03. Nordstadt

In der Achten waren die ganzen Sitzenbleiber in unsere Klasse gekommen, Dominik, Thorsten, Gerhard, Zucki und so weiter. Mit einem Schlag wurde alles anders, keine Spur mehr von der drögen Langeweile in der Schule, wie bisher. Die Neuen waren älter, selbstbewusster und irgendwie cooler, schnell entstand eine Clique um sie herum. Unser verbindendes Element war das Rauchen. Es unterschied uns von den anderen, den Strebern und Schnarchnasen. In den Pausen verdrückte sich unser Trupp immer gesammelt vom Schulgelände, um eine zu qualmen. Ab und zu zogen wir auch eine Tüte durch.
Nach den letzten Sommerferien kamen noch mehr Leute, die bei uns eine Ehrenrunde drehen mussten. Jetzt war endgültig Party angesagt. Wir machten uns einen Spaß daraus, den Unterricht regelrecht zu sabotieren, alles im Chaos versinken zu lassen. Von den Scheiß-Lehrern ließen wir uns gar nichts mehr sagen, die kriegten nur Druck. Manchmal schafften wir es, dass sie heulend rausliefen, das feierten wir immer wie einen Sieg.
Auch in der Nordstadt herrschte seit einiger Zeit Aufbruchstimmung. Überall bildeten sich Cliquen, formierten sich um, lösten sich wieder auf, alles war ständig in Bewegung. Der Treffpunkt ergab sich meist zufällig: eine Sitzbank, ein Spielplatz in der näheren Umgebung – was sich gerade anbot. Man hockte zusammen, laberte, machte Quatsch. Wenn man Bock hatte, drehte man eine Runde, zeigte sich unter den Leuten.
Ich gehörte nirgends fest dazu, war bald hier dabei, bald dort. Aber genauso wollte ich es. Wenn man unabhängig blieb, bekam man besser mit, was im Viertel lief.
Eines Nachmittags hing ich mit ein paar Kumpels bei mir vor der Haustür ab. Piet war dabei, ein Typ aus dem Nachbarblock, der schon als Knirps die Keller der Gegend aufgebrochen hatte. Und Marcel, der in meine Parallelklasse ging. Wie die meisten der Gymmis am KBZ wohnte er nicht direkt in der Nordstadt, sondern in der Jahn-Siedlung, einem Nachbarstadtteil. Die Leute von dort galten eigentlich als Schnösel, mit denen sich keiner abgab, aber Marcel war eine Ausnahme. Er schimpfte am lautesten von allen über sein Viertel, nannte es immer „Bonzennest“, wollte es am liebsten abfackeln und so weiter. Auch sonst gab er sich extra hart. Zum Beispiel kannte ich keinen, der so viel klaute wie er.
Wir saßen also bei mir vor der Haustür und laberten. Zum x-ten Mal musste Marcel eine Schachtel Camel rumreichen, aus der wir uns bedienten. Sie war Teil seines letzten Raubzuges: Zehn Stangen hatte er angeblich aus dem Edeka-Markt im Einkaufszentrum rausgetragen. Wie, das blieb sein Geheimnis.
„Nachher kommt noch ein alter Bekannter“, meinte Piet irgendwann. Ich dachte mir nichts dabei und fragte nicht weiter nach. Wenig später sah ich aus den Augenwinkeln einen Typen auf uns zusteuern. Ich hatte das Gefühl, ihn zu kennen, aber der Groschen wollte und wollte nicht fallen. Erst als der Kerl sich direkt vor uns aufbaute, kam mir die Erleuchtung: Es war Hartmann. Und war es doch nicht. Meine Fresse, wie der sich verändert hatte! Das Haar hing ihm lang und verfilzt auf die Schultern herab, über der Lippe und am Kinn spross dichter, rötlicher Bartflaum. Sein Gesicht war kantig und knochig geworden, es zeigte keine Spur mehr von der alten Gutmütigkeit, die den ständigen Schlägen getrotzt hatte. Dazu dieser Blick – etwas Berechnendes, fast Heimtückisches lag in ihm, das einem unwillkürlich Respekt einflößte.
Wir quatschten über harmlose Sachen. Was gerade abging in der Nordstadt, wie cool es früher gewesen war und ähnliches. Es war wie ein vorsichtiges gegenseitiges Abtasten – an diesen neuen, fremden Hartmann mussten wir uns erst mal gewöhnen. Er und Piet gingen seit kurzem in eine Klasse. Piet hatte ihm erzählt, dass wir uns heute hier treffen würden, und Hartmann hatte sofort zugesagt, vorbeizukommen.
Diese erste Begegnung dauerte nicht lange, aber von nun an sah ich Hartmann wieder öfter. Mit dem Looser und Prügelknaben aus der Grundschule hatte er keine Ähnlichkeit mehr. Er wirkte abgehärtet, gestählt. Man hatte das Gefühl, ihm besser nicht blöd zu kommen. Die alten Sticheleien und Witzchen, mit denen wir ihn früher immer aufgezogen hatten, ließen wir jetzt lieber bleiben – auf einmal hatten alle ein bisschen Muffe vor ihm.
Zu recht, wie sich bald zeigte. Eines Nachmittags latschten Piet und ich gemeinsam mit Hartmann runter zum Einkaufszentrum, um Bier zu holen. Auf der Betonmauer neben dem Edeka-Markt saßen oft Alkis und soffen. Auch heute lungerte dort ein Typ rum, etwas älter, stämmig gebaut, in der Hand die unvermeidliche Bierdose, schon ziemlich einen im Kahn. Als wir an ihm vorbei zur Eingangstür gingen, laberte er uns blöd an. Früher wäre Hartmann bei dieser Sorte sofort abgehauen. Jetzt machte er halt, guckte den Säufer neugierig, fast provozierend an.
„Was willsu, Milchgesicht?“, brüllte der, „ist das hier’n Zoo, oder was?“ Er stand auf, warf die halbvolle Dose in die Ecke, Bierschaum spritzte durch die Gegend. Der Platz vorm Ladeneingang war mit einem Mal wie leergefegt. Piet nickte mir beschwörend zu. Ich verstand, wollte Hartmann am Ärmel greifen und in den Laden ziehen. Notfalls dem Besoffenen irgendwas Lustiges zurufen, zur Besänftigung. Aber der Typ holte bereits aus. Scheiße, dachte ich, das geht nicht gut.
Hartmann, der den Schlag längst erwartet hatte, sprang zur Seite. Die Faust rauschte weit an ihm vorbei, fast meinte man den Luftzug zu spüren. Der nächste Schlag kam, und wieder wich Hartmann problemlos aus. Das wiederholte sich ein paarmal. Hartmann hatte zu tänzeln angefangen, wie ein Boxer. Der Säufer war inzwischen stark am Keuchen.
Urplötzlich knipste Hartmann sein Grinsen aus wie eine Lampe und schlug selbst zu. Fast ohne Ansatz, genau auf die Nase. Es klatschte laut. Der Typ ging nach unten, hielt sich mit beiden Händen den Zinken. Hartmann packte seine Ohren und rammte ihm mit voller Wucht das Knie in die Fresse. Der Alki taumelte, fiel, knallte mit dem Hinterkopf gegen die Betonbrüstung. Gerade wollte er sich berappeln, als Hartmann zutrat, mit der Stiefelspitze mitten ins Gesicht. Und noch mal, immer und immer wieder. Ich sah das Blut, den Körper, wie er sich zusammenkrümmte, beim nächsten Tritt wieder zurückflog, hörte das Stöhnen und Jammern. Schließlich fasste ich Hartmann an der Schulter, um ihn wegzuziehen.
Er fuhr herum wie von einem Stromschlag getroffen. Sein Gesicht war völlig bleich, um die Augenhöhlen hatten sich Schatten gebildet, zwischen den Brauen lag eine tiefe Falte. Erkannte er mich nicht? Unwillkürlich bekam ich Schiss…
Aber schon hellte sein Blick sich wieder auf. Das unheimliche Glimmen in den Augen verschwand, auch das Gesicht bekam wieder Farbe. Piet und ich nahmen ihn zwischen uns. Wir mussten schleunigst die Biege machten, bevor es Ärger gab. Um den Alki würde sich schon jemand kümmern – war nicht das erste Mal, dass da einer vorm Eingang lag.
Noch tagelang waren wir wie geplättet von Hartmanns Aktion. Hatte er in der Zwischenzeit Karate gelernt? Alles war wie programmiert abgelaufen. Jede Bewegung einstudiert und tausendmal geübt, nichts dem Zufall überlassen. Wie eine Maschine. Nur am Schluss, da war ihm ein bisschen die Sicherung durchgebrannt.
Von Piet erfuhr ich, dass er eine ganze Weile völlig von der Bildfläche verschwunden war. Aber was er in dieser Zeit getrieben hatte – keiner wusste es. Hartmann selbst schwieg sich darüber aus. Sobald man ihn auf das Thema ansprach, wurde er wortkarg und abweisend. Offenbar wollte er darüber nicht quatschen.
Die Story mit dem Alki verbreitete sich in der Nordstadt wie ein Lauffeuer. Mit einem Schlag war Hartmann anerkannt. Mehr noch: Er war jetzt eine Persönlichkeit, über die alle mit höchstem Respekt redeten. „Hartmann“ – auf einmal passte dieser Name wie die Faust aufs Auge.
In einem Punkt hatte er sich allerdings überhaupt nicht verändert: Er war noch immer der totale Vorweggeher und Klarmacher. Wusste diverse günstige Quellen für Kippen, Bier, Dope. Kannte sämtliche wichtigen Leute – Dealer, Waffenhändler, Schläger, die Bosse der großen Cliquen. Und das, obwohl er so lange weg vom Fenster gewesen war. Ich hatte eigentlich geglaubt, zu wissen, was bei uns abgeht. Hartmann belehrte mich eines Besseren. Wieder mal war er es, durch den ich unser Viertel erst richtig kennenlernte.
***
Das Essen war vorbei, ich hatte mich wieder nach oben verzogen. Träge saß ich in meinem Sessel, rauchte Kette und starrte aus dem Fenster.
Draußen goss es gerade wie aus Eimern. Das ruhige, neblige Wetter vom Wochenende hatte sich leider nicht gehalten, seit heute kam ein Schauer nach dem anderen herunter. Heftige Windböen zerrten und rissen am Hausdach, dass es nur so knarrte und knackte. Wenn es irgendwann ganz weggeflogen wäre, hätte ich mich nicht gewundert. Und immer wieder wurden die Tropfen plötzlich zu dicken Flocken, ein regelrechtes Schneegestöber entstand.
Hatte ich doch geahnt, dass der Winter noch nicht ausgestanden war! Er kam immer wieder zurück, war einfach nicht totzukriegen. Mittlerweile konnte ich mich kaum noch daran erinnern, dass es auch etwas anderes gab als Sturm, Schnee und Dunkelheit.
Am Freitag würde ich mit Muttern nach Eckhorst fahren, irgendwelche Formalitäten für meine Einschulung regeln. Die Fahrt lag mir wie ein Wackerstein im Magen. War diese neue Schule komplett anders als das KBZ oder konnte man den Wechsel dorthin locker meistern? Wie würde es überhaupt nach den Osterferien werden?
Eigentlich war für Schönhagen eine ganz andere Schule zuständig, in einem Ort namens Schmölln. Aber der Schulbus dorthin brauchte wohl ewig, weil er unterwegs sämtliche Dörfer abklapperte. Das wollte Muttern mir ersparen. Eckhorst lag auf ihrem Weg zur Arbeit, eine halbe Autostunde von hier weg. Sie würde mich morgens mitnehmen und unterwegs absetzen. Zurück sollte ich den Linienbus nehmen. Das war sicher alles gut überlegt, trotzdem klang es nervig und kompliziert. In der Nordstadt war ich zu Fuß zur Schule gegangen, gerade mal zehn Minuten hatte das gedauert.
Einen dämlicheren Zeitpunkt zum Umziehen hätte Muttern sich wahrlich nicht aussuchen können. Im letzten Halbjahr war ich schulmäßig derbe abgestürzt, hatte ein katastrophales Zeugnis eingefahren. Ein Riesengeschrei war losgebrochen, die Pauker hatten sogar damit gedroht, mich auf die Realschule zu entsorgen. Eigentlich ließ ich mir von denen gar nichts sagen, aber mit dieser Ankündigung hatten sie mich auf dem falschen Fuß erwischt. Bei uns mochte es beschissen gewesen sein, aber lange nicht so schlimm wie auf der Haupt- und Realschule. Plötzlich war mir mulmig geworden. Ich hatte mich zusammengerissen und versucht, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, zu retten, was noch zu retten war. Mit Erfolg: Inzwischen sah es längst nicht mehr so übel aus wie im Winter. Vielleicht hätte es sogar mit der Versetzung noch geklappt.
Und ausgerechnet jetzt sollte ich auf eine neue Schule wechseln, wo ich niemanden kannte, völlig neue Lehrer bekam. Wie sollte das wohl funktionieren? Es war, als hätte mir jemand in vollem Lauf ein Bein gestellt.
Wie bisher jeden Tag würde ich bis zum Abendbrot hier sitzen bleiben. Und nach dem Essen wieder so lange fernsehen, bis ich vor der Glotze einschlief. Morgen ging dann alles von Neuem los.
Vielleicht würde ich nachher mal bei Hartmann anrufen. Über Ostern wollte ich ihn in der Nordstadt besuchen. Ostern – das waren noch zweieinhalb Wochen! Wie sollte ich die bloß rumkriegen?




































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