Mirja-Kapitel 1
~Mirja~
Mit zittrigen Fingern beendete ich das Flechten meiner eisblauen Haare und schlang mit den Zopf wie eine Krone um mein Haupt.
Ich hatte viel Zeit darin investiert, die passende Frisur zu wählend, doch keine hatte mir sonderlich zugesagt. Mittlerweile war ich zu dem Schluss gekommen, dass es egal war. Die Reise würde lang werden und meine Haare durch die schwere Kapuze und den eiskalten Wind, sowieso nicht bleiben wie sie sollten. Gedanken über mein Aussehen musste ich mir erst machen, sobald wir an unserem Ziel ankamen.
Als ich mich von dem Stuhl erhob, der vor meinem Spiegel stand, zitterten meine Beine.
Wieso hatte Vater ausgerechnet mich ausgewählt? Ich war in den letzten Wochen noch nicht einmal dazu gekommen, die adligen Werwölfe unseres Clans aufzusuchen, um mich vorzustellen. Außerdem war meine Volljährigkeitsfeier eine Katastrophe gewesen. Mutter hatte sich bei ihrer Ausrichtung nicht gerade Mühe gegeben und die wenigen Adligen, die anwesend gewesen waren, hatten sich nicht für mich interessiert. Ich hatte also nicht einmal die Gelegenheit gehabt, zu testen, wie ich mit ihnen umgehen musste. Und jetzt sollte ich diplomatische Beziehungen zu einem fremden Clan aufnehmen.
Was dachte sich Vater nur dabei?
Unruhig trat ich an das Fenster, das mir die tiefschwarze Nacht zeigte. Ich sollte schlafen und mich für morgen ausruhen, doch mein Herz schlug so heftig, dass ich einfach nicht einschlafen konnte.
Es gibt keinen Grund, nervös zu sein, redete ich mir ein. Während der Reise konnte ich die Bücher lesen, die ich mir aus der Bibliothek herausgesucht hatte.
Sie würden mir hoffentlich dabei helfen, herauszufinden, mit wem ich es überhaupt zu tun hatte.
Ein leises Klopfen ließ mein Herz vor Schreck springen. Aufgescheucht wandte ich mich um und schritt dann schnell auf die Tür zu. Wer war das um diese Uhrzeit? Alle im Anwesen sollten schlafen. Sogar die Diener.
Als ich die Tür einen Spalt öffnete, strahlten mich nussbraune Augen an und ein Lächeln lag in dem Gesicht, dessen markante Wangenknochen ich überall erkennen würde.
»Xander«, flüsterte ich und trat zur Seite, damit er eintreten konnte. »Was machst du denn hier?«
»Ich habe gesehen, dass bei Euch noch Licht brennt«, sagte er mit seinem typischen Lächeln, das meine Nervosität sofort wieder ein wenig senkte. Er würde mich auf die Reise begleiten. Es gab also keinen Grund, nervös zu sein.
Ich winkte ab. »Kein Grund, so höflich zu sein«, brummte ich frustriert darüber, dass er mich schon wieder damit aufzog. Dabei hatte ich gehofft, wir wären endlich darüber hinweg.
»Wie könnte ich nicht? Ihr seid die Tochter des Alphas. Ich hingegen nur ein niederer Omega, der Eurem Haus dient«, sagte er, wobei sein Lächeln nicht verrutschte.
Ich verzog die Lippen. Nur, weil ich wusste, dass er es im Moment nutzte, um mich zu ärgern, konnte ich mich zurückhalten.
Seine Position im Schloss war keine gute. Er war zwar mein persönlicher Diener, doch das änderte nichts daran, dass andere auf ihn hinabsahen.
»Was machst du so spät noch hier?«, fragte ich barscher, als mir lieb war. Ich hasste es, wenn er sich selbst schlecht redete.
»Ich wollte nach Euch sehen«, sagte er und zog mit einem Lächeln aus seiner Schürze eine Süßspeise vom Abendessen. »Ich dachte mir schon, dass du nicht schläfst.«
Nicht nur die Praline, sondern auch seine Worte ließen mich lächeln. Ich entspannte mich sofort noch mehr. Endlich hatte er aufgehört, mich so förmlich anzusprechen. Außerdem wusste er sehr genau, wie er meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte.
Ich schmunzelte, als ich die Praline nahm. »Hast du dich nicht erst vor kurzem über die Schürze beschwert?«, fragte ich leise lachend.
Er hatte die schwarze Uniform an, die sowohl Frauen als Männer trugen, die für meinen Vater arbeiteten. Viele von ihnen trugen weiße Schürzen darüber. Besonders wenn sie in der Küche arbeiteten.
»Ich hasse sie noch immer, aber ich muss zugeben, dass die Taschen schon praktisch sind«, bemerkte er und förderte noch eine Praline zu Tage, in die er genüsslich hineinbiss.
Seine viel zu übertriebene Geste ließ mich leise lachen.
Also riskierte ich auch einen Bissen. Die saftige, süße Füllung flutete meinen Mund und ließ mich genussvoll stöhnen.
Das brachte Xander zum Lachen. »Du und deine Süßigkeiten«, sagte er mit einem breiten Grinsen. »Pass auf, dass du dabei nicht zum Orgasmus kommst.«
Ich kniff meine Augen zusammen und blickte ihn böse an. »Kann ja nichts dafür, dass dieses Anwesen keine passenden Männer zu bieten hat«, erwiderte ich beleidigt.
Er zog mich gern damit auf, dass ich noch nie eine Beziehung gehabt hatte. Allerdings lebte ich in diesem Anwesen auch sehr abgeschottet. Zudem war ich erst seit einigen Wochen volljährig.
Während andere Werwölfe schon mit 20 begannen, nach ihrem Partner zu suchen, hatte ich mich bis jetzt noch nicht einmal danach umgesehen. Dabei war ich mit 30 endlich ausgewachsen, doch auch meine Gabe war noch nicht erwacht.
Vater bezeichnete mich gern als Spätzünder, doch ich glaubte, Mutter hatte recht. Ich würde vielleicht nie eine Gabe erhalten. Womit ich sogar unter den Omegas, den schwächsten unseres Rudels stand.
Was mich wieder zu der Frage brachte, warum Vater mich unbedingt für diese Aufgabe wollte. Es gab so viel andere Kandidaten, die passender waren.
»Wie wäre es mit mir?«, fragte Xander, der eine Geste machte, wie ich sie oft bei einer der Waschfrauen gesehen hatte, wenn sie versuchte, sich an die Krieger meines Vaters heranzumachen.
Ich stieß in Prusten aus, während auch die letzte Nervosität und Panik von mir abfiel. Wie froh ich doch war, dass Xander mich auf der Reise begleitete. Immerhin führte mich meine erste Reise hinaus in die Welt, dabei hatte ich noch nicht einmal dieses Anwesen wirklich verlassen.
Ich drehte mich zum Fenster um und blickte in die Dunkelheit. Draußen baute sich die unendlich wirkende Weite der Tundra auf. Ich musste sie nicht sehen, um sie zu spüren. Was würde hinter der Kälte meiner Heimat auf mich warten?






































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