäre nichts gewesen und versuchte zu verdrängen, was sie belastete. Als wäre alles, was sie zusammen erlebt hatten, nicht mehr so wichtig. Als würde sie sich erneut vor ihm verschließen. Etwas, das Yelir gar nicht gefiel.
Als die Sonne sich am nächsten Morgen durch die Fenster des Schlosses traute, huschte Nuya bereits durch die Gänge.
Es war das fünfte Mal, das sie an Zunaes Tür vorbeilief und lauschte. Es war noch immer zu früh am Morgen und sie wollte ihre Schwester nicht wecken. Gleichzeitig machte sie sich große Sorgen.
Nuya hatte Aidinas Ratschlag befolgt und sie eine Weile mit Yelir allein gelassen, doch nachdem ihre Schwester im Garten zusammengebrochen war, fragte sie sich, ob diese Idee gut war.
Ilan hatte nicht viel erzählt, doch durch die Diener hatte sie erfahren, dass sich Yelir um sie gekümmert hatte. Auch, wenn die Szene nicht auf Gegenliebe getroffen war. Wie hatte er sie einfach ins Wasser werfen können? Aber da Zunaes Reaktion nicht negativ gewesen war, fragte sich Nuya, was eigentlich wirklich vorgefallen war. Nur durch Erzählungen wollte sie sich kein Bild machen. Nicht, solange sie Zunae nicht persönlich gefragt hatte.
Erneut drehte Nuya einige Runden durch die Flure und blieb dann vor Zunaes Tür stehen. Sie hörte keinen Laut, weshalb sie zögerte zu Klopfen. Warum war Belle nicht mehr hier? Sie wüsste mit Sicherheit, ob Zunae schon wach war.
Was wenn sie ihre Schwester weckte?
Nuya hob die Hand und begann auf ihrem Fingernagel herumzubeißen, während sie die Tür anstarrte. Was sollte sie tun?
Im Flur erklangen Schritte, die sich ihr näherten, während Zunae und Yelir sich gerade im Bad frisch machten.
»Ich muss nochmal in die Nordlande«, bemerkte Yelir, der so ungeduldig war, dass er bei Aaron nachfragen wollte. Vielleicht hatte er wenigstens schon Steine zum Üben.
Zunae verzog ein wenig den Mund, gab Yelir aber trotzdem einen schnellen Kuss. »Verausgab dich nicht und mach Pausen«, bat sie mit rauer Stimme. Sie sorgte sich, dass ihm auf dem Weg etwas passierte. Hoffentlich passte Chiaki auf ihn auf.
»Mach ich«, versprach er, bevor er zurücktrat und in den Schatten verschwand.
Zunae ließ die Schultern hängen und stieß die Luft aus, während sie auf den leeren Fleck blickte, den Yelir hinterlassen hatte.
Ihr Herz schmerzte, denn jedes Mal, wenn er ging, hatte sie das Gefühl, er würde sie verlassen.
Er kommt wieder, sagte sie sich und ballte entschlossen die Fäuste.
In dem Moment ließ ein Klopfen sie aufschrecken.
Mit schnellen Schritten verließ sie das Bad und lief zur Tür, um sie vorsichtig zu öffnen.
Sie fragte sich noch, wer klopfen würde, als sie die weißen Haare ihrer Schwester entdeckte.
Schnell machte sie einen Schritt zurück, damit Nuya eintreten konnte. Erst danach erinnerte sie sich daran, dass Yelir nicht da war, weshalb sie dann doch noch einmal innhielt, bevor Nuya eintreten konnte. »Guten Morgen, was führt dich zu mir?«, fragte Zunae, die auf keinen Fall wollte, dass Nuya nach Yelir fragte. Zudem hatte sie Misha dabei, der sicherlich nach seinem Bruder sehen wollte. Das war nicht gut.
»Ich wollte sehen, wie es dir geht«, bemerkte Nuya, die in ihrer Bewegung einzutreten, innehielt, als Zunae ebenfalls stehenblieb. Eine Reaktion, die sie verwirrte, auch wenn sie es nicht zeigte.
Ein zögerliches Lächeln huschte über Zunaes Lippen. »Yelir ist gerade im Bad und ich wollte hinaus in den Garten. Möchtest du mich begleiten?«, fragte sie, wobei sie log, ohne dabei rot zu werden. Sie wollte nur nicht, dass beide ihr Zimmer betraten und nach Yelir fragten.
Nuyas Blick wanderte eingängig über Zunae, doch keine ihrer Regungen kam Nuya unvertraut oder anders vor.
Zunae wirkte, als wäre sie nie weg gewesen. Die leichte Anspannung, die ihr so zu eigen war, dass Nuya sich daran nicht wunderte, war ebenfalls da.
»Wieso nicht. Frische Luft ist gut«, stimmte sie schließlich zu, denn so konnte sie sich etwas bewegen und mit ihrer Schwester unterhalten.
Als Zunae nach draußen trat, blickte Misha an ihr vorbei, weil er hoffte, Yelir würde mitkommen. Allerdings war er nicht zu sehen, was ihn etwas enttäuschte.
Zunae schloss die Tür hinter sich und schenkte Nuya ein aufforderndes Lächeln.
Misha konnte nicht genau sagen, was er von Zunae hielt, doch sie wirkte wie bei ihrer ersten Begegnung. Ruhig, besonnen und absolut wie eine Königin. Dabei hatte sie vor kurzem ihr Kind verloren. Eine Tatsache, die man nicht mit einer politischen Heirat vergleichen konnte und doch zeigte sie kaum mehr Gefühle als damals.
Ob es ihr wirklich gut ging?
Und wie ging es seinem Bruder? Misha hätte gern nach ihm gesehen, denn er ging davon aus, dass es auch sein Kind war. Er hatte keine Ahnung, dass dieses Kind nicht mit Yelir verbunden war und dieser nur deshalb mit der Lage halbwegs klarkam.

























































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