Mirja-Kapitel 8
~Mirja~
Die Reise war zwar nicht sonderlich einfach, doch auf eine Art langweilig, die mich hoffen ließ, dass wir bald ankamen.
Ich mochte meine Heimat, doch die immer gleiche, weite weiße Schneedecke und das Brennen in den Augen, wenn die Sonne durch die Wolkendecke brach, war ermüdend.
Es machte mich so schläfrig, dass ich nicht nur einmal auf Azrel wegnickte und erst durch Xander geweckt wurde, der Sorge hatte, dass ich runterrutschte.
Als die Sonne endlich langsam dem Horizont entgegenging und ihr rotes Licht die Nacht ankündigte, war ich froh darüber. Endlich Halt machen zu können, beruhigte mich. Es war die einzige Abwechslung in dieser eintönigen Reise.
Wie würde es wohl sein, wenn wir die Tundra endlich hinter uns gelassen hatten? Wie war es, Gras unter den Füßen zu haben und die Sonne im Fell zu spüren?
Bisher hatte ich nur davon gelesen, doch es kam mir wie ein kleines Wunder vor. Dass ich das selbst erleben würde, hatte ich nie geglaubt.
Allein die Vorstellung machte mich ganz unruhig, doch dazu musste ich erst einmal die Reise bewältigen.
Als ich von Azrel rutschte, fühlten sich meine Beine schwer an. Sofort war Xander an meiner Seite und hielt mich, damit ich nicht viel. »Du hättest in dem Schlitten schlafen können«, flüsterte er mir belustigt zu.
Ich verdrehte die Augen. Natürlich hätte ich das, doch so langweilig wie es war, so ungern wollte ich die Reise verschlafen. Außerdem hatten die Gespräche auch etwas Interessantes.
Darion und Amirak hatten einiges zu erzählen. Sie waren viel herumgekommen.
»Ich kümmere mich um das Essen«, bemerkte Vorin, der auf das größte der Iglus zuging. Dieses war ein Gemeinschaftsiglu. Dort wurde gekocht und die Wachen schliefen dort, während ich mit Xander ein nahes Iglus für die Nacht ansteuerte.
Ich hatte mit Cayne besprochen, dass es mir lieber war, allein zu bleiben, statt mit den Männern zu schlafen. Xander war, aufgrund unser Beziehung, eine Ausnahme.
Er hatte es überraschend ruhig aufgefasst und es für eine gute Idee gehalten, auch wenn es etwas unsicherer war.
Ob er seinen eigenen Leuten nicht vertraute?
Auch war er nicht so ganz davon begeistert, dass Xander bei mir blieb. Er hatte mich zwar nicht ermahnt, doch an seinem Blick hatte ich eine stumme Frage gesehen.
Es ließ mein Herz heftiger schlagen, wenn ich darüber nachdachte, dass andere davon ausgingen, dass Xander und ich ein Verhältnis hatten. Allerdings ging es nicht über Freundschaft hinaus. Das konnte ich mir in meiner Position leider nicht leisten, auch wenn die Vorstellung meinen Bauch kribbeln ließ.
»Willst du dich zurückziehen oder mit den anderen am Feuer aufwärmen?«, fragte Xander, der darauf wartete, dass meine Beine aufhörten zu zittern.
Wenn es nach mir ging, hätte ich mich lieber zurückgezogen. Anders als die Männer fror ich nicht. Mich störte die Kälte nicht, ich brauchte also auch kein warmes Feuer. Doch wenn ich mich zurückzog, würde Xander mir folgen. Seine Hände waren eiskalt und ich konnte ihm ansehen, dass ihm kalt war. »Lass uns zu den anderen gehen«, schlug ich vor. Dort konnte er sich aufwärmen und wir konnten uns noch ein wenig unterhalten. Essen würde ich in meinem Iglu, damit ich mit Xander tauschen konnte. Ich wollte nicht für unnötiges Gerede sorgen, weil ich kein Fleisch aß. Das war für Werwölfe so ungewöhnlich, dass am Ende vielleicht noch Spekulationen aufgestellt wurden, ob ich wirklich ein Werwolf war. Ich brauchte keine Gerüchte darüber, dass ich als Omega geboren wurde. Es reichte, dass meine Gabe noch nicht erwacht war.
Als wir das Iglu betraten, räumten die Männer gerade auf und entfachten in der Mitte ein Feuer, damit sie darauf kochen konnten.
Vorin war dafür zuständig und begann bereits Fleisch und Gemüse zu schneiden, während die anderen sich um den Rest kümmerten.
Ich ließ mich nieder und bekam keine Minute später einen heißen Tee gereicht.
Wann hatte Vorin diesen zubereitet? Das Feuer war noch nicht einmal ganz erhitzt.
»Danke«, murmelte ich, was Vorin lächeln ließ. »Damit Euch wieder warm wird«, zwinkerte er mir gut gelaunt zu, was Xander neben mir leise knurren ließ.
Allerdings schien es Vorin nicht zu bemerken und als ich meinem Freund einen Blick zu warf, wandte er den Kopf ab, als hätte er plötzlich etwas sehr Interessantes gesehen.
Ich entschied mich dazu, mich auf mein Getränk zu konzentrieren. Starker Kräutertee, der wirklich gut schmeckte.
Genüsslich schlürfend lehnte ich mich zurück und beobachtete die Männer, die in Harmonie zusammenarbeiteten.
»Ich kümmere mich um die Tiger«, erklärte Cayne irgendwann und verließ den Raum.
Im Kessel kochte der Eintopf und sorgte für einen angenehmen Duft.
»Soll ich dich zum Iglu bringen, bevor du hier einschläfst?«, fragte Xander irgendwann.
Ich schreckte auf, denn mir war gar nicht bewusst gewesen, dass ich kurz davor war, einzuschlafen.
Müde nickte ich langsam.
»Ich hol das Essen für uns dann ab«, rief Xander den anderen noch zu, bevor er mich hinaus führte.
Sofort schauderte er und zog seinen Mantel enger, während ich ihn offen ließ und durch den Schnee stapfte. Das Iglu lag nur wenige Schritte vom Hauptiglu entfernt und so machte ich mir nicht einmal die Mühe.
Xander schob den Vorhang zurück und ließ mich eintreten.
»Das sind andere Runen«, bemerkte ich überrascht, als ich die feinen Gravuren an den Wänden entdeckte.
»Meinst du?«, fragte Xander, der diesen nur einen kurzen Blick widmete. Er war nicht so interessiert wie ich, doch das störte mich nicht. Ich widmete mich diesen neugierig, während er das Nachtlager für uns herrichtete.
»Ich denke schon«, erwiderte ich, auch wenn ich wusste, dass er nur fragte, weil es mich interessierte. »Sie sind filigraner und … komplexer«, erklärte ich, während ich mit meinen Fingern die vielen Linien nachfuhr.
Irgendwann spürte ich Xanders Blick auf mir und wandte mich um.
Ein Schauer rann mir über den Rücken, als ich seinen Ausdruck bemerkte. Anders als sonst. Starrend, abwesend, nicht mehr der Xander, den ich kannte.
»Was ist?«, fragte ich.
Xander blinzelte und dann wurde sein Gesicht wieder weich und das Lächeln kehrte zurück. »Tut mir leid. Ich war irgendwie abgelenkt«, sagte er, als wäre nichts gewesen.
So hatte ich Xander noch nie gesehen, doch die Reise musste auch ihn ziemlich erschöpft haben. Also schob ich es auf seine Müdigkeit und tat es einfach ab. Wenn ich müde war, starrte ich auch manchmal einfach an die Wand.
»Wie wäre es, wenn du das Essen holst und dann gehen wir schlafen?«, bot ich an.
Xander hatte sich Sorgen gemacht, auf der Reise nicht satt zu werden, doch da er immer mit mir aß, konnte ich dafür sorgen, dass er mein Fleisch bekam. Ich brauchte nicht so viel. Solange meine Gabe nicht erwacht war, musste ich auch nicht so viel essen. Zumindest hatte ich gehört, dass das Nutzen einer Gabe zu erhöhtem Hunger führte.
Als er schließlich gegangen war, seufzte ich und lehnte mich zurück. Allerdings schloss ich meine Augen noch nicht. Stattdessen lauschte ich auf die Geräusche.
Nichts deutete daraufhin, dass hier noch jemand anderes war. Nur der Wind, der um das Iglu fuhr. Nicht so brausend und fauchend wie in der Nacht.
Noch immer wusste ich nicht, ob ich geträumt hatte oder nicht. Aber Xander hätte es hören müssen. Doch er war so ruhig gewesen.
Frustriert fuhr ich mir durch die Haare, da kehrte Xander auch schon wieder zurück.
Sein dunkles Haar war mit Schneeflocken bedeckt und er schüttelte sich etwas, während er mir die Suppe reichte. Dieses Mal sofort die ohne Fleisch.
»Es beginnt zu schneien«, bemerkte er das Offensichtliche.
Ich schmunzelte, setzte mich auf und nahm das Essen, während er sich zu mir setzte.
Als ich begann zu essen, stellte ich fest, dass Xander keinen Bissen nahm. »Schmeckt es nicht?«, fragte ich überrascht.
Das Lächeln, das auf Xanders Lippen erschien, war schief und typisch für ihn. »Ich habe noch keinen Hunger«, erklärte er und stellte die Schüssel neben das Feuer.
Das kam nicht überraschend. Auch zuhause hob er manchmal Essen für sich auf, weshalb ich es nicht hinterfragte.
Noch während ich aß, spürte ich die Müdigkeit in mir aufsteigen, bis ich mehr gähnte als essen konnte.
Xander lachte leise. »Leg dich hin«, sagte er sanft und nahm mir die Schüssel aus der Hand, um mich schließlich zuzudecken.
Ich spürte, wie meine Glieder träge wurden und ich schließlich ins Land der Träume glitt. Allerdings glaubte ich zu sehen, wie jemand vor unserem Iglu erschien und wie Xander dieses verließ.
Aber was wollte er zu dieser Zeit draußen?
Bevor ich mir Gedanken darum machen konnte, wurde ich in einen schönen Traum gezogen.



































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