02. Zurück ins Gestern

Mit einem Ruck setzt sich die Bahn wieder in Bewegung. Befreites Aufatmen unter den Fahrgästen. Nur noch ein kurzes Stück Fahrt, dann haben wir die nächste Station erreicht: Altona. Die Türen öffnen sich, die Leute strömen ins Freie. Am gegenüberliegenden Bahnsteig fährt eine weitere Bahn ein. Auch dort quillt ein ganzer Pulk Menschen aus dem Zug, viele kommen zu uns herüber. Sie tragen Funktions- oder Sportkleidung, haben Rucksäcke geschultert, halten Wasserflaschen in den Händen. Die Zahl der Fahrräder im Gang wird noch größer. Offenbar ist dies die Ausflugslinie. Ich bin richtig.

Weiter geht die Fahrt. Wir verlassen den Tunnel, sehen nach fast halbstündiger Dunkelheit endlich wieder Sonnenlicht. Alte Fabrikgebäude ziehen vorüber, zum Teil renoviert und zu Lofts umgebaut. Für einen Moment verdunkelt der Schatten eines riesigen Bürokomplexes das Wageninnere. Es folgen Neubaublöcke und ein Gewerbegebiet, das von einer weiten, leeren Rasenfläche umgeben ist. Nun überqueren wir die Autobahn. Links ist die Einfahrt in den Elbtunnel zu sehen, vor der sich der Verkehr staut.

Dann scheinen wir in eine andere Welt einzutauchen. Herbstlich eingefärbte Bäume sausen vorbei, Villen, deren weitläufige Gärten bis an den Bahndamm heranreichen. Man sieht Menschen, die sich sonnen, Kinder, die ein Fest feiern, eine Frau deckt Beete ab, jemand mäht den Rasen. Einmal vernebeln blaue Rauchschwaden die Sicht, als in einem Garten gegrillt wird. Immer neue Szenerien gleiten heran, bleiben für Sekundenbruchteile stehen wie von einem Fotoapparat gebannt und verschwinden wieder…

…und auf einmal merke ich, dass dort meine eigene Vergangenheit an mir vorüberzieht. Auch ich habe früher in einem solchen Garten gespielt, bin in einem ähnlich großen Haus aufgewachsen. Dieses wohlhabende Viertel am Fuß der Bahnstrecke könnte das meiner eigenen Kindheit und Jugend sein.

Schon sehe ich mich auf meinem Rad durch die Straßen fahren. Das habe ich damals oft gemacht. Ich fuhr einfach herum, ohne Ziel und ohne festgelegte Route. Im Herbst knisterte welkes Laub unter meinen Reifen, im Frühjahr war die Luft erfüllt von lautem Vogelzwitschern.

Das Viertel lag im Süden meiner Heimatstadt, am Fluss. Die Häuser waren weitläufig, viele Räume in ihnen wurden so gut wie nie benutzt. Alles war reinlich. Putzfrauen, die nur gebrochen deutsch sprachen, machten sauber und verschwanden unauffällig wieder, sobald sie ihre Arbeit verrichtet hatten.



Die Kinderzimmer waren üppig eingerichtet und angefüllt mit dem vielfältigsten Spielzeug. Ich besuchte die Grundschule des Stadtteils und wechselte später auf ein nahe gelegenes Gymnasium. Mein Tagesablauf war, ähnlich wie bei allen anderen, strikt durchgeplant. In der Schule nahm ich an verschiedenen AG’s teil, unter anderem Schach. Ich erhielt Unterricht für Klavier und Gitarre. Zudem belegte ich ab der siebten Klasse einen täglichen Kursus in Latein. Das war obligatorisch für Schüler, die Französisch als zweite Fremdsprache gewählt hatten. Ohne Latein, hieß es, hätte man später an der Universität einen deutlichen Wettbewerbsnachteil.

In der wenigen freien Zeit beschäftigte mich mit meinem Homecomputer. Zu meinem zehnten Geburtstag hatte ich einen C64 bekommen, der später durch einen Amiga 500 abgelöst wurde. Mithilfe einer Computerzeitschrift, die ich regelmäßig las, brachte ich mir das Programmieren bei. Nach und nach baute ich meine Kenntnisse aus. Meine Anwendungen, die anfangs noch sehr simpel waren, gewannen bald zunehmend an Komplexität.

Eines dieser Programme simulierte die Funktionsweise eines Getränkeautomaten. Der Benutzer konnte eines der angebotenen Getränke auswählen und dann Geldmünzen verschiedener Größe einwerfen, bis die erforderliche Summe erreicht war. Kleine Münzen wurden nicht angenommen und fielen durch. Nach der Getränkeausgabe wurde sogar Restgeld zurückgegeben. Alles virtuell, versteht sich. Per Zufallsgenerator ließ ich von Zeit zu Zeit bestimmte Getränke ausgehen. Alles sollte so realistisch wie möglich sein.

Später stellte ich die Abläufe eines doppelten Aufzugsystems in einem Hochhaus nach. Wieder setzte ich den Zufallsgenerator ein, um die Bewegungen im Gebäude zu simulieren. Wuselnde Bildpunkte symbolisierten Menschen, die nach oben oder unten wollten und dafür wahlweise den Aufzug oder die Treppe benutzten.

Computerspiele hingegen reizten mich überhaupt nicht, was ungewöhnlich war. Fast alle meine Bekannten, ob in der Schule oder der Nachbarschaft, verbrachten einiges an Zeit mit ihren Adventures, Jump&Runs, Ballerspielen. Aber ich wollte den Rechner lieber für ernsthafte Dinge verwenden, nicht zur Zerstreuung. Das digitale Universum, das ich mir selbst geschaffen hatte, war interessanter als alle Games, es gehorchte nur den Gesetzen meiner eigenen Phantasie, nicht denen irgendwelcher Spieleprogrammierer.



Aber letztlich konnte es mir auch nicht das bieten, wonach ich mich insgeheim sehnte. Etwas fehlte mir. Ich vermochte es kaum in Worte zu fassen. All die Ordnung und Perfektion meiner Umgebung, dazu der Überfluss… es schien, als könne ich dem Ganzen nichts mehr hinzufügen. Alles war bereits da.

Immer wieder gab es Momente, da mir die vier Wände meines Zimmers zu eng, die Leere und Stille der vielen Räume unseres Haus unerträglich wurden. Ich musste hinaus, ins Freie. Ohne einen konkreten Plan setzte ich mich aufs Rad und fuhr ziellos herum. Ließ die Häuser an mir vorüberziehen, deren Eingänge mit Blumentöpfen verziert waren, die gepflegten Auffahrten, die chromblitzenden Autos in ihren Garagen. Beobachtete Nachbarn, die Treppe und Bürgersteig fegten, Hecken akkurat zurechtstutzten, Beete wässerten. Sah, wie der Gärtner im Park seine Runden auf dem Rasenmäher drehte, in gekonnten Manövern Sträuchern und Blumenrabatten auswich.

Irgendwann hatte ich mich wieder beruhigt und kehrte zurück an meinen Computer. Außer es war inzwischen Zeit für den Klavierunterricht, die Schach-AG, die Lateinstunde oder sonst einen der diversen Pflichttermine.

Ungefähr ab dem zwölften Lebensjahr traf ich mich nachmittags manchmal mit Kindern aus dem Viertel. Einfach so, außerhalb des strikten Wochenplans. Wir liefen herum und wussten nicht recht, was wir anfangen sollten. Ich glaubte zu spüren, dass wir alle auf der Suche nach etwas waren, von dem wir ahnten oder hofften, dass es existierte. Oder täuschte ich mich? Bildete ich mir Gemeinschaft ein, wo keine war? Nie sprach ich mit den anderen über dieses Thema.

Dann zog ein Neuer zu uns. Mit ihm drehte sich der Wind, unter seiner Führung wagten wir plötzlich Dinge, die wir uns vorher nie getraut hätten.

Zum Beispiel erkundeten wir heimlich die Gegend jenseits des Flusses. Dieser begrenzte unser Viertel, und natürlich war uns seine Überquerung strengstens untersagt. Wir hatten alle eine Höllenangst bei unserer Expedition ins Unbekannte. Ertappt zu werden, uns schmutzig zu machen, unsere Fahrräder zu beschädigen – genau konnten wir es gar nicht sagen. Der Neue lachte über uns „Hasenfüße“ und winkte verächtlich ab.




Wenig später initiierte er eine weitere Mutprobe. Wir sollten zusammen zur Jahn-Siedlung fahren, einem weithin berüchtigten Viertel, das wir nur vom Hörensagen kannten. Es lag im Norden, jenseits des städtischen Autobahnrings. Diesen hatte bislang noch keiner von uns zu passieren gewagt. Aber wer jetzt kniff, lief Gefahr, sein Gesicht zu verlieren und als Memme abgestempelt zu werden.

Allen war unglaublich beklommen zumute, als wir aufbrachen. Selbst unser Anführer schien plötzlich Angst vor der eigenen Courage bekommen zu haben – er wirkte genauso eingeschüchtert wie wir anderen. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

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