DBdD-Kapitel 66
Die Tage vergingen, in denen Zunae am Morgen immer mit Nuya und Misha in den Garten ging, während Yelir in den Nordlanden nach dem Rechten sah.
Meist war er am frühen Nachmittag zurück, sodass niemand Verdacht schöpfte. Erst recht nicht, nachdem Zunae Nuya erklärt hatte, dass Yelir in der Nacht oft wach war, weil sie schlecht schlief. Yelirs Augenringe, die er durch den ständigen Einsatz der Schattenfortbewegung kam, halfen dabei, diese Lüge aufrechtzuerhalten.
Die Tage verflogen, während Nuya immer hoffte, dass Zunae von sich aus über ihren Verlust sprach. Sie wollte ihre Schwester nicht drängen, denn nachdem Ilan so tollpatschig gewesen war und Zunae derart aus der Fassung gebracht hatte, machte sie sich Sorgen.
Kali war da nicht so. Nuya musste sie ständig davon abhalten, Zunae direkt darauf anzusprechen, denn sie war selbst sehr schockiert darüber und wusste nicht, damit umzugehen.
Zunae hingegen tat so, als wäre nichts gewesen. Gegenüber ihrer Schwestern war sie wie immer und versuchte zu tun, als würde es sie nicht stören, doch in der Nacht lag sie oft weinend in Yelirs Armen. Geplagt von den Albträumen und ihren eigenen dunklen Gedanken.
Yelir versuchte sie so gut es ging zu beruhigen, doch da er ständig zwischen den Nord- und Südlanden hin und her reiste, war er selbst sehr erschöpft. Allerdings schaffte er es auch nicht, Zunae zu lange allein zu lassen. Daher hatte er jeden Tag nur ein paar Stunden, die er in den Nordlanden mit seinen Zaubern unter Chiakis Anweisung zubringen konnte. Er war versessen darauf, dieses Artefakt herzustellen, denn die Angst, Zunae könnte jederzeit wieder von einer Vision gepackt und von ihm weggerissen werden, setzte ihm zu. Die Vorstellung, sie würde einfach verschwinden und nie wiederkommen presste ihn jedes Mal die Kehle zu.
Als Zunae an diesem Morgen erwachte, war sie etwas ausgeschlafener als sonst. Die Albträume hatten etwas nachgelassen, vermutlich weil Yelir sie die ganze Nacht im Arm gehalten hatte.
»Guten Morgen, wie hast du geschlafen?«, wurde sie mit sanfter Stimme begrüßt und Yelir dückte ihr vorsichtig einen Kuss auf die Stirn.
Zunae schmunzelte. Das war zu ihrem Morgenritual geworden und sie liebte es. »Guten Morgen«, erwiderte sie und schmiegte sich an seine Brust. »Die Träume hielten sich in Grenzen«, gestand sie erleichtert. Vielleicht war es bald vorbei, dann konnten sie endlich zurück in die Nordlande. Sie vermisste die Burg, die Menschen und sogar etwas das Wetter. Hier war fast immer strahlender Sonnenschein und eine angenehme Wärme, die gar nicht zu ihren Emotionen passte.
»Das ist ein Fortschritt«, lächelte Yelir, der ihr durch die Haare strich, die heute nicht von Schweiß verklebt waren.
»Gehst du heute wieder?«, fragte Zunae, die endlich wieder mit ihm frühstücken wollte. Sie hatte das Gefühl, dass Yelir in letzter Zeit abgenommen hatte. Seine Muskeln waren definierter geworden, doch sein Körper an sich viel schmale. Er musste sehr viel Magie verschwunden, damit sein Körper derart reagierte. Sie machte sich so langsam sorgen.
»Ja, tut mir leid«, flüsterte er, während er die Augen kurz schloss. Zunaes Finger fuhren über seine nackte Brust und hinterließen heiße Spuren.
»Wenn du sowieso jeden Tag zurückkehrst, können wir auch beide gehen. Dann musst du dich nicht so verausgaben«, murmelte Zunae. Etwas, das sie nicht zum ersten Mal erwähnte.
»Du sollst dich hier ausruhen«, erwiderte Yelir ernst, wie die Male davon. Trotzdem würde Zunae nicht aufgeben und es weiter versuchen.
»Ich vermisse die Nordlande«, gab sie zu und schob die Unterlippe vor, bevor sie zu Yelir aufblickte.
Dieser strich ihr nur die Haare aus der Stirn und küsste diese. Er fand es sehr süß, wie sie ihn ansah und am liebsten wäre er mi ihr zusammen heimgekehrt, doch dort gab es zu viele Probleme. Der Fürst von Vereven hatte von Handelsproblemen erzählt und von vermissten Schiffen. Das war gar nicht gut und machte Yelir nervös. Immerhin war Vereven der Ort, an dem Zunaes Vision gespielt hatte. Vor dieser wollte er sie unbedingt schützen.
»Bald«, versprach er sanft, denn er machte sehr große Fortschritte mit seinen Forschungen an den Magiesteinen und dem Artefakt. Zwei hatte er schon erschaffen, doch sie funktionierten nicht ganz so, wie er wollte. Nur konnte er sie noch nicht an Zunae testen. Trotzdem fühlte er sich mittlerweile sicher genug, um einen letzten, finalen Versuch zu starten.
Zunae stieß den Atem aus und löste sich schließlich von Yelir, um sich zu strecken.
Dieser sah ihr einen Moment dabei zu, bevor er die Beine aus dem Bett schwang und sich erhob. »Würdest du mir einen Gefallen tun?«, fragte er, während sie sich ebenfalls erhob und noch einmal streckte. Sie fühlte sich ausgeruhter als die letzten Tage, aber noch nicht sonderlich wach.
»Was kann ich für dich tun?«, fragte sie neugierig, denn es war das erste Mal, dass Yelir sie um einen Gefallen bat.
Dieser streckte seine Hand in ihre Richtung. »Könntest du mir deinen Hochzeitsring leihen?«, wollte er wissen, was bei Zunae ein unangenehmes Ziehen im Magen auslöste.
»Meinen Ring?«, fragte sie mit leicht belegter Stimme, während sie die Hand mit diesen mit ihrer anderen schützte. Warum wollte er ihren Hochzeitsring?
»Ja, ich bräuchte ihn«, erwiderte Yelir, der Zunae musterte. Ihre Reaktion hatte etwas Verteidigendes, was er nicht erwartet hatte. Sie schien an diesem Ring zu hängen. Er würde sich also Mühe geben müssen, ihn nicht kaputt zu machen.
»Was möchtest du damit?«, fragte sie vorsichtig. Ihre Stimm war belegt und ihr Herz klopfte aufgeregt, als sie auf eine Erwiderung wartete.
Yelir verzog leicht den Mund zu einem schiefen Lächeln. Er konnte ihr nicht sagen, was er vor hatte. Wenn es dann doch nicht funktionierte oder der Ring kaputt ging, wäre sie sicher enttäuscht. »Das ist etwas … Persönliches«, erwiderte er unsicher, ob die Wortwahl richtig war.
Zunae spürte einen kalten Schauer, der sie erfasste, trotzdem zog sie sich langsam den Ring vom Finger.
Sie traute sich nicht zu fragen, ob sie ihn wiederbekam. Die Angst vor der Antwort war zu groß.
Was, wenn Yelir nicht mehr mit ihr verheiratet sein wollte, weil sie keine Kinder zur Welt bringen konnte? Wollte er ihn vielleicht einer anderen Frau schenken? Ein Blutjuwel dieser Größe und Reinheit war sehr kostbar. Gerade in den Nordlanden.
Zunae wollte nicht an das Schlimmste denken, als sie Yelir ihren Ring reichte.
Dieser legte sanft die Finger darum und schenkte ihr ein Lächeln, das nicht ganz die beruhigende Wirkung auf Zunae hatte, die Yelir anstrebte. »Danke. Ich bin wie immer gegen Nachmittag zurück«, versicherte er beruhigend und streichelte ihre Wange.
In diesem Moment erklang ein Geräusch als hätte jemand eine kleine Murmel gegen das Fenster geworfen. Überrascht drehten sich beide um und entdeckten ein Schimmern auf dem Fensterbrett, das kurz durch die Sonne so verstärkt wurde, dass beide blinzeln mussten, bevor sie den Kristallvogel entdeckten.
Zunae spürte ihr Herz noch heftiger schlagen, als Yelir mit schnellen Schritten zum Fenster lief, um es zu öffnen. Der Kristallvogel hatte eine kleine Notiz am Fuß, die Yelir vorsichtig entrollte. Seine Augen huschten über die Zeilen, bevor sie sich weiteten und er das Pergament in seiner Hand zerdrückte. Ein Fluchen lag ihm auf den Lippen, doch er hielt sich zurück.
»Was ist los?«, fragte Zunae, die ihm eine Hand auf den Rücken legte.
Yelir knirschte mit den Zähnen. »Vereven wird angegriffen«, erklärte er, obwohl er es nicht wollte. Aber sie hatte ein Reicht darauf, es zu erfahren.
Zunae stieß ein leises Fluchen aus. »Dann machen wir ns fertig«, sagte sie, bevor sie sich schnell ihres Nachthemdes entledigte.
Yelir bewegte sich nicht sofort. »Du solltest hierbleiben«, sagte er sorgenvoll. Was, wenn sie verletzt wurde, während sie versuchte zu helfen?
Zunae hielt inne und starrte ihn aus ihren goldenen Augen unnachgiebig an. »Komm bloß nicht auf den Gedanken, mich hierzulassen. Entweder du nimmst mich mit, oder ich werde dir folgen«, sagte sie mit so fester Stimme und gestrafften Schultern, dass Yelir verstand, dass sie sich nicht davon abbringen lassen würde.
Die Erinnerung an ihre Vision, in der Yelir in Vereven gestorben war, hielt sie fest im griff. Nur war dieses Mal etwas anders. Sie war nicht mehr schwanger und hatte ihre Magie zurück. Dieses Mal würde sie nicht zulassen, dass Yelir starb!























































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