Mirja-Kapitel 19

~Mirja~
Xander zog mich unaufhaltsam mit sich, auch wenn ich schon lange nichts mehr hinter uns hören konnte.
Zumindest nicht mehr als den kalten Wind, der über die Tundra sauste.
Kämpften sie noch? Hatte jemand gesiegt? Was war mit Azrel? Würde dieser allein in der weiten Eiswüste klarkommen?
Er war ein Eistiger und sicherlich dafür gerüstet. Ich sollte mir nicht so viele Gedanken machen. »Was machen wir jetzt?«, fragte ich keuchend. So langsam konnte ich nicht mehr laufen.
Es war schwierig durch den tiefen Schnee zu stapfen und ständig hatte ich Angst, in einer Schneeverwehung zu landen.
»Keine Sorge«, versicherte er mir erneut. Er hatte das schon zu oft gesagt, aber langsam wollte ich eine Erklärung.
»Aber ich mach mir Sorgen«, protestierte ich, doch ich war nicht dumm genug, stehenzubleiben. Wenn ich das tat, würde ich nicht wieder vorwärts kommen, dass wusste ich.
Xander drückte meine Hand und zog mich etwas an sich. »Du vertraust mir, oder?«, fragte er und blickte mir direkt in die Augen.
Ich spürte wie mich Hitze durchströmte. Wir waren uns selten so nah. »Ja«, murmelte ich, denn daran gab es keinen Zweifel.
Xander grinste mich plötzlich an. Warm und echt, wie ich es nicht erwartet hatte. Nicht in dieser Lage. »Dann komm. Ich sagte doch, ich bin vorbereitet.« Mit diesen Worten zog er mich erneut mit sich und deutete auf den Horizont.
Wir waren am Meer angekommen, doch was uns dort erwartete, kam überraschend.
Ich erkannte seltsame, weiße-blaue Segel, die sich in den Himmel erhoben und das Banner meines Vaters trugen.
Sofort spürte ich Hoffnung und Freude in mir aufsteigen. War Vater hier? Hatte er Meldung bekommen, dass etwas vorgefallen war?
Dann kamen wir dem Schiff näher und ich musste ernüchternd feststellen, dass es nur eine kleine Schaluppe war. Gerade groß genug für zwei oder drei Personen.
»Warum …«, setzte ich an, konnte die Frage aber nicht zu Ende führen.
Was machte denn ein Schiff hier? Genau an dieser Stelle? Und wieso wusste Xander davon?
»Für den Fall der Fälle«, erklärte Xander lächelnd und wurde endlich etwas langsamer.
»Du bist auch auf alle vorbereitet«, keuchte ich, denn das war so surreal, dass ich es kaum glauben konnte. Wo hatte er denn ein Schiff mit der Flagge meines Vaters?




Moment. Wenn sie Vaters Banner trug … musste das abgesprochen sein, oder?
»Komm«, sagte Xander, der mich ohne zu zögern hochhob und durch das eiskalte Wasser trug.
Als er hineintrat, zog ich die Luft ein, doch ich spürte ihn nicht einmal zucken. Dabei knirschte die leichte Eisschicht unter seinen Füßen und ich hörte es platschen.
»Wir sollten so schnell wie möglich hier weg«, erklärte er, als er mich im Boot absetzte und sich dann ebenfalls hineinschwang.
Gerade, als er die Segel öffnete und das Boot bereit machte, erkannte ich am Horizont etwas, das mich sofort alarmierte.
War das Azrel? Aber wer ritt da auf ihm?
Mein Herz klopfte wild, als ich Cayne erkannte, der auf meinem Eistiger ritt.
Xander fluchte leise und beeilte sich, damit wir endlich los segeln konnte.
Allerdings kam Cayne immer näher und näher.
So nah, dass ich die Wunden erkannte, die seine kaputte Rüstung zeigte und die sein Gesicht zierten.
»Bleib sofort stehen«, schrie Cayne.
Azrel machte plötzlich einen Satz und landete bei uns auf dem Schiff.
Es wackelte so stark, dass ich den Halt verlor und auf meinen Hintern fiel.
Sofort schob sich Xander vor mich. »Komm ihr nicht zu nahe«, knurrte er. In der Hand eines der Paddel, die neben den Segeln zur Ausstattung gehörten.
»Das musst du gerade sagen«, knurrte Cayne zurück, der sein Schwert zog. Allerdings war es abgebrochen und wirkte dadurch eher lächerlich. Aber trotzdem gefährlicher, als Xanders Waffe.
»Hört auf«, brachte ich leise hervor, doch ich wurde ignoriert.
»Amirak und Darion haben mir alles erzählt. Ich werde nicht zulassen, dass du Mirja auch nur ein Haar krümmst«, brüllte Cayne, der Xander wütend fixierte.
Ich blickte überrascht zu ihm auf. Was meinte Cayne damit?
»Hör nicht auf ihn! Er will dich nur verwirren. Vermutlich ist er es, der die anderen umgebracht hat.«
Was Xander sagte, klang logisch. Immerhin hatte er mich bis jetzt beschützt. Aber … war es wirklich Cayne, der seine eigenen Leute getötet hatte? Und was meinte er damit, dass Amirak und Darion ihm alles erzählt hatten?
Bevor ich mir Gedanken darüber machen konnte, oder auch nur etwas sagen, krachten ihre Waffen aneinander.
Caynes Schwert grub sich in das Holz des Paddels, zerschnitt es aber nicht.




Beide Männer standen sich gegenüber, starrten sich an und versuchten sich mit bloßer Kraft vom Boot zu schieben.
Ich hielt den Atem an, während ich hin und her blickte.
Was ging ihr vor sich? War Cayne wirklich gefährlich? Wollte er mich töten?
Mein Herz schmerzte und drohte aus meiner Brust zu springen, während ich panisch versuchte, herauszufinden, was ich tun sollte.
Wem sollte ich vertrauen?
Mein Blick wanderte zum zweiten Paddel.
Es gab nur eine richtige Entscheidung.
Schnell griff ich danach, bevor ich es Cayne gegen die Beine knallte.
Er stieß einen überraschten Laut aus, bevor er mühsam versuchte, Halt zu finden.
Xander sah seine Chance und stieß ihn mit der Schulter aus dem Boot direkt ins Wasser.
Es platschte, als Cayne schreiend ins eiskalte Wasser krachte.
Dieses färbte sich sofort leicht rot, was mir sofort ein schlechtes Gewissen bescherte. Er war verletzt. Das würde er nie überleben.
Sofort bereute ich, was ich getan hatte. Wir hätten reden können, oder?
Xander setzte sofort die Segel, während ich Azrel beruhigte, der verwirrte Geräusche von sich gab.
»Wir können Cayne nicht einfach so zurücklassen«, sagte ich atemlos, doch Xander deutete nur auf den Horizont. Dort, im Nebel, zeichneten sich mehrere Gestalten ab. »Er bekommt Verstärkung. Wenn ich nicht schnell genug verschwinden, werden sie dich verletzten«, knurrte er und griff dann nach dem Paddel. Die Segel brachten uns zwar schon vom Strand weg, doch er nutzte diese dennoch, um gegen die Wellen anzukommen und uns schneller voranzubringen.
Ich konnte nur zu Cayne starren, der sich ans Ufer schleppte und dort im Schnee zusammenbrach.
Das würde er niemals überleben. Hatte ich gerade dabei geholfen, jemanden zu töten?

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