Mirja-Kapitel 14
~Mirja~
Ich folgte Xander, der hinter dem Tier herrannte, als wären wir die Raubtiere.
Das war doch Wahnsinn. Wieso kam er auf die Idee, dass das eine gute Idee war?
Weil das Wesen hier lebte? Aber wer konnte schon sagen, ob es uns nicht in eine Falle lockte. Auch wenn ich mir irgendwie nicht vorstellen konnte, dass es uns wirklich fressen wollte.
In dem Raum waren wir eingesperrt gewesen. Wenn ich das Raubtier gewesen wäre, hätte ich diese Chance genutzt.
Ich wusste zwar nicht, was es war, doch es war stärker als wir. Daran bestand kein Zweifel.
Trotzdem spürte ich eine gewisse Vorfreude in mir aufsteigen. Ich wollte mir das Wesen noch einmal ansehen. Es genauer betrachten und vielleicht mit ihm kommunizieren. Seine Augen hatten intelligent gewirkt.
Wir liefen durch die Gänge, während Xander dem Wesen folgte. Ich konnte nur die Geräusche wahrnehmen, die es machte. Das Schleifen seines Unterkörpers war das, was ich die ganze Zeit davor gehört hatte. Und ihre Krallen hinterließen ab und an ein Kratzen auf dem Stein. Aber was waren die anderen Geräusche, die jetzt nicht mehr da waren?
Gab es hier noch mehr von diesem Wesen? Waren sie natürlich wie die Rakshasa?
Obwohl ich schon die ganze Zeit gedanklich meine Bücher durchging, hatte ich doch noch nie etwas Ähnliches gesehen.
Der Schlangenkörper erinnerte an die Sandschlangen aus der Dämmerwüste.
Das Geweih an die majestätischen Schattenhirsche aus Irawyn und ihre Klauen sahen aus wie die der Greife aus den Graustein-Ketten.
Aber wieso war das alles hier und wieso an einem einzigen Wesen?
War das vielleicht eine Kreuzung?
Noch während ich mir Gedanken darum machte, bemerkte ich das Licht, das in die Flure fiel.
es sorgte dafür, das sich den Boden und die Wände immer besser erkennen konnte.
Schließlich wurde es so hell, dass ich glaubte, Himmel und Schnee zu sehen.
Vor uns baute sich ein Haufen an Steinen auf, der eine Art Rampe bildete. Er war teilweise eingeschneit, doch Spuren im Schnee deuteten daraufhin, dass dieses Wesen daran hinaufgeklettert war.
»Nicht gerade die Treppe, die ich erwartet habe«, murmelte ich. Natürlich war das eine Ruine. Ich hätte also gar nicht erst mit einer Treppe rechnen sollen.
»Da müssen wir jetzt durch«, bemerkte Xander mit einer abwinkenden Handbewegung, bevor er mir die Hand reichte.
Ich griff danach und ließ mir dann dabei helfen, den Berg an Schutt zu erklimmen.
Es war schwieriger, als angenommen und trotzdem machte es mir Spaß.
Abzuschätzen, wo ich hintreten, wo ich mich festhalten und wo ich sicher war, war aufregender, als gedacht.
Als wir oben ankamen, spürte ich meine Beine zittern, doch die Gefühle, die mich übermannten, waren kaum zu beschreiben. Es war das erste Mal, dass ich wirklich stolz auf mich war.
Nicht nur hatten wir es aus diesem Keller geschafft, keiner von uns beiden war verletzt!
Es fühlte sich an, als hätte ich den ersten großen Schritt bewältigt und kam dem Leben in der großen, weiten Welt näher.
»Wo sind wir hier?«, fragte ich, als ich mich umsah.
Es war hell und überall lag Schnee, doch um uns herum waren Wände. Oder zumindest die Überreste davon. Trotzdem waren sie hoch genug, dass ich nicht sehen konnte, wo genau wir uns im Gebäude befanden.
Xander schnupperte in der Luft. »Es riecht nicht so, als wären hier andere«, bemerkte er zögerlich und drehte sich dann im Kreis.
Ich schloss meine Augen, lauschte und versuchte, die Luft zu analysieren.
Da war nur ein ganz leichter Geruch von Asche und Rauch. Das musste unser Lager sein. Es war jedoch so schwach, dass ich die Richtung kaum einschätzen konnte.
»Vielleicht sind wir in einem Nebengebäude gelandet«, schlug ich vor, war mir aber nicht sicher.
Es gab auf den Plänen nicht viele Informationen über Nebengebäude und erst recht nicht darüber, dass sie über Tunnel verbunden waren.
»Möglich«, sagte Xander schließlich schulterzuckend und lief auf einen Durchgang zu, der früher wohl einmal mit einer Tür verschlossen war.
Hier war kaum noch etwas übrig, das mir dabei half, mich zu orientieren. Der Raum war überraschend leer. Hatte ihn jemand ausgeräumt, bevor die Angriffe das Gebäude zerstört hatten?
Wo sollten wir denn jetzt hin? Wie fanden wir zu den anderen zurück?
Meine Finger kribbelten, weil ich mich näher umsehen und erkunden wollte, doch ich wusste, dass das nicht möglich war. Die anderen suchten sicher nach uns und ich wollte sie nicht zu lange warten lassen.
Ein Geräusch drang an mein Ohr und ich brauchte einen Moment, um es einzuordnen.
Ich blickte zu Xander, der ebenfalls lauschte und die Stirn runzelte. »Sind das Stimmen?«, fragte er unsicher.
Erleichterung packte mich, denn einen Moment hatte ich geglaubt, es mir nur einzubilden. Aber er hörte es auch.
Dann hörte ich, wie jemand meinen Namen rief. Immer und immer wieder.
»Cayne«, sagte ich nach Luft schnappend. Er suchte wirklich nach uns!
»Hier! Wir sind hier!«, rief ich, in der Hoffnung, dass sie uns fanden.
Xander schnaubte leise und reichte mir seine Hand. »Hier entlang«, entschied er.
Ich wollte erst widersprechen, doch dann erkannte ich Bewegung zwischen den Ruinen.
»Lady Mirja«, keuchte Cayne, der auf uns zugestürzt kam. »Seid Ihr unverletzt?«, fragte er und seine Augen suchten mich ab.
Ich wartete geduldig, denn in diesem Punkt erinnerte er mich sehr an Xander. Immer, wenn er sich Sorgen um mich gemacht hatte, brauchte er eine gründliche Inspektion, bevor er sich beruhigte.
»Ihr geht es gut«, versicherte Xander, der Caynes Blick ein kleines Stück blockierte, als würde er mich davor schützen wollen.
Ich legte ihm eine Hand auf den Rücken, um ihn zu beruhigen. Dabei spürte ich, wie angespannt er war. Hing ihm die Bewegung nicht mit dem Wesen noch nach?
Wo es jetzt wohl war? War es geflohen oder auf Jagd?
Ich wollte gar nicht so lange darüber nachdenken, denn die Vorstellung, dass es uns vielleicht doch noch angriff, behagte mir nicht sonderlich.
»Ich bin hungrig«, murmelte ich und wie aufs Stichwort, knurrte mein Bauch.
Ich war nicht direkt müde, wollte aber beim Essen darüber nachdenken, was passiert war.
Cayne räusperte sich. »Erklärt uns beim Essen, was vorgefallen ist«, bot er an und deutete uns dann, ihm zu folgen.
»Wir haben sie gefunden«, rief er zurück zu den anderen, die aus anderen Ecken und Enden der Ruine wieder zurück zum Lager kamen.
Dort brannte zwar ein Feuer, doch es war noch nichts vorbereitet.
Es war das erste Mal, dass mir Vorins Fehlen so richtig auffiel.
Sofort musste ich daran denken, wie wir ihn gefunden hatten, schüttelte den Gedanken aber fast sofort wieder ab.
»Setz dich, ich kümmere mich um das Essen«, bot Xander an, der mich zu einem Felsen führte, den er mit einer Decke belegte, damit ich sitzen konnte.
Ich nickte nur und starrte in die Luft.
Nur halb bekam ich Caynes Fragen mit, die Xander alle beantwortete. Ich war fokussiert auf seine Bewegungen. Wie er das Gemüse und Fleisch schnitt, bevor es in die Suppe wanderte.
Irgendwann erfüllte der Duft von Eintopf die Gegend, doch ich war mittlerweile an der Stelle, an der ich ihn nicht mehr als appetitlich empfand. Ich hatte zu oft das Gleiche gegessen, aber da musste ich durch. Es war immerhin schwer, etwas anderes unterwegs zu kochen.
»Und das Wesen war sicher kein wildes Tier?«, fragte Cayne mit ungläubiger Stimme.
Ich konnte es verstehen, denn Xander hatte sich Mühe gegeben, es zu beschreiben. Auch, wenn ich Schlange mit Geweih ein wenig zu nichtssagend fand.
»Mit Sicherheit nicht«, erwiderte ich mit ruhiger Stimme. »Es sah zumindest nicht wild aus. Eher … intelligent und es scheint hier zu leben. Wir sind in seine Territorium eingedrungen.«
Cayne verzog die Lippen, nickte aber. »Davon höre ich das erste Mal«, erklärte er, während Xander mir die Suppe reichte.
Ohne Fleisch, was mich schmunzeln ließ.
Cayne wandte sich an seine Männer. »Wir müssen heute Abend die Wachen verstärken«, erklärte er. »Mindestens zwei von euch müssen zusammen unterwegs sein. Einer wird bei Lady Mirja bleiben, zwei schlafen und zwei werden die Wache übernehmen«, entschied er.
Ich konnte nicht ganz folgen, sah aber, wie auch Xander nickte.


































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