05. Bandenkrieg

Das schöne, sorgenfreie Cliquenleben – es hätte von mir aus immer so weitergehen können. Leider wurde dieser Wunsch nicht erhört.
Eines Nachmittags betrat ich den Bunker, und mir blieb vor Schreck fast das Herz stehen: Dort saßen die Solterbeck-Brüder, neben ihnen Salami und Wladdi, also Wladimir, weiter hinten erkannte ich Krause, Ramos und noch ein paar andere. Das übelste Gesocks, das die Nordstadt zu bieten hatte – es war komplett bei uns versammelt! Bei diesen Typen musste man mit allem rechnen; wer denen in die Finger geriet, konnte sein Testament machen. Selbst Hartmann, der sonst alle Welt kannte, hielt sich von ihnen fern. Salami und Ramos hatten ja früher zur alten Clique um Holgi gehört, aber mittlerweile waren die beiden völlig runtergekommen. Weshalb wir sie als Knirpse so bewundert hatten, konnte ich jetzt rein gar nicht mehr verstehen.
Irgendjemand aus unserer Truppe hatte anscheinend den Schnabel nicht gehalten und ihnen erzählt, wo der Bunker zu finden war. Ich tippte auf einen der Neuzugänge. Die Clique war in der letzten Zeit ziemlich groß geworden – leider auf Kosten der Sicherheit, wie sich jetzt herausstellte.
Die Solterbeck-Leute fühlten sich schon ganz wie zu Hause: Lümmelten auf den Matratzen rum, bedienten sich an unserem Alk-Vorrat, ohne lange zu fragen. Unsere eigenen Leute saßen wie ein Häuflein Elend dazwischen. Obwohl wir eigentlich in der Überzahl waren, wagte es niemand, einen Muckser zu tun. Alle machten gute Miene zum bösen Spiel.
Nach zwei Stunden zogen sie geschlossen wieder ab. Allgemeines Aufatmen, aber insgeheim wussten wir, dass die Sache nicht ausgestanden war. Tatsächlich kamen sie schon nach ein paar Tagen wieder. Diesmal hatten sie ihren eigenen Stoff mitgebracht, sie ließen sich volllaufen und fingen bald untereinander Streit an. Als Ramos und Wladdi aufeinander losgingen, machten wir die Biege. Von draußen hörten wir die Fetzen fliegen. Am nächsten Tag sah es im Bunker aus wie nach einer Explosion. Überall leere Flaschen und Scherben. Der Boden voller Matsch und Schmodder. Neben einem der Öfen lag eine Machete mit blutverschmierter Klinge, auf einigen Matratzen prangten Blutflecken. Anscheinend waren sie mit Messern aufeinander losgegangen – typisch! Es dauerte ewig, bis wir einigermaßen klar Schiff gemacht hatten.
Nun kamen sie fast täglich. Von uns dagegen traute sich kaum noch einer in den Bunker. Wer hatte schon Bock, dort zwischen lauter Psychos zu sitzen und um sein Leben zu fürchten? Stattdessen trafen wir uns jetzt bei Bodo vor der Haustür. Beratschlagten, was man tun könnte, palaverten endlos rum. Die Leute aus der Kiffer-Fraktion waren partout gegen Gewalt. Sie meinten, die Sache müsse sich irgendwie friedlich lösen lassen – diese naiven Idioten! Hartmann, Piet, Bodo und mir war sofort klar, dass es bloß ein einziges Mittel gab, um solche Gestalten wieder loszuwerden: Schläge, so übel, schmerzhaft und blutig wie möglich. Alles andere brachte nichts, war bloß Zeitverschwendung. Wenn wir jetzt nicht knallhart durchgriffen, konnten wir den Bunker abschreiben.
Schließlich gelang es Bodo, alle vom Mitmachen zu überzeugen, inklusive der Kiffer. Wir rotteten uns in voller Truppenstärke vor der Haustür zusammen. Ralf, dessen Alter bei einem privaten Sicherheitsdienst arbeitete, verteilte Schlagstöcke, auch ich ergatterte einen. Wir warteten, bis es dunkel war, dann stürmten wir den Bunker. Die Solterbeck-Leute hielten gerade mal wieder ein Besäufnis ab und checkten null, was abging. Ich hämmerte mit meinem Schlagstock wie ein Berserker auf alles ein, was sich bewegte, zermatschte einigen Leuten ordentlich die Fresse. Die Schlacht war schnell gewonnen, sie rannten wie die Hasen. Wobei wir auch dreimal so viele Leute waren wie sie, dazu kam der Überraschungseffekt.
Natürlich waren wir mächtig stolz. Zwar hatten sich einige vor der Aktion regelrecht eingeschissen, aber wen interessierte das jetzt noch? Wir waren die Sieger, hatten ihnen gezeigt, wo der Hammer hängt, das allein zählte.
Ab sofort postierten wir Wachen am Bunkereingang und in der näheren Umgebung, die Alarm schlagen sollten, wenn sich irgendwo eine Solterbeck-Nase zeigte. Und viele von uns waren jetzt bewaffnet, mit Messern, Schlagringen, Gaspistolen und Tschakus, für den Fall der Fälle. Aber Solterbecks und Co. tauchten nicht mehr auf. Hatten sie ihre Lektion gelernt? Waren sie tatsächlich von ihrem Drang geheilt, sich bei uns einzunisten? So richtig mochte ich dem Frieden nicht trauen.
An einem Sonntag Anfang November stand Hartmann bei mir vor der Tür: „Der Bunker ist abgefackelt“, meinte er bloß. Ich griff mir die Jacke, und wir gingen los. Schon von weitem konnte man die Bescherung sehen: rußgeschwärzter Beton über dem Eingang, überall die verkohlten Reste des Mobiliars. Dann der Blick nach drinnen: Nur ein schwarzes, nach Qualm stinkendes Loch war übriggeblieben.
Kemal und Piet schleppten leere Benzinkanister an, die sie in der Nähe gefunden hatten. Man konnte sich leicht ausmalen, was passiert war: Sie hatten sich bei Nacht und Nebel angeschlichen, alles mit Benzin übergossen und angezündet. Die Sachen mussten wie Zunder gebrannt haben. Ich war bloß erstaunt, dass sie diese Aktion überhaupt hinbekommen hatten – anscheinend hatte ihnen der Alk das Hirn noch nicht völlig weggefressen.
Alle standen ratlos da. Bodo und Jönck erzählten, die Feuerwehrleute wären mit ihren Fahrzeugen im Gelände stecken geblieben. Sie hatten letztendlich die Brandstelle nur einkreisen und sichern können. Becky, einer aus der Kiffer-Fraktion, schoss eifrig Fotos – er wollte sich an die lokalen Medien wenden. Naiver Trottel!, dachte ich. Die interessierte das doch einen Dreck.
Die ganze Zeit versuchte ich, ebenfalls wütend und enttäuscht zu sein, wie die anderen. Aber ich bekam es nicht hin, hatte im Gegenteil das Gefühl, als ginge mich das alles hier nichts mehr an. Eigentlich hatte ich nie wirklich daran geglaubt, dass es mit dem Bunker auf Dauer funktionierte. Und jetzt war halt passiert, was in der Nordstadt am Ende immer passierte: Die Alkis kamen und machten alles platt. Das war halt der normale Gang der Dinge, daran konnte man nichts ändern. Schließlich hatte ich keine Lust mehr, mit den anderen an irgendeinem Haufen verkohlter Trümmer zu stehen und zu jammern. Ich drehte mich um, sagte „Tschüss“ und ging nach Hause.
Auf einmal war die legendäre Bunker-Clique bloß noch eine x-beliebige Truppe, ohne Dach über dem Kopf, ohne irgendetwas, das uns zusammenhielt. Halt einer der zahllosen versprengten Haufen, wie sie in der Nordstadt kamen und gingen. Jeden Nachmittag lungerten wir bei Bodo vor der Haustür rum. Die Anwohner ließen uns, sie hatten mitbekommen, was passiert war. Trotzdem war die Stimmung einfach total beschissen; wir zofften, stritten, machten uns an. Einige von uns überlegten, etwas Neues aufzuziehen, zum Beispiel hinter der Bahnschiene eine Bude aus Holz zu bauen. Aber den Reden folgten nie Taten, der Glaube an ein solches Projekt war endgültig dahin. Die Polizei ermittelte wegen Brandstiftung, einige von uns wurden als Zeugen vernommen. Natürlich blieb alles ohne Ergebnis.
Eines Nachmittags kam Grundmann mit einem dunkelroten Veilchen an. Zwei aus der Solterbeck-Truppe hätten ihn nach der Schule in die Mangel genommen, berichtete er. Kurz darauf präsentierte uns Köpke einen derben Bluterguss in der Rippengegend und erzählte eine ähnliche Story.
Sie hatten uns also noch immer auf dem Kieker. Das mit dem Bunker genügte ihnen anscheinend nicht, sie wollten Rache bis zuletzt. Aber anstatt die Sache offen auszutragen, verlegten sie sich auf Guerilla-Taktik. Schlugen aus dem Dunklen zu und verschwanden wieder. Wie sollten wir uns dagegen wehren? Nur noch in Gruppen unterwegs sein? Völlig unmöglich! Wir wohnten in völlig unterschiedlichen Gegenden der Nordstadt, gingen im KBZ auf verschiedene Schulzweige, hatten andere Stundenpläne.
Immer mehr unserer Leute bekamen nun ihr Fett weg, es ging Schlag auf Schlag. Sogar Bodo erwischte es, sie richteten ihn übel zu: Rippenbruch, Gehirnerschütterung, diverse Platzwunden im Gesicht. Ausgerechnet Bodo, einen unserer stärksten Leute!
Erst jetzt dämmerte uns, mit wem wir uns eigentlich angelegt hatten. Jeder hatte plötzlich nur noch Schiss um den eigenen Arsch, immer mehr Leute blieben weg, die Clique schrumpfte von Tag zu Tag. Das Wetter tat das seinige, um die Auflösung zu beschleunigen: Erst regnete es pausenlos, dann kam der Schnee. Bei Bodo vor der Haustür fror ich jetzt immer wie ein Schneider, meine Füße waren nur noch Eisblöcke.
Die Solterbeck-Leute veranstalteten bald regelrechte Treibjagden auf uns. Erst mochte es ihnen ja wirklich um etwas wie Ehre gegangen sein, immerhin hatten wir ihnen ziemlich auf die Zwölf gegeben. Aber jetzt wollten sie sich nur noch an unserer Angst hochziehen, diese Psychos! Einen nach dem anderen griffen sie sich, nahmen ihn in die Mangel. Eigentlich war es bloß eine Frage der Zeit, bis ich an die Reihe kommen würde. Und schließlich passierte es.
An diesem Abend herrschte dichtes Schneetreiben, die Straßen waren wie ausgestorben. Ich hatte bei Piet einen Film geguckt und wollte nur nach Hause. Mir war übel, mein Schädel dröhnte. Ich hätte besser nicht so viel trinken sollen.
Zunächst registrierte ich gar nicht richtig, dass da ein paar Gestalten von der Seite herankamen. Erst als sie sich in einer Reihe vor mir aufbauten, erkannte ich sie: Wladdi war dort, Salami, Kongo und noch andere. Es war, als hätte mir jemand einen kalten Lappen ins Gesicht geklatscht.
Hektisch suchte ich nach einer Fluchtmöglichkeit. Aber nun kamen sie von überall: aus Hauseingängen, Büschen, vom Spielplatz am Ende des Blocks. Selbst die verschneite Wiese hinter dem Edeka-Markt war plötzlich voller schwarzer Schatten – Abhauen konnte ich vergessen.
Ich hatte nur noch Angst, nackte Angst. Gleich würden sie mich zum Krüppel schlagen. Wahrscheinlich waren dies die letzten Momente, die ich gesund erlebte. Ich hätte am liebsten um Gnade gefleht.
Einen Augenblick lang passierte nichts, sie genossen anscheinend den Überraschungseffekt. Dann trat jemand aus ihrem Kreis vor – Kongo. Ich roch seine Alkoholfahne, den Rauch in seinen Klamotten. Aber er zögerte. Spürte er meine Angst? Wurde sie über meinen Blick, meine Haltung sichtbar, ohne dass ich es wollte? Seine Schläge kamen merkwürdig langsam, fast schwerfällig. Als hätte er Mitleid, würde nur seine Pflicht tun. Ich überlegte, wegzuspringen und ihm selbst ein paar reinzusemmeln. Aber das hätte alles nur noch schlimmer gemacht, deshalb hielt ich still, ließ es über mich ergehen. Ich spürte, wie meine Lippe aufplatzte, die Nase zu bluten anfing. Und hoffte mit jedem Schlag, dass es jetzt gut sein würde.
Meine Rechnung ging nicht auf. Als ich schon ziemlich benommen war, packten mich welche von hinten. Ich wurde zur Lieferzone des Einkaufszentrums geschleppt, wo um diese Zeit niemand mehr war. Sie stellten mich vor das geschlossene Eisentor, und es ging in die nächste Runde. Mit jedem Schlag in die Fresse knallte mein Kopf gegen die Gitterstäbe, und ich sah Sterne, ganze Feuerwerke, die am Nachthimmel explodierten. Irgendwann ließen sie mich einfach in den Schnee kippen. Wahrscheinlich bearbeiteten sie mich dann noch weiter, aber das bekam ich nicht mehr richtig mit.
Als ich die Augen aufmachte, rieselten Schneeflocken auf mich herab. Mühsam rappelte ich mich hoch. Sofort fing alles an, sich zu drehen; das Blut lief mir wieder aus Nase und Mund, der verschneite Boden vor mir sprenkelte sich rot. Instinktiv griff ich in den sauberen Schnee an der Seite, schmierte mir die kalte, weiße Masse ins Gesicht – es half, das Bluten hörte auf, auch das Schwindelgefühl wurde besser.
Zu Hause dann der Blick in den Badezimmerspiegel: Ein blaues Auge prangte in meinem Gesicht, meine Ober- und Unterlippe waren aufgeplatzt. Ich sah völlig zermatscht aus. Immerhin fehlte kein Zahn. Dafür hatte ich am ganzen Körper Blutergüsse. Und alles tat mir weh.
Muttern erzählte ich am nächsten Tag, dass ich in eine ehrliche Prügelei Mann gegen Mann verwickelt worden war. Zwar hätte ich dem Typen eine Abreibung verpasst, aber beim Hobeln fielen eben auch Späne. Damit gab sie sich zufrieden. Ich durfte an diesem Tag sogar zu Hause bleiben, musste nicht in die Schule.
Die Schmerzen ließen bald nach. Ich hatte anscheinend keine ernsthaften Schäden davongetragen, jedenfalls keine körperlichen. Aber etwas war doch anders seit jener Nacht: Ich bekam nun immer regelrechte Panikattacken, wenn ich draußen unterwegs war. Glaubte Schatten zu sehen, die mich verfolgten, Gestalten, die mir ans Leder wollten. Ständig war ich auf der Hut, versuchte unübersichtliche Stellen zu meiden, hatte eine starke Abneigung gegen weite Flächen, wollte nicht wieder leichte Beute werden. Sämtliche Wege im Freien gerieten zur Qual. Irgendwie war bei mir der Faden gerissen, ich fühlte mich nur noch erschöpft und müde.
Hartmann riet mir, das alles nicht so schwer zu nehmen, sonst würde ich bald durchdrehen und anfangen, weiße Mäuse zu sehen, wie die Alkis. Er selbst steckte das Ganze viel besser weg als ich, obwohl er natürlich auch Kloppe bekommen hatte, und das nicht zu knapp. Außerdem war er in der Hauptschule deutlich näher dran am Geschehen. Stimmte es, was er sagte? War ich womöglich ein Schlappschwanz, zu weich für die Nordstadt?
Auch in Sachen Mädchen merkte ich, dass bei mir die Luft raus war. Der permanente Bagger-Ton, immer auf Anmache, auf Angriff – ich brachte das nicht mehr. Meine Schwäche wurde natürlich sofort ausgenutzt. Die Mädchen zogen alles, was ich sagte, gnadenlos durch den Kakao. Jeder Satz von mir erntete schallendes, geradezu hysterisches Gelächter. Sie fanden immer einen Anlass, mich zu verarschen und hochzunehmen. Irgendwie konnte ich sie sogar verstehen. Früher hatte ich sie ziemlich mies behandelt, mir eine nach der anderen gegriffen und wieder fallengelassen. Und jetzt kam die Antwort, wurden alte Rechnungen beglichen.
Manchmal hätte ich am liebsten gerufen: „Kapitulation! Ihr habt gewonnen!“ Aber wie hätte das vor den anderen ausgesehen? Wohl oder übel musste ich mich zusammenreißen und Contra geben. Oder lieber ganz die Klappe halten. Bald stand ich nur noch in der Gegend rum, sagte nichts mehr. Ich wollte nicht wieder ein gefundenes Fressen für die Weiber werden.








































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