Mirja-Kapitel 13

~Mirja~
Die Gänge kamen mir unnatürlich lang vor und ich konnte nicht verhindern, immer wieder zu den Gitterstäben zu sehen, die links und rechts den Gang zierten.
So viele Zellen … wofür brauchte man diese? Gab es wirklich so viele Gefangene?
Plötzlich hielt Xander und ich wäre fast in ihn hineingelaufen, schaffte es aber, zu stoppen.
»Was?«, fragte ich, wobei ich meine Hand an seinen Rücken legte.
Xander blickte zu mir nach hinten, bevor er die Stirn runzelte. Er hob den Finger an seine Lippen, um mir zu deuten, leise zu sein.
Ich hielt sogar die Luft an und lauschte, doch da war nur das leichte Rauschen des Windes.
Schließlich schüttelte Xander den Kopf und setzte sich wieder in Bewegung.
Ich folgte, lauschte aber weiter.
Das Geräusch unserer Schritte hallte an den Wänden wider. Ich fand daran nichts seltsam, bis sich plötzlich ein seltsames Schaben in den Ton mischte. Als würde jemand sein Bein nach sich ziehen.
Sofort blickte ich zu Xander, da ich erwartet, dass seine Verletzung schlimmer geworden war, doch an seinen Schritten war nichts Ungewöhnlich.
Aber was war das dann?
Plötzlich erklang ein Klirren, dass mich heftig zusammenzucken ließ.
Es kam von rechts, weshalb ich sofort dorthin sah.
Mein Herz klopfte heftig in meiner Brust und dröhnte in meinen Ohren, doch ich hörte es erneut.
»Was war das?«, fragte ich mit nach Luft schnappender Stimme.
Xander blieb stehen. »Ich habe nichts gehört«, murmelte er überrascht.
Wie konnte er das nicht hören? Im Vergleich zu dem Schaben war dieser Laut doch sehr deutlich gewesen.
»Doch, da war was«, flüsterte ich und trat zitternd auf die Gitterstäbe zu, um dahinter zu schielen.
An den Wänden hingen Ketten, die vom rauschenden Wind bewegt wurden und gegen die Wände knallten.
Sofort packte mich Erleichterung, bis ich das Weiße am Boden entdeckte.
Zuerst verstand ich nicht, was es war, doch dann erkannte ich die Knochen.
Überall am Boden. Haufenweise.
Mein Hals wurde trocken und ein Schauer rann mir über den Rücken.
Ein seltsames, rundes Etwas zog meine Aufmerksamkeit auf sich. War das ein Schädel?
Nein. Er sah nicht menschlich aus und auch nicht wie der eines Wolfes.
Aber was war das? Wieso war es so groß?




»Sieht da nicht hin«, murmelte Xander, der mir plötzlich eine Hand auf die Augen legte und mich zu sich zog.
Die Wärme seiner Brust drang durch die Kälte, die mich eingenommen hatte.
Ich verstand nicht, was ich gesehen hatte, doch es kribbelte in meinen Fingern, es genauer zu untersuchen.
Waren das vielleicht Tierknochen? Hatte man hier nicht nur Gefangene gehalten, sondern vielleicht sogar Tiere gezüchtet?
Aber warum sollte man das in unterirdischen Zellen tun?
Davon, dass es hier eine Arena gab, in der Tiere gegen Gladiatoren antraten, wie es in den Graustein-Ketten üblich war, war mir nichts bekannt.
Ich zog Xanders Hand von meinen Augen. »Du musst nicht so reagieren. Mir macht der Anblick nichts aus«, sagte ich und musste unweigerlich an Vorins entstellte Leiche denken.
Mein Herz schlug aufgeregt, doch nicht vor Angst.
Xander musterte mich skeptisch. »Sicher?«, fragte er besorgt.
Ich winkte ab. »Ich habe medizinische Bücher gelesen«, erklärte ich, auch wenn das nicht das Gleiche war. Es war trotzdem eine gute Ausrede, denn mir war bewusst, dass der Anblick eines zerfetzten Körpers und von bleichen Knochen nicht so einfach an mir vorbeigehen sollte.
Das war keine normale Reaktion. Oder zumindest keine, die ich so je gelesen hatte. Doch das kalte Entsetzen, von dem ich immer dachte, es wäre in einer solchen Situation normal, kam einfach nicht zu mir.
Stattdessen war da dieser Drang, mehr zu erfahren. Mehr zu sehen.
Xander fuhr sich durch die Haare und musterte mich eingehend. »Versprich mir, nichts Dummes zu tun«, bat er.
Ich legte meinen Kopf schief, denn ich verstand nicht, was er meinte.
»Versprochen«, sagte ich dennoch. Er würde sich schon melden, wenn er glaubte, ich würde diesem Versprechen nicht entsprechen.
»Gut und jetzt komm. Wir wissen nicht, was uns hier unten noch erwartet. Also sollten wir so schnell wie möglich verschwinden.«
Ich nickte, verstand aber nicht, was er meinte. Hier war eindeutig alles tot und ich war mir sicher, dass Arvid bereits Cayne alarmiert hatte, der jetzt nach uns suchte. Vielleicht war das Schaben auch ihnen zu verdanken.
»Glaubst du, sie suchen nach uns?«, fragte ich, während ich ihm weiter folgte.
Die Stille um uns war erdrückend und in der Dunkelheit war es selbst für mich schwer, genug zu sehen. Xander führte uns jedoch, als wüsste er, wo wir hin mussten.




War er vielleicht schon einmal hier gewesen?
Nein, davon hätte er mir mit Sicherheit erzählt.
Folgte er vielleicht einer Fährte, die ich nicht wahrnahm?
»Ich denke schon. Die Frage ist nur, wie schnell sie uns finden«, murmelte er, blieb plötzlich stehen und blickte nach links und rechts.
Erst jetzt bemerkte ich die dunkle Wand vor uns, die mit der Dunkelheit verschwomm. Der Gang teilte sich.
»Was jetzt?«, murmelte ich und blickte nach links. Ein sanfter Wind kam mir entgegen, trug aber den Geruch von Moder und Rost.
Als ich mich zur anderen Seite wandte, war es ähnlich, nur war hier der Wind ein wenig stärker. Zudem kam ein leichter Duft von Asche.
Das Feuer der anderen?
»Hier lang«, entschied Xander schließlich und machte sich in die Richtung auf, in der ich den Aschegeruch wahrgenommen hatte.
Seine Entscheidung ließ mich leise aufatmen.
Ich vertraute ihm zwar, doch es war immer schwierig, wenn er in eine Richtung wollte, ich aber in die andere.
Als Kinder waren wir deshalb oft aneinandergeraten. Anfangs hatte er sich immer meinen Wünschen gefügt, doch er war auch sehr gut darin geworden, sich durchzusetzen.
Und hier war kein Ort für eine Diskussion.
Unsere Schritte klackerten über den Boden, doch plötzlich mischte sich ein anderes Geräusch darunter.
Eine Art … Kratzen? Als würden Fingernägel über den Stein scharren?
Ganz leise und kaum wahrzunehmen.
»Hörst du das?«, fragte ich und blieb stehen.
Xander tat es mir gleich und lauschte, doch das Geräusch war verschwunden.
Darum schüttelte er den Kopf. »Vielleicht die anderen«, murmelte er und lief weiter.
Doch kaum hatten wir uns wieder in Bewegung gesetzt, wurde das Geräusch schlimmer.
Ich versuchte es zu analysieren, denn ich hatte das Gefühl, es kam näher.
Waren das wirklich Fingernägel auf Stein? Oder eher auf metall? Manchmal klang es sogar wie Holz.
Dann mischte sich für einen Moment ein leises Splittern darunter. Als wäre etwas Hölzernes gakutt gegangen. Es erinnerte mich an den Tisch, den Vater aus Wut mit seiner Faust zerstört hatte. Das Tischbein hatte ähnlich geknarzt.
Aber … Wie konnte es sein, dass hier noch Holz intakt war und warum ging es jetzt kaputt?
Verwechselte ich dieses Geräusch vielleicht mit dem Knistern eines brennenden Feuers?




»Hier scheint eine Sackgasse«, bemerkte Xander plötzlich.
Ich sah überrascht auf und musterte das Gebilde vor uns.
Die silbernen Scharniere waren recht gut zu erkennen und durch die andere Farbe zeichneten sich Umrisse einer Tür ab.
»Vielleicht ist dahinter die Treppe«, schlug ich vor.
Wenn das hier wirklich ein Kerker war, würde es nur Sinn ergeben, wenn die Tür zur Treppe nach oben extra geschützt war. Vermutlich war das nicht einmal die einzige Tür, die wir bezwingen mussten.
Xander verzog den Mund. »Das ist möglich«, sagte er und ließ seine Finger über das Holz gleiten.
Erneut hörte ich dieses seltsame Kratzen.
Irritiert trat ich näher und legte mein Ohr daran. Es kam hinter der Tür hervor.
Ohne groß darüber nachzudenken, klopfte ich. »Cayne? Arvid? Seid ihr das?«, fragte ich und klopfte erneut.
»Was machst du da?«, fragte Xander irritiert.
»Ich habe etwas gehört«, erklärte ich aufgeregt. »Vielleicht versuchen sie von der anderen Seite die Tür zu öffnen.«
Der Blick, mit dem mich Xander betrachtete, zeigte mir, dass er mir nicht glaubte. Aber ich war mir sicher, dass ich etwas gehört hatte.
»Geh zur Seite«, seufzte er schließlich und schob mich ein Stückchen zurück.
Ich runzelte die Stirn und wollte fragen, was genau er vor hatte, da trat er bereits mit aller Kraft gegen die Tür.
Es krachte, knarzte und an den Wänden bröckelte die Eisschicht ab.
Ich hielt überrascht den Atem an, doch Xander hörte nicht auf.
Zwei weitere Tritte brachten die Tür zum Quietschen, bevor ein dritter das Schloss so verbog, dass die Tür nach innen aufschwang.
Als ich jedoch die Tür ganz aufschieben und hindurchgehen wollte, stellte sich Xander in meinen Weg und ging zuerst.
Ich verzog den Mund, ließ ihn aber machen. Wenn es zu Problemen kam, war er der Stärkere. Das hatte ich wieder einmal ganz deutlich gesehen.
Mit nur wenigen Tritten diese Tür zu zerstören, war sicherlich nicht leicht. Ich wünschte, ich könnte das auch. Warum hatte Vater mir nicht doch den Kampf beigebracht? Immerhin hatte er das seiner ältesten Tochter ebenfalls.
Oder wollte er nicht, dass ich wie sie wurde?
Diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als Xander die Tür schließlich so weit öffnete, dass wir beide hindurchkamen.




Er stieß jedoch ein leises Fluchen aus und hielt inne.
Als ich an ihm vorbeispähte, runzelte ich die Stirn. Das hier war definitiv nicht der Weg nach oben. Im Gegenteil.
Es war ein Zimmer. Vermutlich ein Arbeitszimmer, auch wenn das schwer zu erkennen war.
Kaputte Schränte, überall Holzsplitter und Dokumente. Doch am deutlichsten war für mich der Geruch von Blut.
Ich hob meinen Arm an meine Nase, um diese abzudecken.
Das Blut war frisch.
Mein Herz begann heftig zu schlagen, doch ich kämpfte gegen den Drang an, Xander zur Seite zu schieben und mich genauer umzusehen.
Dann erklang ein Schleifen.
Sofort richtete ich meinen Blick in eine der Ecken.
Zwischen den Trümmern des Holzes starrten mich große, gelbe Augen an, die mir einen Schauer über den Rücken jagte.
»Was ist das?«, brachte ich atemlos hervor.
Die Umrisse, die sich langsam in der Dunkelheit abzuzeichnen begannen, erinnerten an einen Menschen und irgendwie auch nicht.
Der Kopf war seltsam länglich und dort, wo Ohren sein sollten, war ein Geweih. Außerdem … war der Körper seltsam.
»Verflucht! Sofort raus hier«, rief Xander, der mich auf die Tür zuschieben wollte. Doch in dem Moment schnellte das Wesen vor.
Sein Körper, gleich einer riesigen Schlage, huschte so schnell über den Boden, dass es an der Tür war, bevor Xander und ich uns überhaupt dorthin drehen konnten.
Es blockierte den Weg durch die Tür und ließ mein Herz fast aus meiner Brust springen.
Was war das?
Der Oberkörper war weiblich, doch der Unterkörper der einer Schlange. Dazu kam nicht nur das Geweih, das an einen Hirsch erinnerte. Auch die Nase erinnerte an dieses Tier.
Aber am überraschendsten waren ihre Arme. Sie endeten in Klauen. So groß, dass sie proportional kaum zum Körper passen wollten.
Es starrte uns eine lange Zeit einfach nur an. Ich glaubte sogar, ein leises Schnurren zu hören, während es mir tief in die Augen sah.
Dann schob sich Xander zwischen uns und zerstörte den Moment.
Das Wesen öffnete sein Maul in einer Geste, die deutlich zeigte, dass es ihm nicht gefiel.
Eine Reihe Zähne, wie bei einem Hai, zeigten sich. Ein Knurren verließ seine Kehle, dann wandte es sich ab es sich ab und verschwand im Gang.
»Los hinterher, vielleicht weiß es, wo der Ausgang ist«, brachte Xander hervor, womit er mich völlig überfuhr.




Er packte meine Hand und zog mich hinter sich her, während ich mich noch fragte, was da gerade geschehen war.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 5 / 5. Anzahl: 1

Bisher keine Bewertungen

Kommentare