01. Fremde Welt

Kalte Luft strömte herein, als ich die Haustür aufmachte. Die Straßenlaternen brannten schon, in ihrem Licht zeichnete sich Nebel ab. Ich schlug den Jackenkragen hoch, wickelte den Schal fester. Ein schneller, prüfender Blick: Gegenüber parkten ein paar Autos, Menschen sah man nirgends.

Plötzlich bekam ich wieder Schiss. Musste es wirklich sein? Gab es nicht doch irgendeine andere Möglichkeit? „Mensch, reiß dich zusammen“, fluchte ich leise und zwang mich, rauszugehen. Mit einem Ruck zog ich die Tür hinter mir zu.

Stille.

Wo waren die Verkehrsgeräusche? Der Autolärm, das Rumpeln der Züge? Konnte man wirklich nichts hören? Vielleicht ein Flugzeug am Himmel? Stimmen? Schritte? Ich hielt die Luft an, bewegte mich nicht mehr, konzentrierte mich total auf die Umgebung.

Nein, da war tatsächlich gar nichts. Nur eine einzige, tiefe Ruhe, wie ich sie bisher noch nie erlebt hatte.

Ich stand in einer fremden Welt. Hinter mir der Reihenhausblock, so niedrig, als hätten sie ein paar Etagen weggelassen. Zwischen Block und Gehweg ein Streifen mit Vorgärten, begrenzt durch Jägerzäune: kurzgeschorener Rasen und säuberlich abgezirkelte Blumenbeete mit umgegrabener, nasser Erde. Auf der anderen Straßenseite eine Wiese, in etwa so groß wie ein Fußballfeld, links davon eine Handvoll Einfamilienhäuser. Kein Lebenszeichen drang aus ihnen, alle Fenster waren dunkel.

An der Ecke wäre ein Zigarettenautomat, hatte Henri behauptet. Ob das stimmte? Ich spähte in die Richtung, aber es war schon zu dunkel, um etwas zu erkennen. Egal, jetzt gab es kein Zurück mehr.

Beim Öffnen quietschte die Gartentür leise in den Angeln – ich zuckte zusammen: In der Stille klang der Ton wie ohrenbetäubendes Kreischen! Aber nichts passierte: Keine Tür klappte auf, niemand kam raus und guckte neugierig. Ich atmete erleichtert durch und ging raus auf den Weg.

Noch immer war es ungewohnt, wieder saubere, blanke Gehwegplatten unter sich zu spüren, nicht mehr knirschenden Streusand. Er wurde jetzt überall weggefegt – eigentlich ein typisches Zeichen, dass der Winter endgültig vorbei war. Lange genug gedauert hatte er ja. Aber von Frühling merkte man auch noch nichts, Sonne und Wärme ließen auf sich warten. Es war eine komische, unwirkliche Zwischenzeit.



Der Block zog langsam an mir vorüber. Bis auf ihre unterschiedlichen Anstriche – grün, gelb, braun, orange – sahen die einzelnen Häuser immer gleich aus: Links neben der Haustür war das Küchenfenster, auf der anderen Seite die kleine Luke der Toilette im Erdgeschoss. Im ersten Stock lagen immer drei gleichgroße Fenster nebeneinander, das rechte mit Milchglasscheibe, weil es zum Badezimmer gehörte. Darüber kam schon das Dach. Auf einigen Treppen standen Blumentöpfe, aber nie wuchs etwas darin.

Eine aufgeräumte, saubere Welt. Ich hatte hier nichts verloren, war ein totaler Fremdkörper. Hinter den dunklen Fenstern schienen jetzt überall Augenpaare aufzutauchen, die mich misstrauisch taxierten. ‘Was ist das für einer?’, hörte man es flüstern, und ‘Was will der hier?’ Panik kroch in mir hoch, der Weg wurde immer länger. Mensch, wo blieb nur der verdammte Automat? Wahrscheinlich gab es ihn gar nicht – so ein Vollidiot, dieser Henri!

Ich wollte schon kapitulieren, auf dem Absatz kehrt machen, als ich ihn doch noch entdeckte: an der Außenwand des letzten Hauses. Man musste durch den Vorgarten gehen, um hinzukommen. Durfte man das überhaupt? Wer hatte die bescheuerte Idee gehabt, einen Zigarettenautomaten mitten auf ein Privatgrundstück zu setzen?

Wenigstens stand die Gartenpforte offen. Als ich zwischen den Blumenrabatten hindurchging, rechnete ich jeden Augenblick damit, dass ein Hund anschlug oder mich jemand aus dem Dunkel anbrüllte. Hastig zog ich eine Schachtel und beeilte mich, wieder auf die Straße zu kommen.

„Keine Panik!“, sagte ich mir beim Zurückgehen. Ich versuchte ruhig zu bleiben, langsam und konzentriert einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aber ohne es zu wollen wurde ich schon wieder schneller. Schließlich rannte ich fast.

Große Erleichterung, als ich endlich wieder zur Haustür kam!

 

***

 

Ich hockte im Sessel und starrte Löcher in die Luft. Der Wecker tickte, die Zeit verrann, versickerte, verschwand im Nichts. Waren es Minuten? Stunden?

Der Arbeitslärm draußen auf dem Flur wollte einfach nicht enden. Unermüdlich schleppten Hartmann, Klaus und Henri Sachen nach oben. Bugsierten sperrige Teile durch den engen Treppenaufgang, riefen sich Kommandos zu. Nicht immer klappten ihre Manöver: Einmal rammten sie mit voller Wucht das hölzerne Treppengeländer – das Quietschen klang wie ein verzweifelter Aufschrei.



Vorhin hatte ich ja noch mitgeholfen. Aber seit meine eigenen Sachen oben waren, saß ich lieber hier und hörte mir an, wie sie da draußen keuchten und schnauften. Hatte ich ein schlechtes Gewissen? Na gut, vielleicht ein bisschen.

Nachher beim Abendbrot würden sie über mich herfallen, garantiert. Ich konnte jetzt schon ihr Gemotze hören: ‘Hauke, der faule Sack!’, ‘Hat uns total hängen lassen!’ und so weiter, blah blah. Egal! War es meine Idee gewesen, aus der Nordstadt wegzuziehen in ein elendes Kaff am Ende der Welt?

Zum x-ten Mal wanderte mein Blick durch diesen fremden Raum, der jetzt mein Zimmer sein sollte: Ein langgezogenes Rechteck, fast ein Schlauch. Ich saß an einer der Längsseiten, nicht weit weg von der Tür. Neben mir ein Tischchen für Aschenbecher, Zigaretten und Feuerzeug, dahinter ein zweiter Sessel. Unter dem Fenster der Schreibtisch, der sich einklappen ließ. Gegenüber ein Regal, das Bettsofa und schließlich der Kleiderschrank.

Außer der Sitzecke, die Klaus mir vermacht hatte, waren alle Möbel frisch aus dem Einrichtungshaus. Mein altes Zimmer war eine Ansammlung von Sperrmüll gewesen: ein speckiger Sessel, ein Schrank, der jeden Augenblick zusammenbrechen konnte, ein durchgelegenes Bett und so weiter. Früher hatte ich nie darüber nachgedacht, aber plötzlich wunderte ich mich, dass ich es in dem ollen Plunder so lange ausgehalten hatte.

Es war ein Bestechungsversuch, ganz klar. Die neuen Möbel sollten mich dazu bringen, das miese Spiel mitzuspielen, die Nordstadt einfach hinter mir abzuhaken. Aber da konnten sie lange warten. Hieß ich etwa Henri? Dieser Idiot von Bruder war selbst total gegen den Umzug gewesen. Aber kaum hatten sie ihm neue Sachen versprochen, war er zum Gegner übergelaufen – wieder mal typisch!

Auch auf Hartmann war ich sauer – so was nannte sich also Kumpel. Muttern und Klaus hatten ihn als Helfer geholt, gegen Bares. Schön und gut, aber musste man sich deshalb gleich so reinhängen? Er ackerte wie ein Bekloppter, wollte den Job perfekt erledigen, sich keine Blöße geben. Das war für ihn fast eine Frage der Ehre.

Wie schaffte Klaus es bloß immer, die Leute so einzuspannen? Irgendwas war an ihm, das alle begeisterte, sie dazu brachte, sich komplett für ihn aufzuopfern. Ein bisschen Lohn obendrauf tat dann ein Übriges.



Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass Hartmann anders wäre, nicht so ein Umfaller. Großer Irrtum: Auf ein Fingerschnippen von Klaus hatte er sofort die Seiten gewechselt. Jetzt machte er gemeinsame Sache mit den anderen.

Und morgen verdrückte er sich wieder in die Nordstadt, ließ mich hier hängen – dieser elende Verräter!

 

***

 

Die Rockpalast-Nacht fing an. Ich hatte den Fernsehton weggedreht, ließ die Musik über meine Anlage kommen: Die Sendung wurde parallel im Radio übertragen, in Stereo. Gerade zeigten sie noch Ausschnitte von früheren Konzerten, alte Interviews und so Zeugs. Wenn nur das Bild besser gewesen wäre: Ständig verwischte es, wurde zu Schnee, alles Hin- und Herrücken der Zimmerantenne half nichts. Wahrscheinlich war man hier draußen einfach zu weit ab für normalen Empfang.

Hartmann hing wie ein Toter im Sessel – der Umzug hatte ihm den Rest gegeben. „Ohne ihn wären wir heute nicht fertig geworden“, hatte Klaus vorhin behauptet. „Geschuftet wie ein Tier hat der.“ Toll, dafür war er jetzt nicht mehr zu gebrauchen. Ich hatte eigentlich gehofft, noch ein bisschen mit ihm zu quatschen, immerhin war es unser letzter gemeinsamer Abend. Das konnte ich wohl vergessen.

Endlich der große Moment: The Who betraten die Bühne! Würden sie es noch bringen? Immerhin gingen sie stramm auf die 40 zu. Erst klangen sie tatsächlich etwas lahm, vor allem bei den Sachen vom letzten Album. Aber allmählich kamen sie in Fahrt, hauten einen Hit nach dem anderen raus. Bei „Who Are You?“ sprang der Funke dann endgültig über: Plötzlich stimmte alles, sie rockten wie in Trance. Daltrey ließ das Mikro durch die Luft wirbeln, dass man dachte, es fliegt weg, Townsend machte seine Windmühle an der Gitarre. Sogar die Lichtshow, bei The Who ja eigentlich Nebensache, sah auf einmal super aus. Sie hatten es also noch drauf, die alten Recken, ihnen machte keiner was vor! Bloß schade, dass Keith Moon nicht mehr dabei war. Kenney Jones mühte sich redlich, aber er blieb die ganze Zeit irgendwie steif, hatte einfach nicht diese entfesselte Power.

Hartmann bekam nicht mehr viel mit, er nickte ständig ein. Gerade sank ihm wieder der Kopf auf die Brust. Dabei hatte er sich vorhin noch am lautesten auf das Konzert gefreut – wirklich bitter!



Zwischen seinen Fingern steckte eine qualmende Zigarette. Gespannt beobachtete ich, wie sie immer weiter runterbrannte. Jeden Augenblick würde sie ihm die Pfoten versengen – geschah ihm recht, dem Penner! Dann hatte ich doch Erbarmen, nahm ihm den Glimmstängel aus der Hand. Zog selbst noch ein paarmal dran und drückte ihn im Aschenbecher aus.

Es war schon ein komisches Gefühl, endlich im eigenen Zimmer rauchen zu dürfen. Aber das riss es auch nicht mehr raus. Gern wäre ich zum Qualmen weiterhin auf die Straße gegangen, wenn wir dafür in der Nordstadt geblieben wären.

Zu allem Unglück fing heute Nacht auch noch die Sommerzeit an. Sie klauten einem einfach eine komplette Stunde. Hieß: Das Alleinsein hier draußen, in dieser verdammten Einöde, würde noch früher losgehen.

Bei diesem Gedanken blieb mir regelrecht die Luft weg.

 

***

 

Den dritten Tag war ich jetzt schon hier, und bis auf den kurzen Gang zum Automaten am Samstag hatte ich noch keinen Fuß vor die Tür gesetzt. Am liebsten wäre ich gar nicht mehr rausgegangen, auf ewig in meinem Zimmer geblieben. Aber das hätte auch nichts genützt. Selbst wenn ich in den Hungerstreik getreten wäre – Muttern hätte den Umzug niemals rückgängig gemacht. Eher wäre ich hier oben jämmerlich verreckt.

Hartmann, der Glückliche: Er war gestern mit Klaus in die Nordstadt zurückgefahren. 60 Kilometer lagen jetzt zwischen uns. Spontan bei ihm vorbeischauen, auf eine Zigarette, ein Bierchen – plötzlich ging das nicht mehr. Mensch, wir kannten uns seit Ewigkeiten, hatten immer alles zusammen gemacht – und von einem Tag auf den anderen war da nur noch Leere. Leere und endlose Langeweile. Robinson Crusoe konnte nicht beschissener dran gewesen sein als ich jetzt. Hauke Jansen auf seiner einsamen Insel.

Ich spürte eine Mordswut: Alles hatten sie mir weggenommen, regelrecht von mir abgeschnitten, diese Schweine! Mein komplettes Leben war auf dem Müllhaufen gelandet. Am liebsten hätte ich geschrien, den ganzen Frust aus mir rausgebrüllt, die anderen richtig schön zusammengestaucht. Aber sie waren alle ausgeflogen: Muttern zum Einkaufen, Henri unterwegs mit irgendwelchen neuen Kumpels und Klaus auf Arbeit.



Klaus – erst hatte ich ihn im Verdacht gehabt, hinter der Idee mit dem Umzug zu stecken. Er wohnte ja selbst irgendwo in dieser Gegend, mit Frau und zwei kleinen Kindern. Wenn er demnächst wie geplant geschieden war, wollte er ganz zu uns übersiedeln. Er hatte also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Bei uns konnte er sich einnisten, gleichzeitig waren seine Kids nicht weit weg.

Aber Muttern schwor immer hoch und heilig, dass der Hauskauf allein ihre Idee gewesen wäre. Die Nordstadt hätte uns „kaputtgemacht“, behauptete sie. Nur Hochhäuser und Beton, besprühte Wände, eingeschlagene Scheiben, demolierte Sitzbänke und Spielplätze. Dazu der ganze Müll, den die Leute einfach aus den Fenstern schmissen statt in die Container. Wir hätten das nicht mehr nötig, meinte sie, könnten uns endlich was Besseres leisten. Super – und jetzt saß ich hier, durfte in der Nase bohren.

Die Schule mussten Henri und ich natürlich auch wechseln. Er war hier auf der Realschule angemeldet, ich kam auf irgendein „Kreisgymnasium“ in Eckhorst, 30 Kilometer entfernt. Auf die tägliche Fahrerei freute ich mich schon.

Wenigstens kamen jetzt erst mal die Osterferien. Zwei Wochen Gnadenfrist, bevor es hier richtig losging.

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