07. Schluss mit Wohnheim

Die Klausurenphase wollte nicht enden. Zwar lagen die härtesten Fächer – Mathe und Informatik – inzwischen hinter mir, genauso die eher entspannten Prüfungen in Politik und Englisch, aber es würde noch die Klausur in Wirtschaftswissenschaften folgen, die gleichfalls nicht zu unterschätzen war.
Zunächst aber ging es ins nächste Wochenende, und das hieß: Die Feierei brandete wieder auf. Ständig schallte Musik über den Flur, es herrschte permanente Unruhe. Mir blieb nichts als die Zähne zusammenzubeißen, Ohropax in meine Gehörgänge zu stopfen und mich noch dichter über Bücher und Papiere zu kauern. In Wirtschaftswissenschaften mussten wir erstmals Fakten pauken, und Auswendiglernen war nie meine Stärke gewesen. Der Lärm machte die Sache nicht eben leichter.
Samstagabend war es besonders schlimm. In brachialer Lautstärke plärrte Hans-Albers-Musik aus dem gegenüberliegenden Zimmer auf den Gang. Schließlich hatte ich genug. Ich stürmte hinaus, wollte denen da drüben mal ordentlich gegen ihre Tür treten. Aber als ich rauskam, war da gar keine Tür. Vielmehr: Sie stand weit offen, und niemand war im Raum.
Nach einer Sekunde der Verblüffung hörte ich Lachen und Gläserklirren. Aus der Küche quoll blauer Zigarettendunst auf den Flur. Langsam begriff ich: Die hatten ihre Musik so aufgedreht, damit sie dort hinten, in gut 20 Metern Entfernung, gut zu hören war.
Jetzt platzte mir endgültig der Kragen. Wutschäumend stapfte ich den Gang hinab.
Als ich die Küche betrat, achtete zunächst niemand auf mich. Ungefähr zehn Leute saßen dort, unter ihnen der Typ aus dem Zimmer gegenüber und einige der schlimmsten Wohnheim-Chaoten. Letztere waren, soweit ich wusste, allesamt Wessis, die drüben keinen Studienplatz gefunden hatten. Es roch nach Bier, hartem Alk und Shit, unter der Decke hing dichter Qualm.
Auch Sabine war unter den Feiernden. Klar, sie mischte überall mit, unsere Clique war für sie nur eine von vielen, man sah sie bald hier, bald dort. Deshalb überraschte mich ihr Anblick nicht. Aber er dämpfte meinen Elan erheblich.
Zwischen uns hatte es immer ein heimliches Misstrauen gegeben. Anfangs hatte ich es nicht wahrhaben wollen, mir eingeredet, dass ich Gespenster sah. Aber inzwischen glaubte ich eindeutig zu spüren, dass sie etwas gegen mich hatte. Bestimmt sah sie in mir bloß einen Spießer und Streber, der lieber auf seiner Bude hockte und lernte, anstatt zu feiern.
Auf einmal brachte ich nur noch ein halbherzig entrüstetes „Könnt ihr wohl bitte die Musik leiser machen?“ hervor.
Die Gespräche verstummen, alle glotzen mich an.
„Ist doch wohl Wochenende, oder was?“, stöhnt Sabine genervt. Die Verachtung steht ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.
Plötzlich kehrt meine Wut zurück. „Na und?“, fauche ich sie an. Zugleich bin ich über mich selbst erschrocken.
Jetzt ist es passiert. Mit einem Schlag ist der feine Riss zwischen uns aufgebrochen und zu einem tiefen Graben geworden. Ich muss mich mäßigen, muss die Wogen irgendwie glätten, andernfalls ist alles vorbei.
Irgendwie schaffe ich es, einen Moment innezuhalten und durchatmen. Dann spreche ich in ruhigerem Tonfall weiter: „Macht das bitte leiser, das hält man ja nicht aus.“
Arne tritt vor mich. Er wirft die lange, blonde Metaller-Mähne hinter die Schultern zurück, knackt mit den Fingern, präsentiert die Tattoos auf seinen Unterarmen. „Nö.“
„Wie – nö?“, entgegne ich verdutzt.
„Du bist einer, wir sind viele. Damit ist die Sache doch wohl klar, oder sehe ich das falsch?“
Diese Feststellung lässt mir glatt die Kinnlade herunterklappen. Was soll ich jetzt machen? Mich mit denen prügeln? Auf einmal fühle ich mich vollkommen hilflos. Ich resigniere, schleiche betreten von dannen.
Wie paralysiert hocke ich in meiner Bude. Registriere nur noch beiläufig, dass nach einiger Zeit die Musik verstummt, eine Tür zugeknallt wird und die Runde geschlossen abzieht. Zurück bleibt eisige Stille. Immer wieder sehe ich Sabines wütendes Gesicht vor mir, sehe die blaugrauen Augen, Katjas Augen, die mich voller Verachtung anblitzen. Ich fühle mich vom Rest der Welt wie abgeschnitten.
In den folgenden Tagen nahm ich mir immer wieder vor, die Angelegenheit mit Sabine zu klären. Aber ich brachte es nie über mich. Und Sabine zeigte ihrerseits wenig Eifer, mit mir zu reden. In unserer Clique ließ sie sich nur noch selten blicken, man sah sie jetzt meistens mit den Chaoten aus der Wohnheimküche herumhängen. Allem Anschein nach wollte sie nicht mehr mit mir zusammentreffen.
Wir haben seit jenem fatalen Abend kein Wort mehr miteinander gesprochen.
***
Kirsten, eine Kommilitonin, bot mir eine Wohnung an. Sie hatte bereits den Zuschlag erhalten, wollte nun aber doch nicht dort einziehen.
Ich überlegte bereits seit längerem, mir eine andere Bleibe zu suchen. Kirstens Angebot erschien mir in dieser Situation wie ein Wink des Schicksals. Ich verabredete einen Termin mit dem Vermieter und war nach der Besichtigung recht angetan: eine gemütliche, helle Einliegerwohnung in einem Zweifamilienhaus, 35 qm groß, ein Raum plus Küche. Alles komplett renoviert und neu möbliert, und trotzdem vergleichsweise günstig zu haben. Der Vermieter, ein Wessi, war der Alteigentümer des betreffenden Hauses. Eigentlich hatte er das Ganze als Ferienwohnung vermieten wollen, aber bisher waren die Gäste ausgeblieben. Jetzt musste er sich neu orientieren.
Einen Haken hatte die Sache allerdings: Die Wohnung lag ein gutes Stück außerhalb, in Kreuzthal. Es gab nur eine enge, kurvenreiche Straße nach Mittenwerda, die zudem keinen Radweg hatte. Blöderweise hatte ich gerade meinen Wagen verkauft. In Mittenwerda, wo alles zu Fuß erreichbar war, stand er nur herum. In Kreuzthal hingegen würde ich ohne ihn ziemlich abgeschnitten sein. Vermutlich hatte Kirsten, die ebenfalls kein Auto besaß, genau deshalb nicht selbst zugegriffen.
Aber blieb mir eine andere Wahl? Im Wohnheim hielt mich nichts mehr. Das Improvisierte, Baufällige, das ich am Anfang noch so reizvoll gefunden hatte, stand in meinen Augen inzwischen für Verwahrlosung und Gleichgültigkeit. Die permanent verdreckten Küchen stanken buchstäblich zum Himmel; einige Leute wollten dort sogar Ratten gesichtet haben. Wenn man Lebensmittel in den Gemeinschaftskühlschränken aufbewahrte, konnte man sicher sein, dass sie am nächsten Tag verschwunden waren. Dazu der allabendliche Partylärm, der besonders an den Wochenenden die Grenze des Erträglichen deutlich überschritt. Ich sehnte mich nur noch nach Ruhe.
Die würde ich in Kreuzthal zur Genüge haben. Obwohl der Ort offiziell zu Mittenwerda gehörte, befand man sich dort eigentlich schon auf dem Land, mitten in der schönsten Natur. Einige Kilometer weiter nördlich lag die Talsperre Kriebfels, wo der Fluss zu einem langgezogenen See aufgestaut war. Ein waldreiches Landschaftsschutzgebiet begann dort, in dem sich sogar eine alte Burgruine fand.
Ein weiterer Pluspunkt war die im Vergleich zu meinem Wohnheimzimmer kaum höhere Miete. Für eine Bleibe in der Stadtmitte hätte ich deutlich mehr hinblättern müssen. Im Grunde war der Fall also klar. Trotzdem zögerte ich, denn ein solcher Schritt würde sich nur schwer rückgängig machen lassen. Er hatte etwas Endgültiges.
Schließlich verscheuchte ich alle Bedenken. Ich unterschrieb den Mietvertrag, lieh mir Ferdinands Trabbi und siedelte mit Sack und Pack nach Kreuzthal über.
Von nun an war ich also durch Fluss und Entfernung von der Stadt getrennt. Es kam wie bereits geahnt: Ich scheute die anstrengende, bei Dunkelheit sogar gefährliche Radfahrt nach Mittenwerda, unternahm sie nur noch, wenn sie unbedingt notwendig war. Sprich: Ich fuhr zu den Lehrveranstaltungen, alles andere schraubte ich auf ein Minimum herunter. Mehr und mehr Freizeitaktivitäten blieben nun auf der Strecke. In den Grünen Hund ging ich überhaupt nicht mehr, auch den Sport hing ich endgültig an den Nagel. Allenfalls zum Kino in der Filmbühne konnte ich mich hin und wieder noch aufraffen. Ansonsten blieb ich lieber in meiner gemütlichen Wohnung, meiner Exklave, und scherte mich nicht um die Welt dort draußen.
Das Gruppenleben lag mir einfach nicht. Dass ich anfangs versucht hatte, mit den Kommilitonen Schritt zu halten, erschien mir jetzt schlicht lächerlich. Dieses Experiment war doch immer zum Scheitern verurteilt gewesen, dachte ich jetzt.
Ganz anders die Lehrveranstaltungen. Die Seminare, Übungen und Vorlesungen waren meine Domäne, hier fühlte ich mich sicher und kompetent. Ich mochte die Profs, sie mochten mich. Besonders zwischen Professor Spengler und mir hatte sich eine regelrechte Vertrautheit eingespielt. Wir kamen häufig nach seiner Vorlesung noch zusammen und plauschten vertieft über das gerade Gehörte.
Natürlich war mir bewusst, dass mein Leben mittlerweile zu einseitig aufs Studium ausgerichtet war, dass ich jeglichen Anschluss ans soziale Geschehen zu verlieren drohte. Aber daran ließ sich nichts ändern. Warum sollte ich die Freizeit mit belanglosen Gemeinschaftsaktivitäten vergeuden, wenn da zugleich etwas war, das mir wirklich Wichtiges vermittelte, meinem Leben Tiefe und „Sinn“ gab?
Und so zog ich mich mehr und mehr zurück, tauchte in meine eigene Welt ab.



































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